Archive for September, 2013

Duzen Part 2

Montag, September 30th, 2013

Sie wuchs von Innen nach Außen, sie klebte wie eine Fliege im Sonnentau. Fest und unerbittlich. Öffnete ihr Maul und zeigte ihre Zähne. Wild geworden, die Zeiger an der Uhr. Ich in der untergeordneten Rolle. Teil dieser sandigen Bewegung. Von oben durch ein schmales Rohr nach unten geronnen. Gehst du mit mir an den Strand, eine ins Leere gestellte und banale Frage, die sich zu dir verhält wie ein Mutterstern zu seinem Planeten, gerade weit genug entfernt, dass noch Leben möglich ist. Saß in der Erinnerung am Hochstrahlbrunnen in Wien. Einer schob die Brille nach oben. Tat, als würde er mich sehen. Freiwillig legte ich den Reiseführer zur Seite, stand auf vom Brunnenrand. Vor einiger Zeit hatte ich eine Münze in den Trevibrunnen geworfen. Wer das sagt, kehrt zurück. Und wenn ich dich kehrt machen hieß. Wenn selbst die Abwesenheit deiner langwelligen Haare klingt wie Eiswürfel, die ins Glas fallen.

gesucht

Montag, September 30th, 2013

blassrotes kleid fällt als
trinke sie klang
ein klang
auf verdunkeltem
boden
unter ihren füßen
wiederholt

wo goldgleicher glast
in der hitzegluten meer
ein ring gehüllt in fernes
blau auf perlmutter liegt haar blank.

Fossilien

Dienstag, September 24th, 2013

Eine Enthüllung

Das Tier stammte aus dem Erdaltertum. Als es sich auf dem Teppich zu wälzen begann und seinen Rüssel ausfuhr, der dem Rohr eines Staubsaugers glich, erkannte er, dass dies ein Geschenk von ihr sein musste. Sie wollte ihm die Arbeit erleichtern. Er beruhigte sein Gewissen und nahm eine Zigarette aus dem versilberten Etui. Das Etui hatte er von einer anderen. Warum hab ich nur so viele Freundinnen, überlegte er und schritt dabei leise grübelnd die Wohnung ab. Das Tier auf seinem Teppich, das aus dem Saugen gar nicht mehr herauskam, denn es war ihm wesensimmanent, wurde langsam schlaff und seine Haut schien matt und dünn in der Kerzenbeleuchtung. Es besaß anscheinend außer Saugen keine Möglichkeit, sich bemerkbar zu machen und zu zeigen, dass es ins Wasser musste. Er rannte ins Bad und begann, hektisch die Wanne voll zu lassen. Wenn das Tier einging und ein fischiger Geruch sich breit zu machen begann, dann wäre es aus zwischen ihm und ihr. Nie mehr würde sie ihn sanft bei der Hand nehmen und in die eigene Wohnung zurück führen, wenn er in der prallen Mittagssonne stundenlang am Briefkasten stand, weil er die Existenz von Gluonen nachweisen wollte. Was sollte dann aus ihm werden? Das Tier durfte nicht sterben. Das Wasser prasselte in die Wanne, die war schon dreiviertel voll. Jetzt mal nach dem Tier sehen. Das saugte in unglaublichem Tempo die Wand ab und wurde dabei immer dünner und blasser. Wie er es in die Wanne befördern sollte, wusste er nicht. Es würde zappeln und sich wehren, ihm vielleicht die Hand abbeißen. Niemand wusste, wie so ein Fossil sich verhielt, wenn es sich bedroht fühlte. Er läutete Sturm bei ihr. Nein, nein, mit mir ist nichts. Sie kam gähnend heraus. Es ist halb drei, mein Lieber. Sind die Gluonen wieder da?

