Archive for Juli, 2017

Würde

Sonntag, Juli 30th, 2017

du gehst über frisch aufgeworfene Felder

streckst dich über die Erdkante

dein Grün ist unantastbar

du erreichst die Würde der Wurzel

Bäume werfen Schatten über dich

in denen du ahnen kannst

dass du dich brauchst

 

 

 

*

Samstag, Juli 29th, 2017

+

_

“Von daher ist Ästhetische Theorie tatsächlich Gebetsmühlendynamik.” (chlebnikov)

Mittwoch, Juli 26th, 2017

Gebetsmühlendynamik, seltsames Wort, aus Gebet und Mühle und Dynamik, natürlich ist das deutsche Wort “Mühle” bloß eine Übersetzung, hier wird ja gerade nichts gemahlen, keine Körner in Pulver verwandelt, hier ist es ein Mantra, eine heilige Silbe, ein heiliges Wort oder ein heiliger Vers, der außen auf einem Rad, eine Rolle oder Walze geschrieben steht, und entweder dreht man sie, indem man sie in die Hand nimmt und duch geschickte Bewegung der Hand zum Drehen bringt, oder man lässt sie sie vom Wind drehen oder vom Wasser, und hier geht es um das Erkennen, um zur Erleuchtung zu gelangen und dann zur Erlösung, ins Nirwana, ins Verwehen, also sich ins Große und Ganze aufzulösen, und irgendwie geht es ja auch darum, dieses Denken hier endlich aufzulösen, diesen Denken hier im Samsara, diesem Kreislauf aus Werden und Vergehen, endlich Schluss zu machen mit dieser Trennung zwischen Denken und Bedachten, dass also das Denken und das Bedachte endlich eins sind, dass man keine Worte mehr braucht und keine Vorstellungen, letztlich sind auch Namen nur sinnliche Materie, und jede Drehung eines Gebetsrads bringt uns Erkennen und Erlösung und Erleuchtung näher, und nicht nur den, der dreht, sondern ja auch alle anderen, auch die Kühe und die Krokodile und die Käfer und die Kornblumen und den Knöterich, und in der Dynamik geht es ja um Macht, um Macht mittels Kräften, also ist Gebetsmühlendynamik ein Begriff für eben diese Kräfte, die entfaltet werden durch das Drehen der Mantras, diese gewaltigen geistigen Kräfte hin zum Erkennen und Verlöschen und Verwehen, und Ästhetische Theorie beschäftigt sich ja mit einer Theorie der Kunst, also ob die Kunst ein Träger von Wahrheit ist, eine Wahrheitsprozedur würde Alain Badiou sagen, dass ein Kunstwerk zu Wahrheiten führt die ohne Begriffe auskommen, und diese Wahrheiten der Kunst sind nicht mehr oder weniger Wert als die Wahrheiten der anderen Wahrheitsprozeduren, wie Mathematik, Liebe, Philosophie oder Politik, alle diese Wege sind ja ganz eigene Wege zu Wahrheiten, und in der Kunst sollen ja die Wahrheiten irgendwie verrätselt sein, soll ja das Allgemeine im Besonderen aufscheinen, zeigt sich die Wahrheit eines ganzen Lebens in einem Paar Bauernschuhe, aber die Liebe ist ja nicht weniger verrätselt als die Kunst und die Politik und die Philosophie, und selbst die mathematischen Räume sind ja voller Rätsel, eigentlich ist ja die ganze Mathematik ein einziges Rätsel, bis heute weiß man ja nicht, was Zahlen eigentlich sind, da gib es nur irgendwelche Hilfskonstruktionen dass das Zeichen für die Nullmenge ja ein Zeichen ist und schon haben wir die eins herbeigezaubert, so einfach ist das, dann also, wenn die Ästhetische Theorie tatsächlich Gebetsmühlendynamik ist, dann ist also die Ästhetische Theorie etwas, was die Kraft eines Gebetsrades entfaltet, die Theorie wird hier zu dem, was zum Erkennen und Erleuchten und Verwehen führt, und das ist ja auch richtig so, zeigen sich doch in der Theorie selbst Wahrheiten, sie entfalten sich dort, genauso wie in jeder Theorie, wie in jedem Kunstwerk, wie in jeder Politik und in jeder Rechnung und in jeder Liebe, so ist also nicht nur die Ästhetische Theorie Gebetsmühlendynamik, oder besser Gebetsradsdynamik, sondern eben jede der Wahrheitsprozeduren, die Ästhetische Theorie ist Gebetsradsdynamik und die Mathematik ist Gebetsradsdynamik und die Poltik ist Gebetsradsdynamik und die Philosophie ist Gebetsradsdynamik und die Liebe ist Gebetsradsdynamik, jede Form der Wahrheitsprozedur ist Gebetsradsdynamik, und jetzt dreht sich diese Zeile, und hier sieht man auch, dass es ja keine Trennung zwischen Gefühl und Denken gibt, dass dies ja eins ist, und jetzt, am Ende dieses Textes, wenn wir diesen Text wie eine Leiter benutzt haben, ihn an ein Staubkorn Erkenntnis gelehnt haben und hinauf gestiegen sind, ein winziges Stückchen der Erleuchtung näher sind, jetzt müssen wir die Leiter wegwerfen, denn all diese Sätze sind ja unsinnig.

