Archive for Juni, 2013

organische erkrankung

Sonntag, Juni 30th, 2013

sowas gibts, aber schade schon, dass die mit der ach so gelenkigen zunge so wenig die stirn, den fuß vor die tür zu setzen, um auge in auge, und zahn für zahn, verliert die gemeinde, an biss.

* * *

Samstag, Juni 22nd, 2013

Der Mensch ist ein Kuchen,
Das Gedicht ist ein Kind.

So viele Verse, und die Luft
Zum Atmen
Wird uns nun nach Jahrhunderten zugemessen

23. Mai
Agenda 2010, vorbei.
Danach Gedichte, nur noch den Atem, der aus
Dem Herzen kommt.

Mit dem Licht erwachen die Vögel,
Wen vermag es da noch zu halten
Im dunklen Nest?

Hinter verschlossenen Fenstern
hört man den Wind nur in der Ferne,
Das himmlische Kind, das die Fahnen
zum Klirren bringt.

Drei Jahre später wird ein Wille
Wiedergeboren aus dem Geiste der
Musik, Muzhik
Und ich frage mich
Parlando
Parlando
Parlando
Ich frage dich
Schon lange nicht mehr.
Am fünften Mai starb hinterm Deich
Die Dichterin Sarah Kirsch
Und gestern brachten sie es in der Tagesschau.

Schnitt, die
Kunst ist ein Schrank
In der Moskauer
Leere, 1927
Das Opfer der
Titel eines Films
Jahrzehnte später.
Ich sagen, Schnitte
Überblenden
Den Raum zwischen
Den Gedanken, kon
kret kon
dukt ** kon
vers, ***** kon’
+++ Poesie – - -
Und die weißen Pferde
***** mit den *****
Schwarzen Schwänen
Nicht am Himmel

das wars : also

Freitag, Juni 21st, 2013

eingeschlafen mit blick auf eine gelöcherte
decke : grauweiß : kunststoff
auch mein schlaf ist künstlich : fein dosiert

der cocktail fließt durch den handrücken direkt
ins blut : im rachen steckt eine röhre
ich bekomme von all dem nichts mit

die schwestern umschwärmen die betten
wie stewardessen : wo bin ich : zur getakteten
zeit : erwache ich im liegeraum : den blick

auf den himmel gerichtet : weißgrau : von schmutzigen
sandsteinfassaden gerahmt : mein nachbar
sportlich : schließt die augen und genießt

die bilder des schlafs : gern würde er hier übernachten

Autisten entwickeln Computer

Dienstag, Juni 18th, 2013

Die neue Generation der Neuro-Computer wird möglicherweise von Autisten entwickelt und vorangetrieben, die eine jahrzehntelange Einnahme von Neuroleptika hinter sich haben. Las ich doch neulich in einem überregionalen Blatt: “IBM stellt Autisten ein”. Oder war es SAP? Ich möchte mich da nicht festlegen – aber: Sollen wir diese Dinge einfach so geschehen lassen? Auch ist ja bekannt, dass in Softwareunternehmen leichter Autismus an der Tagesordnung ist. Aufwachen! (Ich meine, wer möchte denn schon auf eine Annonce antworten und nachher bei der ersten Begegnung rätseln müssen, ob es sich nun um einen herkömmlich gewachsenen Menschen oder um einen Siliziumwafer handelt?)

!

Montag, Juni 17th, 2013

supermarkt, nachtmittag, schichtwechsel. renate zu karin: an die kasse, süße, ich muss aufs klo. karin zu renate: kannst gehen, aber mach keine überschwemmung.

mein bonmot zum abend. kommt immer gut, sich auf kosten anderer zu amüsieren.

doch: welch’ leichtigkeit geht von nati und karin aus – auch ein lebensentwurf. kaleidoskope von entwürfen. ein mandala.

?

Montag, Juni 17th, 2013

“karin, wenn du sitzt, mach ich mal auf kleine mädchen!”

“kannst abflußen, nati. aber mach nich wieder auf hochwasser, ha ha!”

old : timer

Mittwoch, Juni 12th, 2013

so bin ich unter die alten autos gegangen
das hintere rad krachte : achsenbruch
mensch : dreiundvierzig : das ist doch

kein alter für so ‘ne maschine : verschleiß-
teile austauschen : weiter geht
die fahrt : hinauf : hinab : schneller

vollbremsung : wenns doch so einfach
wäre : was kaputt ist zu ersetzen
ich bin kein baum : an dem jahr

für jahr etwas nachwächst : also paß auf
du bist dein eigenes ersatzteillager : was
du verschlissen hast : kriegst du nicht wieder

