Archive for Juni, 2017

Weil sie es kann

Freitag, Juni 30th, 2017

Irgendwo hat abwesend eine Jury getagt. “Das ist doch nur Klamauk, was du da machst”, riefen sie der Kleist zu. Vorpubertär, deplaciert, ein Plagiat auf die Modevorschläge einer/s anderen. Homophob. Rassistisch. Alte Clischees würden bedient. Scheiße, Mist… Die Kleist möchte zurückrufen, ja seid ihr denn alle noch bei Toast? Habt ihr vergessen, wie lahm der Blog vor einem Jahr war? Kein Kommentar, kein Pfeffer, kein Biss. Das Plätschern autistischer Bächlein in überkommenen Konventionen und Kleidern war das Einzige, das es zu hören bzw. zu lesen gab. Hätte nicht Mutter zwischendurch mal den Putzlappen geschwungen (Putztag von Sigune, August 2015), so läge heute noch Staub auf den Wörtern. Der Staub einer blasierten Altherrenriege ohne Pflegestufe und leider auch ohne sonniges Gemüt. Und wer hat die Pflegestufe schließlich beantragt und kam damit durch? Die Kleist! Nun sieht sie rechts und links die Alten in ihren Betten ruhen, erinnert sich daran, sie aufzumuntern, ihnen ein saftiges Pflegegeld ins Portmonee zu klimpern. Der Blog = Die Hölle des Dante = Ein Altersheim? Sie bringt zur Räson, zum Schimpfen. Die Altherren(und -damen)riege erwacht für Momente aus ihrer Lethargie. Doch schon ab 7 Uhr Abends werden die Rolläden runtergelassen. Danach setzt die senile Bettflucht ein und alle Texte werden Ängelexemplare. Die Alten wissen nicht mehr, ob Sommer oder Winter ist, Tag oder Nacht. Gegen Morgen/Mittag hat die Kleist zu tun. Waschen, kämmen, anziehen, frisieren. Dünnen Hängebäuchen, fahler Haut und dicken Waden Kontur verschaffen. Tut sie es wegen des Geldes von der Pflegekasse? Nein. Die Kleist tut es, weil sie es kann.

PS.: Fahren Sie auch gern Straßenbahn?

Freitag, Juni 30th, 2017

Und wie ich gerne Straßenbahn fahre, wie dort die Wege der Menschen für einen kurzen Moment vereint sind, wie sie da schweigend sitzen, aber leider versucht jeder, an den anderen vorbei zu blicken, vielleicht hätten sie sich ja etwas zu sagen, vielleicht würde sofort ein vertrautes Gespräch entstehen, oder vielleicht würden sie sie sofort merken, dass sie sich nichts zu sagen hätten, aber es kann ja auch geschehen, dass sie miteinander reden, ohne zu merken, dass sie sich nichts zu sagen haben, und sie glauben es nur, seltsam, wohin man von einer Straßenbahn gebracht wird, manchmal steigt man aus einer Straßenbahn aus, in die man zuvor gar nicht gestiegen war, ist plötzlich nicht in Mockau, sondern in Plagwitz, manchmal steigt man aus einer Straßenbahn, und man sieht sich einmal um, und da ist überhaupt keine Straßenbahn mehr, da gibt es keine Gleise, kein Wartehäuschen, keinen Straßenbahndraht, nicht einmal einen Weg, nur ein endloses Feld, und eine Staffel Mähdrescher lärmt und staubt am Horizont, und kein Wegweiser, und man geht und geht, bis man —–

