Archive for Januar, 2015

gefuselt : gefaselt

Samstag, Januar 31st, 2015

Abhängen : müde wischen die Finger übers übersensible
Glas : das die Gesichter beleuchtet : was hat man sich
Noch zu sagen : alles flimmert und schimmert irgendwie
Auf : Orkus tanzender Buchstaben : zerknautschtes

Sternchenkostüm : da hetzt sich noch einer mit wirr
Klarem Blick : eilig die Nachricht gefuselt : gefaselt
Auf den Straßen wirbeln die Abgehängten : wurbeln
Zerstürbeln : keiner versteht sie : in den hinteren Bänken

Knutschen die Paare und schmeißen das schimmernde
Flimmernde ins Eck : kein Trost : kein Prost : kein Toast
Von den Herrschenden ist nichts zu erwarten : gezinkte
Karten : das Spiel geht weiter : gescheiter : heiter

Es zieht hinab : die Augen gleiten müde übers Tal
So tief : der Fall : so still : der Stall : kein Nichts : im All

Schwerer Abschied

Donnerstag, Januar 29th, 2015

Lutz klebt den nächsten Karton zu. „In den Flur?“
Dort stapeln sich bereits fünf Kisten. Der Anblick gefällt ihm nicht. Damals hat er geholfen, die Bücherkisten in die Wohnung zu schleppen, dazu, sie nun wieder hinauszuschleppen, ist er nicht ohne weiteres bereit.
„Und wenn Sie in Hamburg blieben, Frau Doktor? Sich hier eine neue Stelle in einem anderen Krankenhaus suchen würden?“
Ach, Herr Lutz, wenn Sie wüssten!
Mit Doktor*innen ist es wie mit Lehrer*innen oder Buchhändler*innen oder Anwält*innen. Konkurrenz im Beruf ja, aber nach Feierabend kennt man sich. Nicht einmal befreundet muss man mit den Kolleg*innen sein, ob man will oder nicht – wie gescherzt wird – trifft man sie dennoch regelmäßig auf ganz bestimmten Tennisplätzen, in ganz bestimmten Fresstempeln oder beim Wochenendeinkauf Samstagmorgen auf dem Biowochenmarkt in Ottensen. Und tratscht. Und zweifellos will man ja auch, sonst würde man all diese heiligen Stätten nicht bepilgern. Und nicht tratschen.
Ich beispielsweise will nicht, halte mich da fern, frequentiere das Hallenbad in Altona und koche entweder zuhause oder esse Backfisch mit Kartoffelsalat in einem der Bistros auf der Großen Bergstraße. Samstagmorgens kaufe ich im türkischen Erden Market ein.
Aber es hat keinen Zweck, Lutz das alles darzulegen. Die entscheidende Information fehlt ihm. Genau diese Information würde unter der Hamburger Ärzt*innenschaft Samstags am Biowein-Stand die Runde machen. Unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit, zwischen zwei Schlückchen Pinot Noir, untermalt von der selben Melodie, die man auch abspielt, wenn man sich Infos über einen sogenannten Kunstfehler zuträgt, der letzte Woche im Operationssaal glücklicherweise Dr. B. und nicht einem selbst unterlaufen ist. Nun habe man also gehört, diese Ärztin…
Um es abzukürzen: Ich würde in Hamburg keine neue Stelle finden. Ich muss hier verschwinden. Wo man mich als nächstes will, dort ziehe ich hin. Letzte Woche war ich in Neustadt, um mich persönlich vorzustellen, Frau von Schönberg hatte nicht zu viel versprochen, eine Einladung ihres Chefs kam prompt. Der Kittel des Mannes wies Spritzer undefinierbarer Herkunft auf, möglicherweise hatten gleich mehrere Patient*innen spucken müssen. Auf jeden Fall war etwas unschönes vorgefallen, der Chefarzt wirkte gallig. Seine Zeit reichte lediglich für ein Händeschütteln und -drücken, dann ein gehetzter Blick auf die Uhr, Verabschiedung, ich würde schnellstmöglich von ihm hören. Und schon eilte er davon, um wieder ans Werk zu gehen.
„Wissen Sie, in Hamburg wird es mir zu hektisch“, erzählte ich Lutz am darauf folgenden Tag. Der Streit mit meinem Vorgesetzten und die daraufhin vereinbarte Aufhebung meines Arbeitsvertrages in beidseitigem Einverständnis wären doch zwei Gründe, in etwas ruhigere Gefilde zu ziehen. Ich bekäme vermutlich eine Stelle in Neustadt, in der Provinz bräuchte man mich dringend.
