Archive for Januar, 2017

Nackt: in Keats lesend, auf dem Sofa

Dienstag, Januar 31st, 2017

Pfeife:
sein Arzt bestätigte
den Verdacht
auf In-
kontinenz
nicht.

Er war
als
Hypochonder
abge-
stempelt.

Ein empfindlicher
Knacks:

mir fiel nichts,
ab-
so-
lut nichts

mehr

ein

zu

 

Wortwortwort

Montag, Januar 30th, 2017

Als Foucaust den
Holocault entdeckte
wurde ihm
schwindelich

Eine neue Genuss?
Soziomos dalitätärä?
Tä-tä-towie-ru
kunst

voll knapp
unter die Haut
des Denkorgans
pro

jizier-t,
ji & jang -
“forever”:
Techno log.i/ie//e
_____________a?

Samstag, Januar 28th, 2017

WEGGEBEIZT vom
Strahlenwind deiner Sprache
das bunte Gerede des An-
erlebten – das hundert-
züngige Mein-
gedicht, das Genicht.

Aus-
gewirbelt,
frei
der Weg durch den menschen-
gestaltigen Schnee,
den Büßerschnee, zu
den gastlichen
Gletscherstuben und -tischen.

Tief
in der Zeitenschrunde,
beim
Wabeneis
wartet, ein Atemkristall,
dein unumstößliches
Zeugnis.

Paul Celan

Sex bei erhöhter Temperatur

Freitag, Januar 27th, 2017

Als es
kälter zu werden
begann:

kälter, da
packten wir
die Koffer,
ließen Eduard,
den Verblüfften, den
Apathischen
allein.

Vyvyan und ich
(wie Lou und René)
in Eduards Wohnung
mit den Dattelpalmen,
den Zwergenhaften

allein:
Sie, die ständig
Wasser brauchten,

Kannen von Wasser,
und Licht
und Wärme

zum Überleben.

Auf der Türschwelle
war der Abschied
lau.

Nun sei es Zeit,
nach Davos zu gehen:

drei Wochen Husten,
ein malender
Bazillenträger,
froh, dass er
verschwand.

Vierona

Freitag, Januar 27th, 2017

Heute sitze
ich nicht
bei Regen
vor dem
Spiegel,

ich habe
die Spiegel
aus dem Haus
verbannt, alle
bis auf einen.

Er zeigt
das Profil.

Schwarz-Weiß,
den Frisier-
umhang der Mutter
schief um die
Schultern, die ergraute
Spitze am Hals
fixiert.

Ich gehe beinahe über-
all, bei Regen,
in den Park,
an den Kanal,
auf die Straße,

ich fürchte, ich
könnte mich
erkälten.

Gedicht

Freitag, Januar 27th, 2017

Wenn da nicht dieses Wort wäre -
es steht immer oben, die Leser
lesen es als erstes -
man könnte glauben, da wäre
nichts.

Denn da ist nichts weiter, nichts
was die vielen Worte
rechtfertigen würde, die so regelmäßig -
ja-ja, nur Druckausgleich -
darum gemacht werden.

Viel Wind um nichts, so fügt es sich
zusammen, dieses eigenartige
etwas, so hartnäckig versteckt
in den Ritzen dazwischen.

Dazwischen aber ist nichts. Und obwohl -
auch obwohl ist dazwischen – ob
wohl dazwischen etwas
zu finden wäre (mir ist nicht
wohl beim Suchen, nicht wohl)
der Wind durch die Ritzen fegt:

immer dasselbe, immer
& nichts
als dasselbe, desselbe

Wortwortwort

27-1-X

Zur politischen Strategie der AFD

Freitag, Januar 20th, 2017

Aus einem Wahlkampfpapier der AFD: “Je nervöser und unfairer die Altparteien auf die Provokationen reagieren, desto besser.”

1. machen Sie auf sich aufmerksam, indem Sie die Farbe auf hell umstellen.
2. lassen Sie Ihr Opfer glauben, es könnte Sie leicht mit dem Finger zerdrücken, aber bleiben Sie starr.
3. hoffen Sie nun, dass es sich um ein naturwissenschaftlich-intellektuelles Opfer handelt, das Sie untersuchen will. Hoffen Sie außerdem, dass es an starker Kurzsichtigkeit leidet und seine Brille abnimmt, um Sie aus unmittelbarer Nähe beobachten zu können.
4. Haben alle 3 Punkte gut funktioniert und Sie sind noch am Leben, gehen Sie zum Angriff über. Springen Sie dem Opfer unmittelbar ins Auge, bohren Sie sich ein und beginnen Sie mit der Eiablage. Sie sind jetzt zweifellos auf der Gewinnerseite im evolutionären Wettkampf. Herzlichen Glückwunsch!

 

Reden wir doch mal über…

Donnerstag, Januar 19th, 2017

…die Rede des Björn Höcke.

Denn hierzu gibt es Bedürfnisse, gesehen in den Kommentaren zum Beitrag “Straight rechts”. Bedürfnissen sollte man nachgeben, alles andere wäre eine Unterdrückung seiner selbst und führt im schlimmsten Fall zu Verstopfungen. Und dann wäre die braune Soße in einem selbst. Das ist nicht schön, also raus damit.