Reine Romantik

Donnerstag, Juni 6th, 2013

Rot gelockte Haare hatte die Freundin. Ein Haut wie in Stein gemeißelt. Ging sie mit Hut und stand schweigend im Licht. Als er Jenna davon erzählte. Gin ging mit Jenna in eine Galerie, da hatten sie Bilder im kubistischen Stil und die Wände lagen im Schatten. Draußen war es warm, fast heiß. Gin sagte, sie klimperte gern. Hatte auch ein fantastisches Elternhaus. So was Altes im Stil von Uwe Tellkamps Turm oder Thurm. Gin fragte Jenna, welches Bild sie wolle. Keins von ihr. Es gab auch keins von ihr in dieser Galerie. Aber sie kauften am Ende das Kissen. Darauf war ein Hologramm in vielen Dimensionen gestickt. Die zehnte Dimension war eine Membran dünn wie ein Schlauch. Über die Berührung dieser Membran, die dünner war als die Schale zum Apfel, hatten Jenna und Gin schließlich Körperkontakt. Körperkontakt ist reine Romantik. Und damit ist das Märchen zu einer der Unendlichkeiten geworden und wenn sie nicht gestorben sind. Mann nennt es auch Infinity.

frühjahr : rochade

Mittwoch, Juni 5th, 2013

in diesem frühjahr bleibt der himmel trübe : die büsche
wachsen nicht : der baum bleibt klein

die wiese wandelt sich : in einen sumpf
die fliegen kriechen lahm am fenster lang : der regen

fällt : er fällt und fällt : wir schließen uns
in flache hütten ein : die flut springt hoch

die wilden bäche hupfen : der bürger zieht
vom lichten kopf den hut und atmet tief : vorbei

Lost and found

Dienstag, Juni 4th, 2013

Zu Gedichten von Snežana Minic

minic.jpg

Dieses Buch gab mir Snežana in Hamburg in die Hand, nachdem ich im Festsaal des Kunstgewerbemuseums Ithaka-Verse von Miloš Crnjanski in deutscher Übersetzung vorgetragen hatte. Es war ein rührender Moment: die expressiven Texte, die Crnjanski zwischen den Gefechten in Galizischen Wäldern aufgekritzelt hatte, die mit ihm die Odyssee des Krieges überlebten, schwebten noch im Raum; allmählich füllte er sich mit Geplauder, dem Klirren der Weingläser, Lachen und dem Schurren der Schuhe. Eine Last fiel ab, das schwere Wort hatte sich herabgesenkt und gab die Lufthoheit wieder frei für das Leichte.

Es gab keinen günstigeren Augenblick, die Gedichte von Snežana zu empfangen. Mit leichter Zunge erzählt sie von mediterranen Mythen, von Flucht und Vertreibung, magischen Schildkröten, osmanischen Anekdoten, weiblichem Stolz, Spaziergängen im Park, Kneipenbesuchen, Hinterhöfen, Nirgendsorten und Niemandsländern, Zigeunern und Kamille, von den Frauen, die Großvater liebte und für die er die deutschen Lager überlebt hat.

Die Texte tänzeln so leicht, daß das Buch mir abhanden kam. Ich erblickte es zuweilen eingequetscht zwischen den gewichtigen Büchern im Regal, doch erst jetzt, ein Jahr später, entdeckte ich es wieder.

„Unsere Irrfahrten setzen nur die längst beschriebenen fort … Aber auch Ithaka … ist bloß eine Insel.“ Das ist der Auftakt des Buches, die zentrale Metapher der jugoslawischen Moderne: Odysseus. Die Geschichte der Balkanvölker als Irrfahrt, als Kampf mit Zyklopen, Menschenfressern, als schmerzhafte Lust im Spiel mit Nymphen und Sirenen. Crnjanski ruft Odysseus ins Gedächtnis, Stevan Tonti? Penelope. Bei Snežana wird Ithaka wieder, was es eigentlich ist: eine Insel.

Es ist der hermeneutische Ansatz, der diese Gedichte durchzieht: zu den Sachen selbst zurückzukehren, zu sehen, was eigentlich in den Dingen und den Menschen steckt. „Was will ich eigentlich? – Sprechen will ich, wieder sprechen, wie alle Vertriebenen, ohne ständigen Wohnsitz, ohne Haare auf den Zähnen, mit Paß der UN oder ohne …“ Man muß zuweilen die Sätze freilegen, aus dem Wachsen der Gedanken herausnehmen, um ihre Schönheit zu erkennen und sie wieder zurückzugeben in das Geflecht der Verse. Snežana vertraut der wundertätigen Kraft des Kleefarns, die gefesselte Zunge zu lösen. Der Farn – ein heidnisches osteuropäisches Gewächs, grün wuchert er in den Wäldern, aber nur kurz zeigt er seine Blüte, um Mitternacht – diesen Augenblick gilt es zu erhaschen, wenn man verliebt ist. Auch die Litauer wissen darüber Lieder zu singen.