Ein Elefant im Porzellanladen

Donnerstag, Juni 29th, 2017

Ich hole sie zum Spaziergang ab. Klingle kurz an der Tür, melde mich mit meinem gewohnten Satz. Sie zieht wahrscheinlich erst jetzt den Mantel an – überlegt, soll sie den langen nehmen, den fand er doch gut – und geht langsam die Treppe hinunter. Die beigen Stiefeletten klappern, das Holz gibt nach, die Vorstellung, dass jemand sie mit mir sehen könnte, gefällt ihr sicher nicht. “Irgendwie verdruckst”, hatte die Nachbarin zu ihr gesagt, als sie fragte, was hältst du von ihm, “dabei hab’ ich ihn so fröhlich begrüßt.” Ja, so ist er eben, denkt sie bestimmt, als sie mich vorsichtig umarmt. “Die Wege sind alle noch matschig.” Sie lässt mich gleich wieder los. “Du wolltest ja spazieren gehen. Links oder rechts lang.” “Geradeaus? Dann muss ich dich tragen.” Ich sage das so dahin, und es klingt verwegen. Die Wege sind tatsächlich matschig. Sie schweigt. Ich erzähle von Leipzig und der Einwohnerstatistik, wie häufig hier wo geklaut wird und dass meine Eltern in ihrem Eigenheim in Mockau eine Alarmanlage installiert haben. Ich spreche von meiner Arbeit, dem neuen Projekt, durch das ich gehe wie ein heißes Messer durch Butter und von Swanhild H., einer echten Zicke, die mich gleich zu Anfang schikaniert hat. Die ihren Nachnamen hasst. Der Weg führt uns durch den Park an der Rennbahn entlang. Es dämmert bereits. In der Südstadt gehen wir noch ein ganzes Stück, ich bin nicht sehr gesprächig. Sie auch nicht. “Da hab ich mit meiner Tochter gewohnt”, sage ich und deute auf einen unscheinbaren Neunziger-Jahre-Bau, unten drin ein Bettengeschäft und dahinter ein Rossmann. Links daneben, in den alten Häusern, über den zerbrochenen Platten der Gehwege haben sich melancholische Cafés angesiedelt. “Gehst du häufig allein dorthin”, fragt sie mich. Ich werde pampig. “Nein, ich gehe nicht allein in Cafés.” Sie läuft jetzt zwei Schritte hinter mir. “Mit wem dann?” “Na, mit meinen vielen Freundinnen.” Ich schaue in die Fenster und überzeuge mich von der Güte des Mobiliars. Sie weiß, dass ich allerhöchstens eine Freundin habe und den anderen, den verflossenen fünf oder sechs die Hölle wünsche. Eine bunt bezuckerte Torte in der Auslage fällt ihr auf. Eine Hochzeitstorte. Rosa begossen, fein wie eine Haut mit Perlen bestickt. “Das ist eine Homotorte”, sage ich. Sie sieht mir zum ersten Mal an diesem Tag ins Gesicht. Schnee liegt immer noch in der Luft wie ein verschlissener Vorhang. “Bist du homophob oder was?” Sie versucht zu erkennen, ob sie vielleicht meine Hand nehmen kann. Ich weiche zur Seite. “Nein, ich bin nur etwas autistisch.” “Was? Was heißt das? Wie meinst du das?” Wir gehen noch zwei, drei, vier Meter weit. “Mit mir ist nichts. Ich meine das so, wie ich es gesagt habe. Klingelts?” Sie weiß, ich lese Autoschilder und bilde Quersummen daraus..

Mit mir war nichts. In einigen Monaten wird das Licht abends heller sein. Bis in die späten Stunden und in Schräglage wird es fließen, sich verwaschen. Sie wird mich dann einmal zu sich nach Hause, auf ihren Balkon mit den Rosenbüschen einladen. Vielleicht zu ihrem Geburtstag. Oder in den Tagen danach. Ich werde ihr sicher leichte Zigaretten mitbringen. Es sind gar keine Sterne am Himmel. Wahrscheinlich werde ich Sätze sagen wie, das ist die Milchstraße, oder, ich bin heute nicht so lustig. Sie gibt nicht auf. “Es zeichnet sie aus, dass sie die Hoffnung nie verlor”, hieß es in einem Film.