Der Björn Höcke, der übrigens ein beurlaubter Sport- und Geschichtslehrer ist (ja! Geschichte. Fürs Gymnasium.), also der Björn Höcke wollte keine Verstopfung riskieren. Er suchte sich eine kleine Kloake in Dresden (der Osten, wieder mal der Osten) aus, um sich zu entleeren. Oder besser noch: Um seinen Kopf- und Darminhalt (das ist bei Leuten seiner Gesinnung eins) über und in die Köpfe der Anwesenden zu schütten. Und die fanden das klassse, applaudierten, johlten und gröllten. Deutschland, Deutschland. Wir sind das Volk. Und: Höcke, Höcke. Da gab es zwei-drei Claqueure und schon stand das Völklein auf und freute sich! Als der Höcke sagte, dass hier in Deutschland ganz viele kluge Köpfe lebten, die geniale Ideen hatten, da konnte er sie nicht alle aufzählen. Ich auch nicht. Es sind zu viele. Wir hatten ja nicht nur den ollen Goethe. Da war noch der Heine, der Morgenstern und der Karl Marx, die Else Lasker-Schüler, der Adorno und die Arendt. Der Born und der Einstein. Liebermann, Feuchtwanger, Fromm. Tucholsky! Remarque! Mein Gott, so viele…

Und der Höcke meinte, unsere Kinder sollten in der Schule nicht immer so was grausiges über die deutsche Geschichte hören. Die würden ja schon ganz rammdösig werden vor lauter mea culpa. Das wäre jetzt endlich mal gut mit dem Gejammere über das ach so böse Deutsche Reich. Freuen sollten wir uns alle! Das es uns gut geht, das wir stark waren und wieder sind. Und vor allem waren. Also, das wir waren. Das ist überhaupt die zentrale Botschaft des ehemaligen Gymnasiallehrers Björn Höcke: Wir waren mal wer! Und nun werden wir mehr. Und das Mehr kommt übers Meer. Und das will Höcke nicht mehr.

So. Was machen wir nun mit der Rede? Anschauen. Anhören. Rhetorisch übrigens ganz gut gestaltete Rede. Ist eben vom Fach, der Depp. Also der Höcke, der Björn. Ich sag euch: Macht euch darüber Gedanken! Was wollt ihr dem entgegnen? Das sind nicht fünf oder zwanzig Leute. Und die sind leider Gottes auch nicht alle dumm im Hirn. Die sind unter uns. Im Kindergartenbeirat, im Schulverein, auf der Arbeit, in der Hochschule, Straßenbahn, Bus. Im Theater, im Kino. Im Supermarkt, Altenheim… ÜBERALL! Eine schleichende Invasion. Wie Scheißhausfliegen. So. Damit bin ich wieder bei der braunen Soße und der Verstopfung. Alles muss raus. Höckes Dummheit. Meine Antwort.

Streicherlatein

Montag, Januar 16th, 2017

Am Frosch sitzt die
Musik, sage ich dir,
hier hockt die Wirk-
lichkeit, der ganze

Saustall (schon
Mozart hatte so
seine helle Freude).
Da säuseln keine hoch-

gespielten Theoreme:
dicke Luft, Mutter-
sprache, Naturgewalt.
Bärenbändiger, Feuer-

schlucker, einer wie
Oistrach musst du
sein, voll
gegen die Wand. Alles

andere bleibt Finger-
food, Haute Cuisine
ohne Fettgehalt, Sex
aus dem Lexikon,

so’n Cyberscheiß.
Das Trockenfutter,
Ševcík, Schradieck,
diese lebenslange

Folter des Geistes,
die so viele von uns
zum Wahnsinn treibt,
umsonst aufgefiedelt

wenn der Wumms aus-
bleibt: Wer nie den
Bogen überspannt, der
spielt am Leben vorbei.

* * *

Sonntag, Januar 15th, 2017

frau kleist, ihre literarischen qualitäten in allen ehren – doch jedesmal, wenn sie sich in die höhen theoretischen denkens erheben wollen, patschen sie statt dessen gegen die nächste fensterscheibe – zu dicht bei scherings industriegebäude angekommen – oder von der untergehenden sonne geblendet?

Das Testament der Gräfin Ulrike – Kapitel 8

Freitag, Januar 13th, 2017

Das Testament der Gräfin Ulrike, Kapitel 8

Die Gräfin war nicht zufrieden mit ihrer neuen Nichte. Die machte sich nicht nützlich, lag den ganzen Tag in ihrem Zimmer herum, rauchte die kostbaren alten Tapeten voll, und abends zog sie über Marietta und Joshua her oder langweilte mit Gesprächen über irgendwelche Fernsehstars.Nach ihrem Vater, dem Grafen Eduard, kam sie jedenfalls nicht.

Mitunter kamen der Gräfin Zweifel, ob diese Daniela wirklich ihre Nichte war und nicht etwa eine Schwindlerin. Doch die Papiere, die Daniela ihr vorgelegt hatte, waren echt. Sie war in der Tat die Tochter des verstorbenen Grafen Eduard. Dennoch, erst als sie sich überzeugt hatte, dass Daniela Namen aus der weitentfernten Bekanntschaft der Rheinsteins nannte, die der Gräfin schon lange entfallen waren, gab sie ihr Misstrauen auf.

Da musste sie also noch einmal in die Stadt fahren, zu Dr. Wettlinger. Der Gute beschwerte sich nicht, aber ihr entging nicht, dass sein Unverständnis von Mal zu Mal gewachsen war. Das verbarg er hinter einem verbindlichen Lächeln. Aber beschweren konnte sie sich nicht über ihn. Bisher hatte er alle ihre Änderungswünsche prompt und korrekt erledigt.

***

Daniela streifte gelangweilt durch den Schlosspark. Schon von fern sah sie: Der Gärtner Joshua, die stattliche Erscheinung, war mit einem Rhododendronbusch beschäftigt. Sie schlich sich in seinem Rücken heran und hielt ihm die Augen zu. „Wer bin ich?“, fragte sie übermütig.

