Archive for Oktober, 2016

ulrike | katharina

Sonntag, Oktober 30th, 2016

ulrike hütet die stimmen von tieren
die wie menschen sprechen
in der nacht träumen die tiere
von raubmenschen die den schlaf bewachen
ulrike hütet auch die blicke von pflanzen
die menschen beobachten
in einem netz aus spinnenfäden
verfangen sich die seltsamsten wesen
steine eine hand voll erde
ganze meteoritenschwärme

katharina trägt ihr neues kleid und high heels
bei einem meeting will sie
einen text über die erträge des lyrischen ausdrucks besprechen
auch onkel wanja wird kommen
und fragen ob sie den sommer mit ihm
auf seiner veranda verbringen will
bei limonade guten gesprächen
und den immer erneuten blicken
hinaus auf die weizenfelder
und den wald am anderen ende der landschaft

katharina liest aus ihrem geld
poesie erfährt plötzlich einen mehrwert
ulrike zieht mit einer roten basecap
und einer flasche absinth in den wald
mitten durch ein wiederansiedelungsgebiet für wölfe
für großmütter gibt es so etwas nicht
in den netzen zwitschern die vögel
und kleintierjäger schmücken sich mit trophäen
ratten und wanzen
aufgespürt von einer meute unbemannter drohnen

katharina berichtet davon bei einem meeting
sie sagt sie hätte noch nie
so viele unglückliche zuhörer gehabt
und am ende liest sie
einen brief von ulrike vor
die weilt schon wieder in indien
oder kasch mir

Traumfänger

Sonntag, Oktober 30th, 2016

Ich bin ein Stück Land
in weiter See
und die Gedanken Gräser
auf den Deichen.

Immer wieder reißt das Meer
an meinen Hängen,
bäumt sich auf
und trägt mich ab,
wirft mit dem Sand,
was in den Fängen ist,
auf fremde Klippen.

Manchmal türme ich
mein Sehnen
auf die Hafenmauer,
damit ein Fischerboot
vor Anker geht.

Denn in den Meeresweiten
treiben Träume
in die Netze.

Niemals reichen sie
für mehr als einen Tag.

Monolog bei Regenwetter

Samstag, Oktober 29th, 2016

Wie oft hat man mich angezählt,
wenn ich nur wüsste, was mir fehlt.
Vielleicht vom Schicksal jenes Stück,
das man bezeichnet als das Glück,

das Maul zu halten, wo es passt.
Und doch, ich bleibe ein Phantast,
nichts gebe ich auf Selbstbetrug.
Die Wahrheit reicht, die ist genug.

So mancher, der ganz seltsam denkt
und sich benimmt wie ferngelenkt.
Wenn der mit Lügen glücklich wird,
bemerkt er nicht, dass er sich irrt.

Ein andrer, der aufs Schweigen setzt,
der hofft auf den Triumph zuletzt.
Gibt sich neutral, als sei er Luft,
der Kerl ist ganz schön ausgebufft.

Zwei Stühle. Zwischen ihnen ich.
Nun ja, nicht grade wonniglich,
man sitzt bloß in der Lücke drin.
Doch auch ein Sitzplatz. Immerhin.

Missgeburt

Mittwoch, Oktober 26th, 2016

Nun schreibt er täglich ein Gedicht,
mit dem er nächtlich schwanger ging.
Und er gebiert ein Leichtgewicht,
beäugt den dürren Abkömmling.

Das arme Ding, es rührt ihn sehr.
Er weiß um seine Vaterpflicht:
Verstoßen tät er’s nimmermehr.
Denn immerhin ist’s sein Gedicht.

Bertrand et Martine

Dienstag, Oktober 25th, 2016

Bertrand ist ein hauttyp. Jeden morgen geht er nackt in den kleinen park, drei straßenzüge von seiner wohnung entfernt – die leute nennen ihn den Warschauer Platz, weil sich dort abends polen treffen und von zuhause erzählen – und lässt sich von den krähen die haut blutig picken.

Es war nicht leicht, die tiere dazu zu bringen. Es bedurfte viel geduld, monatelanger anstrengungen. Zuerst brachte Bertrand den vögeln futter mit, teile von geschredderten hühnerküken aus der legebatterie am stadtrand. Sorgfältig verteilte er ein paar meter vor sich auf dem splittweg kükenköpfe mit schnäbeln daran, kükenbeine ohne flaum. Stundenlang saß Bertrand dann ganz still und unbeweglich auf der bank. Und wartete.