Lutz ist betrübt. Obwohl ich nicht ein Mal mit ihm ausgegangen bin, wie ersehnt. Ebenso wenig habe ich in dem einen Jahr unserer Nachbarschaft die Einladung auf ein Glas Wein in seinem Wohnzimmer angenommen. Dabei hätten wir uns viel zu sagen, meint Lutz. „Wenn ich sehe, wie viele Bücher Sie besitzen, Frau Doktor, ist es geradezu ausgeschlossen, dass wir zwei uns nicht verstehen würden!“
Mag sein. Lutz, Ende 50, früh verrenteter Bibliothekar mit schlohweißen Locken und Nickelbrille, ist ein netter Kerl. Manchmal kann er sich dann doch nicht bezähmen und klingelt bei mir, beispielsweise, wenn er hört, dass ich Möbel rücke, Nägel in die Wand klopfe, meinen Abfluss frei pumpe. Ob ich Hilfe bräuchte, heißt es dann. Vielen Dank, ich schaffe es allein. Ich frage Lutz aber, wo er schon mal in der Tür steht, ob er auf eine Tasse Tee hereinkommen möchte; er möchte immer. Wir plaudern ein halbes Stündchen. Er erzählt von seiner Arbeit, damals in der Uni-Bibliothek, auch, dass seine über alles Geliebte vor drei Jahren auf und davon ging, und es schwer ist, als Frührentner eine neue Liebste zu finden. Warum er mir das erzählt, verstehe ich nicht. Vielleicht will er es einfach nur loswerden. Eine dreizehn Jahre jüngere Frau gewinnt man nicht dadurch, dass man ihr auf die Nase bindet, wie gering der eigene Marktwert ist, das müsste Lutz wissen. Dennoch, ich mag ihn, wollte es aber immer bei unseren kleinen Plaudereien 14tägig belassen.
Ich klebe den nächsten Umzugskarton zu.
Als habe er heute geradezu durch die Zimmerdecke hindurch sehen können, dass es bei mir etwas in größerem Rahmen zu tun gibt stand Lutz vorhin in Norweger Pullover und Jeans vor der Tür, sehr leger für seine Verhältnisse. Wenn er sonst klingelt trägt er Oberhemd und Jackett. Und dass er heute so lange hierbleiben und helfen kann macht ihn augenscheinlich einerseits selig, anderseits, in Anbetracht der aktuellen Lage, traurig.
„Was sagen Ihre Kolleg*innen zu dem Streit mit ihrem Vorgesetzten, Frau Doktor? Nimmt man Sie in Schutz?“
Die vage Vorahnung, dass ich eines Tages mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit gehen könnte lässt die Hamburger Ärzt*innenschaft vermutlich zusammenhalten wie selten zuvor.
„Es hat sich alles geklärt!“, antworte ich knapp, aber freundlich. Wo ist mein schwarzer Filzstift? Ach, hier. Funktion und Krankheiten Innerer Organe schreibe ich auf die Deckel der beiden größten Bücherkisten, Verhaltenspsychologie auf den Deckel eines ebenfalls gewaltigen Kartons. Stationsarzt F. wäre mein Bekenntnis weitaus peinlicher als das Aufdecken von ein bisschen Kunkelei unter den Regent*innen von Blankenese. Kunkelei ist nur unter Habenichtsen verwerflich. Bei Doktor F. und dem Jurist*innenehepaar heißt Kunkelei Kooperation. Aber das weiß Lutz sicher selbst. Hat ja diese Kaste in seiner Uni-Bibliothek heranreifen sehen.
„Vielleicht gehe ich auch wieder aus Hamburg weg. Zurück an die Ostsee. Wenn ich eine Frau träfe, die dort mit mir leben wollte, wäre ich sofort bereit.“
Ich überlege kurz, ob das ein letzter tollkühner Versuch ist, beschließe dann, einfach darüber hinweg zu gehen. Werde lieber den nächsten Deckel beschriften. Traumata und Therapie. Auch eine große Kiste. Gegen jede Störung kann man allerhand unternehmen oder es zumindest versuchen. Ich lasse wieder alles hinter mir.
Lutz trägt vier weitere Kisten in den Flur, der ist damit voll gestellt. Die Wohnung ist weder groß noch modern. Der typische Altonaer Flair weht schon seit einer geraumen Weile hinein, nistet in allen Winkeln. Salzluft, Geschrei vom Fischmarkt. Und der uralte Parkettboden knarrt bei jedem Schritt. Wie ich das vermissen werde! Genauso wie die Visite bei meinen Kindern am Morgen und die nächtlichen Ausflüge nach St. Pauli. Das waren selige Momente, Retardtabletten gegen den Schrecken der immer wiederkehrenden Einbrüche.
Pharmakologie Drei dicke Wälzer besitze ich zum Thema. Ich werde mir neue Medizin beschaffen.
„Ich koche uns einen schönen Tee!“, schlage ich Lutz vor, der jetzt wieder im Wohnzimmer steht und seinen Blick an meine letzten, noch nicht verpackten Habseligkeiten heftet.
aus: Frau Dr. E. liebt die Abendsonne
kommt!