Freiheit im 21. Jahrhundert

Donnerstag, Juni 29th, 2017

Er, der Bibliothekar, hatte von irgendeinem Internethändler ein Armband geschenkt bekommen, das, mit allerlei Sensoren ausgestattet, nicht nur seine Herzfrequenz und seinen Blutdruck maß, sondern anhand einer Hautanalyse genau wusste, was und wie viel er aß und trank, ob er rauchte oder Drogen nahm, wo er sich befand, wie schnell er sich bewegte, und noch einige andere Daten mehr, es wusste sogar, welche Bücher er sich an der Ausleihe selbst ausgeliehen hatte, oder mit wem er wie lange geredet hatte und was diese Gespräche für eine Wirkung auf ihn hatten, wortgenau, und aus all diesen Daten und mit der Hilfe einer gewaltigen statischen Datenbank mit den Daten von Abermillionen anderer Menschen, errechnete ein mächtiger Algorhithmus in Echtzeit die ihm verbleibende Lebenszeit. Statt einer Uhrzeit zeigte ihm das Ding sein wahrscheinliches Sterbedatum an. Wenn er also an seiner Ausleihtheke zu viel Stress hatte, oder im Roten Stern sich zu sehr über irgendetwas aufregte, oder bei jedem Gespräch den vorgesetzten Beamten aus dem höheren Dienst, so konnte er auf seiner Uhr sofort ablesen, um viele Wochen sich dadurch seine Lebenszeit verkürzt hatte. Selbst wenn er eine Tragödie von Euripides las, verkürzte sich seine Zeit, wohl wegen der mit der Katharsis verbundenen Aufregung. Umgekehrt verlängerte sich seine Lebenszeit, wenn er nicht den Fahrstuhl, sondern die Treppe nahm oder wenn er mit dem Fahrrad zur Arbeit fuhr.

Bald verzichtete er auf alles, was seine Lebenszeit verkürzte. Er las nur noch leichte Literatur, trank keinen Wein mehr, aß viel Salat und versuchte seinen Chefs aus dem Weg zu gehen und ließ sich von der Ausleihtheke ins Magazin versetzen. Hier war er ganz allein. Und zu tun gab es auch nichts. Die Arbeit wurde von der automatischen Mechanik erledigt. Dort konnte er, immer mit Blick auf die Uhr, den ganzen Tag im unendlichen Labyrinth zwischen den Regalen joggen, Fahrradfahren, Yoga treiben, Bücher stemmen oder von Regal zu Regal springen. Seine Lebenserwartung verlängerte sich rapide. Er las schließlich keine Bücher mehr, auch seine Freunde waren für die Uhr viel zu aufregend. Die Verlängerung seine Lebenszeit war jetzt sein einziges Lebensziel. Er tat alles, was die Uhr von ihm erwartete. Seine Lebenserwartung vergrößerte sich jeden Tag ein Stück in Richtung der hundert Jahre. Die wollte er schaffen. Ein Jahrhundertmensch werden, wie es die Uhr ausdrückte.

Also er einmal zufällig nackt in den Spiegel blickte, sah er, dass er vollkommen dem Mann glich, den einst Leonardo da Vinci in Quadrat und Kreis gezwängt hatte. Sein Körper war so geformt, dass das Gesicht vom Kinn bis zum oberen Ende der Stirn und dem unteren Rand des Haarschopfes ein Zehntel der Körpergröße betrug, die Handfläche von der Handwurzel bis zur Spitze des Fingers ebenso viel, der Kopf vom Kinn bis zum höchsten Punkt des Scheitels ein Achtel. Vom unteren Teil des Kinns aber bis zu den Nasenlöchern war es ein Drittel der Länge des Gesichts selbst, ebenso viel von den Nasenlöchern bis zur Mitte der Linie der Augenbrauen. Von dieser Linie bis zum Haaransatz wird die Stirn gebildet, ebenfalls ein Drittel. Und der Mittelpunkt seines Körpers war der Nabel. Als er gerade einmal wieder von Regal zu Regal zu Regal sprang, den Blick auf seine Uhr gerichtet, rammte er mit dem Kopf eine Lampe, fiel und knallte auf den Beton und aus.

Dialog im Roten Stern

Mittwoch, Juni 28th, 2017

A: Du gehst auf die Straße, und schon stehst du mitten im Kapitalismus. Was kannst du dagegen machen? Also konkret meine ich?

B: Du hast ja auch Schuhe an.

A: Aber so kannst du dich doch nicht herausreden. Wenn du etwas verändern willst, dann musst du sofort damit beginnen, jetzt und hier.

B: Was meinst du denn jetzt?

A: Na, wenn du da Schuhe kaufst, dann unterstützt du doch das System. Selbst wenn du jetzt diese Ökosandalen nimmst, die gehören doch auch dazu.