Nachdem sich die krähen trotz seiner anwesenheit getraut hatten, das bereit gelegte futter zu holen, verkürzte er nach und nach den abstand zwischen sich und den kükenteilen. Schließlich legte er diese auf seine ausgestreckte hand, seinen oberschenkel oder seine schulter. Später wiederholte er die zeremonie nackt. Bis die krähen begannen, das futter vorsichtig von seiner haut zu picken.

Dann ging er dazu über, die toten küken mit paketschnur an seinen nackten armen und beinen festzubinden, so dass die vögel nur mit gewalt an ihr futter kommen konnten und ihn dabei blutig picken mussten. Schließlich verzichtet Bertrand ganz auf die küken. Die krähen wurden wilder und gieriger. Am ende belohnte er sie mit ganzen küken anstatt nur teilen.

Eine alte frau von schräg gegenüber beobachtete Bertrand regelmäßig bei seinen übungen. Seine haut wurde unansehnlich und wund. Immer öfter blutete sie und entzündete sich.

Manchmal rezitiert Bertrand laut oder in gedanken gedichte von Rilke, Verlaine und Cummings.

Eines tages traf Bertrand Martine. Sie war neu in der stadt und sprecherin eines internetforums für junge borderlinerinnen.

Selbstredend

Dienstag, Oktober 25th, 2016

Es ist schwer, sich nicht zu verfangen

in Worten die nur zum Schein

Laut geben, den Placebo-Affekt

zu überstehen.

 

Nichts liegt näher

als ihre Bedeutung von der Hand

in den Mund oder gar

für bare Münze zu nehmen.

 

So halten wir uns

die Auflösungserscheinungen vom Leib,

ersparen uns jenem, was unversprochen

bleibt, entgegen, den Dingen

 

auf Grund zu gehen.

Nichts schwerer als auf sie zu zählen ohne

die Sonne, den Schnee und die Sterne

zu übersehen.

All diese Sommer

Dienstag, Oktober 25th, 2016

Wohin sind die
Gleißenden Tage der Sommer,
Als wir bedenkenlos durch die
Grünen Himmel der Wälder liefen.
So leicht war’s ums Herz.

Göttergleich
Warfen wir uns in die Tage,
Gesang und Wein Anfang und Ende.
Doch kurz die Nächte des Juni,
kurz die Sommer.

Nun der kahle Herbst,
Grau drückt der Himmel auf die Dächer.
Schwer zu glauben, dass in diesen
Straßen, hinter diesen Fenstern
Jemals der Sommer war.

Chorin (7)

Dienstag, Oktober 25th, 2016

Bauwerk aus Raum und Zeit

Grundbestimmungen: Material, Melodie,
Gesamteindruck.

Elemente: Stein auf Stein, Ton an Ton.
Raum & Zeit, gegliedert.

Art der Ausführung: zum Vergleich -
Gransee im Norden, auch im Süden
klobige Genialität.

In einem Stück gedacht,
ein Art
geometrischer Moloch.

Nichts dergleichen
hier – -

das Denken des Schöpfers
war
gefiederte Schlange,
Metapher nicht & nicht Möchtegern,
eine Schöpfung
aus Atomen.

Die Frage bleibt: Panharmonie
oder erzwungenes Gleichgewicht?

Erst 1789 erkannte
der junge Gauß, dass
man das Siebeneck regulär
nicht bauen kann. Und
konstruiert daraus
das Siebzehneck.

Woher diese Musik?
Wie ist dieses beredte
Schweigen möglich?

Brummen bei fünfzig Hertz,
Herzschlag – - – oder Hintergrund?

Nur ein gelungenes Bauwerk
aus Raum und Zeit,
grazile Vorderfront ge
gliederter Zeit auf dem
nächtlichen Hintergrund des Vergessens
ihrer
unmerklichen Bewegung.

Mandel : stam

Montag, Oktober 24th, 2016

im Kulturprogramm, Blas
phemie mit Kapelle für
vier Instrumente.

Der Einlasser trägt den Taktstock
im Rücken, die Lichter
tanzen zu seinem Blues.