apfelkerne (2)

Dienstag, Januar 27th, 2015

<> J.J. POST MorteM

***

Wie
im Film, nicht
x_y_x_y____z wie hier
quillt es über die Ränder
des Gehirns. Des
Gehirns, des Gehirns:
Wessen?
Wessen waren wir
angeklagt?
Ange-
fixt? Füllt? Ge-
z____y_x_y_x
Bloß keine Auf-
forderung mehr, sonst
kommt die Bedeutung

**

Wer//zerfliel zu Schimmelpilz und/X-Y Lindenblütenhonig?

*

Eigenwerte : Wenn dann alles vibriert. Dann vibriert,

Featuring William Burroughs : Folding Out\out : Ura nuus_Willi

Dienstag, Januar 27th, 2015

Er klärte die Opfer auf. Sein metallenes Gesicht verzog sich zu einem langsamen Grinsen, als er durch seine Antennen, die in den durchsichtigen Schädel eingebettet waren, ihre zirpenden Überschall-Drohungen vernahm.
Ein Elektriker im Benzinblitz der Geschichte. Weißglühende Explosionen versengten sein Gehirn.
IHR SEELEN, DIE EUCH ORGASMUSDROGEN VERFAULEN LIESSEN, FLEISCH, DAS VOR DEN NOVA-ÖFEN ZURÜCKSCHAUDERTE, GEFANGENE DER ERDE, BEFREIT EUCH.
Klärt alle Opfer überall auf. Zeigt ihnen das betrügerisch manipulierte Lebens-Zeit-Glücks-Rad.
Der Wirklichkeits-Film gab nach und beulte sich wie ein Panzerschott unter Druck, und das Manometer stieg und stieg.
Arbeiten Sie mit uns zusammen.
Und mit einem atomaren Blitz metallenen Zorns nahmen sie Uranus auseinander.
Hastig errichtete er einen Stille-Schirm, und grauer Nebel trieb durch das Café.
Blick nie zurück -
Auge, nimm vom <> die Farbe zurück -
Innerhalb des Sekundenbruchteils, der ihm blieb, schoss er seinen Silberstrahl, und er atmete die Stickstoffdämpfe brennenden Films ein, als er durch die Tür ging, in der der Wächter gestanden hatte.
<>

rückblick

Sonntag, Januar 25th, 2015

rückblick
(gruß an r.)

