Archive for November, 2016

Getuscht

Mittwoch, November 30th, 2016

Da ist was
im Busch:
ein Strolch?
Erwuscht!

Jesus, deine Höflichkeit

Dienstag, November 29th, 2016

Wer einst die Höflichkeit erfunden hat,
war Jesus, steht doch in der Bibel drin:
„Haust du mir auf die Backe, halt ich glatt
dir auch noch gleich die andre Backe hin!“

Vergiss die Höflichkeit dabei nicht gleich,
sag: „Bitte sehr! Bediene dich, mein Bester!“
Verbuchst du als dein Plus fürs Himmelreich.
Der andre haut dann auch ein bisschen fester.

An diesem Beispiel kann man gut studieren,
wie vorteilhaft die Höflichkeit doch ist.
Wohl keiner braucht sich deshalb zu genieren.
Und notfalls wird er eben Masochist.

Sonntag, November 27th, 2016

Wenn er seinen Verstand gebrauchen sollte, so war es ihm, als wenn jemand, der beständig seine rechte Hand gebraucht hat, etwas mit der linken tun soll.
Georg Christoph Lichtenberg, Sudelbücher, S. 40

Kommentarfunktion_Der Mann__Endlich allein

Samstag, November 26th, 2016

Der Schlafbursche oder: Wie ein Mann zum erstenmal seine Frau verabscheut

Sie ist ein Scheusal. Was nur hatte er all die Jahre an ihr gefunden? Er schaltete den Fernseher ab. Die da auf der Mattscheibe hörte auf sich zu rekeln. Seit er seine Kinder in den Zug gesetzt hatte, begann ein Jüngerer durchzubrechen in ihm. Die Bierflasche stand ungeöffnet auf dem Tisch.
Seit seiner Frau im Zorn dieser folgenschwere Satz unterlaufen war, der ihn von jetzt auf gleich degradierte, entwaffnete und ihn all seiner Ehrenzeichen beraubte, war er nicht mehr Herr seiner selbst. Er saß teilnahmslos auf der Couch, die Couch hüllte den Hintern ein mit der ganzen, dämlichen Bequemlichkeit eines gepolsterten Sitzmöbels, und er, einst Proletarier von Gottes Gnaden, ja zeitweise sogar Sieger der Geschichte, kämpfte. Gegen einen unsichtbaren Feind. Wollte nun nicht mehr kämpfen.
Sie hatte sich zu Susi abgesetzt. Ihrer alten Freundin Susanne, die sich immer schon hin und wieder über ihn lustig gemacht hatte, die dann und wann unversehens bei ihnen aufkreuzte und mit ihrer Art zu lachen in der Lage war, alle Argumente beiseite zu schieben bis auf das letzte. Abschied.
“Was soll ich denn noch mit dir?”
Ihn fröstelte unmerklich. Er sah die Dämmerung hinter der Scheibe und wusste nicht: Ist das der Morgen? der Abend? Er wusste, dass er bald sterben würde. Seit ihn zum erstenmal dieser Schneesturm wie ein innerer Wind in Gegenden, die noch keines Menschen Blick auch nur berührt, durchzogen hatte, ahnte er die Bedeutung einer Rede, die ihm nun so menschlich erschien wie alles Unmenschliche.
Jenseits.
Vorhin noch hatte er an der menschenleeren Kreuzung auf Grün gewartet. Lächerlich. Aber die zur Gewohnheit geronnene Disziplin der ersten Nachkriegsjahre war ihm heilig. Flucht. Er hasste seit je unklare Verhältnisse. Aber er war nun auf der Flucht. Und seit das letzte gepixelte Zucken aus dem Innern der Bildschirmfläche dort drüben verschwunden war, wusste er das.

Endlich allein

Samstag, November 26th, 2016

Der Bahnsteig hatte sich geleert, vorn wurde gepfiffen, der Zug ruckte an und glitt hinaus in die Nacht. Ein Mann, nicht mehr jung, blickte ihm nach, bis die Schlusslichter zu einem einzigen glühendroten Punkt verschwammen.

Der Kiosk hatte noch geöffnet. Der Mann kaufte eine Schachtel Zigaretten und stand dann noch eine Weile auf dem Bahnhof herum. Er steckte sich eine Zigarette an und lief gemächlich zur großen Treppe, die in den unterirdischen Bahnhof mit seinen S-Bahnsteigen führte.

Es war ein unauffälliger Mann. Er hatte etwas von einem anständigen Arbeiter an sich, der seinen Kindern die Eigentumswohnung schuldenfrei übergeben wollte und deshalb alle Demütigungen im Betrieb auf sich nahm. Jemand, der ihn von weitem sah, dachte: Ein grauer Mann. Alles war grau an ihm: der Mantel, das nicht mehr ganz volle Haar, die Blässe des Gesichts im Schein der Bahnhofsbeleuchtung.

Ein langer Tunnel führte zur Hauptstraße, schwach von Neonlicht erhellt. Die Schritte des Mannes hallten von den graffitibeschmierten Kachelwänden wider. Dass er müde war, bemerkte er, als er die steile Treppe zur Straße hinaufstieg. Jeder Schritt ein Sieg über sich selbst. Die Straße empfing ihn wie einen, den sie nicht erwartet hatte: windig und kühl.

Noch auf ein Bier, dachte der Mann. Prüfend warf er einen Blick in das kleine vietnamesische Imbisslokal an der Ecke, das erst seit kurzem geöffnet hatte. Es war fast leer. Zwei Halbbetrunkene verdeckten den Tresen, hinter dem der Mann einen jungen Vietnamesen bemerkte, mit dem Spülen von Gläsern beschäftigt. Er war schon an der Tür, als er sich anders entschied.

Der Mann war auf dem Weg zu seiner Wohnung in einer der Seitenstraßen. Dass er auf das Bier verzichtet hatte, mochte Gründe haben, er dachte nicht darüber nach. An der menschenleeren Kreuzung wartete er. Lächerlich, dachte der Mann, nachts an der Ampel warten. Aber er wartete, er hielt viel von Disziplin, auch wenn sie jetzt niemandem auffallen mochte. Vielleicht saß irgendwo jemand vor einem Bildschirm mit der Kreuzung, beobachtete ihn und war es zufrieden, dass er auf Grün wartete. Er sollte nicht enttäuscht werden, nicht von ihm.

Es war eine Flucht. Er hasste solche unklaren Verhältnisse. Aber es war eine Flucht.
Auf dem Bahnhof war er aus seiner Familie geflohen. Aus einer Familie, die er nicht mehr wollte und die er verabscheute. Nicht ganz richtig, dachte er, nicht die gesamte Familie, nicht den Sohn und die Tochter, nur seine Frau. Er hatte sie in den Zug gesetzt, um Ruhe zu haben, vielleicht zwei Wochen lang, so lange würde sie sich bei ihren Eltern mit den Kindern aufhalten können. Und er hätte seine Ruhe, nichts als Ruhe.

Am besten wäre es, er reichte die Scheidung ein. Die Kinder, noch zu jung, um Mitleid mit ihm zu empfinden, aber schon zu alt, als dass sie nicht begriffen, gehörten zur Mutter. Er wusste nicht, ob er den Jungen noch liebte, sicher würde er zur Mutter halten. Anders die Tochter. Er sei ihr Lieblingspappi, hatte sie geschmeichelt. Aber das war schon egal, und wenn er ehrlich zu sich selbst war, wusste er, dass er kein Vater war, nicht mehr ihr Vater, sondern nur noch der Schlafbursche, dem die Wäsche gewaschen und das Essen vorgesetzt wurde. So hatte ihn seine Frau angefahren, er hatte ihr wutverzerrtes Gesicht noch vor Augen.