Auf der Halde (5)

Dienstag, Juli 25th, 2017

Kein Fazit, keine Theorie der Ritualbeobachtung, höchstens ein kleines Gluonengewitter zum Ausklang der Sommermeisterschaft. Im Winter hatten diese Häuser noch Stiefel an, jeder Schaft ein abgehackter Mensch, damit die einhellig erzählte Geschichte auch auf ihr Brennholz kommt, wenigstens das Feuer nicht ausgehen lässt, Licht in der Dunkelheit, trübes Scheinen. Worauf es ankam war die Wärme auf der Haut. Nun jedoch geht es ums Manövrieren. Wie kommen all diese Kleidungsstücke an ihre Besitzer? Schuhe an Ästen, wohin wächst es? Nach oben hin ist immer genug Licht, sobald die Alleinstellungsmerkmale durch die Datenbanken offiziell beglaubigt sind, ewiger Schmott. Nach unten hin bleibt genug Dunkelheit für jeden, den kleinen wie den großen Tod. Wiedergeburt garantiert: durch den Willensakt, dessen Wollen eine Art Ereignislogik, Sterben auf Raten, also Leben unter umgekehrtem Vorzeichen generiert. Und natürlich, Auftauchen war schon immer Abtauchen ins Unbekannnte. Den Kleidungsstücken ist egal, in welche Richtung sie sich bewegen. Sie kennen nur den Unterschied von innen und außen:
Materie sucht Ich,
Sinnliche Materie
Sucht neue
Form der Anschauung.
Nach vorn und hinten, rechts und links hin geht es ums Gesicht. Wer wahrt wen, wessen Schein hat das Sagen in den Datenbanken … einzig die Drehung vermag das Vorwärts- oder Rückwärts-, das ewige Ausgestoßensein zu durchkreuzen. So wäre das Kreuz eine Idee, unverhoffte Begegnung zweier Linien auf ihrem Weg wer-weiß-wohin. Von daher ist Ästhetische Theorie tatsächlich Gebetsmühlendynamik, wenn nicht artistische Abweichung vom Geraden so doch wenigstens selbstlose Vermeidung des Krummen, Undefinierbaren.
P.S. War die Müritz nicht jener Ort, Wasser bis an den Rand, an welchem Klein-Heiner immer verprügelt worden ist? Oder war sie umgekehrt gerade jenes Meer, dessen Grenzen einen an den Onega-See denken lassen, eine Art Gewässer, dessen Inseln noch immer nicht alle einen Namen tragen, und wozu wäre der auch gut im Zeitalter der Koordinaten und ihrer kunstvollen Transformation? Letztlich sind auch Namen nur sinnliche Materie – und was heißt hier nur! wenn sie ein Unbegrenztes auf eine Weise zu bezeichnen die Kraft haben, die es in der Fülle seiner Begrenzungen zu einem Etwas, zu etwas Wahrnehmbarem werden lässt, oder umgekehrt das Lassen nur als Aufforderung stimmig vorstellbar bleibt, vorausgesetzt, der den Willensakt Denkende bliebe bei alledem ruhig, so ruhig etwa wie man es dem Auge des Zyklons immer noch nachsagt, und sei es auch nur eine angedichtete Ruhe inmitten rasender Bewegung, die als solche irgendwann endet, viel besser dagegen in der Art Frage, die der russische Dichter Lermontov mit jenem Segel verbindet, das immer einmal kurz im Nebel auftaucht, welcher selbst nur in Momenten die helle Bläue des Meers verdeckt – “Es blinkt ein einsam Segel…” – das die hiesigen Längengrade wohl bisher nur im Buckower Konjunktiv zu erreichen die Kraft hatte.