Mittlerer Algorithmus

Mittwoch, Juni 28th, 2017

Aber er war Stolz darauf, Beamter im mittleren Dienst zu sein, hier an der Bücherausgabe einen großen deutschen Bibliothek, das war immerhin besser, als Designer von virtuellen Landschaften, auch wenn er sich manchmal fragte, ob er nicht selbst schon lange ein Algorithmus in einer virtuellen Landschaft war, überhaupt hatte er kürzlich in einem vielbeachteten Fachbeitrag gelesen, dass seine Stelle ja eigentlich verzichtbar war, weil doch das ein Algorithmus viel besser übernehmen könnte, er handelte doch selbst nach einem solchen, war es doch das Gleiche, was er tagaus, tagein tat, solche Algorithmen gab es ja schon, Google und Facebook und Amazon, die konnten die Kunden, so hießen die Leser ja schon in der Bibliothek, viel besser bedienen, weil sie doch jeden einzelnen von ihnen viel besser kannten als er, und die Kunden verließen sich auch schon längst auf die Entscheidungen von Google und Facebook und Amazon, und das würde sie ja viel glücklicher machen, wenn auch die Theke selbst von diesen Algorithmen bedient würde, dann standen also die selben Algorithmen auf beiden Seiten der Theke, und wozu mussten sie überhaupt noch in die Bibliothek kommen, das konnten doch gleich die Algorithmen für sie erledigen, zum Glück war er ja unkündbar, er musste sich nur noch passiv seiner Pensionierung entgegentreiben lassen, oder besser noch, war da nicht dieser Brunnen, in dem man so schön das Bewusstsein verlieren konnte, aber würden dann nicht die ein oder andere Leserin ihn vermissen, versuchte er doch immer freundlich zu sein, aber nie hatte ihn eine gefragt, nach seinem Lieblingsbuch gefragt, es war ein einziges Mal, dass er sich selbst getraut hatte, eine danach zu fragen, aber die kam seither nicht mehr an seine Theke, und da fragte er sich, ob das überhaupt sein freier Wille war, der da gefragt hatte, oder ob da nicht seine biochemischen Algorithmen die Kontrolle über ihn übernommen hatten.

Mittlerer Dienst

Mittwoch, Juni 28th, 2017

Nach etlichen Jahren an der Bücherausgabe einer großen deutschen Bibliothek studierte er erstmalig seine Gehaltsabrechnung etwas genauer. Und las dort die Berufsbezeichnung: “Beamter im mittleren Dienst”.

Ein Morgen

Mittwoch, Juni 28th, 2017

Ein Morgen

 

ich reiche meine Stimme

in den geschäftigen Morgen

 

Kopf an Kopf Trophäen

vermischen sich mit Gerüchen

entgleiten uns

 

Rolltreppen Beförderung

Rolltreppen in Abgründe

verlorener Augen

 

Ungeweintes verklebt Gesichter

jeder ist anders und nicht erkennbar

der immer ferne Blick

 

in meiner Ohrmuschel zittert

unerhört ein Anfang

verletzlich wie Zauber

 

zitternd gebe ich mir

meine Stimme zurück

Das ist keine Struktur

Dienstag, Juni 27th, 2017

“Eduards Ansicht nach musste alles erklärbar sein. Gedehnte Stunden bekamen eine physikalische oder psychologische Gleichung aufgedrängt, fragwürdigen oder verstörenden Bildern unterlegte er den Gedanken, dass es am Grunde aller Strukturen, dass es in all diesen noch unentdeckten Wasserwelten etwas gäbe, das der Struktur entgegenwirkte, sie auflöste. Doch er wusste, die Basis für alle Dinge im Universum war letztlich Struktur. So wie die DNA die Struktur für alle Lebewesen bildete.” (crysantheme, 6. Juni 2017 um 21:24)