Ausgelaugt war er vor zwei Wochen von der Arbeit gekommen, alle müssten heute eine Stunde länger arbeiten, hatte der Chef kurz nach der Mittagspause gesagt. Es war spät geworden, schon halb acht. Die Frau empfing ihn an der Wohnungstür: „Schön, dass du endlich kommst! Dein Sohn hat heute die Schule geschwänzt und sich rumgetrieben! Zeit, dich mal um die Familie zu kümmern! Auf mich hört er ja nicht!“

Er hatte nur abgewehrt: „ Lass mich erst mal heimkommen. Ich knöpf mir den Burschen vor!“

Sich den Burschen vorknöpfen – er hatte keine Ahnung, was er dem Jungen außer das Übliche sagen sollte. Alles war aus den Fugen, seit sich die Verhältnisse geändert hatten.

Nachdem sein Betrieb damals, 1990, an einen westlichen Investor verkauft worden war, wurde die gesamte Belegschaft entlassen. An der Stelle, wo seine Produktionshalle gestanden hatte, gähnte heute eine unkrautüberwucherte Brache. Lange war er arbeitslos gewesen, bis ihm vom Amt die Hilfsarbeiterstelle in einem Metallbetrieb angeboten worden war, die er dann ohne lange Überlegung angenommen hatte. Aber das Geld. Es war zu knapp für vier Köpfe, die Frau tat ja in der Küche, was sie konnte, klagte aber ständig darüber, dass es anderen Leuten besser ging. Immer unleidlicher war sie geworden. Am Ende warf sie ihm vor, dass er selbst schuld gewesen sei, dass man ihm nur diese Hilfsarbeiterstelle angeboten hatte. Bei seiner Ausbildung und mit dieser Berufserfahrung! Er musste ja gleich zupacken, statt auf was Anständiges zu warten. Nein, seine Frau verstand nichts. Selbst hatte sie es schon lange aufgegeben, sich einen Job zu suchen, jetzt lastete alles auf ihm. „Dem Ernährer“, sagte sie vorwurfsvoll.

Und als sie ihm dann mit dem Schlafburschen kam, rastete er aus: „Du willst die Scheidung? Kannst du haben! Für mich allein reicht mein Lohn gerade! Das bisschen Unterhalt für die Kinder kratze ich auch noch zusammen!“

Er wusste nicht, wann sie das letzte Mal in sein Bett gekrochen war. Musste lange her sein. In diesem Moment fand er seine Frau hässlich, und er fragte sich, welcher Teufel ihn damals geritten hatte, ausgerechnet sie zu heiraten.

Ja, Scheidung. Wäre am besten. Aber woher das Geld für den Anwalt nehmen? Als er laut darüber nachdachte, war die Frau empört gewesen: „Da tut und macht man, was nur geht, verzichtet auf alles, jetzt, wo es alles gibt, sieh dich doch um, ich brauche auch mal einen neuen Pullover, und die Kinder haben auch Ansprüche! Aber du? Du kommst abends nach Hause und bist müde. Und das Geld reicht nicht hinten und vorne. Was soll ich noch mit dir?“

Das letzte hätte sie nicht sagen dürfen. „Also Scheidung“, hatte er wütend erwidert. „ Du willst sie?“

Einen Moment hatte sie gestutzt. „Auf keinen Fall“, sagte sie dann betont ruhig. “Meine Einwilligung in die Scheidung behalte ich mir vor. Das hängt von der Höhe des Unterhalts ab, mein Lieber.“

Es war das längste Gespräch, das sie in letzter Zeit miteinander geführt hatten. Er hatte seine
Müdigkeit, seine Verlassenheit in diesem lächerlichen Zustand, den sie noch immer ihre Ehe nannte, nicht erwähnt. Sie hätte ihn ausgelacht. Sie verstand nichts. Wenn die Ehe noch eines war, dann war sie absurd.

Der Mann hatte sein Haus erreicht, ein Berliner Mietshaus mit Vorder- und Personaleingang. Er nahm den Personaleingang und stieg die drei Treppen hinauf, bemüht, leise aufzutreten, damit die Nachbarn hinter den Türen nicht aufmerksam wurden. Die Treppe hatte einen roten Kokosläufer, seit das Haus privatisiert worden war. Der Mann stolperte immer auf derselben Stufe. Wie jedesmal, fluchte er auch heute nacht. Dann fluchte er, weil er zu laut geflucht hatte.

Als er den Flur betrat, fühlte er sich frei. Es war eine Freiheit, die nicht lange währen würde, er musste sie auskosten. In der Küche roch es nach Basilikum, das seine Frau auf dem Fensterbrett züchtete. Der Duft war ihm angenehm. Aber dann fiel ihm ein, dass auch dieses Kraut ein Teil seiner Frau war, und er nahm die beiden Töpfe und warf sie in den Mülleimer.

Im Wohnzimmer schaltete er den Fernseher ein und suchte lange nach einem Programm. Endlich fand er einen Sender, der ihm zusagte. Eine Frau, nur mit einem Pullover bekleidet, den sie über die Brüste gezogen hatte, saß breitbeinig in einem Sessel, und der Mann hoffte darauf, dass die Kamera länger auf der Frau weilen würde, aber sie schwenkte ab auf das Gesicht der Frau. Das Frauengesicht schien ihm zu raffiniert, zu ausgekocht, ihn interessierte nicht mehr, welche obszönen Verrenkungen die Frau auf dem Bildschirm noch anstellen würde. Er schaltete den Fernseher ab.

Die Zeitung lag an ihrem Platz neben dem Fernseher. Er suchte die Seite mit den kleingedruckten Anzeigen, fuhr mit dem Zeigefinger über sie hin, blieb dann an einer hängen: Swetlana. Der Name gefiel ihm.

Es war nichts los. Die Nacht war schon angebrochen. Morgen, nahm sich der Mann vor. Er würde sehr lange duschen und sehr lange frühstücken und dann ans Telefon gehen. Morgen, sicher erst mittags. Wir werden sehen, sagte er sich.

Überarbeitet: 24.11.16

Apropos, was ich sagen wollte

Freitag, November 25th, 2016

Der Mensch regt sich oft über gar nichts auf,
braucht einfach einmal einen Kontrapunkt.
Dann wird er keck; mit Verve und Geschnauf
wirft er sich in die Schlachten, dass es funkt.

Dort steht er gar nicht gern alleine da.
So sucht er sich Verstärkung, findet sie,
vermeidet Aufruhr nicht und nicht Eklat,
und hin ist selbst die schönste Harmonie.

Verleumdet seine Feinde, wo er kann.
Da ist er ausgesprochen anspruchsvoll.
Er glaubt am Ende auch noch selbst daran
und fühlt sich mausewohl in seinem Groll.

Er kann nicht anders, hat es “im Gefühl”,
er weiß, er hat das beste Argument.
Und falls mal nicht, dann setzt er aufs Kalkül –
er ist, man sieht’s, in seinem Element.

Das ist von ihm gewiss kein schöner Zug.
Was soll man tun, so ist die Welt nun mal,
voll Infamie, Gemeinheit und Betrug.
Das ist, so scheint es mir, ihr Muttermal.

Steckrübeneintopf II

Freitag, November 25th, 2016

Den Dichter kommt das holde Dichten an.
Ein bissel dies und das, nur bissel dichten,
mehr will der Dichter nicht, der brave Mann,
will ernst sein ernstes Tagewerk verrichten.