Longitudinal

Samstag, September 21st, 2013

Es geht noch das gleiche vor, der Park steht voller Bäume, mit dem Schein von etwas, Bäume, die ihre Blätter abwerfen, der Wind erinnert gleich dem Abziehbild aus einem Album an die weit entfernte See, an das Herumkreiseln und dann Hinfallen als Kind. In den Fensterscheiben spiegeln sich aufsteigende Luftmassen, gläsernes Grau. Weiß und Preußischblau, wer will schon mehr darüber wissen. Ich schreibe dir von den Wasserwelten der jungen Erde, du lobst mein Wissen über den Plattwurm, er sei einfach, unsterblich, mit einem Gehirn. Schier unerschöpfliche Lebenskraft, was ist dagegen ein Algorithmus. Jetzt machst du das Fenster auf, ich gehe nicht durch deine Straße, ich bewege mich anderswo. Ich denke mir aus, du stehst auf einer rotierenden Scheibe unterhalb eines Pendels im Rhythmus der Stunden. Tick, tack, Ührchen geht an seinem Schnürchen: All die elektronischen Steuerwerke, die ihre Zeiger bewegen, einige ticken leise und schnell, andere pulsieren träge wie im Halbschlaf und gehen nicht nach. Und ich strenge mich beim Laufen mehr an, wenn es von überall zieht. Du schließt das Fenster wieder. Eine Seite deiner Arbeit hat der Wind zu mir heruntergetrieben. Wir drehen uns um die eigene Achse und folgen dem Pendel in uns, verstohlen. Ich hänge eins auf in deiner Kammer, blauviolett, weißt du noch, in deiner Kammer.

die akazie am haus

Dienstag, September 17th, 2013

die akazie am haus trägt erste
gelbe blätter : braune schalen
knorriger samen hängen herab

wespen flirren aus ihren
verstecken : der regen floh
in den teich : pflaumen fallen

geräuschvoll zur erde und geben
im gras kleinen tieren ein fettes mahl
und die menschen : schlafwandlerisch

treten sie aus ihren hütten
die kapelle ist fort : in den ohren
hallt noch die nacht nach

die akazienblätter zittern im wind
weder frust noch frost : sondern freude
sie winken : zwinkern : vibrieren

!

Donnerstag, September 12th, 2013

Rund drei Viertel unseres Gehirns besteht aus Wasser.

?

Mittwoch, September 11th, 2013

Die Plattwürmer zählen zu den einfachsten Kreaturen, bei denen sich folgender Bauplan beobachten lässt: Vorn sitzt ein Kopf, und darin ruht das Gehirn.

Blick über die Dächer

Sonntag, September 8th, 2013

Lady Belgrad ist verschont geblieben : Titos schwarze Muse
am Rande der Stadt : sie zeigt uns ihren kleinen Finger
welche Botschaft sie sendet : wir wissen es nicht
den Generalstab hat es getroffen : ein paar Meter weiter

die Ruine : ein Blickfang für Reisende aus dem Westen
nur wenige zieht es hierher : ob Joseph sich die Folgen
angesehen hat : wir wissen es nicht : vermutlich
blieb er in Frankfurt und leckt sich die Wunden

Indianer sollen stolz auf sie sein : Belgrad trägt sie
zur Schau wie die neueste Mode : nur die Gardinenröcke
fehlen : die die Frauen über den Mini schlagen
im Sommer : aus Respekt vorm Patriarchen

damit er ihnen kein Kopftuch verordnet : nur noch
die Mädchen vom Land trauen sich : sich zu verhüllen
Lady Belgrad hat ein paar weiße Tupfer : wie Nagellack
leuchten sie nachts : während sich die Pärchen

in dunkle Ecken drücken : ohne Angst
hier lebst du sicherer als in New York : diese Stadt
hat Wille zum Leben : der ist Musik
wußte schon Arthur : auch der war nie hier

ist in Berlin geblieben und hat geträumt von den Veden
mein Blick fällt auf die Dächer : düster
schlafen die Fassaden : keinen Dornröschenschlaf
die Zeit schwärzt die äußeren Hüllen : damit

die Bewegung im Innern nicht aufhört

Würfelzucker

Samstag, September 7th, 2013

Mein Freund schrieb mir von einer seiner unzähligen Reisen, den Annehmlichkeiten und Hindernissen des Unterwegsseins, den ungewöhnlich schicken Herren und Damen mit auftoupierten Haaren, schnittigen Zöpfen und dem Palaver von Welt. Den transparenten Duschkabinen, den Schüttelfrösten während seiner Fieberperioden oder den Unbequemlichkeiten des dreifachen Währungstausches. Das Beste, meine Liebe, das Beste neben all der Hochkultur Europas, den Katakomben, den kleinen Restaurants mit dem starken schwarzen Tabak und dem Morgenkaffee, gemahlen aus echter Bohne – dazu reichen sie Würfelzucker, bedruckt mit den Emblemen aller Kantone -  das Beste, meine liebe Freundin, das Beste auf jeder Reise war und ist doch immer das Essen.

