Archive for Februar, 2016

Funktion denken (2)

Montag, Februar 29th, 2016

Zum Beispiel Russland: Schnee
ist das weiße Rauschen aller
unserer Objekte, Schwester, du

weißt wovon ich rede. Innen
war die zukünftige Kon
vention, die Invention definier

ter Gelegenheit; du wirst meine
Maske sein, wenn Puschkins
Urgroßvater sein <>

Wiederanstimmt: wieder und wieder!
Das eine Buch handelte von
Schwerindustrie, Tod & Enthusiasmus.

Kategorien oder Liebe … dein Haar
reicht von Neufundland bis
Florida – skythische Braut du – - eine

Pipi, Papa, Pupu, Popo… ja was denn nun?

Mittwoch, Februar 24th, 2016

„Mein Leben gähnt mich an wie ein großer weißer Bogen Papier, den ich vollschreiben soll, aber ich bringe keinen Buchstaben heraus. Mein Kopf ist ein leerer Tanzsaal, einige verwelkte Rosen und zerknitterte Bänder auf dem Boden, geborstene Violinen in der Ecke, die letzten Tänzer haben die Masken abgenommen und sehen mit todmüden Augen einander an.“ (Georg Büchner)

Für manche Menschen ist der Donnerstag gelb. Oder hellblau. Vielleicht Violett. Wie Viola, das Veilchen. V wie Violett war der erste Buchstabe im Vornamen meines Geliebten. Er hieß nach Oscar Wildes zweitem Sohn. Seine Mutter mochte den irischen Schriftsteller. Schon nach unserem ersten Treffen wusste ich, dass er seinen Namen hasste. Es war der Tag, an dem wir begannen, uns oft zu treffen, als er mir

Ich riß die Finger aus dem Mund und suchte nach einem Gummiband. In meinem Nähkasten lag eines, rot und fleischig. Ich wickelte es mir um, bis die Fingerspitzen blau zu werden begannen.

Staub fiel in feinen Körnchen von einer Packung, während ich sie aus dem Regal nahm. Aus dem blau gewürfelten Pappkarton zog ich ein eckig geformtes Flakon heraus, eher unscheinbar, mit einer bernsteinfarbenen Flüssigkeit gefüllt.

Melisand hockte im Schneidersitz auf dem Sopha. Sie rauchte eine lange, schwarze Zigarette, als ich ihr Zimmer betrat, und sie las gedankenverloren in Oscar Wildes De Profundis. Sie blickte erst von dem Buch auf, als mein Parfum ihre Geruchsnerven streifte.

Was soll ich dir sagen, willst du es überhaupt wissen. Langweilt es dich nicht? Ach, ich sage dir was: manchmal langweilst du mich auch. Dein Geist ist nicht immer scharf oder kommt üppig zu wachsen, dein Körper ist oft müde und schlaff.

Meine Gedanken waren immer noch bei dem Gespräch, das ich am Freitag mit Virginia geführt hatte. Sie hatte zwar ein wenig durch die Blume gesprochen, wie sie es häufiger tat. Dennoch kam ich nicht davon los, was sie gemeint hatte, während sie es aussprach. Es hatte viel mit meinem Verhältnis zu Konrad Schmetteling zu tun. Genau genommen verband mich nichts mit Konrad Schmetteling. Es war ein Verhältnis, das sich abspielte, ohne daß etwas Nennenswertes geschah.

Melisand hatte begonnen, sich auszuziehen. Unter ihren Rüschen war sie nackt. Ihre Haut roch nach Nocturne de Caron und ich erinnerte mich vage an einen merkwürdigen Tagtraum.

hüftnah einspinnen

Montag, Februar 15th, 2016

Efim Jurist schwebt durch Klänge : Piazzolla
Reißt sie in Fetzen : ich blicke auf deine ruhig

Übereinander geschlagenen Knie und sehe
Die Schwere nicht : ich spüre den Knoten

Mit dem wir uns hüftnah einspinnen
Um Mitternacht : den Fluchtweg

Immer im Blick : vergessen haben wir
Den Ausgang : die Lust am Entknoten

Ist größer als jedes Lamento : Jourist
Verhallt : Piazzolla endet jäh

Brennt die Zeitung an!