Noch ahnt er nicht, wovon er heute schreibt.
Die Wände schweigen, und es schweigt die Muse.
Er stutzt: Wo heut denn nur die Muse bleibt?
Verzweifelt ruft er nach der Frau, der Suse.

Die Hausfrau kommt, der erste Vers, er steht.
Wie aber, liebe Suse, geht’s nun weiter?
Er fühlt, dass ihn der Muse Hauch umweht,
und plötzlich ist der Dichter fast schon heiter.

Ihm ist, als schriebe es von selbst aus ihm,
es strömt der Vers ihm in die Dichterfeder,
er spürt den Flügelschlag des Cherubim,
und gar gewaltig zieht er jetzt vom Leder.

Dann hält er inne, und es schweift sein Blick
aufs Werk, das ihm, Gott weiß, wie nie gelungen.
Er staunt: Das heute ist sein Meisterstück!
Nie haben seine Verse so geklungen.

Doch eine Stimme tönt: Wo bleibt der Geist?
Er lauscht in sich hinein und in die Stille,
gebrochen nunmehr, elend und verwaist.
Wie unergründlich doch der Musen Wille!

Lass ab, du Leser, such nicht nach dem Sinn,
welch Dichter hat noch etwas zu verkünden?
Wohl liegt in seinem Werk kein Geist mehr drin,
doch suche nur, vielleicht wirst du ihn finden.

Paar Zeilen November

Freitag, November 25th, 2016

Nun ist es kühl, und vorerst wird’s nicht wärmer,
die Welt wird grau, und grau wird’s im Gemüte.
Der letzte Sommer ist kaum mehr als Mythe,
und man bedauert sich, man fühlt sich ärmer.

Und packt sich ein, man steht auf Winterjacke
und stiefelt durch das feuchte Laub zu Füßen,
denkt sich: Naja, der Winter lässt schon grüßen!
bei jeder noch so lütten Windattacke.

Das Jahr wird langsam, aber sicher müde.
November ist’s, man sieht es an den Bäumen,
man wärmt sich resigniert an warmen Träumen.
Und winkt dann ab mit stiller Attitüde.

Waldstück

Mittwoch, November 23rd, 2016

Irgendwann hatte er aufgehört,
die Hütte zu streichen. Sie begann

mit dem Netzwerk der Spinnen
zusammenzufallen. Im Bauch seiner Wandergitarre

nisteten sich Vögel ein
(die brüchige Geige: zu klein).

Der neue Nachbar mähte
und dachte sich seinen Teil.

Kinderfeste und leuchtende Nächte
waren lange vorbei – ihr Spiritus Rector

ging zu früh schon zu weit.
Rosen schossen

ins Kraut, wo sich Bohnen und Schoten
einst Beete teilten. Die Brennesseln

rannten die Zäune ein.
Der letzte Sturm lichtete

die Weide, ein Eichhörnchen flitzte
an ihrer Seite. Moos

tränkte die Luft, zwei Libellen
schwirrten blind miteinander

vorüber. Der Kuckuck rief
nicht nach ihm: Es war Zeit,

noch ein bisschen zu bleiben.

Angebrochener Morgen

Mittwoch, November 23rd, 2016

Wie traurig im Regal der Wecker tickt,
das Ticken hat so was von Stetigkeit.
Ist ja, so scheint es dir, beinah verrückt:
Pro Tick ein Quäntchen deiner Lebenszeit.

Blass starren dich die Zimmerwände an,
der Morgendämmer kommt ganz leis herein.
Der Wecker tickt, der kleine Mordstyrann,
und von der Lampe her ein blasser Schein.

Von draußen nur sehr schwach ein Laut,
du hörst, der Fahrstuhl setzt sich in Betrieb.
Dir kriecht ein Grieseln über deine Haut:
Der Wecker tickt, der sture Zeitendieb.

Der einsame Mann

Dienstag, November 22nd, 2016

Der Bahnsteig hatte sich geleert, vorn wurde gepfiffen, der Zug ruckte an und glitt hinaus in die Nacht. Ein Mann, nicht mehr jung, blickte ihm nach, bis die roten Schlusslichter zu einem einzigen glühenden Punkt verschwammen.

Der Kiosk hatte noch geöffnet. Der Mann kaufte eine Schachtel Zigaretten und stand dann noch eine Weile auf dem Bahnhof herum. Er steckte sich eine Zigarette an und lief gemächlich zur großen Treppe, die in den unterirdischen Bahnhof mit seinen S-Bahnsteigen führte.

Es war ein unauffälliger Mann. Er hatte etwas von einem kleinen Angestellten an sich, der seinen Kindern die Eigentumswohnung schuldenfrei übergeben wollte und deshalb alle Demütigungen im Amt auf sich nahm. Jemand, der ihn von weitem sah, dachte: Ein grauer Mann. Alles war grau an ihm: der Mantel, das nicht mehr ganz volle Haar, die Blässe des Gesichts im Schein der Bahnhofsbeleuchtung.

Ein langer Tunnel führte zur Hauptstraße, schwach von Neonlicht erhellt. Die einsamen Schritte des Mannes hallten von den graffitibeschmierten Kachelwänden wider.

Dass er müde war, bemerkte er, als er die steile Treppe zur Straße hinaufstieg. Jeder Schritt ein Sieg über sich selbst. Die Straße, es war eine breite Straße mit vier Fahrbahnen und einem begrünten Mittelstreifen, empfing ihn wie einen, den sie nicht erwartet hatte, gleichgültig, mit sich selbst beschäftigt, im Halbschlaf.

Noch auf ein Bier, dachte der Mann. Prüfend warf er einen Blick in das kleine Imbisslokal an der Ecke, das erst seit kurzem geöffnet hatte. Es war fast leer. Zwei Fastbetrunkene verdeckten den Tresen, hinter dem der Mann einen Vietnamesen bemerkte, mit dem Spülen von Gläsern beschäftigt. Er war schon an der Tür, als er sich anders entschied.

Der Mann war auf dem Weg zu seiner Wohnung, einer leeren Wohnung, in einer der Seitenstraßen. Dass er auf das Bier verzichtet hatte, mochte Gründe haben, er dachte nicht darüber nach. An der menschenleeren Kreuzung musste er warten. Lächerlich, dachte der Mann, nachts an der Ampel warten. Aber er wartete, er hielt viel von Disziplin, auch wenn sie heute nacht niemandem auffallen mochte. Vielleicht saß irgendwo jemand vor einem Bildschirm mit der Kreuzung und war es zufrieden, dass die Ampel funktionierte. Er sollte nicht enttäuscht werden, nicht von ihm.

Es war eine Flucht. Er hasste es, sich verstecken zu müssen. Aber es war eine Flucht.
Heute nacht war er aus seiner Familie geflohen. Aus einer Familie, die er nicht mehr wollte und die er verabscheute. Das war nicht ganz richtig, er verabscheute nicht die gesamte Familie, nicht den Sohn und die Tochter, er verabscheute nur seine Frau. Er hatte sie auf die Bahn gesetzt, um Ruhe zu haben, vielleicht zwei Wochen lang, so lange würde sie sich bei ihren Eltern mit den Kindern aufhalten können, ohne dass sie Verdacht schöpften.