Joshua versuchte sich Danielas zu erwehren. „Aber Gräfin!“ Er schüttelte den Kopf. Die Nichte der Gräfin benahm sich nicht so, wie sie sollte. Er hatte sich, so gut es ging, immer vom Schloss ferngehalten, niemals hätte er sich jemandem dort aufgedrängt. Aber nun kam die Nichte der Gräfin hierher und versuchte mit ihm anzubändeln.

„Was hast du denn, Joshua?“ Daniela lachte. „Nur nicht so prüde! Wir sind doch alle Menschen! Auch wenn ich eine Gräfin bin! Und du bist schließlich das einzige männliche Wesen hier in dieser Einöde, da kommt eine Frau schon mal auf Gedanken, die …“
Sie sprach ihren Satz nicht zu Ende, sie war wohl zu weit gegangen.

Joshua verbarg seine Gedanken. Er wandte sich brüsk wieder dem Rhododendronbusch zu und ließ Daniela stehen. Die drehte sich auf dem Absatz herum. Dieser Tölpel! Das sollte er büßen! Sie so zu beschämen! Dieser Lakai! Dankbar sollte er ihr sein, dass sie sich überhaupt für ihn interessierte!

***

Baronin Lichterfeld fuhr wieder mal in ihrem Cabrio vor. Wie immer hatte sie es eilig. Marietta war nicht verwundert, als sie sah, dass die nicht mehr junge Frau die Freitreppe hinaufstürmte.

„Ulrike, Liebste!“ Baronin Lichterfeld warf sich der Freundin in die Arme. „Erstaunliches geschieht! Du ahnst es nicht!“

Gräfin Ulrike lächelte, sie kannte das hitzige Temperament der Freundin zu gut. „Wenn du die Güte hättest, meine Liebe, mir anzudeuten, worum es sich handelt?“

„Eine Hochzeit, Ulrike. In meinem Hause! Mein Ältester will sich endlich unter das Joch beugen. Du kommst doch? Ich lass dich abholen. In zwei Wochen! Ach, Ulrike“, die Baronin seufzte. „Eine Sorge bin ich los. Nun muss ich noch die beiden anderen standesgemäß verheiraten. Sei froh, dass du damit nichts zu tun hast! Die Aufregung, nirgends ein Fleckchen, an dem man allein sein kann, überall Pakete und herumliegende Papiere. Und die Leute – schrecklich! Diese vielen Leute! Ich kann dir sagen, alle hoffen, für sie fällt auch etwas ab. Und, Ulrike, bring deine Nichte mit. Sie wird sich freuen, auch mal unter Menschen zu kommen. Ist doch wohl ein bisschen einsam hier für sie, nicht wahr?“

„Einsam? Für Daniela? Daran habe ich noch gar nicht gedacht. – Und du meinst, sie langweilt sich hier? Ich habe sie doch gefragt, ob es ihr hier gefällt, und sie war ganz begeistert. Du meinst, sie hat mir etwas vorgespielt?“

„Das meine ich nicht nur. Es liegt doch auf der Hand: eine attraktive junge Frau der besten Gesellschaft und dieses Monsterschloss! Die einzige Unterhaltung: dich. Eine alte Frau. Und der Gärtner und die Köchin. Glasklar, dass sie sich hier zu Tode langweilt, da muss ich nicht hellsehen können!“

Gräfin Ulrike sah der Freundin sehr nachdenklich ins Gesicht.

„Und mich vergisst du! Jeden Abend sitzt sie bei mir am Tisch. Ich würde gern mal einen Abend allein sein, aber nein – sie kommt und liegt mir in den Ohren. Mal war Marietta zu unfreundlich, mal der Joshua. Und ich glaube sogar, sie will Joshua hinausekeln. Aber eines sage ich dir: Eher trenne ich mich von meiner Nicht als von meinem Gärtner. Joshua, ein Mensch mit goldenen Händen …“

„Siehst du. Du sagst es selbst. Sie legt sich sogar mit deinem Personal an. Ach, Ulrike. Als wir so jung waren, saßen wir doch auch nicht brav wie Pastorentöchter am Ofen. Wir sind zu Bällen gefahren und nachts erst heimgekehrt. Junge Menschen brauchen eben ein bisschen Unterhaltung.“

„Ja, du sagst es. – Ich werde sehen, was sich tun lässt. Vielleicht schicke ich sie heute nachmittag mit Joshua in die Stadt. Er will einen neuen Rasenmäher kaufen, der alte hat endgültig den Geist aufgegeben.“

„Einen neuen Rasenmäher! Was brauchst du einen neuen Rasenmäher? Was sage ich dir seit Jahren, Ulrike? Gib das Schloss auf und zieh in eine kleine Villa in der Stadt. Ist übrigens auch entschieden billiger, falls du mich fragst.“

„Ach, Liebste, liebe gute Freundin. Ich kann mich nun mal nicht trennen von diesem alten Gemäuer, so gern ich es auch täte. Hier habe ich mein ganzes Leben verbracht. Auf meine alten Tage umziehen? In die Stadt? Nein, verlang das nicht.“ Sie schüttelte energisch den Kopf. „Mute mir das nicht zu. Hier habe ich gelebt, hier will ich auch sterben.“