Die Frau auf der Bühne
gähnt nicht, der Fuchspelz nur
stellt ihr tanzend nach.

Vers chwisterung
eines Buchs voller Zeichen
mit nichts & niemandem, jetzt -

vier Instrumente
mit Blasphemie inner
Kapelle Kulturprogramm:

Mandelstam, für alle _ sto
gramm unnen Einbaum
für die Überfahrt :

* * *

Samstag, Oktober 22nd, 2016

da geht noch
mal
ein kurzer
ruck
durch die zeilen -

aber warum so trübe?

draußen hängt die sonne
als goldene dukate
am straffblauen himmel.

Mauern

Freitag, Oktober 21st, 2016

Als ich in deinem Schatten saß,
lag noch Schnee auf den Bergen.
Von den Grashalmen zitterte der Tau
auf deine Hand.
Du flochtest Geduldsfäden
in dein Haar,
und aus deinem Mund sprangen Grillen.
Keine streifte mich
in jener Vormärzsonne,
als ich meine Finger zwischen Halmen verbarg.

Unsere Lippen hielten einander
nicht Wort.
Am Abend schlich das Schweigen
als Raubtier aus den Büschen.
Zwischen zwei Genickbissen
liebten wir uns manchmal
oder wir stiegen
unter rauchigem Himmel
auf Mauern,
die von innen
an die Schädeldecke stießen.

oktoberblue

Donnerstag, Oktober 20th, 2016

wie spät ist es
der nordwind kennt keine grenzen
kalt ist mir
innen und außen

der herbst liegt
auf dem trottoir
in den blicken trüben sich
die farben eines ganzen jahres

frühsommer wäre schön
ein bisschen geld
fürs vergnügen
und ein wochenende am see

mit dir
wenn du da wärst
und mich lieben würdest
wie in den tagträumen

einsilbig

Mittwoch, Oktober 19th, 2016
heute ist nicht der tag
für treibjagd trage ich
wortfell um den hals
einsilbig klingt der
wald

Dichtercourage

Mittwoch, Oktober 19th, 2016

Wer nie das Wort gesucht,
Das eine, das unersetzbare, das flieht,
Das eingefangen werden muss
Mit dem Netz der Gedanken,

Und nun glaubt, er habe gedichtet,
Legt Hand an das Wort.
Der kennt nicht verzweifelte Nächte,
Der geht seinen Weg. Aber wohin?

Das Wort lichtecht machen,
In der Beleuchtung des Zweifels,
Des eigenen und dem der anderen,
Das ist es – und mit Unterschrift.

Offenes Wort

Montag, Oktober 17th, 2016

Die Sprache finden
deine Sprache, ein Kampf mit dir
selbst, kein Waldspaziergang
bei schönem Wetter, Gegenwinde
wehen dich um, es hagelt,
wenn du es nicht vermutest.

Kein Wohlfühlreich das Land
der Verse, Arkadien liegt
in Trümmern; um zu leben, isst der
der Mensch, das Messer an der
Kehle und sonst nichts, wir
existieren im Wirklichen.

Das Leben, die zahlende Kunst,
das Ungesagte zwischen den
Wörtern; schon ein Komma kann
alles verändern, und du stürzt
vom Himmel auf die Erde,
auf deine zwei Beine.

Die sarmatischen Jahreszeiten

Sonntag, Oktober 16th, 2016

Verkleidungskünstler im Winter : akrobatische
Übungen am verschneiten Weidezaun : Hangeln
über die Grundstücksgrenzen : gymnastische
Waage von Mann & Frau beim Tragen

der Wasserkrüge : Anbetung des Bauernkönigs
der auf wildgewordenem Gespann mit Einbruch
des Frühjahrs daherkommt : die Tänzerinnen
um den erblühten Apfelbaum wissen die Ernte

des Herbstes vorwegzunehmen : Hauptsache
es gelingt : den Farn : die verborgenste
aller Blüten : im Moment des Erblühens
zur Mittsommernacht anzubeten : sich mit den Bären

im Morgentau zu baden : dann hört der Pflug auf
Fessel zu sein : Kinderspiel
ist die Liebe : den leicht entschlüpfenden Fisch
fest auf den Rücken gebunden

Bobrowski

Sonntag, Oktober 16th, 2016

Weit Sarmatiens Himmel,
Tage wehten in brennender Bläue
über die Memel, in der Schläfe
die Schatten der Wälder.

