Archive for Mai, 2013

soziales : wesen

Donnerstag, Mai 30th, 2013

der mensch ist ein soziales wesen : versammelt
sich ums feuer : ob christ : ob atheist

gemeinschaftlich gegrilltes ißt
sich besser : wenn erst die korken

fliegen und die frauchen jauchzen
dann steigt das fest : wer steigt

dann nicht voll freude übern nachbarn
her : wer zieht die einsamkeit des zimmers

vor : sei doch nicht asozial

Interview mit Jacko

Donnerstag, Mai 30th, 2013

Im Mai 2012 hatte ich nachts einen Traum. Dieser Traum war anders als andere Träume. Ich empfand ihn als absolut real und fremdbestimmt. Mit „fremdbestimmt“ meine ich, dass er nicht aus meinen Gedankenträumen resultierte, sondern dass mich eine äußere Energie besucht hat, mit der ich kommunizieren konnte. Diese Nacht war die Nacht in der ich Jacko traf. Vielleicht hat mich Jacko als Medium ausgesucht, um seine Botschaft von Liebe und Frieden weiterzuleiten, denn ich bin ein Schriftsteller. Auf jeden Fall werde ich mein Interview mit Jacko hier aufschreiben:Medium: Jacko, wie ist das Leben nach dem Tod?Jacko: Ich kann über das Leben nach dem Tod nicht sprechen. Das ist nicht meine Aufgabe. Ich kann nur über meine Vergangenheit reden. Mein irdisches Leben ist abgeschlossen. Damals war es mein Leben; heute soll es eine Botschaft für die Menschheit sein.Medium: Dein Leben besteht aus vielen Geheimnissen. Wie kann es denn dann eine Botschaft sein? Jacko: Es sind gar nicht so viele Geheimnisse wie man glaubt. Man muss alle Teile nur wie ein Puzzle zusammenfügen, dann erhält man ein Bild.Medium: Ein großes Thema ist, wie dein Verhältnis zu Kindern war.Jacko: Ich liebe Kinder. Wenn man so reich war wie ich, dann ist es schwer seine Liebe zu verschenken. Wer Liebe verschenkt, wird auch oft ausgenutzt. So gesehen war der Tod eine Befreiung für mich. Ich würde gerne der Schutzheilige der Kinder werden, aber dieses Amt kann man nicht ergreifen; man muss es von den Lebenden geschenkt bekommen.Medium: Der Tod war also eine Befreiung….Jacko: Nein, so habe ich das nicht gemeint! Mein Leben hatte gute und schlechte Phasen. Die ersten solo Erfolge in den 80er Jahren waren sehr schön. Ich hatte eine sehr schwere Kindheit. Im Prinzip hatte ich gar keine Kindheit, und als Erwachsener wurde ich dann zum Kind; und jetzt, mit dem Tod, bin ich erwachsen geworden. Medium: Noch mal zum Anfang, du sagtest, dein Leben sei eine Botschaft. Wie lautet diese Botschaft?Jacko: Mein Leben ist eine Geschichte. Oder besser noch: es ist ein Märchen. Ich war Entertainer von Beruf, und damals habe ich geglaubt, meine Botschaft wäre die Musik. In Wirklichkeit war sie das nicht. Sie war nur ein Mittel, um den Leuten eine Freude zu machen. Oft ist mir das gelungen, und hierdurch verspürte ich die Liebe. Ich bin süchtig danach geworden Liebe zu verspüren. Um diese Sucht zu befriedigen, musste ich ein sehr guter Entertainer sein. Das hat mich verzehrt. Niemand durfte merken, wie anstrengend das war. Irgendwann habe ich gemerkt, dass man Kindern viel einfacher Liebe schenken kann. Die Kinder sind die, die die Liebe brauchen. Das ist meine Botschaft: Die Liebe zu leben ist unser Glück, und unser Glück sind die Kinder, denen wir unsere Liebe geben können.Medium: Oft wurde gesagt, dass du selbst ein Kind bist, und ich glaube, dass du es selber eingestanden hast.Jacko: Ja, das ist richtig. Als ich noch gelebt habe, habe ich gesagt, ich sei Peter Pan. Es war ein Teil von mir. Ich wollte nicht nur Kindheit schenken; ich wollte auch Kindheit erleben. Es ist aber falsch, dass ich in diesem Zusammenhang entartet bin. Viele Männer spielen mit der Modeleisenbahn. Meine Modeleisenbahn war etwas größer; sie fuhr durch Neverland. Des weitern bin ich aber ein ganz normaler Mann gewesen, der zweimal verheiratet war und zwei Kinder gezeugt hat. In der Popmusik geht es meist um Liebe. Wenn ich mich nicht mit der Liebe auskennen würde, wie hätte ich dann so erfolgreich seien können.  Medium: Du sagtest, deine Geschichte war ein Märchen. Meintest du damit die Märchenwelt, die du erschaffen hast, oder gab es märchenhafte Ereignisse?Jacko: Die letzte Phase meines Lebens stellt den Höhepunkt meiner Geschichte dar, obgleich mein musikalisches Lebenswerk schon vollendet war.  Es fing mit der Martin Bashir Reportage 2002 an. Damals hatte die Reportage mein Herz in Fetzen gerissen. Ich hatte Bashir instinktiv vertraut, und Bashir hat mein Vertrauen missbraucht. Er hat mich in ein ziemlich schlechtes Licht gerückt. Im Nachhinein sage ich aber, dass mein Instinkt ihm zu Vertrauen richtig war. Die Reportage Living with Michael Jackson war der Auftakt zu einer Schlacht um die Liebe. Es war nämlich so, dass Staatsanwalt Sneddon, der schon seit einem Jahrzehnt hinter mir her war, auch diese Reportage gesehen hatte. Seine fantastischen Ausmalungen der Liebe auf Neverland hatten wahnhafte Züge. Und nun glaubte er, mit dieser Reportage, neue Beweise gefunden zu haben. Schnell wurde ein Kind von einer geldgierigen Mutter gefunden, und Sneddon zog mich vor Gericht mit der Anschuldigung des Kindesmissbrauchs. Es war die Schlacht: Jackson gegen Sneddon, oder: Peter Pan gegen Hook, oder: die Liebe gegen Missgunst und Gier. Diesen Prozess habe ich nicht nur gewonnen; ich konnte auch die ganze Falschheit der Verdächtigungen bloß stellen. Seit eh und je war ich den Lügen der Presse ausgesetzt, die mein Lebenswerk, die Botschaft der Liebe, immer wieder schwer beschädigt haben. Endlich konnte ich der ganzen Welt die Wahrheit zeigen und die Presse diskreditieren. Ich hatte meinen langjährigen Kampf gegen die Presse gewonnen. Von nun an versuchte sich die Presse nur noch in der Wahrheitsfindung. Gott sei Sneddon gnädig; er wusste es nicht besser und er hat mir dies ermöglicht; und Gott sei auch Gavin Arvizo gnädig, der krebskranke Junge, der für den Prozess ausgenutzt wurde.Ja, das war meine Geschichte. Es ist mein Lebenswerk, und es ist schön, dass ich das noch geschafft habe. Gerne hätte ich auch noch meine Abschlusstournee gespielt, aber das ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass die Liebe im Kampf gegen das Böse gesiegt hat. Medium: Vielen Dank für das Interview. Du hast das letzte Wort:

Jacko: Ich liebe Euch alle.

Unbestimmt

Montag, Mai 27th, 2013

Vor Jahren habe ich hier einen Text über einen unbestimmten Ort eingestellt: die Elsterbar. Heute stand ich wieder davor. Mein Freund hatte seinen Hartschalenkoffer mitgebracht, es wucherte darin von Dimensionen. Ich sagte, lass ihn lieber zu, die müssen bei diesem Wetter nicht raus. Nein, sagte er, denn es könnte sein, dass sie sich einrollen. Die Dimensionen? Was redete der denn für einen Quark? Er schob das Fahrrad ein Stück weiter, ohne den Fahrradständer zurückzuklappen. Ich sah es, sagte aber nichts. Mein Freund fröstelte und fuhr sich über die elektrisierten Haare. Als wir drin saßen und die Terrasse betrachteten, die im Schiff-Wetter versank, begann er vorsichtig damit, die Dinger aus seinem Koffer auszurollen. Nach der elften hörte er auf. Der Tisch lag voller Dimensionen. Mir wurde schwummrig. “Ich glaube, ich fühle mich heute unbestimmt.” Er blickte auf die Bescherung vor sich und nickte betreten. Da haben wir den Salat. Welchen? Ich war ratlos. Jede Sorte war möglich.