„Dir ist einfach nicht zu raten.“

„Fürs Raten habe ich Dr. Wettlinger.“ Gräfin Ulrike lachte. „Und seine Ratschläge bereiten mir mehr als Kopfzerbrechen. Stell dir vor: Er meint, ich sollte das Schloss nicht dem Kunstverein vermachen, sondern Daniela damit abfinden. Neben einer gehörigen Summe. Natürlich. Sie sei bei ihm gewesen und habe angedeutet, dass sie mit dem Schloss rechne.“

„Dann gibst du ihr eben den alten Kasten! Soll sie damit glücklich werden. Schert es dich, wenn du in der Familiengruft liegst?“

„Aber ich habe das Schloss doch schon dem Kunstverein versprochen. Die Stadt rechnet damit! Wie stehe ich denn da, wenn ich jetzt sage, April, April, ihr könnte eure Ausstellungen weiter in den kleinen Räumen am Markt veranstalten?“

„Du musst wissen, was du tust.“

„Leider. Wir Alten müssen alles wissen und alles richten, und die Jungen machen sich einen schönen Tag. Auf Kosten meiner Nerven.“

Baronin Lichterfeld seufzte. „Wie recht du hast. Wenn ich nur an die Hochzeit denke. Alles ruht auf meinen Schultern. Mein Sohn – vergiss ihn! Der lässt sich bis zur Hochzeit nicht mehr zu Hause blicken. – Aber ich habe es eilig, Liebste. Ich wollte dir nur die kleine Überraschung aus dem Hause Lichterfeld mitteilen.“

Die beiden Freundinnen umarmten sich innig. „Ach, Liebste“, sagte Gräfin Ulrike, „wenn ich doch bloß schon die Augen schließen könnte …“

„Denk nicht daran! Du mit deiner Konstitution wirst hundert Jahre alt. Und deine Daniela wird sich umsehen, wie lange sie auf das Erbe warten darf. Ist dir das keine Genugtuung?“

Hornberg 2017

Freitag, Januar 13th, 2017

Obwohl das Jahr erst angelaufen war, verspürte Andreas Hornberg einen Drang zum Rückwärtsessen.

“society is a hole”

Freitag, Januar 13th, 2017

(hier: o.O. – o.J. – und (zunächst) KonTextFrei)

Sonnige Jugend

Selbsthilfe zuerst

Freitag, Januar 13th, 2017

Ein alter Mann.
Wie’s aussieht, gutsituiert,
keiner von ganz unten. Liegt auf der
Straße. Mitten auf dem Weg.

Peinlich das.
Besser nicht hinsehen.
Was denkt der Alte sich eigentlich?
Hier herumzuliegen?

Ein kurzer Gedanke:
Gestürzt vielleicht. Man müsste
ihm aufhelfen. Ach was, saublöde Idee!
Wozu sind Zuständige da?

Und du tust,
was alle hier tun: Steigst über ihn hinweg.
Du bist nicht gern die Ausnahme.
Wäre doch peinlich.

Schwarzbraune Soße?

Donnerstag, Januar 12th, 2017

von

Am Zaun gibt es keine Klingel, am Briefkasten steht kein Name. Trotzdem wissen alle in der Zehlendorfer Königstraße, im Südwesten der Hauptstadt, wer in dieser Stadtvilla zwischen Tannen und Birken zu Hause ist. Und die Bewohner wollen es auch gar nicht verheimlichen.

Ein Sandweg führt zum Haus, davor drei leere Parkplätze, ein paar Fahrräder neben der Tür. In der Mittagssonne hängt eine Deutschlandfahne von der eierschalenfarbenen Wand. Aus dem zweiten Stock reckt sich eine Terrasse, darüber ein meterhohes Schild in Orange, Weiß, Schwarz. Es ist das Wappen der „Gothia“, einer 1877 gegründeten Burschenschaft, Wahlspruch: „furchtlos und beharrlich“.

Um Burschenschaften im Allgemeinen und die Gothia im Besonderen, gab es zuletzt viel Wirbel. In der Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus halten viele die Gothia für eine gefährliche Melange aus Nationalkonservativen und Rechtsradikalen. Nach monatelangem Druck hat der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit kürzlich ein Gothia-Mitglied entlassen: An diesem Sonntag endet die Amtszeit von Michael Büge. Der CDU-Politiker war bislang Staatssekretär für Soziales.

Büge wollte die Gothia partout nicht verlassen, selbst um den Preis seines Amtes. Warum bleibt ein Politiker lieber in seiner Burschenschaft als in seiner Landesregierung? Was macht das eine wichtiger als das andere? Eine Frage der Ehre? Oder sind Burschenschaften schlicht Karrierenetzwerke, verlässlicher als die Postenverteilung in der Politik?

Burschenschaften waren schon fast in der Versenkung verschwunden

Aus dem Zehlendorfer Verbindungshaus gibt es derzeit keine Antworten. Immerhin war Gothia-Sprecher Thomas Elsholtz, im Hauptberuf PR-Berater, bereit, über den Gesprächswunsch mit seinen Bundesbrüdern zu reden. Ein paar Tage später die Rückmeldung: Der Rummel der vergangenen Monate sei heftig gewesen, man wolle vorerst unter sich bleiben.

Burschenschaften waren schon in der Versenkung verschwunden. Wer ihnen beitritt, ob wegen der Familie, der Überzeugung – Burschenschaften verstehen sich als politische Verbindungen – oder wegen des Studentenzimmers, behält das meist für sich. Seit der Bildungsreform in den 70er Jahren wurde das traditionelle Burschenschaftermilieu bürgerlicher Männer in den Hörsälen kleiner. Arbeiterkinder und Frauen strömten an die Hochschulen. Erst vor zwei Jahren kehrten die Traditionsverbindungen schlagartig ins Bewusstsein zurück. In der Deutschen Burschenschaft – dem Dachverband, dem die Gothia angehört – wurde über die Abstammung eines deutsch-chinesischen Studenten gestritten. Und ein Bonner Burschenschafter erklärte den im KZ ermordeten Dietrich Bonhoeffer zum „Landesverräter“.