Eduard übersah dabei, dass er selbst in einer Struktur lebte, einer Erzählung, die von den Biologen und Lehrern, den populären TV-Sendungen und den Eltern erzählt wurde, wonach Leben eben nur das war, was eine DNA hatte. Er musste also, aber darauf kam er nicht, Edmund Hs. Aufruf “Zurück zum Leben!” folgen, wenn er dieser Struktur entkommen wollte, musste also alles abwerfen, was er gelernt hatte, und wieder ganz von vorn beginnen. Vielleicht würde Eduard dann bemerken, dass auch diese seltsame Kartoffel, die durch das All eierte, zwar keine DNA hatte, aber doch ein Lebewesen war. Und dass sie keiner Struktur folgte, dass sie sich zwar blendend mathematisch beschreiben ließ, aber verstehen konnte er sie nicht, weil er ja auch glaubte, dass er nur etwas verstanden hätte, wenn er eine Struktur gefunden hätte. Aber Eduard, zufällig beim Surfen im Internet, stieß auf diesen Beitrag hier, und das war ein Ereignis in seinem Leben, und irgendwie stand er jetzt vor der Frage, die Strukturen loszuwerden, ohne zugleich neue Strukturen zu errichten. Eduard musste das Denken verflüssigen. Und das war es, dass war die Lösung für seine Frage, es musste doch Lebewesen geben, deren Basis sozusagen eine verflüssigte DNA war.

Übrigens hatte Eduard, obwohl er immer auf Tauchfahrt in noch unentdeckten Wasserwelten war, noch nie einen Grottenolm gesehen, einen Proteus anguinus, auch Wassersalamander genannt. So war es Edmund bis heute nicht möglich gewesen, die natürlichen Lebensgewohnheiten des Grottenolms zu untersuchen. Einer seiner Hypothesen nach existierte ein Grottenolm jeweils nur im Bewusstsein eines anderen Grottenolms und so ad infinitum. Es gäbe damit auch kein “ich”, bzw. das Ich eines Grottenolms wäre jeweils die Erzählung einer Erzählung.

Eduard dichtete, in einer seiner wenigen freien Stunden übrigens das viel diskutierte Gedicht

“Heut habe ich ein Wort gelernt : von einer Taucherin”

das er unter seinem Pseudonym Theodor Holz am am 15. Juni 2017 um 23:38 veröffentlichte. Er übersah dabei, dass Grottenolme nicht quaken, sondern knurren. Hätte er mal Frau Kleist gefragt. Seltsamerweise stellte er sich, oder Theodor Holz, häufig die Frage, was denn eigentlich die DNA der Poesie sei.

In einer anderen Erzählung übrigens, aber die wird hier nicht erzählt, waren Grottenolme kleine Drachen, die da in irgendwelchen kalten nassen Klüften vom Wunsch nach Wärme bestimmt waren, und so also, wie auch die Giraffen lange Hälse bekamen, weil sie unbedingt die Kirschen ganz oben fressen wollten, so also die Fähigkeit entwickelten, Feuer zu speien, zum Leidwesen manch verirrten Mopses, aber wie ich schon erwähnt habe, das ist eine, also eigentlich zwei ganz andere Erzählungen, die hier auf keinen Fall erzählt werden sollen, hier nicht und auch nicht im Radio im hinteren Musikschränkchen mit dem Grün nachglimmenden Licht, aber Vyvyan hatte ja eigentlich voll und völlig recht, Bilder sind allemal die besseren Erzählungen, viel besser als Texte.

P. Ostkost (Flucht und Widerkehr XIII)

Samstag, Juni 24th, 2017

Wenn ein sehr fröhlicher Mensch einmal nur lacht
zier’n sein Gesicht Schatten der Nacht.

Und wenn Frieden im Blick eines Freundes dir sagt
da ist nichts mehr, worüber er klagt,

dann ist  Leben uns nah und so fern,
ist Liebe hegen die Gabe des Herrn,

und ein altes Lied klingt dabei sacht
wie ein Traum, der über uns wacht,

wie ein Trunk, in Freude gegärt,
ein Jauchzen, das ewiglich währt,

ein Tanz wie aus fließendem Sand –
eines Glücks, das die Zeiten verband.

Die Bohrmaschine

Mittwoch, Juni 21st, 2017

Mein Bot ist immer noch nicht da. Statt dessen weht die schwarze Fahne. Vor meinem Fenster. Dass sie nicht mehr rot ist, habe ich den Wechseljahren zu verdanken. Da wechselt eben so manches, auch die Gesinnung. Das steht schon in Brehm’s Thierleben. Manches, wie die political correctness, krümelt und bröselt hinter der Tapete vor sich hin – dank der dubiosen Bohrmaschine, die der Bot beim letzten Mal hier angesetzt hat. Das alles ging nicht tief genug, wie man an den Löchern in der Wand erkennen kann. Wahrscheinlich hat der Stuhl zum Gang gefehlt. Zum Tiefgang: Auch mit einem beschnittenen Schwanz ist gut Wedeln.

