Archive for September, 2015

Altes Spiel

Montag, September 21st, 2015

Das Sterben beginnt,
sobald du dich selbst belügst,
nicht weißt, wofür du noch kämpfen
kannst, warum du jeden Morgen
wieder erwachst.

An einem beliebigen Abend
beginnt es, an einem der blassen Abende
wie so viele andere, die du deiner
Lebensuhr abgerungen hast,
solch ein Abend wird es sein.

Fragen wirst du:
Warum hassen, warum lieben?
Du wirst die Antwort vergessen haben,
und deine Uhr gibt auf zwischen
zwölf und eins.

Badewanne

Sonntag, September 20th, 2015

Heiß, fünfundvierzig
Grad mindestens
ab dreiunddreißig
seit Lesen wie Rotwein & Sex
kein Pardon, keine Frage
ein paar Worte
nach dem Joggen
wenn die Poren im Ge-
dächtnis besonders empfänglich
für Leid & Sinn, Unglauben aller Art

Auf der Flucht

Montag, September 14th, 2015

Dann packst du einfach deine Siebensachen,
verschwindest spurlos, löst dich auf in Luft.
Wird Zeit, sich auf die Socken nun zu machen,
nur raus, nur raus aus dieser dumpfen Gruft!

Am Bahnhof siehst du, es gibt viele Züge.
Nach Langensalza und auch nach Paris.
Und Brieselang? Das kennst du zur Genüge.
Was fehlt, das ist ein Zug ins Paradies.

Auf Wolken schweben, wo die Engel singen.
Wo alles Frieden und auch sonst gerecht.
Und du stehst da: Wer soll dich dahin bringen?
Was bleibt – du wirfst dich wieder ins Gefecht.

Der lächelnde Blitz

Donnerstag, September 10th, 2015

1
Zwischen
Bessarabien, Bukowina
und mehreren Kreisen Moldau
spannt sich eine Brücke
nach

Transnistrien
hinüber,

halb Regen-
bogen, halb

Luftspuk-
gebilde

2
Eiserne
Grenze quer zu
den Bahnschienen
Richtung Polen

3
Nord-
Nord-West

Der Schrei

Dienstag, September 8th, 2015

Schreie der Krähen
zwischen Straße und Dächern,
und du beruhigst dein Blut,
verschluckst den Schrei,
der aus der Kehle will.

Still nun die Straße
wie zuvor, nur ein, zwei
Laute menschlicher Äußerung
hinter Gardinen, ein Nichts,
das nichts verbirgt.

Du sitzt und lauschst,
und du erlebst diesen Morgen
wie einen Freund, der mit dir
spricht als ein Wind,
ohne ein Wort.

Ode an die Septembersonne

Montag, September 7th, 2015

Auf blauen Himmeln, in milder Luft
spielst unschuldig du, heller Ball;
will glauben du bleibst und
tilgst an nahenden Morgen
mein Frösteln im Sturm.

Umsorgst mich, geschminkt als junge Braut,
liebevoll wie ein altes Weib,
dessen Leib das letzte Mal gebar,
dessen Erinnerungen mit zarter Trauer in der Stimme
am flackernden Herde leise verwehen.

Schön bist du, Semptembersonne,
trittst dem Schicksalswinter stolz,
da diese vollen Stunden dein Vermächtnis führen
mit bewundernswertem Sehnen, Frühling im Geiste
und Sommer im Herzen entgegen.

die beteuerung der zeit

Samstag, September 5th, 2015

die wiesen hängen tief die felder
hundertschaften von seiltänzern
überqueren das meer

du berührst schmetterlinge
an deinen fingern falterstaub
du gibst mir das gefühl
dass ich gedichte zähmen kann
und den tag anhalten
auf dem fluss treiben steine

gott lässt für sich beten
ängste wachsen
zu einem martyrium

 

Boat People

Samstag, September 5th, 2015

Tief die Wasser des Mittelmeers,
die Fische erbrechen unterm Überangebot
menschlicher Leiber, und kein
hilfreicher Moses in Sicht.

Völkerscharen wälzen sich
durch die Straßen Europas – Schreckbild
jedes mittleren Angestellten, und die
es über das Meer geschafft haben,
Gestalten des Elends, gefesselt an Traum und
Trauma, erwärmen die Glieder an Feuern
brennender Asylunterkünfte.