Rituale (1)

Montag, Juli 24th, 2017

Berenike hieß das Café, in dem sich Rosanna und Philippa gern trafen. Hier saßen sie, bis die letzten schönen Herbsttage vorüber waren, am liebsten draußen. Nun regnete es seit Tagen. Die Kellner hatten vergessen, das Mobiliar vom Vorplatz wegzuräumen. So konnte das Holz in aller Ruhe aufquellen. Und der Stempel der ostdeutschen Designer-Marke “Theodor” war an den Stühlen noch gut lesbar. Mit ausdruckslosem Blick nahm man die Bestellungen auf: Martini, xtra-dry. Dazu Törtchen mit Vanillepuddingfüllung und danach vielleicht noch Hähnchenflügel und gegrilltes Gemüse, mit viel Brot. “Zum Aufsaugen der Flüssigkeiten.” Rosanna lächelte den Kellner an und legte die Korrekturfahnen für einen neuen Magazinartikel auf den Tisch. “So, Philippa. Nun kannst du es abgeben, ohne dich zu blamieren. Mein Stil wäre mir allerdings zu schade für dieses Revolverblatt. Denk vielleicht noch daran, dass die Leute gern was übers Essen lesen.“

Rosanna erinnerte sich an den größeren Aufmacher vom Juni, den sie für Philippa geschrieben hatte. Dieses Interview mit Daniel Schneider. Die Seiten ihres Exemplars waren vergilbt, so oft hatte sie es umgebrochen und Philippa daraus vorgelesen, sich immer wieder daran hochgezogen. Daniel Schneider sah zwar aus wie der Künstler, in den sie als junges Mädchen verliebt war, aber sonst fehlte ihm jegliches Charisma. Philippa war dazu verdammt, Interviews mit mittelmäßigen Lokalgrößen zu führen. Da war Daniel Schneider schon eine etwas größere Nummer. In der letzten Zeit wurde die Maske der Überheblichkeit etwas fahler um Rosannas Augen. Sie schlief schlecht. Sie schrieb es dem sinnlosen Nachdenken über Daniel Schneider zu. Vernarrt wie ein Schulmädchen in den halbgaren Jungen, hatte sie die Gelegenheit genutzt und ihn ohne Hemmungen angeflirtet, als Philippa auf dem Klo war. Philippa nahm es ihr nicht übel. Oder sie täuschte Gleichmut vor. Denn das konnte sie. Nun griff sie hastig nach dem Martiniglas und ihrer Brille. „Sag mal, hast du noch das Interview mit Schneider? Ich kann meins nicht finden. Und das war doch der Geniestreich dieses ereignislosen Sommers. Daniel Schneider mit nacktem Oberkörper zwischen uns beiden. So eine Hühnerbrust! Und die haben das tatsächlich gedruckt.“ Rosanna zuckte zusammen. Hatte Philippa Gedanken gelesen? Rosanna beschloss, ihrer Freundin endlich die Wahrheit zu sagen. „Daniel wusste, wer den Artikel über ihn geschrieben hatte. Er sagte beim Abschied zu mir, deine Freundin hat den Sarkasmus einer sauren Gurke, aber schreiben oder gar charmant sprechen, das kann sie nicht. Sie sollte noch ein wenig üben.“

Philippa hielt es für einen von Rosannas abgeschmackten Scherzen und reagierte nicht weiter darauf. Bis Rosanna sich über ihre Tasche beugte und ein lila Flakon herauszog. “Hab ich von Daniel. Lyra pour L’homme von Gilbert Asyl.“ „Darüber macht man keine Witze, Rosy. Lass stecken. Du magst eloquent und klug sein, aber mich erreichst du damit nicht.“

Philippa hatte Daniel Schneider in der Berenike interviewt. Da es bereits Mai war, musste sich sich beeilen, den Artikel bis zur geplanten Veröffentlichung im Juni fertig zu bekommen. Schneider war von der gemächlichen Sorte und ließ sich bitten. Mit Rosanna als Philippas Begleitung hatte er nicht gerechnet und reagierte leicht erregt. Wie ein Topf mit Milch, der überkocht und kurz vor dem Anbrennen ist, ging es Rosanna durch den Kopf. Aber zugleich durchstieß ein warmes Gefühl ihren Unterleib, denn die Augen, ja sein ganzes Gesicht, ähnelte unverkennbar dem, in den sie mit fünfzehn verliebt gewesen war. Rosanna ärgerte sich. So etwas Dummes, der Kerl hat doch überhaupt keinen Charme. Wie kannst du nur so blöd sein und Äpfel mit Birnen vergleichen. Am Ende taufst du ihn noch den deutschen Bryan Ferry.

Daniel Schneider, ein Name für einen schwitzenden und verpickelten Schuljungen, vollkommen durchsichtig und unkompliziert. Rosanna hatte ein Faible für undurchsichtige und komplizierte Männer. Wahrscheinlich war das der Grund dafür, dass sie schon länger allein war. Philippa hingegen hatte sich im letzten Jahr verlobt und redete für Rosannas Geschmack zuviel über Babykleidung. „Dann höre ich beim Magazin für ein Jahr uff und du kannst mich vertreten. Das wär doch was für dich, Rosanna, du würdest dich verbessern. Immer dieses Geklecker an der Uni auf halben Stellen. Das hält doch kein Mensch lange aus, nur du.“ Der sächsische Dialekt ihrer Freundin schlug Rosanna aufs Gemüt.