(Der Tagesspiegel, 29.06.2013)

Straight Rechts

Donnerstag, Januar 12th, 2017

In B. wolltest du eigentlich feiern

also musstest du nach H.

bereits vor dem Tag eiern.

Die Hinfahrt wurde bereits etwas schwierig

Die Straßen waren leider sehr schmierig

Bei Sturm und bei Kälte kamst du hier an

die Vielfalt der Großstadt zog dich in ihren Bann.

Den Weg zu finden fiel dir sehr schwer

du fuhrst geradeaus und wir sah’n dich nicht mehr.

 

***

Bei Horten.

Wir müssen Dir eine neue Hose kaufen.

Im ersten Stock bei Horten gibt’s Hosen für jedermann.

keine Maßanzüge, keine

Anmassung:

die passen auch Dir.

Königsberg ist meine Heimat

Von der Stange:

Zieh’ das mal an.

Siehst Du, das passt. zieh’ den Bauch etwas ein

hast Du die Spritze dabei.

Die Beleuchtung macht

Zweidimensional

Ihr habe alle kein Nationalgefühl

los zieh das an.

Käsebleich

Mutters Hand auf braunem kort.

Da kriste eine jeklatscht, wennde das nicht machst.

Kabine rein, Hose hoch.

Zuhauseneuehose.

 

Quelle: Diese Texte stammen aus den frühen 80er Jahren, als in der Bundesrepublik sog. “rechtes Denken” unter Jugendlichen wieder in Mode kam – als Gegenbewegung zur alternativen Linken. Der Autor, der in gutem Sinne “Agitprop” genannt werden kann, zieht es vor, anonym zu bleiben. Er hatte sich damals in sogenannnte “Burschenschaftstreffen” eingeklinkt und die Szene dort beobachtet, in seinen eigenen Worten festgehalten. Er zog sich später aus Feigheit zurück und veröffentlichte nie etwas davon. Es ist ihm leider nicht gut bekommen. Er hat nun ein Leberleiden auf der rechten Seite.

https://deref-web-02.de/mail/client/AFRayIKsgvI/dereferrer/?redirectUrl=https%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DviMrSmY78gg

Donnerstag, Januar 12th, 2017

am Dienstag, den 17. Januar 2017, 20 Uhr im Landhaus Dresden (Stadtmuseum, Städtische Galerie), Wilsdruffer Str. 2,
in der Reihe Lesungen im Landhaus // LITERARISCHE ALPHABETE.

Sie liest u. a. aus ihrem Gedichtband “ab und zu neigungen”.

:)

Self-help First

Donnerstag, Januar 12th, 2017

Der alte Mann liegt mitten auf dem Weg.
Wie’s aussieht, gut rasiert und situiert.
Was ist dem armen Kerl denn bloß passiert?
Und hat der denn dafür ein Privileg?

Wie peinlich, geht es dir durchs Hinterhirn.
Das tut man einfach nicht. Was denkt der sich?
O Gott, das ist ja fast schon unmenschlich!
Liegt hier herum in seinem feinen Zwirn.

Wenn man schon mal die Erste Hilfe braucht!
Vom Rettungswagen weithin nichts zu sehn.
Wär wohl das Beste jetzt, man würde gehn,
man fühlt sich von dem Anblick bloß geschlaucht.

Blickst noch mal hin und überlegst dann kurz:
Kein Blut. Ein Unfall kommt nicht in Betracht.
Der liegt in tiefem Schlaf! Bis der erwacht!
Entscheidest dich: Tangiert dich keinen Furz.

Ein kurzes Weilchen stehst du noch herum
und tust dann das, was hier noch jeder macht.
Was soll’s, wen kümmert denn die Niedertracht:
Steigst drüberweg und siehst dich nicht mal um.

Replik zum Nutzen der Kunst

Donnerstag, Januar 12th, 2017

Hallo Rapunzel, was stellen Sie uns denn hier ein? Das Geschwafel, eines bürgerlichen Bildungsprotzes, das noch nicht mal zu einem Prozent wirklich etwas zum Nutzen oder Nichtnutzen der Kunst auf wissenschaftliche Weise sagt. Die Stoßrichtung, obwohl etwas versteckt, ist klar: gegen die DDR. Eine Anhäufung von Gefühlchen, Vermutungen und Diskreditierungen. Die Wissenschaft von der Kunst sieht eben anders aus, als sie sich dieser Olbertz vorstellt. Was er schreibt, entspricht etwa dem Bildungsgrad des Abiturienten mit Auszeichnung eines bundesdeutschen Gymnasiums. Leider nicht mehr. Von einem Herrn, der sich anmaßt, den Titel Professor zu tragen, wird in informierten Kreisen eben etwas mehr als nur dieses kleinbürgerliche Geseire erwartet.