Katzengleich schmiegten
weiße Städte sich an die
Ufer der Ströme, lautes Getön
an den Abenden.

Über Dörfern, den Dörfern
aus Tränen, lag die Nacht, lang,
und die Ebene schwieg in
riesigem Schlaf.

Gesungener Schmerz,
niemals verwunden – wen,
das Flüstern, die Zärtlichkeit,
berührten sie nicht.

Mandelstam

Samstag, Oktober 15th, 2016

Der Schrei: stumm
wie ein Vogel
unter Wasser.

Gelb ist keine
Farbe, gelb
ist ein Symbol -

Menschen
weizen, jede Ähre
einen Kopf kürzer

nach der Ernte,
nach dem Anbrechen
unserer Zukunft.

Wir haben keine Zukunft.
Unsere Geduld ist am Ende.
Unser Ende längst vorbei,

so graben wir uns
durch Stunden
und Tage

als seien es Monate,
Jahre oder Menschen
alter

faschismus

Samstag, Oktober 15th, 2016

schmiegt sich an dein ohr
das rauschen der zeit
verschwindet vom radarschirm
deine stimme
schhh
gesänge gespuckt in die waagschale
gegen den schmerz
bewegen sich die wörter
sicher in der luft
nehmen es mit papierfliegern auf
um die wette
fffhh
flüstern in dein haar
verstummen an deinem hals
werden rot
zeigen haltung
bei der frage nach dem eintritt des landes in den krieg
tzzzh
die eroberung des wassers
war lange schon abgemacht
vor der erfindung der meere
tak tik
tak
…… tik

schhh schhh schhh das rauschen der zeit jacek dreht sich um und starrt auf die kommode und den schrank in der fensterscheibe spiegeln sich eidechsen das telefon klingelt drrrh drrrh drrrh jacek schaltet den fernseher ein und zippt durch die kanäle atemlos durch die nacht … pft … ein flugzeug ist beim landeanflug auf die afghanische hauptstadt über dem hindukusch zerschellt … pft … seit wann wissen sie dass ihr sohn männer liebt … pft … ist die poesie des meeres der wellen und kormorane über der bucht … pft … nur noch drei tage sensationelle preisvorteile … pft … in der schublade liegt noch immer die hülle einer schlange die sich vor jahren dort gehäutet hat mutters schrei hallte durchs ganze haus die nachbarn liefen herbei als wäre gerade das jüngste gericht in vollem gange

Tante Adelheid erschreckt ihren Nachbarn (Relaunch)

Freitag, Oktober 14th, 2016

Um es gleich vorweg zu sagen, die geschichte handelt nicht von Tante Adelheid und auch nicht von ihrem nachbarn. Sondern davon, wie der beton meine katze gefressen hat. Völlig unpoetisch.

In meiner schublade bewahre ich auf: eine alte polaroidaufnahme vom glück, ein tonband mit den stimmen meiner eltern und einen brief von dir. Die wände schmecken nach zement und tier.

In den höhlen der bruchsteinmauer hausen smaragdeidechsen, und am himmel über der autobahn formieren sich stare zu wabernden wolken, um den süden aufzubrechen.

Immer wieder lese ich deinen brief. Atmen heißt nicht zwangsläufig überleben. Es gibt arten von liebe, die gehören nicht in romane. Vielleicht eher als zutat in eine tütensuppe. Aber, das ist geschmackssache.

Das ende der haut naht. Seit geraumer zeit hatte es sich angekündigt. Am ende überrascht es mich doch. Ich ruhe aus von den vielen häutungen, echsen haben es da bekanntlich leichter.

Schwer fällt das licht auf mein kissen. Mein kopf sinkt tief in entendaunen. An einen isostatischen aufstieg ist nicht zu denken. Eher an verlustängste. Wo warst du, als ich schlief?

Die katze hatte mir lange über vieles hinweg geholfen. Die festigkeit von beton übersteigt bei weitem meinen puls in zu dünnen aortawänden. Auf gute nachbarschaft und auf Tante Adelheid!

Gestern habe ich angefangen, gedichte zu schreiben. Ich hetze durch bilder und versmaße. Öffne meine schublade von zeit zu zeit und warte, was passiert. Raumluftbefeuchter.