Moderne

Sonntag, Juli 23rd, 2017

Ein Vogel, komisch
vor Stolz, zeigt
sein Gefieder.

Du holst
für mich nie
den himmel
her
-

Käfigstäbe,
Liebesmakel,
.
Samtfüße
streifen seine
nieder.

Aufnahme am 23. Juli 2017 um 19:54

Sonntag, Juli 23rd, 2017

Wir wissen nicht was
in diesem Gedicht steht
es wechselt die Worte
wenn es uns sieht
inszeniert sich für uns
was es wirklich ist
wissen wir nicht.

Tritt ein, bring Schutt herein

Donnerstag, Juli 20th, 2017

Tritt ein, bring Schutt herein. Warum sich die Schuhe abtreten oder sie sogar ausziehen? Kein Teppich kann so kostbar sein als dass er nicht durch Schuttspuren von draußen noch kostbarer würde.

Schutt (5)

Sonntag, Juli 16th, 2017

Schutt, was ist das überhaupt, eine Anhäufung von Bruchstücken, etwas, das einmal größer war, das verwittert und erodiert ist, und immer noch verwittert und erodiert, Bruchstücke, sich immer weiter aufsplitternd, erst irgendetwas Großes, dann Blöcke, Blockmeere, und sie zersplittern weiter, Schotter, Geröll, Kiesel, Sand, und die können ja auch wieder versteinern, wieder größer werden, oder sie verschwinden, Sand, Staub, Wind, oder sie werden wieder eingeschmolzen, wieder zu glühender Lava, jedes Bruchstück eine Erinnerung, eine kantige oder abgerundete Erinnerung, man kann sie wieder auflesen, bevor sie ganz verschwindet, und noch mehr Bruchstücke suchen, die vielleicht dazugehören, oder auch nicht, man weiß es nie, und man kann sie auf einen Schreibtisch legen, das Bruchstück, irgendein Bruchstück, in irgendeinem Blockmeer gefunden, es wieder und wieder in die Hand nehmen, es wenden, von allen Seiten betrachten, und Gedichte darüber schreiben, darüber meditieren, und dann, wenn im Winter die Sonne tief steht, und alles lange Schatten wirft, dann taucht sie plötzlich auf, auf dem Bruchstück, die Erinnerung, eine Spirale vielleicht, ein Ammonit, nur der Abdruck eines Ammoniten, und sooft man dann auch wieder in das Blockmeer zurückkehrt und alles absucht, der Ammonit, die originale Spirale aus Perlmutt, bleibt verschwunden, für immer verschwunden, nur der Abdruck ist noch da, in der tiefstehenden Wintersonne, und da kann man wieder Bruchstücke sammeln, und aus den Bruchstücken Steinmenschen, Steinfrauen und Steinmänner errichten, Bruchstück auf Bruchstück schlichten, Steinfrauen und Steinmänner aus Erinnerungen, aus Erinnerungen, die vorher vielleicht nicht zusammengehört haben, jetzt aber zusammengehören, unbeweglich stehen sie da, diese Steinfrauen und Steinmänner, zeigen den Ort, wo man schon gesucht hat, wo man keinen Ammoniten gefunden hat, und irgendwie gibt es ja auch nur ein Original, aber immer zwei Abdrücke, immer zwei Spiralen, uns es kann ja auch passieren, dass sich der Abdruck wieder füllt, gefüllt wird von irgendetwas, der Abdruck eines Abdrucks entsteht, der Abdruck einer Erinnerung, die selbst wieder zur Erinnerung wird, und so ins Unendliche, und da stehen die Steinfrauen und Steinmänner, stehen inmitten des Blockmeeres, stehen da im Sommer und im Winter, im Schneesturm und im Regen, und sie weisen uns die Wege, weisen die Wege durch die Block- und Kieselmeere, und diese Meere finden wir überall, finden sie auf dem Ružovský vrch und in der Czarny Kociol und am Elbufer, wenn das Wasser niedrig ist, und an der Ostsee vor Swantegard und natürlich auch mitten in Leipzig und mitten in Berlin, aber nicht immer sind sie oben die oberste Schicht, oft ist da schon längst der Urwald darüber gewachsen, oder eine ganze Stadt, oder eine Stadt auf der Stadt auf der Stadt, Schicht für Schicht, und dieses Blockmeer finden wir nur wieder, wenn wir graben, wenn wir da unten Kanäle oder eine U-Bahn bauen, aber manchmal haben wir Glück, und da liegt der Schutt herum, unter den Büschen, neben dem Spielplatz.