Er hatte die Scheidung eingereicht. Die Kinder, noch zu jung, um Mitleid mit ihm zu empfinden, aber schon zu alt, als dass sie nicht begriffen, gehörten zur Mutter. Er wusste nicht, ob er den Jungen liebte, sicher würde er zur Mutter halten. Anders die Tochter. Er sei ihr Lieblingspappi, sagte sie. Aber das war schon egal, und wenn er ehrlich zu sich selbst war, wusste er, dass er kein Vater war, nicht mehr ihr Vater, sondern nur noch der Schlafbursche, dem die Wäsche gewaschen und das Essen vorgesetzt wurde. So ähnlich hatte sich seine Frau ausgedrückt, als sie darüber sprachen. Auf keinen Fall, hatte sie gemeint, ihre Einwilligung in die Scheidung behalte sie sich vor, sie hänge von der Höhe des Unterhalts ab. Es war das längste Gespräch, das sie seit vier Jahren miteinander geführt hatten. Er hatte seine Einsamkeit und Verlassenheit in diesem lächerlichen Zustand, den sie noch immer ihre Ehe nannte, nicht erwähnt. Sie hätte ihn ausgelacht. Sie verstand nichts. Wenn ihre Ehe noch eines war, dann war sie absurd.

Der Mann hatte sein Haus erreicht, ein Berliner Mietshaus mit Vorder- und Seiteneingang, auf dem stand: Nur für Personal. Er nahm den Personaleingang und stieg die drei Treppen hinauf, bemüht, leise aufzutreten, damit die Nachbarn hinter den braungeschnitzten Türen nicht aufmerksam wurden. Die Treppe hatte einen roten Kokosläufer. Der Mann stolperte immer auf derselben Stufe. Wie jedesmal, fluchte er auch heute nacht. Dann fluchte er, weil er zu laut geflucht hatte.

Als er den Flur betrat, fühlte er sich endlich frei. Es war eine Freiheit, er wusste es, die nicht lange währen würde, er musste sie auskosten. In der Küche roch es nach Basilikum, das seine Frau auf dem Fensterbrett züchtete. Der Duft war ihm angenehm. Aber dann fiel ihm ein, dass auch dieses Kraut ein Teil seiner Frau war, und er nahm die beiden Töpfe und warf sie in den Mülleimer.

Im Wohnzimmer schaltete er den Fernseher ein und suchte lange nach einem Programm. Endlich fand er einen Sender, der ihm zusagte. Eine Frau, nur mit einem Pullover bekleidet, den sie über die Brüste gezogen hatte, saß breitbeinig in einem Sessel, und der Mann hoffte darauf, dass die Kamera länger auf der Frau weilen würde, aber sie schwenkte ab auf das Gesicht der Frau. Das Frauengesicht schien ihm zu raffiniert, zu ausgekocht, ihn interessierte nicht mehr, welche obszönen Verrenkungen die Frau auf dem Bildschirm noch anstellen würde. Er schaltete den Fernseher ab.

Die Zeitung lag an ihrem Platz neben dem Fernseher. Er suchte die Seite mit den kleingedruckten Anzeigen, fuhr mit dem Zeigefinger über sie hin, blieb dann an einer hängen.
Swetlana. Der Name gefiel ihm.

Es war nichts los. Die Nacht war halb vorbei. Morgen, nahm sich der Mann vor. Er würde sehr lange duschen und sehr lange frühstücken und dann ans Telefon gehen. Morgen, sicher erst mittags. Ja, er war einsam. Einsamer als er war niemand.

Die Hornissage

Sonntag, November 20th, 2016

Gummiuniform hieß das unmögliche Theaterstück, in das Hornberg am folgenden Sonntag mit Iva gehen sollte. Er fürchtete sich davor, er wusste nicht, was ihn erwartete, der Titel sollte wohl die Farce eines Sprachwitzes sein, wahrscheinlich war das Stück Avantgarde oder ein Experiment für die eigene Kunstproduktion, ein Softwaretest, wie Iva am Telefon lachend gesagt hatte. Hornberg fürchtete sich vor schlüpfrigen Anspielungen, er fürchtete sich vor verbalen Angriffen unter der Gürtellinie, die er nicht zu parieren wusste. Oder es war von alledem nichts und das wäre noch unverständlicher gewesen. Iva hatte das Wort putzig gebraucht. Je länger Hornberg darüber nachdachte, desto weniger wollte er dorthin gehen, später sondierte er schon eine passende Ausrede.

Hornberg sagte nicht ab, und es geschah nichts von dem, das er erwartet hatte. Das Stück war ein Volksstück, aufgeführt auf einer kleinen Bühne außerhalb von Dresden. Er und Iva wurden begafft wie Außerirdische, Ihre Jacken geben Sie bitte an der Garderobe ab, mit Jacke in die Vorstellung, das ist bei uns nicht üblich. Iva amüsierte sich sichtlich. “Na, was sagt denn ein IT-Profi zu so etwas.”

Die unappetitlichen Lügengeschichten des Herrn Kreon

Freitag, November 18th, 2016

Teil II

Sexueller Missbrauch in DDR-Jugendheimen

Quelle: ZEIT ONLINE, Matthias Schlegel

Immer durchzuckt sie diese Angst, wenn der Erzieher in den Gruppenraum tritt, in barschem Ton ihren Namen ruft und den militärischen Befehl hinzufügt: “Raustreten”. Heidemarie ist 16 Jahre alt. Sie wird in eine der Arrestzellen geführt. Sie weiß, was kommen wird, aber sie hat keine Chance, sich dagegen zu wehren. Sie ist hier im Geschlossenen Jugendwerkhof in Torgau an der Elbe gelandet, weil sie immer wieder versucht hat, aus der Hölle ihres Kinderheimes im mecklenburgischen Waren an der Müritz auszubrechen. Nun ist sie an der Endstation des Erziehungssystems der DDR angelangt. Ohne ein Gerichtsverfahren, ohne ein Urteil, fremdbestimmt vom Willen der staatlichen “Jugendhilfe”. 

Langsam und mit leiser Stimme spricht die heute 52-jährige Heidemarie Puls das Unvorstellbare aus. Aber es kommt ohne Stocken, ohne Unterlass aus ihr heraus, so als hätte sie es hunderte Male in ihrem Innern formuliert, ohne dass es sich jemals zuvor Bahn brechen konnte. “Der Erzieher hat gesagt, was ich machen soll. Ich habe es gemacht.” Denn an diesem Ort ist sie eine Rechtlose, der Willkür der Erzieher ausgeliefert. Manchmal will Herr K. Geschlechtsverkehr. …Danach habe ich meistens ein paar Schläge mit dem Stock gekriegt, damit ich schreie und die anderen in der Gruppe annehmen, ich sei bestraft worden, weil ich gegen irgendeine Regel verstoßen hätte.”

Fünf unendliche Monate muss Heidemarie Mitte der 70er Jahre in Torgau ausharren. Zehn bis zwölf Mal, so erinnert sie sich, habe sie diesen Missbrauch über sich ergehen lassen müssen. Neben Herrn K. vergeht sich auch ein zweiter Erzieher an ihr. Da auch ein zweites Mädchen aus ihrer Gruppe mehrmals, auch nachts, herausgerufen wird, nimmt sie an, dass es ein ähnliches Schicksal erlitt. Gesprochen haben sie darüber nie. Aus Scham, aus Angst, und weil ihnen sowieso niemand geglaubt hätte.