Im sprühnebel des morgens frühstücke ich endlich wieder einmal richtig. Appetit kommt nicht von großtierjagd. Auch nicht von drittklassigen tagebüchern. Sondern vom lesen deiner briefe. Das ist wie überlebenstraining im supermarkt und schlangestehen an der falschen kasse.

Tante Adelheid ist schon lange tot, und ihr nachbar auch. Die katze streunt durch den betonhimmel, ich streune durch ein stimmengewirr, das aus der schublade drängt. Ach wäre ich doch dichter geworden oder reich. Ich hätte meine haut dafür her gegeben. Jetzt behalte ich sie, ich habe mich an sie gewöhnt.

Drei versuche hat jeder, selbst im märchen.

Freitag, Oktober 14th, 2016

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“Mit der Lichtgeschwindigkeit einer welken Tomate allein, im großen Garten, wo die Wüstennacht endet.” (Zhenja am 13. März 2008).

Heimatkunde

Freitag, Oktober 14th, 2016

Zu jenen Zeiten
als man die Lüge eine Lüge nannte,
als die Dichter Verse auf Flügeln schrieben,
überstieg der Wert eines Lebens
alles Menschengemachte.

Wir sagten Brot, wir sagten Wasser,
und wir meinten das Brot und das Wasser,
wir sagten Rosen, und wir rochen ihren Duft
schon beim Wort, und ein Apfelbaum
war ein Apfelbaum.

Die Zeit schlägt ihre Alterssitze auf,
sie spricht ihre genormten Wahrheiten aus,
die Dichter hausen in Eiffeltürmen,
und der Zeitwert menschlichen Lebens
bemisst sich in Nanosekunden.

Ich sage, meine Sonne
ist die Trauer, ich bin ein Schatten,
und ich weiß, wohin ich
fallen werde.

Mandelstam

Dienstag, Oktober 11th, 2016

als Vermittler, Ver
mittlung durch
einen Anderen. Zum

Beispiel Celan: Mandel
Stamm brennt,
der Blitz. Später

die glimmende, das brennende
Zigaretten Glut Laken
auf dem Gipfel

einer Nacht – Glut
von innen, in
sich zurückgedrängt.

Der Drang, ein Trieb, das Treiben
im Gehege – - zu eng unser
außen : wir du Sie

sind weil wir sollen: Und
müssen doch nicht, könnten
frei – - – wie

wir sind. So
trinke ich
diese Milch drei

fach: morgens, mittags
den Abend. In der
Ohrmuschel

weiße Perlen, Auster
ität und Litzen
kino,

Zeilen
bruch im
Quadrat. Ecke

im Kreis, der
elliptische, irdische
Mandelstam

Da ist kein Wort

Montag, Oktober 10th, 2016

Was ich hörte. Genug
Geräusche des Tröstens. Uns blieben
die Federn der Nachtvögel.

Deine Hand
auf meinem Haar. Sprich nicht, sagst du.
Als gäb es Gründe nicht
tausendfach.

Licht will ich. Und die Regen
die morgens niedergehen, spüren
auf der Haut.

Wie gefangen wir sind.

Bewusstlos mit June

Sonntag, Oktober 9th, 2016

Sie atmet die Chemie der Ölfarben, das Kobaltblau, das Smaragdgrün, das Rubinrot. Ich sehe sie am Tresen stehen. Sie analysiert mich mit ihrem Blick. Trinkt Espresso, liest Derrida, zersägt John Keats und Paul Celan. Ich schieße einen Apfel von ihrem Kopf und schaue ihr in die Clawdia-Chauchat-Augen. Sie soll die Lichter tanzen sehen. Scharf wie Korallen. Farbe ist ihr Parfum, Asbest ihr mokantes Lächeln.

Über den Unterschied von Phantasielosigkeit und kritischem Bewusstsein

Samstag, Oktober 8th, 2016

A sagt: Die Schwalben fliegen tief heute.
K denkt: Als kämen sie bald unter die Erde.

A denkt: Warum hat es dieses Jahr nicht geregnet?
K sagt: Die strahlende Zukunft ist angebrochen. Juchu.

A singt: Jauchzet! Frohlocket! Und hält den Zettel fester.
K murmelt: Jauchzet, frohlocket. Ist das ein Kontrapunkt?