Schutt (4)

Freitag, Juli 14th, 2017

Überall im Schutt vor dem Poco standen Steinmännchen. Manche waren schon fertig. Andere wurden noch gebaut. Wieder andere waren schon wieder eingestürzt. Willi fragte sich, ob diese Steinmännerversammlung zufällig war. Natürlich, jeder der Troglodyten, zu denen auch Willy gehörte, hatte sein Steinmännchen allein gebaut. Und jeder glaubte, allein, weil er es wollte. Aber diese ganze Steinmännerversammlung der Troglodyten war doch nicht mehr zufällig. Willi versuchte, in der Aufstellung der Steinmännchen ein Muster zu erkennen. Linien, Kreuze, Spiralen. Irgendetwas, das einen großen Plan vermuten ließ. Und, wenn sie Wegzeichen waren, wohin wiesen sie? Woher kamen die Wege? Wohin führten sie? Von Steinmännchen zu Steinmännchen? Oder weit darüber hinaus? Zu dem verrosteten Eisenbahnwagen? Zum Völkerschlachtdenkmal? Zu diesem versteckten Menhir im Clara-Zetkin-Park, den keiner kannte?

Willi warf Fleischstücke in den Schutt

Mittwoch, Juli 12th, 2017

Da das Imperfekt die vollendete Gegenwart ist, fragen wir uns, was in den letzten drei Tagen mit den Fleischstücken geschehen ist, die Willi in den Schutt geworfen hat. Wurden sie gegessen? Waren sie zum Zeitpunkt des Reinwerfens überhaupt noch genießbar? Wessen Fleisch wurde da in Stücke gerissen, zerschnitten, zerteilt, um als Köder für Ratten im Schutt zu landen? Woher wusste Willi so genau, dass es Ratten sein würden, die er anlockte – oder war hier der Wunsch Vater des Gedankens? Nun. Vielleicht ist das irrelevant, vielleicht bin ich ein Korinthenkacker. Willi warf Fleischstücke in den Schutt. Punkt. Wenn mich nur nicht permanent das Zipperlein der Unruhe und Ungeduld mit Willis Tun plagen würde. So eine Empfimpfung, dass es einfach nicht ausreicht, Fleischstücke in den Schutt zu werfen und abzuwarten, bis die Ratten kommen. Dass gleich der kürzeste Weg des Widerstandes gegangen wird, indem angenommen wird, dass die Ratten schon vorher da waren. Hiermit verhält es sich wie mit den Rätselbildern in der Hörzu: “Hier stimmt was nicht!” Und der durchschnittliche Hörzu-Leser verbrachte manchen Freitag Mittag damit, des Rätsels Lösung zu finden. Hier stimmt was nicht. Dieser Satz führt nahezu immer zu einer zwanghaften Beschäftigung mit Dingen, die eigentlich nutzlos sind. Ob sie das Hirn auf Trab bringen, sei dahin gestellt.

Hörst du das Stumme

Dienstag, Juli 11th, 2017

Durch die Mitte meines Schweigens
zieht sich eine weiße Mine.
Nur selten spitze ich sie
am Verstand.
Mit jeder Regung
schreibt sie Spuren.

Ob du sie liest,
wenn unsre Worte nicht mehr halten
und lautlos in den Sprachfluss fallen –

Schutt (3)

Dienstag, Juli 11th, 2017

Willi stand im Schutt. Unter einer Peitschenlampe. Die Ratten hatten sich um ihn versammelt. Ihnen hielt er folgende Rede:

In früheren Zeiten waren wir grausam zu euch. Haben euch gejagt, erschlagen und mit vergifteten Ködern getötet. Wir hatten unsere Gründe. Ihr trugt den Schwarzen Tod in euch. Ihr habt unsere Vorräte gestohlen. Ihr zahltet keine Steuern. Wir wollten unsere Häuser und Straßen für uns allein. Ihr ward einfach da. Irgendwelche Gründe eben. Wir wissen, daran habt ihr keine Schuld. Ihr habt euch in der Nacht versteckt, im Hinterhof, im Mauerwinkel, im Keller, unter dem Gullydeckel. Wir haben euch zu dem gemacht, was ihr seid. Wir glaubten, dass wir klüger sind als ihr. Wir glaubten, dass die Berge und das Gold und die Himbeeren und die Heringe und die Wurzeln und der Regen nur für uns gemacht wurden. Doch wir wollen diese Erzählung nicht mehr erzählen. Erzählt uns eure Erzählungen. Wir hören zu. Es gibt genug Vorräte. Wir impfen euch. Die Stadt ist riesig. Darin ist genug Platz für so große Wesen wie den Baumarkt oder die Straßenbahn oder den Ahorn, und so kleine wie die Schmeißfliege und die Gladiole und die Kellerassel. Überlegt es euch. Sagt uns in drei Tagen, ob ihr einverstanden seid. Wenn drei Tage nicht genügen, so warten wir fünf. Wenn fünf Tage nicht genügen, so warten wir sieben. Dann fragen wir euch wieder. Seid ihr einverstanden, so bleiben wir. Wenn ihr aber wollt, dass wir gehen sollen, dann gehen wir. Wenn ihr denkt, dass wir leer und und ohne Vernunft sind, dann gehen wir. Dann ziehen wir ab. Wir werden euer Urteil annehmen. So ist das.