Heidemarie Puls hat ihre Vergangenheit schon intensiv aufgearbeitet. Sie war 15 Jahre lang in therapeutischer Behandlung und hat ein Buch geschrieben über ihre traumatischen Erlebnisse in Torgau, diese brutale Umerziehungsanstalt für junge Menschen, die nicht ins Bild des sozialistischen Staates passten. Sie hat über körperlichen Drill, psychische Repressalien und Zustände geschrieben, die schlimmer waren als im üblichen DDR-Knast. Neuerdings führt sie auch Besuchergruppen durch den Ort des Schreckens, der seit 1998 Gedenkstätte ist. Doch über diese eine Sache hat sie nie so detailliert reden können. Erst als in jüngster Zeit in den Medien bundesweit das Thema des sexuellen Missbrauchs an Kindern in Schulen und Internaten aufgegriffen, als – wenn auch aus ganz anderer Richtung – Licht in eines der dunkelsten Kapitel des Umgangs mit Schutzbefohlenen geworfen wurde, konnte auch Heidemarie Puls die verdrängte Wahrheit ans Tageslicht holen.

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Achtung! Schüttel- und Ekelgefahr!

 

Bautzen II

Freitag, November 18th, 2016

Beton

in den Köpfen
wo er hinsah
lag und fror

Beton

Fürstliche Verse

Freitag, November 18th, 2016

Das Fernsehn überrascht uns alle Tage.
Zum Beispiel damit, was die Promis machen.
Ob Royals oder Beatrix – ganz ohne Frage,
das sind gewaltig relevante Sachen.
Der Mensch legt sein Gedächtnis kurz mal weg,
jetzt weiß er nicht mehr, wo er’s hingelegt.
Und so bestaunt er noch den letzten Dreck,
stiert auf den Bildschirm, königlich bewegt.

Ein Hohenzollernspross von Gottes Gnaden
reißt seine Gusche auf, dass man nur staunt.
Schmeißt der denn heute noch den deutschen Laden?
Die Majestät blickt mild und gutgelaunt.
Wie herrlich spannend erst die Bettgeschichten,
wer wen und wie und welchen da gezeugt.
Solch Fürsten haben ihre Nachwuchspflichten,
drum wird dann auch ins Kuschelbett geäugt.

Ja, haben denn die Deutschen ganz vergessen,
woher der ganze goldne Plunder stammt,
mit dem das Pack nach Regeln und Finessen
sie ausgepresst für Kriege allesamt?
Dass wir den Wilhelm jagten bis nach Doorn?
Dort durft er doch noch siegen, vielmehr sägen.
(Der Deutsche ist bekanntlich immer vorn,
kriegt er auch tausendfach was auf den Bregen).

Der Glamour und der Glitter nerven mächtig,
wenn’s alle Naselang vom Bildschirm schallt:
Ach, anno dunnemals – wie wunderprächtig!
Man denkt, es käm schlicht mit Naturgewalt.
Mir reicht der ganze Rotz, ich kann nicht mehr.
Gestrichen steht das Zeugs mir überm Kragen.
Ich pfeif auf güldnen Protz und diesen Schmer!
Das muss ich hiermit echt genervt mal sagen.
_____
Mal ein anderes Thema nach diesem unappetitlichen, verlogenen Text des Herrn Kreon.

Gesang im Nichts

Donnerstag, November 17th, 2016

hörst du das Nichts?

siehst du das Nichts?

augen tot

ohren tot

mund kann reden, singen, lachen

ohren hören

mich und schwarz

augen sehen

mich in schwarz

nichts ist schwarz

ich

bin

nichts

ich bin schwarz

schwarz ist dunkel

schwarz ist stark

ich bin stark

hör, mein ohr!

sieh, mein auge!

sing, mein mund!

Ich. Bin. Stark.

_________________

Erörterungen:

Dieses Gedicht ist inspiriert von Dunkelhaften im Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau. Über 2.500 junge Menschen wurden durchschnittlich pro Jahr willkürlich weggesperrt. In 30 verschiedenen Jugendwerkhöfen. Torgau war einer von ihnen.

Ein Ort der vielfachen Demütigungen, Strafen und Isolationshaften.

Ein Ort in der DDR.

Glück

Donnerstag, November 17th, 2016

Flammen sprangen,
deine Lippen auf meiner Haut.
Gebannt ich, der Durst
in deinem Blick.

Nicht wissen, was geschah.
Ich kam mir nah, nie war ich schöner,
nie flog so mir das Haar.
Tu mir nie weh.

Meine Hand in deiner.
Schweigen, du greifst zum Glas.
Das Wunder: Du. Dass du
bei mir bist.

Barock

Dienstag, November 15th, 2016

Esther geht durch die Reihen und markiert sie mit ihrem Duft. Von dem sie nichts weiß, in der Sekunde, in der er verströmt wird. Weil sie in Gedanken schon den Berg hinuntergeht in Richtung der Stadt. Am schmalen Fluss, gekrümmte, mit Bäumen bestückte und kurvige Gassen entlang. Das nennt sie die kahle Romantik des Abends. Morgen wird sie arbeiten. Als Konditorin in einem der ältesten Cafés der Stadt, Lloyds, den Gästen wird sie Kuchen mit Sahnehauben servieren, sich in die nächste Welt zwischen die Lichtstrahlen und in die Lücken der Stadt führen lassen. Esther kreuzt Straßen, ignoriert das Hupen der Autos, wenn sie der Stadt in ihre Mitte geht. Wenn sie an den kolossalen, barocken Herzen der Stadt vorbeikommt, an Herzen aus Stein, denen von allen Seiten her Bypässe und Katheter angelegt sind. Zwischen den Steinen und Rundungen, den Kuppeln, Fürstenfassaden, zerschlissenen Glanzpromenaden trübt sich ihr Verstand. Esther steht an einem Geländer, an dem entlang eine Treppe zu allen passenden Gebäuden führt, zum Zwinger mit seinen Gemälden, der Hofkirche, die wie zusammengewachsen mit dem Schloss erscheint, ein siamesisches Zwillingspaar, gedrückt auf einen Fleck, zusammengeklatscht zwischen den Händen eines fetten Aristokraten.

Ohne Zucker

Dienstag, November 15th, 2016

Tage gibt es, da denke ich
an dich, ganz ohne Anlass, ich sehe dich
noch sitzen am Tisch, morgenmüde,
die Zeitung im Blick.

Du warst mein ganzes
Zuhause, nicht schwer, auch nicht
leicht unser Zweisein. Und ja, du trankst
den Kaffee ohne Zucker.

Wie du am Tisch saßest.
Seltsam, dass ich gerade jetzt an den
Zucker denke. Als gäbe es sonst
nichts zu erinnern.

Das Vöglein

Sonntag, November 13th, 2016

Ein Vöglein lieb ich dessen Lieder
Erst klingen wenn die Welt verstummt,
Das, wenn die Lerche im Gefieder
Längst schlummert, weiter singt und summt.
Schon manchen langen Abend lauschte
Ich seiner Stimme Lust und Leid,
Mitunter war es als berauschte
Sie sich am Duft der Dunkelheit.
Einmal ging sie mit mir auf Reisen,
Weit folgte ich ihr in die Nacht,
Fast hätt’ die Schönheit ihrer Weisen
Mich da um den Verstand gebracht.

Wie dieses Vöglein singst auch du
Der Nacht mich und der Liebe zu.

Für diesen Blick

Sonntag, November 13th, 2016

Für diesen Blick: von Meersburg übern See,
ein fließend Blau, von Rebengrün umhangen,
der Säntis wie ein Felsgewölk, von Schnee
zart übersilbert, – welch ein Heimverlangen

in diesem Blick und welch ein Abschiedsweh! –
In diesem Blick ist alles eingefangen,
was heimatlich durchträumte uns seit je, -
in diesem Blick ist alles aufgegangen,

was uns die Zeit erfüllte schwermutbang, -
für diesen Blick bin ich in Leid ergraut
und trug ich einer Fremde Missgeschick, -

für diesen Blick – von diesem Blick durchschaut –
hielt ich nicht inn im Gang, mein Leben lang,
für dieses Blickes ewigen Augen-Blick.