Wir, vor den Bildschirmen, die uns
das Ausmaß deutscher Jämmerlichkeiten
nicht zumuten wollen, wenden uns ab,
verschließen, aufrichtig ergriffen,
die Türen unseres Arkadiens mit
dreifach doppelten Riegeln.

Alsóörs 2015

Mittwoch, September 2nd, 2015

1
Der Balaton verspricht seinem Wasser, was Malev den
Passagieren abverlangt: Aus- und Einsteigen bei frei
schwebender Gangway, das Combi-Ticket Schiene-Luft
inbegriffen. Ökologisch? Na, klar – wo soll hier die Ver-
schmutzung noch herkommen? Die Enten putzen sich ihr Gefieder,
der römische Weinkeller lockt mit den neuesten Angeboten.
Die Sprache – das Mysterium schlechthin, pardon, behauptet sich
in jeder Aussage. Der August hängt über dem Wasser und glüht,
kein Pardon! in 1 Meter 20 Tiefe aus. Morgens um sechs
ist hier an den Zehenspitzen die Eisschicht zu spüren, mit der sich
die Seele bald bedeckt haben wird: Attila oder – pardon, wie bitte
war ihr Name? Meyer, Schulze, Lehmann bestellt ein neues Bier,
was antwortet ist nur – Schaum im Gedächtnis. Wieviel Gischt
ist nötig, eine Göttin zu gebären? Kein Pardon für das Gedächtnis!
wenn Zeitgenossen mit immer neuen Hammerschlägen Ereignis
für Ereignis unter der Oberfläche versenken; zurück bleibt all-
abendlich das Zittern eines Spiegels unter den Sternen. Zeitgenossen
versenken sich, die Gegenstände erwachen als Dinge unter einem
Himmel, der als eines der beiden ewigen Phaszinosa der Menschheit
gelten will. Tief in mir, knapp unter der zitternden Oberfläche
flüstert ein Dichter halbverständliche Worte, undeutlich & klar wie die Nacht.

2
Attila ist ein Name von Format.
Attila war ein Ökologe.
Attila brennt sich ein ins Gedächtnis.
Attila schläft. Schläft nur.
Attila ist der Beginn einer Serie von Ereignissen.
Attila war ein Berg.
Attila träumt von einer besseren Zukunft für alle.
Attila hat sein Zaumzeug fest in der Hand.
Attila hat einen Griff wie tausend Monde.
Attila lächelt, lächelt nicht mehr.
Attila hatte ein Erziehungsproblem.
Attila schweigt.
Attila Meyer, Schulze, Lehmann.
Attila.
Ich liebe dich.
Wann treffen wir uns wieder?
Am Balaton, in Alsóörs?

3
Und nächstes Jahr könnte es
ein Tempel sein.
Als vor fünfzig Jahren
die Verse erzitterten
unter der Wucht des
Gewissens war
ich noch nicht auf
der Welt: die Lebens-
mittelindustrie hatte gerade
die wasserundurchlässige Verpackung erfunden, der Papst
war ein Bruder im Geiste.
Kurz danach
feierte jemand seinen
hundertsten Geburtstag, da
war ich schon mit dabei.
Heute
hier in Alsóörs
kündigen sich Vierhundertjährige an.
Der Tempel steht
wie in biblischen Zeiten.

Jahrworte

Dienstag, September 1st, 2015

getrieben von duftenden Frühlingswinden
verloren in rauschenden Sommernächten
verzaubert von geheimnisvollem Winterlicht
gezeichnet als Herbstzeitloser

Sommermorgen

Dienstag, September 1st, 2015

Leb diese Frühe,
der Morgen öffnet die Augen
wie einer, der lange anderwärts
weilte, wo Erde und Sterne
sich zärtlich berührten.

Allein die Schatten
beweisen den Lauf der Sonne,
wenn sie über den Dächern deiner
Stadt aufsteigt wie die Göttin
von Samothrake.

Etwas wie Glanz in den
Straßen, die Mauern erhalten
die Farben zurück, und du hoffst
auf ein leises Glück, wofür
aller Sommer geschieht.

Und du weißt,
ein solches Glück gibt es
in Wahrheit nicht, leb diese Stunde,
ehe sie vergeht, ehe all deine
Sommer enden.