Kaunas 2017

Montag, Juli 10th, 2017

Hinterm Schwan : der seinen Hals reckt
In den Himmel : begegnen sich
Nemunas und Neris : zerstäuben im Licht

Vereint im spitzen Kies : festgekettet
Schaukelt die Boje : eine Ente läßt sich
Treiben : die Jungen im Stromschatten

Landen im Gegenüber : wir tollen
Friedlich über die Wiesen : welch Duft
Welche Weite : die Angel surrt

Ins Heu graben sich Liebende : mit ihren Handys
Wer weiß : wen sie beiwohnen lassen
Wir sammeln Perlmuttsplitter : und frösteln

Nach Sonnenuntergang : die Möwen kreischen
Als begänne hinterm Ufer das Meer : wie vergeßlich
Ist unsere Generation : wie glücklich

Schutt (2)

Montag, Juli 10th, 2017

Willi hatte eine Idee. Er schrieb sie auf die Rückseite des Schnipsels. In winziger Schrift. Das Papier war löchrig. Die Worte, die Willi in die Löcher schrieb, sind für immer verloren.

 

Geschmolzener Teer, gebrochene Regale,
das Werk der Kräne, der Betonmischer,
Kälte stürzte das Vordach
Kälte sprengte die Fugen.
Das Dach ruiniert, die Rohre geplatzt,
die Kabel vermodert. Scherben.
Die Gräber aufgelöst,
die Grabsteine zerbrochen.
Erbe um Erbe schwindet.
Warenströme, befreit, stürzten über ________
______________ Einkaufswagen schwamm
____________________________ und leuchtete
__________ ist ein _____________________
____________________ Stätte ________

 

Schutt

Sonntag, Juli 9th, 2017

Der kreative Schutt, die Gladiolen, das Gras.  (frau kleist, am 6. Juli 2017 um 19:19)

Gestern wühlte der Willi im Schutt vor dem Poco. Wühlte darin herum. Dachte, er fände etwas. Eine Kinderwagenradspeiche. Ein Medaillenband. Ein Schalmeienmundstück. Ammoniten. Etwas in der Art. Da hielt er eine alte Photographie in der Hand. Fast verblichen. Irgendetwas konnte er darauf noch erkennen. Drei Dinge. Den Frühling. Etwas, das zu lang war. Und Gongula. Eigentlich war das dem Willi noch zu viel. Trotzdem nahm er den Schnipsel mit.

Floris

Samstag, Juli 8th, 2017

er entglitt
sich selbst

wie eine
straßenbahn

entgleist.

er zog
an
der zigarette,

die lange
rauchsäule,
blassgelbe
solopartie.

ziegenlederne
handschuhe,

die
gefaltete stirn
zeichneten
linien.

 

Das Erotische ist ein Störgeräusch

Samstag, Juli 8th, 2017

Heute: Sie pfiff aus dem Bauch.

Das Erotische ist ein Störgeräusch

Samstag, Juli 8th, 2017

Heute: Er verbrannte an Clawdia, wie eine Motte am Licht

(Für diese Idee wurden Ideen von frau kleist, Rapunzel und Thomas Mann durch den Wortwolf gedreht. Die Überschrift “Das Erotische ist ein Störgeräusch” ist (C) 2017 by frau kleist. Diese Überschrift wurde direkt von frau kleist geklaut, ohne sie vorher zu fragen.  Das ging so: Da betrat frau kleist also den Poco und hatte also diese Idee dabei, und wollte weiße Farbe erwerben, und sie fragte eine Mitarbeiterin dort, wo denn hier das Weiß wäre, also die Farbe weiß, also nicht die Schuhschränke und nicht den Schutt sondern einfach genug Weiß, doch das konnte die Mitarbeiterin nicht beantworten, denn das Weiß schlechthin, das führten sie nicht, also sie hätten Polarweiß und Arktik-Weiß und Naturweiß und Klimaweiß, außerdem gäbe es in der Lichtabteilung noch warmweiß und neutralweiß und tageslichtweiß, und in der Glasabteilung gäbe es noch milchweiß, aber als sich frau kleist gerade den Unterschied zwischen Polarweiß und Arktik-Weiß erklären ließ, da sprang ich hinter dem Schraubengrabbeltisch hervor, blendete die Idee mit einer dreifachen Mischung aus warmweiß und neutralweiß und tageslichtweiß aus dem Weißwerfer, sie, die Idee, geblendet, taumelte orientierungslos in Duschkopfabteilung, verfing fast in einer Peperonipflanze in der Gartenabteilung und fiel dann auf die Kreissäge in der Holzabteilung, aber zum Glück war ich da, rettete sie vor der sicheren Kürzung, und weil ich sie gerettet hatte, da ging sie mir mit.