Donnerstag, Februar 11th, 2016

dein vater ist bekloppt. erst entkalkt er die kaffeemaschine und lässt die tablette drin. dann brennt er die zeitung an. das kleinkind kommt in den laufstall. die hunde von oma haben nicht gehorcht, weder der eddie, noch der purzel oder der lumpi. weil die oma immer diktieren wollte. das haben die sich nicht gefallen lassen. die waren so stur wie ihr frauchen. zur belohnung darfst du den hund ausführen, sagte oma, nachdem wir die botengänge für sie erledigt hatten. und immer war es windig. nachdem die hecke geschnitten war. der kirschbaum, die birken, alles flog im sommersturm zur seite. und dann hatte sie keinen vater mehr. der pflaumenbaum war innen hohl und brach in der mitte durch. am anderen tag sahen wir an den ästen ganze pakete von unreifen pflaumen. kommst du jetzt mit in den laufstall? ein feuerzeug und eine zeitung brauchen wir zum spielen. zum dein vater ist bekloppt spielen. hast du den teller leer gegessen. ich habe deiner oma kostgeld gegeben. für die innereien, die sie meinen jungs serviert hat. bei der oma essen wir nicht mehr. dein onkel sollte gärtner werden. für fünfzig pfennig mussten wir rüben hacken, der junge lag neben mir im kinderwagen. abends, wenn wir fernsahen, kam dein vater immer zu uns im grauen kittel aus der werkstatt. da kuckte der junge hinter dem vorhang. und du hast im auto gesagt, max und moritz wixen auf dem tonberg, ich saß vorne und du mit deiner mutter hinten. und du sorgst für mich. das hat sie mir hoch angerechnet, die mutter blume. deine mutter dagegen hat nicht locker gelassen. ihr dünkel, ihre arroganz, ihr schwarzes haar.

http://www.braunschweiger-zeitung.de/

Liebe (ein philofeministisches Groschenroman-Fragment)

Freitag, Februar 5th, 2016

“Du Schuft  und dein dir eigener boshafter, chauvinistisch getränkter Charakter kann mir gestohlen bleiben! Ab jetzt suche ich mir einen sensiblen Mann, einen, der mich auf Händen trägt, der mich, eine Frau, als vollwertigen Menschen ansieht und nicht nur als ein Stück Fleisch mit dem man alles machen kann und das erst plattgeklopft so recht genießbar wird.”

Sie wandte sich von ihm ab und obwohl sie sich unwillkürlich der Inszenierung dieses Abwendens – wie in den unzähligen von ihr so geliebten Schwarz-Weiß-Filmen – bewußt wurde, so war das in ihr brodelnde Konglomerat aus Traurigkeit, Wut, Hass und Sehnsucht nach Liebe doch so authentisch, dass die Mischung aus Geste und Vehemenz ihrer Emotionen ein winziges Lächeln in ihre Mundwinkel zauberte. Konnte es sein – hatte sie etwa Spaß an ihrer Rolle?

Während sie diese, ihr Selbst-Bewußtsein hinterfragenden Gedanken beseite schob und rasch nach seiner Reaktion auf ihre halbe Performance lugte, überraschte sie die mittlerweile in seinen Blick getretende, entwaffnende Milde.

“Ja, Endstation Sehnsucht, meine liebste Seeräuberjenny. Es ist wahr! Sicherlich bin ich ein epischer Schuft brecht’scher Proportionen!
Und manchmal ist’s mir – und scheint’s dir, ich kann es dir nicht verkennen – als wärst du jenem, auch mir beizeiten fremden Ich, nur Beiwerk, nur Zuckerguss dessen wahrer, egomanisch-selbstzerstörerischer Natur.

Doch was liegt darunter verborgen, was ist es, das dich – trotz allem – spielen, das dich lächeln, das dich deine Gefühle, obschon umherwirbelnd wie ein karibischer Sturm, tief, ruhig und klar in dessen Auge wissen lässt?”

Nun wandte er sich langsam, mit wohlkalkulierter Theatralik von ihr ab – jeder seiner nun folgenden Schritte schien einem Zweck zu folgen – und während er sich sicher sein konnte, dass sich ihre Hoffnung auf seinem Rücken sanft bettete, ertönten die ersten Klänge von Chopins zweitem Klavierkonzert.