A murmelt: Nein, schön ist das nicht.
K: Was für göttlicher Schei0!
A: Scheiß? Kein Bus heute?
K: Sieh nur, da ist er schon.
(Murmeln, Frohlocken.)

K: Ist ‘räumlich’ Adjektiv oder Adverb?
A: Adjektiv – sonst müsste es ‘räumlisch’ heißen.
K: Wie in meiner Tasche – dauernd geht etwas verloren.
A: Na, macht nichts. Hier hast du. Da.
(A und K wie K1 oder 2 – “Gemeinsam sind wir stark.”)

A: Venceremos!
K: Wer? Wen?
A: Wir. Sie.
K: Mandiba, hilf.
(Ein Motorrad fährt vorbei.)

Aussicht

Freitag, Oktober 7th, 2016

Silbern der Fluss,
Der Tag gelb, abgeerntet.
Die Ebene geweitet zum Horizont.
Der Baum allein, im Schlaf des Schattens,
zerrissen die Rinde.

Drei Kraniche
Im Stoppelfeld. Gegen West blicke ich,
Sinkende Sonne im Gesicht. In der
Grassenke ein rotes Dach.

Stein birst
Unterm Schlag eines Distelfalters.
Eschen hier oben zitternd,
Das Herz im Geäst. Die Hügel fern,
Versunken im Treibsand.

Tagmüd die Gräser,
Wach ein Vogelschrei. Ob mich
Der schwarze Adler fängt, er kreist
Um den Bergfried, zeternd,
ein Vogelgott.

Das Leben ist kein guter Vorgesetzter

Mittwoch, Oktober 5th, 2016

Ob ich einsam bin, fragst du, als ich am geöffneten Fenster den Regen betrachte. Im Fallen liegt eine Ruhe, eine Selbstverständlichkeit, der ich mich nicht entziehen kann. In der Scheibe verschmelze ich mit einer Tanne, zwei Formen, ineinander und doch getrennt. Wir zeichnen uns stets mit unseren Grenzen von der Welt ab; vielleicht ist es der Preis einer dritten Dimension, dass es kein Ineinander und Zugleich gibt, wie es das Bild im Fenster vorgaukelt, sondern nur ein Nebeneinander, und jede Annäherung lässt uns anstoßen, anecken – das Wesen unserer Körper, das Wesen der Menschen an sich. Jede Umarmung ist nichts als ein Versuch, aus diesem vorgegebenen Konzept auszubrechen, und doch zerfällt die Illusion.

„Weißt du“, sagst du, „das Leben ist ein Fallen.“ Und ich entgegne: „Ich habe dich nur ausgedacht. Du hast kein Gesicht, weil meiner Geschichte die Worte fehlen. Dir mangelt es an allem. So kann ich dich nicht ernst nehmen.“ Im Stillen stimme ich dir zu.

Manchmal gehe ich durch die Straßen und beobachte die Menschen. Die Häuser liegen so dicht aneinander, dass eine Wand zwei Gebäuden gehört. Ob sie glauben, durch diese Mauer die eigene Einsamkeit zu überwinden? Welch lächerlicher Versuch. Wir werden in etwas hineingeworfen, was sich Leben nennt, ohne den Grund dafür zu kennen. Es behandelt uns wie unmündige Kinder, erklärt uns weder Sinn noch Zweck. Wir bleiben im Unwissen darüber, wie viel Zeit uns zur Verfügung steht. Ein tyrannischer Vorgesetzter, der sich nicht mit den Belangen Untergebener befasst. Als ich am Laternenpfahl ein Netz sehe, so fein und einzeln in die Welt gebaut, muss ich an all die Füße denken, die das Pflaster treten, und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass wir auch über Fäden balancieren, nur mit Beute ein Ziel.

Flucht und Wiederkehr X

Montag, Oktober 3rd, 2016

Mit spitzen Krallen und tiefschwarzem Blick stolzieren Raben über verwitterte Kapitelle.

Einst streckten auf diesen Säulen – blind  geworden ob  des ewigen, gleißenden Lichts – Heilige ihre Hände in die flirrende Luft und riefen ferne Zeiten an.

Noch immer starren ihre geistigen Schatten – krächzen und krähen,  lechzen zu sehen.

Eidechsen huschen zwischen Rissen und Sand; in der Ferne, bei den knorrigen Büschen, überladen Zikaden die Hitze mit grellem Laut.