Nach so einem Brief wartete ich drei Tage mit einer Antwort. Es machte mich verlegen, ihn so offen über den Körper und seine Einverleibungswünsche schreiben zu sehen. Was es genau zu essen gab, blieb im Dunkel. Ich griff zum Taschentuch und schnaubte mir die Nase, die auch im Spätsommer unter dem Blütenstaub litt und unentwegt lief. Ich trank meinen Tee nicht aus. Ich betrachtete seine steil abfallende Schrift, die Postkarte mit dem Elefanten darauf. Ich spitzte den Stift. Ich drehte mir eine Locke um den Finger und dachte nach. Mein Lieber, schrieb ich schließlich zurück, das Essen ist der gewagteste Teil einer Reise. Es wird in großzügigen Schüsseln dargeboten, zwei bis dreimal am Tage, du fühlst dich kurz zuvor wie frisch gebadet, legst dir neue Garderobe an und begiebst dich, den Teller in der Hand, mit dem Besteck bewaffnet, in den Esssalon. Ich will dir nicht aufzählen, welche Speisen es gab. Die Saucen waren hervorragend, die Gesellschaft leger und nonchalant. Flattrige Kleidung, lose Mundart, schlaffe Hüte. Die Tage waren heiß. Ich und meine Freundin gewöhnten uns das Schaufeln an, wir sahen unsere ewig gefüllten Backen, die ewig hungrigen Augen, die bereits zum Zerbersten gestopften Münder. Und immer lächelten wir, schnippten wir sorglos unsere Asche in die silbernen Gefäße. Ich wurde von Tag zu Tag eleganter und raffinierter darin, das so eben Genossene auf dem schnellsten Wege wieder los zu werden. Schon während ich es mir einverleibte, dachte ich im Stillen an eine neue Methode. Ach, lieber Freund, die Klagen und Mühen des zu reichlichen Genusses sind ein wesentliches Laster unserer Zeit – gleich dem Unterwegssein und seinen Strapazen. Wenn wir würfeln, überlassen wir vieles dem Zufall. Aber ich hoffe, wir zwei, Du und ich, sind noch immer Tag und Nacht, Sonne und Mond, die Vorreiter auf einer Zielgeraden…

Ich weiß nicht, was und wann er mir antworten wird. Ich wickle ein Stück Zucker aus und lege es in den frisch gebrühten Kaffee, der mir den Mund zusammenzieht.

spätsommer

Donnerstag, September 5th, 2013

an dichten sommertagen
ziehe ich die blaue luft
zu fäden und spiele
darauf harfe

um mich herum
hautflügler ein paar
werden den tag nicht
überleben

du stehst auf deinem balkon
und beäugst das wachstum
der tomaten sammelst raupen
einzeln ab

die robinien in unserer straße verlassen
schon die kräfte
nur das motorrad vom nachbarn
dröhnt wie am ersten tag

Unerträgliche Dehnung des Fühls

Montag, September 2nd, 2013

So tun, als ob nichts sei. Am Seilfaden

springen. An der wippenden Gedanken

mitte seifend sich ertragen. Ball der

Feilheiten. Keil und Federnd sich

Selbst zusehen beim Wegblick.

Das Gefühl tragen. Daseinszynik

in jedem Atemzug. Je höher die

Laune, desto tiefer der Stich

In meine Herzpunkte.

Tüpfelnd. Ich durste mit

meiner Uneinnehmlichkeit

in Dich hinein.

Soll das mein Leben sein?

Kleinstheit der Sekundenbrüche

täglichen Augenblicks?

Leere des Deins?

Keine Heimat haben

in dem Mensch.

Streblos und

Zerweht.

seltsame : gebärden

Montag, September 2nd, 2013

wir männer : wie verfallen wir
dem weib und brüsten uns
mit macht : potenz und narretei

wir knien nachts vor ihrem schoß
der doch verschlossen bleibt und bloß
ein lächeln ernten wir und lächeln

schmerzverzerrt zurück : nichts
wissen wir von schmerzen : ein scherz
wars nur : ein balgen : schlaffe säfte

früh um drei ists schon vorbei
nein : nicht vergessen : es warten
nur : ach ja : vergebliche geschäfte