Johannes R. Becher

Auf dem See

Sonntag, November 13th, 2016

Und frische Nahrung, neues Blut
Saug ich aus freier Welt;
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält!

Die Welle wieget unsern Kahn
Im Rudertakt hinauf.
Und Berge, wolkig himmelan,
Begegnen unserm Lauf.

Aug, mein Auge, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum! So gold du bist;
Hier auch Lieb und Leben ist.

Auf der Welle blinken
Tausend schwebende Sterne;
Weiche Nebel trinken
Rings die türmende Ferne;

Morgenwind umflügelt
Die beschattete Bucht,
Und im See bespiegelt
Sich die reifende Frucht.

Johann Wolfgang von Goethe

Der See, er schwieg

Sonntag, November 13th, 2016

Der kleine See lag still, als ob er schliefe,
kein Vogellaut, der sich aus Lüften schwang.
Vom fernen Dorf ein leiser Glockenklang,
es war, als ob mich eine Stimme riefe.

Am Ufer stand ich, blickte in die Tiefe
des Sees, wohl mehr als nur minutenlang.
Hoch über mir bog sich ein Felsenhang,
so hoch, als ob die Wolke drüberliefe.

Ich fragte mich, was ist des Lebens Sinn,
woher wir kommen und wohin wir gehen
und was aus dieser Welt wird fürderhin.

Der See, er schwieg. Von irgendwo ein Wind,
fuhr durch die Bäume, ließ das Laubwerk wehen.
Ich fühlte es, er war mir wohlgesinnt.

an der halte:schwelle

Freitag, November 11th, 2016

Wenn ich gedichte schreibe, schriebe nicht ich, sondern die sprache selber, die sich über:schlägt …

an der halte:schwelle
abfahrt richtung alltäglichkeit
am bahnsteig drei b
sind wir zu lange zusammen:gezogen[e]
zug:ab-teil:ung von rücksicht[ab]nahme
zur teilnahmslosigkeit
höre wir nicht – auf gewohnheit
den beschissensten grund:los
schwebt man
in takt:[g]leise[n] hinweg
:was weiß denn ich wohin:
verliert man sich aus den augen:blick
zu:rück:spiegel:ung
alter tatsachen
die keinen re:wind kennt
nur rücken:wind – der vorantreibt
ergibt man sich dem hingeben
an der halte:stelle
drei b

Schlachthausblues

Freitag, November 11th, 2016

i.m.L.C.

Eins-zwei-klappt es
hier wie dort,
das Meer ist der Hintergrund.

Drei-vier-schlägt es
sanft & wild,
sich selbst überschlagend.

Fünf-sechs-zählt es
nun schon
aus dem Gedächtnis heraus.

Sieben-acht-bringt es
sich auf Kurs,
Bibliotheken oder Konzert – open air.

Neun-zehn-bleibt es
immer diesseits,
so weit die Finger reichen.

Elf-zwölf-plant
es sich
ein Konzerthaus für alle Instrumente.

Drei-zehn-fällt es
hinter die
Uhr, der Uhrenkasten besetzt.

Vier-zehn-flieht es,
Angst essen
immer den Frühling, den Früh…

Fünfzehn & sechzehn,
holprig nun
wie der Holzkarren.

Siebzehn & achtzehn,
auf der Land
straße: Zaunspfähle, Strommasten.

Neunzehn, zwanzig und
Schluss damit -
die Messer messen nicht mehr als ist.

Nachricht aus der Provinz

Freitag, November 11th, 2016

Nichts wissen wir,
ein schwaches Ahnen nur, was sein kann,
wohin die Dinge uns treiben,
was feststand, ist nicht mehr sicher,
nicht in dieser lauten Zeit.

Verblichene Sprüche
halten die Welt uns zusammen, die Lüge
beherrscht die Schlagzeilen,
wer ihnen glaubt, wähnt sich
auf sicherer Seite.

Uns selber fremd
werden wir, ohne Trauer sprechen wir
von verlorenen Idealen, als seien sie
Marzipan, das uns mild
den kalten Kaffee versüßt.

Wir schaffen uns unser
höchsteigenes Inferno verschlossener
Tore, in weiser Voraussicht,
kommende Türsteher könnten uns
den Eintritt verwehren.

Beim Klang der Hymnen
erleben wir Hochgefühle, die uns dem
Himmel der Wünsche näher bringen.
Und dankbar applaudieren wir den Dirigenten
ungewisser Zukünfte.

Kapitänin Ahaba und der weiße Wal (Flucht und Widerkehr XII)

Donnerstag, November 10th, 2016

November. Es schneit. Fast könnte man meinen, es seien gefrorene Tränen. Freudentränen? Eisige Freude also – Sarkasmus und Zynismus entfalten eine eigene Ästhetik. So wie der Industriegeruch eines Datenträgers oder eines Neuwagens irgendwie interessant ist.

Die Wähler der “Rust Belt” Staaten haben dem Establishment den Finger gezeigt, liest man.
Es scheint, als ob die “Bernie or Bust”-Bewegung ihre Drohung wahrgemacht habe, keinen anderen Kandidaten – genauer: keine andere Kandidatin – zu akzeptieren, trotz der nun eingetretenen Gefahr des Verlustes von Repräsentantenhaus, Senat und Präsidentschaft.

“Überraschenderweise” haben nämlich jene nördlichen Bundesstaaten, die in den Vorwahlen – trotz gegenteiliger, Clinton favorisierender Umfragen – an Sanders fielen nun auch bei der Hauptwahl mehrheitlich für Trump gestimmt.

Es ist bezeichnend für unser Zeitalter, dass die Frontlinie nicht mehr links und rechts verläuft, sondern vorne und hinten.
Das heißt: natürlich verläuft sie rechts wie eh und je – Evangelikale und andere Republikaner-Stammwähler sind nun ja nicht einen Deut von ihren ursprünglichen, erzkonservativen Prinzipien abgerückt.

Aber links war nicht mehr “real”, denn der einzige Kandidat, der die weißen, ungebildeten Wähler hätte mitreißen können wurde vom Parteiapperat abgesägt. Die Arroganz der Macht der Parteieliten, die auf die Selbstbeweihräucherungen aus ihrer Filterblase vertrauten, ließ sie nun in ihren eigenen Abgrund taumeln.

Die Gruppe der weißen Arbeiter, die mittlerweile nur noch knapp unter 40 % der Wähler stellt, hat sich diesmal dazu entschieden kollektiver, d.h. wie andere Minderheiten auch, zu wählen. Sich nicht als Anhängsel einer abgehobenen, städtisch geprägten Nomenklatura mitschleifen zu lassen.

Man muss vermuten, Clinton habe während des Wahlkampfes Wisconsin aus jenem Grund nicht einmal besucht, da sie und ihre Planer sich der Unterstützung der weißen Arbeiter dort sicher waren – “die hatten ja sogar für einen Schwarzen gestimmt!” — das “links liegen lassen” hätte also System gehabt.