Da den Blinden flinke Körper schlangengleich um die Glieder strichen, da die schrillen Töne tagaus, tagein wie Sirenen in ihre Ohren drangen, stürzten sie sich, stets halbverdurstet und nach göttlichen Visionen – dem Lohn ihrer Mühsal – hungernd, hallizunierend in die Wogen der Anderswelten, mischten Mythen den einzigartigen Sinneseindrücken in Denken und Fühlen bei.

Sind wir, mag sich ein heutiger Beobachter dieses Ortes fragen, dem Wirken und den Wünschen dieser Menschen wirklich so fern?

In unserem Versuch auf Bildschirmen in unendliche Informationsgewebe zu starren, umhüllt vom Summen der Lüfter, Brummen der Kühlschränke und Flugzeuge, dem Rauschen des Stadtlärms, dem Vibrieren der Handcomputer, deren kühle, glatte Oberfläche tagein, tagaus auf der Haut gleitet — sind wir in diesem Versuch – uns auf der Suche nach dem höheren Mehr stets schneller ent- und ver-werfend – nicht dem Ursprung der Existenz dieser Einsiedler immer näher gekommen – und blinder dem Frieden leisen Lebens?

Was in ihren unruhigen Zeiten Einzelne in aufopfernder Vertretung für alle unternahmen – ihr Leben der Gnade Gottes zu weihen, auf dass die erlittenen Qualen und die offenbarten Erfahrungen jenes Weges der Erlösung von weltlichem Leid diene, und diese Erlösung dann, im Zeichen ihres Meisters, von den Heiligen auf alle Menschen ihrer Wirkungsstätten übergehe — ist jenes dieser Tage ein Massenphänomen geworden? – Unüberschaubar große Heere digitaler Heiliger, in fliegenden Büchsen, auf federnden Rädern, in Parks und an Straßenecken: steinern die Blicke, versunken im Fort.

Konsumwünsche, Statusmeldungen – Gebete erfüllen monetarisierte Äther, zuckenden Augen naht rasende Zukunft, und über den Häuptern brauen hochfrequente Zischgewitter unablässig neue Mythen. Unser Vermächtnis: riesenhafte Kabelstränge, dick wie Säulen – erbrochene Zeit.

Eifersüchtig\\Entgleisen

Montag, Oktober 3rd, 2016

“Ich bin soeben aus Darmstadt gekommen.
Worauf, auf wen bist du eifersüchtig?”
Eduard streifte seine Floris van Bommel noch
am Eingang ab und zog sich die ziegenledernen
Handschuhe umständlich aus. Die Auftraggeber
hatten sich früh verabschiedet, der Wein war sauer,
der Braten fett gewesen. Abends wurde exerziert.
Und die Freunde der Zitronenpresse konnten es sich
leisten, ihn zu düpieren. Eduard hatte die ganze
Nacht Aufstoßen. Sicher wurde heute ein Tag,
an dem die Sonne nur bleiern schien. Aus dem blassgelben
Wohnzimmer zog eine dünne Rauchsäule. “Eifersüchtig?
Eduard, Darmstadt ist die Moderne, aber du holst da
einfach nichts für uns raus.” Vyvyan lag auf dem Sopha.
“Du hast mir den Himmel ohne Sterne gebracht.
Die Gassen da unten riechen faulig, nur hier oben
lässt es sich aushalten.” Er zeichnete mit den nackten Füßen
Linien in den Samt. “Du denkst, es ist Liebe, doch
für mich ist es Schmerz. Du wirst es noch dazu bringen,
dass ich aus Langweile zur Kur fahre.” Vyvyans Makel
waren die zu lang gewachsenen Zehen, die er sich in
Abwesenheit Eduards am Schneesternlüfter gestoßen hatte.
Er zog erneut an der Zigarette und legte die Stirn in Falten.
“Eduard, du bist dabei, dir mit deiner Solopartie selbst
zu entgleiten. Zu entgleisen. Eine Straßenbahn.
Todesangst ist durchaus legitim.”

 

 

Bildergebnis für speisezimmer

Schöner wohnen, besser leben: Der Architekt und Innenausstatter Peter Behrens entwarf 1901/02 sein klar geordnetes »Wertheim-Speisezimmer«.

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