Ich selbst bin der Ansicht, obwohl keine Professorin, dass jede Kunst den Atem der Zeit ausdrückt.
Und wenn die politische Welt nach rechts rückt, rückt auch die Kunst nach rechts. Bekannt ist das Wort Lessings: “Die Kunst geht nach Brot.”, womit ausgedrückt wurde von ihm, dass die Kunst keinen monetären Profit bringt, den sie aber selbst nötig hat, um überhaupt als Kunst existieren zu können.
Wirkliche Kunst dient dem Menschen, sie stärkt das noch in jedem Kind vorhandene humanistische Potential und kann es zur Reife bringen. Nutzlose Kunst ist die, die den gesellschaftlichen Fortschritt in Richtung Humanismus behindert oder gar verhindert. Wenn also der Herr Professor indigniert anmerkt, in der Humboldt-Universität seien noch Reste des sozialistischen Realismus vorhanden, entpuppt er sich als reaktionärer Konservativer, dem es am liebsten wäre, es gäbe nur den reaktionären Konservatismus auf der und sonst nichts. Über die “Erkenntnisse” solcher Herrschaften zu reden ist überflüssig. Man geht zur Tagesordnung über und macht Kunst, die die Menschen menschlicher macht.

Vom Nutzen

Mittwoch, Januar 11th, 2017

Alle Kunst ist völlig nutzlos.

Oscar Wilde. Bildnis des Dorian Gray.

Die Intrigantin (2 Stanzen)

Mittwoch, Januar 11th, 2017

Die Intrigantin (2 Stanzen)

Wem ist solch Frauentyp noch nicht begegnet,
der immer nur das Böse will und intrigriert,
und wenn man dem ein Widerwort entgegnet,
wird es sogleich ins Gegenteil frisiert –
ein übles Weib, dem’s in die Suppe regnet,
das liebend gern die andern kommandiert?
Das kollert nichts als nur gestanztes Blech,
und wem es übern Weg läuft, der hat Pech.

Man sollte diesen Frauentyp schnell meiden.
Man geht ihr aus dem Weg, sofern man kann.
Und ist man klug und außerdem bescheiden,
spürt man im Nu, die mimt hier den Tyrann
und kann nur Stiefelküsser wirklich leiden,
vom selben Schlag, egal, ob Frau, ob Mann.
Wer seine Zeit mit der nicht will vergeuden,
der pflege andern Umgang und in Freuden

Leben spüren

Mittwoch, Januar 11th, 2017

Leben immer nur Traum,
hin zu den Meeren, den Bergen
im Schnee, zum stillen See
in verschwiegener Landschaft,
in die Ebenen weit.

Hier das Häusergrau,
die Hektik des Straßenverkehrs,
das Pseudodasein im Großraumbüro,
die ehernen Marktgesetze,
seltsam fremd fühlst du dich.

Du trittst neben dich,
begreifst das Irrationale des Heute,
dein ungelebtes Leben, bohrend
der Verdacht, dass die Welt
dir etwas vorenthält.

Du vergräbst dich in die Suche,
ahnst etwas von der Größe und der
Kleinheit des Lebens, grübelst
und kommst zu keinem
Ergebnis.

Erst der Schatten
eines herbstlichen Ahornwalds
belehrt dich, und schmerzhaft
erinnerst du dich der Abendsonne, rot
wie deine Sehnsucht ins Freie.

8´ libre

Dienstag, Januar 10th, 2017

Du hast mich mit Jil Sander -
da ich hatte Clandestine Liebe liber -
bestraft wie meine deine wettergöttin wasser
wild -

Dein Jackett war schwarz aus
schwärzer noch als die
Tremoloperlen Lust auf
Schalen Lack
auf der Scheibe -
in Genuss vor dir – tier.

an – aus.

Du hast mich nicht
oft im grünen (wie palmengärten)
geführt, nicht schlenderte ich
so leicht, verlegen war,
Konfetti, Glitzer, Zeit auf Schritt
lang, vor, zurück, kurz, hin-
weg, und weit weiter weit -

schöne marie mit der goldenen scheibe.

pracht du warst die schönste hier
und nicht, aber auch wirklich nicht -s-
jenzeits deiner goldumflorten sonnigen berge
konnte, war, siebenmal haare, ein kreis sein -
aus korn
und kammer

und brei mit löffel drin
gekocht noch schöner
sonor cooler
collar – colour – in unseren an unserem
mund, lippen, augen
brauen und flog schatten,
als mit dir-

du hast dir Jil Sander auf die
Haut gesprüht
als die morgensonne silbern schien
wie eine scheibe, und die laken
an deinen tentaklen
ich vergaß, verzeih, ein halbes,
ganzes bis mittag
mich dahin

über glatten lichten bühnen
dünen nicht aus sand
aus licht waren

goldene worte marie

glutähnlich
rot und golden
nicht von hier nicht vom sand vom wasser
und nicht mehr geschwungen gezogen
nicht die passenden
nicht für deine füße
mit dem eck-zahn-förmi-gen

mintnichten minzegrün
schöner noch als Clandestine
für meine valentin-
-e- liegt komma, koma-
tös – bom-bast-ulös
Jil Sander 6/& Clandestine
ein – ein halb mal
schleife, armreife, umgreife
lieb- liegt- au fond – auf und in der scheibe – liegt –

aufond de

la

bal

let

Au
fond ce

sont deux langues
différentes

en tout

Rapunzels Pläsier

Dienstag, Januar 10th, 2017

Sie reden viel zu viel, meist über nichts.
Da staut sich irgendwas, das muss jetzt raus!
Das reißt den Schnabel auf, hofft auf Applaus
von wegen seines innern Gleichgewichts.

Sie sind aufs viele Reden schwer erpicht,
begeistern sich wie wild an dem Erguss
und wissen selber doch, es ist bloß Stuss.
Egal, Sie sind gemacht fürs Rampenlicht.