Vordergründig wurde die Welt mit einem Konglomerat aus fehlerhaften Umfragen und tendenziösen Meinungen zugepflastert, so dass hintenherum der gegenteilige Effekt ausgelöst wurde. Der weiße Mann – er ist in der Mehrzahl zwar ungebildet aber nicht unbedingt masochistisch, hörte wieder und wieder: du hast keine Chance! Er ergriff sie.
Ihm wurde vorgekaut und er spuckte aus. Er wurde verspottet und schloß die Reihen.
Er ahnte: es war ein “last stand” und er war mutig, statt verzagt, traute sich zur Urne.

In allen Kleinstädten des mittleren Westens wogte diese Gefühlslage, ur-amerikanisch gewissermassen, wie schon 1776, als sich in den ländlichen Provinzen Milizen formten, um die Unabhängigkeit zu verteidigen.

Viele der neuen Trump-Wähler, oft (sozial)demokratisch sozialisiert, haben sich der Bewegung angeschlossen, da sie nicht nur intuitiv ahnten, sondern auch unwiderlegbar – “in your face” – belegt bekamen, dass der verordnete Führungszirkel der lange von ihnen unterstützten Demokraten viel zu eng mit den Finanzeliten verwoben war.

Sie wählten also den Teufel, der sich nicht verstellte, statt den Engel, der mit gespaltener Zunge sprach. Sie wählten den zornigen Narzissten, der nie erwachsen werden wollte, statt die  Gouvernante mit dem erstarrten, eiskalten Lachen.
Ohnmachtsgefühle und Trotz auf der einen, Arroganz und Neusprech auf der anderen Seite.

Die “Bernie or Bust” Bewegung hatte eine Tatsache vollkommen richtig erkannt: mit dem nun angetretenen, neoliberalen Establishment der Demokraten zeichnete sich eine weitere Verwässerung des Profils ab – wovon die SPD in Deutschland bei Umfragewerten um die 20% ein Lied singen kann.

Hier eine Kehrtwende zu vollziehen kann nur durch eine beherzte Opposition, mit der die Runderneuerung der Partei einhergeht, gelingen. Nur so können die Grundlagen gelegt werden, die die deutliche Entflechtung vom Establishment zur Folge hat – und somit eine Option für die Rückkehr der verlorenen Kernwählerschaft generiert, die sich eher früher als später, angewidert vom Schwefelduft republikanischer Menschenfeindlichkeit von den Rechten abwenden dürfte – spätestens, wenn sie wieder ohne Krankenversicherung aufwacht.

Sollte das geschehen, wird den geläuterten Demokraten die Presse jedoch nicht mehr wie in diesem Wahlkampf nach dem Mund schreiben – was aber, angesichts des nun vorliegenden Ergebnisses, nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen sein muss.

Mit Kant im Schützengraben

Mittwoch, November 9th, 2016

Er war kein Jünger. Der Anblick in der Höhe zerplatzender Geschosse bereitete ihm keinerlei Lust. Wäre er nicht patriotisch erzogen worden, aus ihm hätte a priori, aus systematischen Gründen ein Pazifist werden können. War es bei anderen ihre Sucht, so wurde er frühzeitig von einer Art Algebra des Begehrens erfüllt, welches sich nicht auf Dinge oder gar Erlebnisse beziehen ließe, sondern ausschließlich auf Ideen.
Bereits unter Gleichaltrigen hatte er oft diese Witze gehört: Der vollkommene Eine, seiner Vollkommenheit überdrüssig geworden, erschuf sich seinen (!) Zweiten, oder: Des einmal in die Welt gesetzten Übels überdrüssig, zog sich dieser Gott (!!) ganz aus ihr zurück und betrachtete sie seitdem nur noch, wie ein genialer Uhrmacher den von ihm selbst hervorgebrachten Mechanismus betrachtet, ohne dass es irgendwo eine Kraft (!!!) gäbe, imstande ihn anzuhalten.
Nun saß er hier im Schützengraben. Wie es möglich war, so gänzlich ohne Willen dennoch zu überleben, schien ihm eines der größten Rätsel, das ein Mensch je erfahren kann. Seit fast drei Jahren dauerte dieses Gemetzel nun schon, und keiner von denen, die hier Verantwortung trugen, hatte bisher versagt. So wie er, erfüllten sie alle ihre Pflicht. O Gott, und nun:

Schnee.

Déjà-vu

Mittwoch, November 9th, 2016

Frau Reimann hatte ein Zimmer in einem kleinen Hotel in Smichov bestellt, telefonisch.Von Smichov aus konnte man auf ganz Prag hinuntersehen, wie auf einem Tablett lag die Stadt einem zu Füßen. Das Prager Meer, hatten sie früher gesagt. Sie liebte Prag, auch wenn sie noch ein Kind war damals, erst sieben Jahre alt, als sie flüchten mussten. Die Familie hatte in der Altstadt gewohnt, in der Stabenovgasse. Das Haus stand noch. Bekannte, die nach Prag gefahren waren, hatten es ihr gesagt. Das Haus hatte ihrem Vater gehört, einem Wehrmachtsoffizier. Er hatte es von einer jüdischen Familie, die ausgesiedelt worden war, wie ihr die Mutter gesagt hatte. Des Vaters Name war im Grundbuch eingetragen, sie hatte eine Chance. Ob sie diese Chance nutzen würde, wusste sie noch nicht. Aber sie wollte das Haus wiedersehen, wenigstens das, fürs erste. Vor Ort sah immer alles ganz anders aus.

Es ging nicht mehr viel hinein in den Koffer. Den Bademantel über den Arm geworfen, mit schlurfendem Schritt, ging sie ins Bad. Sie hängte den Bademantel an den Haken. Wie sie es geahnt hatte: Der Koffer war aufgesprungen, als sie zurückkam. Sie nahm noch ein paar Kleidungsstücke heraus: einen Pullover für kalte Tage, den engen Rock. Jetzt ließ sich der Koffer gut schließen, sie musste nicht mehr befürchten, dass er unterwegs aufgehen würde.
Sie hob ihn an: Tonnenschwer!

Die Stadt schlief noch. Ein paar Autos waren unterwegs. Sonst nichts, kein Mensch auf der Straße. Der Zug nach Prag ging früh ab. Sie hatte den falschen Zug gewählt, der Nachmittagszug wäre praktischer gewesen, dann hätte der Junge den Koffer tragen können, sie hätte ihn schon überredet. Er hatte sich geweigert. Bei der Sache mache er nicht mit, hatte er gesagt, mit ihrer schauerlichen Nostalgie könne er nichts anfangen. Den armen Tschechen das Haus unter dem Hintern wegziehen, dazu sei auch nur sie fähig.

Der Zug stand abfahrbereit, als sie sich mit dem Koffer die Treppe hochgequält hatte.
Er war voll, junge Leute, Tschechen, die nach Hause fuhren, hatten alle Sitzplätze belegt.
Erst am Ende des Zuges fand sie noch einen Sitzplatz. Sie sah aus dem Fenster, und als der Zug die Grenze passierte, sie wusste nicht, dass es die Grenze war, wurde es lauter im Zug. Die jungen Leute waren zu Hause, sie lachten jetzt und Scherze flogen hin und her.

Landschaft, ein paar Berge, nichts als Grün vor dem Fenster, es flog vorbei. Einmal, als sie Prag schon nähergekommen waren, der Zug fuhr durch einen Vorort, glaubte sie ein Haus wiederzuerkennen, sie konnte den Blick nicht losreißen. Es war ein Blick in die Kindheit, die behütete Kindheit, das Wohlleben. Wäre nur das Ende nicht gewesen.