Der Originaltext von frau kleist und lautet übrigens:

 Das Erotische ist ein Störgeräusch

Heute: Das Ehepaar vom schlechten Russentisch

(Dieser Beitrag wurde von frau kleist am 2. Mai 2017 um 21:09 Uhr geschrieben.)

 

Die Idee des Klauens habe ich ebenfalls von irgendjemand geklaut. Allerdings ist die Idee von frau kleist wesentlich besser.)

herzen und ammoniten

Samstag, Juli 8th, 2017

die berufskrankheiten der dichter ziehen sich zurück
in die städte auf die wiesen
vor den städten die felder
und wälder jenseits des flusses
malt der himmel flugbilder von zugvögeln

fast reimlos
zeichnet mein mund
die konturen deines körpers nach
die linie deiner schulter deines nackens
pulst gegen den morgen

[wir dachten an vergangenes]
lyrisches fleckfieber

Weiß

Freitag, Juli 7th, 2017

Weiße Farbe ist doch nun wirklich etwas, das sich jeder hier leisten kann. (frau kleist, am 6. Juli 2017 um 19:19)

 

dieses Gedicht
ist ganz in weiß
die Fenster sind weiß
weißes Licht
eine weiße Tür
liegt aufgebockt als weißer Tisch
wir tragen weiße Kleider
weiße Sonnenbrillen
auf der Tür liegt ein Schachspiel
die Figuren aufgestellt
Bauern, Könige
alle Figuren sind weiß
alle Felder sind weiß
ein weißes Buch, die Enzyklopädie
der Weltmeisterkämpfe Band drei
auch die Schrift ist weiß
wir hören die Herzen der Figuren schlagen
wir spielen
wir wissen nicht
ob wir gewinnen oder verlieren

Ménage

Freitag, Juli 7th, 2017

Weite Kleider,

er malte
das rötliche Licht -

- Marzipan-
kirsche.

Erleuchtet
der erste
Satz,

laut und
nicht zum
Halten

Sanft starb
das Jahr.

Winter

Donnerstag, Juli 6th, 2017

Grau:
Am Nachmittag.

Der Gegenstand:
Nur für sich selbst.

Sie fühlte
die Farbe
inmitten.

Nachtgestalten
Suppenhallen
Die grüne Bar:

Im Raureif.

Leipzig, City: Wenn es hell wird

Donnerstag, Juli 6th, 2017

…und etwas anderes bleibt uns ja nicht übrig als zu erzählen und zu akzeptieren, es ist doch viel einfacher die Welt zu akzeptieren, wenn wir zu ihr „Es werde Licht“ sagen. (Wassili Busskläff)

Diese Woche: Bei Poco

Diese Woche ist es bei mir erstmal richtig hell geworden: Ich war bei Poco! Bei Poco Domäne, direkt auf dem Gelände an der Gießer Straße. Das ist schon ne tolle Gegend. Kaputtes Straßenpflaster, abbruchreife Häuser, viel Autonomie und breite Bürgersteige, für die man dicke Schuhsohlen braucht. Ansonsten ist die Sehnenzerrung vorprogrammiert. Ich also durch den Schutt durch zu Poco. Ich brauchte nämlich einen Schuhschrank. Und weiße Farbe. Ich dachte mir, man könnte zur Abwechslung auch mal was über das hell werden schreiben, und das geht am besten, in dem man bei sich selbst beginnt. Ich also rein zu Poco. Weiße Farbe ist doch nun wirklich etwas, das sich jeder hier leisten kann. Und ich kann das auch. Ich also rein. Hab mir gleich die für neunneununneunzig geholt. Werkzeug günstig daneben. Ich dachte an weiß und an grün und an die vielen Gartenkneipen, die jetzt in Leipzig wieder auf machen und mit Schnitzel locken. Oh nein, aber nicht mit mir! Bei mir gibt es heute Ruccola Salat. Weil da viel Sand dran ist, muss man den waschen – aber das macht die Zähne hart. Ach, naja, und die Farbe von Poco. Und der Schuhschrank. Leider kaufte ich am Ende doch nur die Farbe. Warum ich das mache? Mir zur Feier. Der kreative Schutt, die Gladiolen, das Gras. Weiß und Grün. Als ob du’s nicht hast kommen hören!

 

An Stiefeln

Dienstag, Juli 4th, 2017

Protz und
Plunder
schwärzt sich
in Tüten

ich reiß’ mir
den güldenen
Schal vom
Hals.