Es klingt so schön, sie hören selbst sich zu,
sind auch noch ausgesprochen sattelfest,
wenn schon der letzte Hörer Sie verlässt.
Doch schweigen – nein, das ist für Sie tabu.

Dienstag, Januar 10th, 2017

Nun wäre es ja mal nach etlichen Rezepten, Binsenweisheiten und Zitaten angebracht, wenn Sie mal in Ihrer Inspiration graben und ein, zwei selbstgeschöpfte Sätze von sich geben würden, Verehrteste. Oder fühlen Sie sich dazu nicht in der Lage, hat es Ihnen die Sprache verschlagen? Wäre schön, hier würden einige aufatmen können.

Dienstag, Januar 10th, 2017

Du hast die Kommentare feige deaktiviert. Aber ich möchte dir trotzdem mitteilen, verehrte Rapunzel, dass du völlig recht hast: Was du hier einstellst, das ist profan. Und ich füge hinzu: Ausgerechnet Sie haben es nötig, Verehrteste, hier über Profanität zu schwatzen. Sie haben doch alles getan, dass dieser Blog profan wurde! Sie sollten sich schämen für diese bodenlose Heuchelei!

Da war doch was

Dienstag, Januar 10th, 2017

Wie nichts fällt uns die Zeit so durch die Hände.
Man blättert den Kalender um und staunt:
Schon wieder ist ein ganzes Jahr zu Ende!
Man denkt ans Geld und ist gleich mies gelaunt.

Es wird sortiert, die mürben Fetzen fliegen,
man macht im Lebenshause Inventur.
Den großen Rest, den lässt man besser liegen -
so ist der Mensch in seiner Grundstruktur.

Dann blickt man in die Politik und schauert.
Der eingelatschte Stiebel triumphiert.
So mancher fragt, wie lange das noch dauert,
doch oben wird jetzt tapfer durchregiert.

Wer keine Bleibe hat, lebt unter Brücken,
der ist die Sorgen mit der Miete los,
schleppt seine Last des Lebens auf dem Rücken,
genießt die deutsche Freiheit ohne Moos.

Die Alten lässt man in der Suhle liegen,
die merken nichts mehr, die sind ohne Wert.
Die mümmeln bloß von längst vergessnen Kriegen
und wie es war an Mutters Küchenherd.

Wir andern aber trösten uns mit Hoffen,
vertrauen treu auf Gott und die Regierung.
Ein wenig, weiß man, bleibt da immer offen,
doch braucht man das als eigne Selbstgarnierung.

Nun ja, dies Jahr ist uns nun auch gestorben.
Wie alles, das sich nicht sehr lange hält.
Das hat der böse Putin uns verdorben.
Und doch, noch hält sie ja, die Erdenwelt.

Reisen bildet eben doch

Dienstag, Januar 10th, 2017

Vorausgesetzt, er hat ein bisschen Geld,
das leider, leider nicht vom Himmel fällt,
dann kommt der Deutsche ziemlich weit herum:
Er reist. Und dafür legt er sich fast krumm.

Gesamtdeutsch reist er durch die ganze Welt.
Die Mauer weg, die man ihm hingestellt.
Ihm blieb bloß Ungarn, was für eine Schmach!
Wobei es ihm recht oft an Geld gebrach.

Heut so wie jedermann schwimmt er in Geld,
heut reist und reist er um und durch die Welt.
Heut kann er reisen, und das Herze lacht,
das Reisen ist ihm eine Himmelsmacht!

Der Deutsche ist recht gerne ein Tourist.
Und muss es sein, ist er auch Alpinist.
Doch ach – sein Thailand, wo er neulich war!
Dort war bereits er mehrmals auffindbar.

Genau weiß er, wie’s auf Mallorca schmeckt,
dort hat er manches Herzchen abgeschleckt.
Der Strand ist seiner, ist doch sonnenklar!
Demnächst fliegt er bestimmt nach Miramar.

Nur auf Tahiti war er bisher nicht.
Steht im Kalender, echte Mannespflicht!
Muss sich mal wieder in Paris umsehn,
die Stadt ist ja so wunder-, wunderschön!

Paris ist unter Städten sein Olympia,
und ausnahmsweise liegt es günstig nah.
Und was das Essen angeht: Exklusiv!
Davon schwärmt er gewaltig positiv.

Das nimmt dem Manne keiner: Er kommt rum.
Bloß, manchmal wird’s ihm einfach doch zu dumm.
Denn fragt man ihn, was in der Welt er sah,
dann winkt er ab, meint mies gelaunt: Aaa-ha!

Amtliches

Montag, Januar 9th, 2017

Ich kenn ein Haus, das hat so viele Fenster.
Wer reingeht, wird stracks von der Welt verdammt.
Dort hausen schreckliche Papiergespenster -
Sie ahnen’s schon: Es ist das Arbeitsamt.

Die oben sagen: Prima Arbeitslage!
Weshalb das Amt auch meistens überfüllt.
Das kommt, das weiß man ohne Gegenfrage,
weil man dort alle Wünsche eifrigst stillt.

Nicht oft genug kann man das Amt nur loben.
Wer rauskommt, hat die Stelle schon in petto,
er schwenkt Bescheide freudig hocherhoben
und summt ein Hoheliedchen im Larghetto.

Auch ist Hartz IV Millionen eine Wohltat,
wenn’s mit der Stelle nicht gleich klappen tut.
Laut Grundgesetz herrscht hierorts der Sozialstaat
mit allem Drum und Dran und absolut.

Wer jetzt noch meckert oder Aufstand predigt,
der ahnt nicht, wie das Arbeitsamt ihn hebt.
Der ist für Wohlstandsbürger glatt erledigt,
der hat für die doch fast umsonst gelebt.