An das Ende konnte sie sich kaum erinnern. Die Mutter sagte, sie hätten flüchten müssen, sonst hätte man sie alle, die Deutschen, totgeschlagen. Woran sie sich erinnern konnte, war, dass sie sehr lange laufen musste, an der Hand der Mutter. Das war alles. In Dresden waren sie dann gestrandet.

Jahrzehntelang, nach dem Tod der Mutter, hatte sie nicht mehr an Prag gedacht. Einmal aber, es war kurz vor dem Ende der DDR gewesen, war ihre Betriebsbrigade zu einem Ausflug nach Prag gefahren, kostenlos, die Gewerkschaft hatte Fahrt und Übernachtung bezahlt. Sie war nicht mitgefahren, hatte sich herausgeredet: Der Junge, er studierte noch, sie könne ihn nicht allein lassen. Als die Kollegen dann zurückkamen, wollte sie nichts hören von Prag. Dass sie Sudetendeutsche war, verriet sie niemanden, auch hatte sie den böhmischen Tonfall recht schnell verloren, schon in der Schulzeit. Der Vater war 1943 in Russland gefallen, und die Mutter hatte sich mit ihr durchschlagen müssen, und jedes dritte Wort war Prag gewesen. Die Mutter wollte bis zum Schluss nicht begreifen, dass ihre Heimat jetzt Dresden hieß.

Das Haus in der Stabenovgasse gehörte ihr, sie war die Erbin. Sie hatte es schriftlich, den Grundbuchauszug. Dort stand es: Ewald Wippke, eingetragen am 31. Juli 1942.

Der Bahnhofslautsprecher rief die Station aus: Praha. Mehr verstand sie nicht, sie sprach kein Tschechisch. Sie nahm einen Bus, er fuhr hinauf nach Smichov. Das Hotel war eine mehrstöckige Villa im Jugendstil. An der Rezeption wurde deutsch gesprochen, doch der Mann hinter dem Tresen war unfreundlich. Wortlos führte er sie hinauf in ihr Zimmer, unter dem Dach. Das Zimmer hatte runde Fenster. Sie öffnete eines. Prag, die Stadt lag ihr zu Füßen.

Die Kindheit war wieder da. Das Haus, es hatte zwei Etagen, es war schmal gewesen, eingezwängt zwischen andere schmale Häuser in der Altstadt. Sie wusste, wo sie es von hier oben suchen müsse. Aber dann schloss sie das Fenster. Morgen, dachte sie, morgen ist auch noch ein Tag.

Am nächsten Morgen fuhr sie mit dem Bus nach Prag hinein. Sie musste die Metro nehmen, um zur Altstadt zu gelangen. Sie kannte sich nicht aus. Erst als sie vor dem Rathaus stand, die Touristen sah, die ah und oh riefen, als sich das Turmwerk in Bewegung setzte und als sie in den Stadtplan sah, lief sie los, zur Stabenovgasse.

Die Straße hatte sich verändert. Sie glaubte, sich erinnern zu können, dass es im Eckhaus ein kleines Restaurant gegeben hatte. Sie fand es nicht. Fachwerkhäuser, rechts und links, zwei Lücken wie Zahnlücken im Straßengebiss. Sie konnte die Schilder nicht lesen, eine Baufirma wollte dort bauen.

Das Haus stand noch, es war restauriert, das sonnenbeschienene Weiß des Fachwerks ließ die Augen schmerzen, das Haus war bewohnt. Sie las die Namen am Klingelschild: tschechische Namen. Sie wusste nicht mehr, welches ihr Fenster gewesen war. Sie stand am ausgetretenen Stein vor der schmalen Eingangstür, einen Fuß auf dem Stein, und sah hoch. Hinter allen Fenstern Gardinen. Sie kramte den Fotoapparat aus der Handtasche und trat ein paar Schritt zurück, damit sie das Haus als Ganzes aufs Bild bekäme. Ein Mann blieb stehen und beobachtete, wie sie es fotografierte. Er sagte nichts, bevor er weiterging.

Wenn sie jetzt auf einen Klingelknopf drücken würde und sagen, das Haus gehöre ihr – was würde geschehen? Dann würde geschehen, was sie schon einmal erlebt hatte, nur umgekehrt. Damals hatten sie in Dresden vor ihrem Haus gestanden, zwei Brüder aus Westdeutschland, Erben eines gottvergessenen Besitzers. Der Junge war zu jung gewesen, um etwas dagegen zu unternehmen, das Wortgeplänkel richtete nichts aus. Sie wusste nicht, was tun, und sie war mit ihm ausgezogen, hinaus aus Dresden, in eine kleine Wohnung. Aber das schmerzliche Gefühl, dass sie an jenem Tag ihr ganzes bisheriges Leben aufgeben musste, das war geblieben.

Sie warf noch einen Blick auf das Haus, als sie langsam durch die Stabenovgasse zurückging. Die Kamera über der Schulter, eine vermeintliche Touristin, schlenderte sie den Rest des Tages durch die Altstadtgassen.Vom Wenzelsplatz hatte sie gehört und auch öfter Bilder von ihm im Fernsehen gesehen. Der Platz war belebt, voller Touristen. In einem Schnellrestaurant verschlang sie eine Wurst mit Pommes.

Abends war sie wieder in Smichov. Sie bezahlte das Hotelzimmer, am nächsten Morgen würde sie abreisen, erklärte sie dem Unfreundlichen hinter dem Tresen. Sie glaubte, so etwas wie Zufriedenheit in seinem Gesicht gelesen zu haben.

Die Aufnahme würde nicht sehr gut sein, sie hatte sich die Kompaktkamera von einer Freundin geliehen, sie fotografierte nie. Aber sie würde sich das Foto einrahmen und auf die Anrichte stellen, zu den Familienbildern, neben das Bild des Vaters in seiner Uniform, das sie wieder hervorgeholt hatte, erst neunzig, nach der Wende, wie diese Zeit heute genannt wurde. Sie würde nicht wissen, weshalb sie das täte, aber sie würde es tun. Es gehörte sich so für eine Vertriebene.

Berlin-Ost

Dienstag, November 8th, 2016

10. Mai 1982

(für helmut)

 

Das ist die große Stadt

die weite

die immer alles kann

und alles hat

die Sehnsucht

und den Hass

von all den anderen

die das nicht haben.

Aber das müsse so sein

sagt man.

Da an der Schaltstelle

ein Schaufenster

zum Wundern

und Staunen

und Ärgern

und Kopfschütteln.

Und zum Weinen

und Weglaufen.

Schnell

weit weg.

Wohin?

Kein Land, nirgends.

 

 

Erörterungen:

Das Gedicht ist einem guten Freund gewidmet. Er kam aus einer kleinen Stadt am Rande des Erzgebirges und wurde von dort für lange Zeit auf Montage nach Berlin abkommandiert. Er verdiente dort üblicherweise gutes Geld und noch viel mehr an den kleinen Gefälligkeiten. Jedem brachte er was mit. Tauschware. Wie nach dem Krieg, sagte seine Mutter. Eines konnte er nicht tauschen: Seine Frau. Die trank das, was er ihr mitbrachte. Daran ist schließlich seine Ehe zerbrochen und dann er selbst. Er machte rüber. Vier Wochen war er in West-Berlin. Dann starb er im Mai an einer Überdosis. Zu seiner Beerdigung durfte seine Mutter nicht ausreisen. Es war ihr einziger Sohn.  So saßen wir allein mit wenigen Freunden in ihrer Stube beisammen, und ich trug das Gedicht vor. Seine Frau nahm sich wenig später das Leben.

Ich lege das Gedicht daher in die Kategorie “Trauersymmetrie”.