Sonne hat
zuhause
geschlafen

Unter dem
Kegel
seines
gestundeten
Scheins.

Der Geheimniszustand

Dienstag, Juli 4th, 2017

Also das Thema dieses Jahr ist ja “Der Geheimniszustand”, ja? Und da haben sich ja jetzt auch schon viele beteiligt, richtig? Also die frau kleist zum Beispiel, und der Zhenja, und die crysantheme und der Kraba vel Jop, und der Wassili, und die rapunzel, und die Faron Bebt, und mein Schwager Theodor Holz und der Jens Rudolph, und die Sigune, und der Werner Weimar-Mazur, ja? Also die einen, die sind doch echt, ja, und die anderen, die sind nicht ganz so echt, also wie soll ich das sagen, das sind sozusagen Pseudonyme, ja? Also Werner Weimar-Mazur oder Jens Rudolph, das sind doch ganz bestimmt Pseudonyme, ja? Also, was ich jetzt fragen möchte, wenn man dann also jemand anderes ist, also sein Pseudonym, bleibt man da in da in dieser Rolle? Also ist frau kleist immer frau kleist, ja? Oder kommt doch manchmal der echte Mensch dahinter durch, dann fällt frau kleist aus ihrer Rolle? Aber es ist doch so, dass da auch vielleicht gar kein echter Mensch dahinter steht, dass also Kraba vel Jop bloß eine Rolle von rapunzel ist und rapunzel ist eine Rolle von Wassili, und so immer weiter? Dass es da gar kein Ende gibt? Oder, selbst wenn ein Name also einmal gar keine Rolle ist, wenn also rapunzel oder Zhenja echt sind, also der echte Zhenja und der echte Jens Rudolph hier ganz und gar echt sind, ist dann der echte Zhenja immer der echte Zhenja? Also vielleicht ist der echte Zhenja so viele Personen, und er ist dann also sowieso nie er selbst, richtig? Er ist also immer in einer Rolle, selbst wenn er er selbst ist? Oder ist Wassili auch mal der echte, nackte, ehrliche Wassili, so ganz ohne Rolle?

Daneben klebte eine tote Schmeißfliege.

Dienstag, Juli 4th, 2017

Das ist ein Code, eine Signatur, 5 Kilogramm Buntwäsche, 3 Kilogramm weiße Unterwäsche, 7 Paar weiße Socken, 9 schwarze Strumpfhosen, das sieht man doch, das verweist doch auf eine ganz bestimmte Stelle in unserem unendlichen Blog, da, wo der vollständige Katalog aller Kataloge steht, der diesen Katalog selbst enthält, 5.3.7.9., das ist dort, wo der Troglodyt lebt, und er lebt dort seit wasweißich wievielen Jahren, er lebte schon dort, als der Willi hier angefangen hat zu arbeiten, keine Ahnung, wovon er lebt, wie er sich ernährt, vielleicht von Textskorpionen und Textpilzen, ich habe ihn mal gefragt, was er denn dort macht, und er sagte, er suche die Unsterblichen, und wer soll das denn sein, die Unsterblichen, habe ich ihn gefragt, vielleicht Mister Zhu oder Ciri, aber er wusste es auch nicht, du wirst es wissen, wenn du sie gefunden hast, jedenfalls ist da bei diesen Koordinaten 5.3.7.9. eine Stadt verborgen, eine gewaltige Stadt, umgeben von einer gewaltigen Mauer, und keiner weiß, wer dahinter lebt und ob überhaupt noch jemand dahinter lebt, der Willi hat sich jedenfalls viel mit ihm darüber unterhalten, der hat ihm auch die Wäsche gewaschen, der hatte ja ein gutes Herz der Willi, jedenfalls hatte ich zufällig dieses Buch gefunden, mit dieser Notiz, und natürlich wurde mir sofort klar, dass es eine Botschaft der Unsterblichen war, sie gab es also wirklich, und die wollte ich also schon immer finden, und ich machte mich also auf die Suche, in das Labyrinth dieses Blogs, auf die Suche nach den Unsterblichen, nach den Urhebern dieses Zettels.

(bericht des blinden bibliotecario dieses blogs)

porös

Sonntag, Juli 2nd, 2017

tiere II

november
war warm
november.

neugier.
licht.
hals.

mich gleich
aber ich
wollte noch

meine
beste
kraft

war
schwarz
wie
keine
farbe.

Deine Worte werfen keinen Schatten

Samstag, Juli 1st, 2017

Sie zwängten mein Leben
in sechsundzwanzig Buchstaben.
In den Leerzeichen
klangen die Töne
lauter
und widersprachen
dem Gesang der Lerchen.

Ich pflückte weiße Worte
von den Lippen
und legte sie in Zwischenräume.

Ohne Schatten hallten sie
durch meinen Tag.