Das Testament der Gräfin Ulrike, Kapitel 7

Montag, Januar 9th, 2017

Kapitel 7

Ein Taxi fuhr vor dem Schloss vor. Eine junge, sehr schlanke Frau entstieg ihm, einen Handkoffer als Gepäck, das blonde Haar hing ihr strähnig über die Schulter. Marietta stand vor der Schlosstür und beobachtete die Angekommene skeptisch. Eine Nicht der Gräfin?
Gewöhnlich, dieses Weib war ordinär, entschied sie. Instinktiv fühlte sie Abneigung gegen die Besucherin.

„Willst du mir nicht den Koffer abnehmen?“ Daniela, denn um sie handelte es sich, war wütend: Die Gräfin nirgends zu sehen, dafür eine Dienstmagd als Empfangsdame. Ein schöner Empfang! „Wo ist denn die Frau Gräfin?“, fragte sie aufgebracht. „Ich habe ihr doch geschrieben, dass ich komme!“

Marietta musterte schweigend den Gast. Ein billiges Kostüm, abgetretene Pumps, ordinäre dicke Ohrringe. Irgendwas gefiel ihr auch an dem Gesichtsausdruck Danielas nicht. Ihr Urteil stand fest: Mit der ist nicht gut Kirschen essen.

***

Gräfin Ulrike warf einen prüfenden Blick auf die unbekannte Nichte, die am Tisch Platz genommen hatte. „Du bist also Daniela, die Tochter meines Cousins Eduard. – Mein Beileid“, fügte sie hinzu. „Damals habe ich deinen Vater sehr gemocht. Aber das ist lange her. Seitdem haben wir uns nicht wiedergesehen. – Aber nun bist du statt seiner gekommen, Kind“, fügte sie freundlich hinzu.

„Tante Ulrike, ich habe doch nur noch dich auf der Welt.“ Daniela betupfte sich mit einem nicht mehr ganz sauberen Taschentuch die Augen.

„Komm her, Kind.“ Die Gräfin zog die Nichte an sich. „Es ist traurig, wenn man so allein in der Welt steht, ich weiß. Ich kann deine Tränen sehr gut verstehen. Erzähl, wie lebte dein Vater? Und deine Mutter? Sie lebt wohl auch nicht mehr?“

„Meine Mutter war die geborene Baronin Altstetten, sie ist gestorben, als ich drei Jahre alt war. Vater hat unser Schloss verkaufen müssen, und wir haben in der Stadt gelebt, in einer sehr engen Wohnung, eher einer Kammer, Tante Ulrike!“

„Ach, Kindchen, da ist dir ja schon in jungen Jahren sehr viel Leid begegnet“, sagte die Gräfin mitfühlend. „Aber jetzt“, sie blickte zur Tür, die einen Spalt offenstand – „jetzt bleibst du bei mir, solange es dir gefällt. Und dass du einmal meine Haupterbin sein wirst, wird dich nicht verwundern, das ist dir sicher bekannt?“

Danielas Augen leuchteten einen kurzen Moment auf. Der Gräfin entging es nicht.

„Marietta!“, rief sie. „Stell mal etwas auf den Tisch. Meine Nicht Daniela wird nach ihrer Reise ausgehungert sein.“

Marietta trat durch die Tür mit verräterisch roten Wangen. „Wir haben nur noch Braten von gestern“, sagte sie unwirsch.

„Nun, dann bringst du den Braten von gestern.“ Die Gräfin lächelte. „Was stehst du noch herum? Daniela fällt mir noch in Ohnmacht vor Hunger!“

Marietta verschwand. Die Gräfin wandte sich wieder ihrer Nichte zu. „Marietta ist altes Schlossinventar, ihre Mutter hat schon den Eltern meines Mannes gedient. Eine Dynastie von Köchinnen. Ein bisschen neugierig, aber das“, die Gräfin lachte hell auf, „sind wir alten Frauen alle. Ich würde gern wissen, Daniela, wie du dir die Zukunft vorstellst. Gibt es jemandem in deinem Leben, der dir nahesteht?“

Daniela antwortete nicht sofort. Zögernd sagte sie dann: „Im Moment nicht. Aber ich denke durchaus daran, nicht allein zu bleiben, Tante Ulrike. Ich hoffe, mit deinen Beziehungen zu den ersten Familien eine gute Partie finden zu können. Einen Gatten, der auch in diesem Schloss …“

Die Gräfin fiel ihr ins Wort: „Damit wird es wohl nichts werden. Ich stehe in Verhandlungen, das Schloss zu veräußern, Daniela. In diesen Mauern werden nach meinem Tode nur noch die Mäuse und der Kunstverein nisten. Du musst dich schon nach einem anderen Quartier umsehen, so leid es mir tut.“

„Ach“, Daniela blickte zum ersten Mal der Tante ins Gesicht, „das habe ich nicht gewusst, ich dachte …“

„Du bist und bleibst, wenn alle deine Papiere stimmen, die du mir noch vorlegen wirst, meine Nichte und Haupterbin. Aber mit dem Schloss, versteh mich, habe ich anderes vor. Halb und halb habe ich es dem Kunstverein bereits übergeben.“

Daniela schoss einen unfreundlichen Blick auf die Gräfin. „Natürlich“, beeilte sie sich zu sagen, „natürlich, Tante Ulrike, das Schloss gehört dir, ich habe mich da nicht einzumischen.“ Der Gräfin entging das verdrossene Gesicht Danielas nicht.