Was den Flüchtling im Westen empfängt, das sind „immerfort Werbebotschaften und Bilder, Bilder und Werbebotschaften“. Die Einheimischen sind abgelenkt durch kleine magische Bildschirme, die sie in den Händen halten oder über den Sitzen in der Straßenbahn anstarren – die sie abhalten – oder schützen? – von der mitmenschlichen Begegnung. Es ist Arbeit, sich von den sorgfältig geschminkten, bunt bespannten, beeindruckend errichteten Fassaden zu befreien, sich nicht aufsaugen und manipulieren zu lassen. Die Einsamkeit in all dieser Fülle zu erkennen und schätzen zu lernen.

„Die Poesie hat keinen Nutzen, wir sollten es lassen, vergebliche Mühen … selten, freudlos schrieben wir Gedichte.“ Tatsächlich, objektiv gesehen, steht uns die Dichtung in dieser Welt nicht bei. Sie verhindert keine Kriege, keine Klimakatastophen. Sie läßt uns innehalten, wenn wir uns auf sie einlassen. Das ist alles. Die torkelnde Bewegung eines Schmetterlingsflügels. Wenn sie keinen Wirbelsturm auslöst, kann sie Freude bereiten.

„Wir sind in einem neuen Land aufgewacht, Amseln zwitscherten im Gebüsch, Möwen flogen, alles hatte andere Bedeutung.“ Die Flucht ist von Gefahren umzingelt, die Ankunft verheißt Stille, ersehnte Ruhe – selbst die Wolken haben, scheint es, eine andere Gestalt, das Gras wächst anders. In der Stunde der Rettung kehrt die Vergangenheit zurück. Snežanas Großvater lebt in den Gedichten, wird in deutschen Viehwaggons herumgekutscht, nach Norden zur Zwangsarbeit geschleppt. Wo „ein Zigarettenstummel sein ganzer Reichtum war.“ Was ist der richtige Ort? Wann haben wir ihn gefunden?

Die Prinzessin dagegen wurde in den Süden entführt, ins herrliche Byzanz, wurde im Serail festgehalten, „die schwarzäugige Schönheit neben so vielen anderen Frauen … mußte ihr von so vielen Helden gerade dieser zuteil werden?“ Sie konnte nur noch träumen vom Vogelgezwitscher daheim in den Hainen, von den Hügeln und Hirten. Die Dichterin, sie „könnte dorthin zurück, mit Pferd, Esel, Zug, mit einem Sack Kartoffeln.“ Aber sie bleibt im Exil. Im Land des Blaukrauts, der Kohlköpfe, der Versicherungsagenten und Zeitungsleser, der Frauen mit Tragetüchern. Des Regens. Er verflüssigt alles, läßt Trauer vom Himmel fallen. „Nirgends kann man hingehen, vor nichts fliehen.“

Sie bleibt und beobachtet zugleich die Rückkehrer: „Sie kommen zurück von der Jagd und aus Kriegen, sie kaufen Bücher, sie legen die Lanze beiseite, wickeln sich in uralte Felle, im Schlaf sind sie wie Rehe so sanft, die Insel der Seelöwen ist von Sirenen bevölkert, sollen doch ordentliche Winde blasen, und ihre Schiffe in Byzanz landen … Ich stehe und schau, wie sie weißlich schimmern.“

Diese Gedichte erzählen. Sie üben sich nicht im hermetischen Versteckspiel, sondern in Hermeneutik. Der Leser schwimmt mit dem Bewußtseinsstrom der Autorin, er gleitet mühelos an ihrem Leben vorbei wie an einer Nomadensiedlung, die am Ufer ihren Platz gefunden hat. Und in dem kurzen Augenblick, in dem der Leser nachsinnt und sich selbst erblickt, hat ihn der Strom weiter getragen. Die Nomaden aber sind nicht an ihrem Platz geblieben, sondern haben ihre Zelte schon am neuen Ufer aufgeschlagen.

Snežana Minic, Ostwärts, westwärts. Aus dem Serbischen von Matthias Jacob, Klagenfurt: Drava, 2012

die : vögel

Montag, Juni 3rd, 2013

kehren nach dem regen auf die bäume
zurück : wo haben sie sich vor den tiefliegenden
wolken versteckt : die tagelang schwarz

über unseren köpfen kreisten : um ihre
feuchte fracht abzuladen : die ihnen
das mittelmeer aufbürdet : im sommer

kennt das wasser keine grenzen : die flüsse
verwandeln sich in seen : habe ich das
nicht schon einmal vorhergesehen : in meinem

roman : empörend : die literatur nimmt keiner
unserer ingenieursgeister ernst : schöngeistige
prognosen : da können wir uns gleich mit den vögeln

auf die bäume setzen : aufhören zu singen
und warten : warten : bis sich das wasser
ins seine unterirdischen verstecke zurückgezogen hat

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