ausgetretene graphitspuren
zeugnisse eines bewegungslosen
zeilenspringers ohne mut zum
punkt

auf die fiebernden folgten
die jahre des aderlasses
die welt reichte ihm
hand und skalpell

„wir halten dich
mit gestutzter gesinnung
und gebrochenem flügel
dem himmel narrennah“

aus seinem blick verlor sich
die anmut des zweifels –
die einsamkeit gewann
kontur

drei schritte zurück
ein missverstandener
anlauf vor der flucht
in das schweigen

Stillstand

Samstag, Januar 17th, 2015

Ich habe mich beiseitegelegt,
auf Gletschereis,
um mich nicht an einem Frühlingsmorgen
verdunstend ins Sonnenlicht zu mischen.

Nie stürze ich und flute.
Meine Umgebung bleibt für immer kalt.

Gewohnheiten schleichen mir katzenpfotig
um die Beine,
meine Hände harren
tagein, tagaus auf Fell.

Doch währenddessen sind mir die Wünsche
aus dem Nest gefallen.
Ein Unbekannter berührte sie;
ihr Geruch ist nun so süßlich fremd.

Funktion denken (3)

Sonntag, Januar 11th, 2015

Nun also Deutschland: keine
x_ Alternative ohne Konjunktion -
in der Immanuelkirchstraße

rollen die logischen Formen den
y_ Prenzlauer Berg hinab, an
der Winsstraße ist die Vor-

fahrt zu beachten – - Bewegung
z_ vor Logik, die Starrre, Bruder
ein Aufatmen ist die Stille

im Eingedenken, zweite Ableitung
x_y__ unseres Weges in Richtung
Mittelpunkt: auf der Oberfläche

entstehen die Formen, Kontakt-
y_x_ zone deiner Luft und meines
Feuers – - – Amsterdam, Paris, Königsberg

Der blinde Maler

Mittwoch, Januar 7th, 2015

Ich bin der erste Mensch, ich bin
ein Gast auf Erden.

Meinen Vater zu töten, war
die logische Konsequenz

Einer Sprache, die verneint, ohne
auszulöschen sich

Selbst: ich war vollkommen
in der Fülle meines Denkens -

Die Sprache, die ihr sprecht, ist
nur die Einschränkung

Euer selbst: Sinn gegen Sinn
aufgehäuft in der Zita-

Delle eines Gesichts, so stecken
die Hände in Fesseln!

neujahr in florenc

Samstag, Januar 3rd, 2015

unter den gleisen der hochbahn liegen wir
sie schwebt davon auf dem gewölbten bett
rote speisewaggons : blaue für rollstuhlfahrer
in grünen sitzen lauter Niemand : braune
güterwagen hasten polternd vorüber

die alarmsirene eines autos : dem sich jemand
zu dicht näherte : weckt die einst torkelnden
kinder im laufschritt : im zickzack wackeln sie herbei
jemand wärmt den dieselantrieb lärmend vor
der trunkene grabscht nach : du ziehst die jacke drüber

welch schreck : kein moos : raketen fliegen hier und da
wie sprühend auf : die menge folgt ihnen
mit blicken : schiffe treiben führungslos im fluß
und die kajüte tanzt : von zeit zu zeit ein kracher
sachte landet zwischen beinen : asche

die geister werden ausgetrieben : schweinenacken
wandern gargegrillt am spieß auf tische tief im keller
müde beiß ich in mein butterbrot : das eine schüssel ist
voll dicker suppe : die kellnerin : sie rennt und wedelt
mit den händen : sekt kullert aus der flasche

der geist ist raus : nein
warum seufzt du so
es ist geschehn : das neue jahr
muß irgendwann : zum glück
gezwungen enden