Finsbury Park

Montag, Juni 19th, 2017

Vor Jahren lebten wir in Finsbury Park
dort feilschten wir in den Internetcafès:
“A phonecard for five pounds, please.
Do you sell it for four?”
“You can have it for three.”

Manchmal tanzte jemand
am Morgen auf der Straße.
Drugged.

Einer stellte sich
am Sonntag in der Underground
rückwärts an die Bahnsteigkante:
“Push me, anyone, please push me.”

 

Tiefenrausch

Donnerstag, Juni 15th, 2017

Heut habe ich ein Wort gelernt : von einer Taucherin
Seit sieben Jahren sitze ich : am Grund des Brunnenlochs
Nun tauch ich langsam auf : nur nicht zu schnell

Der Tiefenrausch hat mich erfaßt : ich nehms
Mit Fröschen auf : als wär’n sie Ungeheuer
Seit sieben Jahren quake ich am Grund : hab

Meinen Schwanz im Schlamm
Gewälzt : was ist das für ein Amt
Im Brunnenloch : was ist das für ein Stolz

Welch kleine Welt : ich sah das Meer
Wer holt mich : langsam hoch
damit ich das Bewußtsein nicht verlier

Rettung einer Welt

Donnerstag, Juni 15th, 2017

Nachts, der Sommer sucht seine andere Hälfte, beginnen sie zu arbeiten. In unscheinbarer Umgebung, die übergroßen Brocken porösen Materials auf den Schultern, bahnen sie einen Weg. Sie mögen ein Ziel verfolgen, sie folgen nur ihrer Natur. Arbeiter sind sie in einem Staat, der nicht der Staat der Menschen ist. Ihre Natur besteht darin, Arbeiter zu sein und Arbeiter zu bleiben. Arbeiten, immer weiter, bis sie liegen bleiben. Arbeiten bis zum Umfallen.
Die Nacht hat ihr samtenes Tuch aufgeschlagen. Musikanten kündigen sich an in der Dunkelheit. Es ist eine Musik in porösem Raum. Geräusche blitzen auf und verlöschen, Glühwürmer beleuchten ein unpersönliches Gedächtnis. Die Dunkelheit weiß genau, wohin. Ihr Gestus ist ein demokratischer, wer auch immer in ihr wohnt bleibt unsichtbar. Musikanten dienen der Gottheit, damit Glühwürmchen einen Grund zum Fliegen erhalten: Start- und Landeerlaubnis für die Erinnerung.
- “Immer bleiben die Engel aus am Ende”
- – “In der Zeit des Verrats/ Sind die Landschaften schön.”

Endlich wieder Erbauliches

Dienstag, Juni 6th, 2017

„Du solltest das tragen, was du immer getragen hast, das, worin ich dich, worin wir alle dich kennen gelernt haben. Jetzt ist nicht die Zeit für dich, zu zeigen, dass du auf eine einfache, proletarische Art krank sein kannst.“

Vyvyan hatte die im Schreibpult seiner Tante gefundenen Schriftstücke in Bilder verwandelt, die viel Ähnlichkeit, viel Wesensverwandtschaft mit dem aufwiesen, was man bislang über die messbaren Formen der Ozeanplaneten wusste. Er hatte die floralen, noch irdischen, geometrisch geordneten Formen wie Gummibänder auseinandergezogen, eine tiefe Unterströmung, die sich loslöste und nicht wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückfand. Eduard hatte Passagen über Wasserplaneten hinzugefügt, weil er meinte, man müsse dies erklären. Eduards Ansicht nach musste alles erklärbar sein. Gedehnte Stunden bekamen eine physikalische oder psychologische Gleichung aufgedrängt, fragwürdigen oder verstörenden Bildern unterlegte er den Gedanken, dass es am Grunde aller Strukturen, dass es in all diesen noch unentdeckten Wasserwelten etwas gäbe, das der Struktur entgegenwirkte, sie auflöste. Doch er wusste, die Basis für alle Dinge im Universum war letztlich Struktur. So wie die DNA die Struktur für alle Lebewesen bildete.