Tannenhitze

Donnerstag, Mai 16th, 2013

Neben den sechs Tannen vor unserem Haus stand ursprünglich noch eine siebte. Im Jahr meiner Geburt war sie von Großvater Ernst gefällt und durch einen gusseisernen Fahnenmast ersetzt worden. Fortan flatterte zu allen Feiertagen die neue Staatsflagge mit Hammer und Sichel im Ährenkranz am eisernen Mast vor unserem Haus. Es war die Zeit des Aufbruchs.
Großvater Ernst hisste die Flagge auch am Tag meiner Geburt. Es blieb unklar, ob er es wegen mir tat oder wegen der politischen Lage: In Berlin hatten sie begonnen eine Mauer zu bauen, die das Ausbluten des Landes in Richtung Westen ein für alle mal verhindern würde. Ich würde zur ersten Generation von Deutschen gehören, die ohne Krieg und Ausbeutung in Frieden aufwuchs und ihre Arbeit ganz dem Wohl und Fortkommen der befreiten Menschheit widmen würde.
Unser Eisenmast war der höchste von ganz Finsterbergen. Von der Ortsmitte aus konnte man die Fahne vor der aufragenden Fachwerkfassade unseres graubraunen Hauses deutlich erkennen. Meine Mutter wusch und bügelte Großvaters Staatsflagge nach den Feiertagen in  ihrer vorsichtigen, aber gründlichen Art und gab sie ihm stets mit einer leisen, aber klaren Bemerkung zurück: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen, nicht an der Fahne.“ Doch der Großvater winkte jedesmal ab und knurrte irgendetwas von bürgerlichem Kleinmut und dass sie schon sehen werde. Als ich meine Mutter fragte, welche Früchte sie meine, antwortete sie ohne mit der Wimper zu zucken: „Die Eicheln und Kastanien, die wir jeden Herbst für die Försterei sammeln, damit sie im Winter die Waldtiere füttern können.“ Diese Antwort leuchtete mir ein, mit dem Sammeln von Eicheln und Kastanien hatte ich bereits im Alter von fünf Jahren erstes eigenes Geld verdienen können. Zehn Pfenninge zahlte die Försterei pro Kilogramm.
Das letzte Mal, dass ich meine Mutter ihren Spruch mit den Früchten sagen hörte, war der Tag, an dem sie Finsterbergen für immer verließ. Das war kurz vor meinem dreißigsten Geburtstag. Es war unglaublich heiß, die Luft draußen duftete nach überhitzten Nadelbäumen und das Betreten des Waldes war wegen der hohen Waldbrandgefahr nur noch den Jägern und Forstarbeitern erlaubt.

Quantencafé

Donnerstag, Mai 9th, 2013

Während Gin und Jenna zur Theke gehen, sagen ihnen die Gesten der anderen, wie sie sind, vollkommen overdressed. Vollkommen overdressed für dieses Café. Jennas Trenchcoat und die Mütze sind rot, Gin ist der Wolf mit dem silbergrauen Pelz, hat Haare wie Albert Einstein. Er wird Patent anmelden für eine mögliche Formel, einen unmöglichen Hut hat Jenna sich gekauft. Gin bestellt einen Long Drink mit unaussprechlichem Namen. Petula steckt sich eine Margarite an die kurzen blonden Pagenhaare. Beäugt ihn hinter dünngeschliffenen Gläsern. Jennas gespiegeltes Herz. Jennas Augen legen Hand an Tapetenreste, Cocktailschwapp auf müden Tischen. Oder an eine Uhr ohne Zeiger, an verbogene Nägel in den Wänden und an die hellen, rechteckigen Flecken darunter. Sie hält ihre Nase in den Dunst von Maggis Tütensuppen, fünf Minuten Terrinen, deren Inhalt bereits nach zwei Minuten ungenießbar zerkocht ist. Sie erwartet kratzige Bettwäsche und das rostige Wasser aus den Leitungen, während Gins Körper sie an den Bettrand drücken wird. Für das nächste gemeinsame Esseneins für Jenna, eins für Gin, sagt Petula, hebt ihr Weinglas mit dem Charme einer Kreuzung aus Gazelle und Leguan. Freelancer und junge Talente will die Firma künftig auf Gins Platz setzen. Auf den Platz einer Koryphäe der IT-Branche! Er spricht über all die blöden Leute dort, die Leute mit Krediten, mein Gaga Haus, mein Gaga Flugzeug, meine Gaga Frau, meine Gaga Kinder. Meine Gaga Schulden. Niemals vergisst Gin, den BMW dazuzutun. Petula beißt in einen Keks und taucht ihn in den Kaffee. Jenna, sagt Gin, sei froh, dass du alleine lebst. Ihre Finger streifen sein Knie, doch er nimmt sie nicht. Wo bleibt Petulas Geburtstagskuchen, dieser faked cake. Die Tür öffnet sich und die Kälte von draußen trägt Eiskristalle auf die Wirbelsäule.

plötzliches pathos

Sonntag, Mai 5th, 2013

als wir aus den wolken fielen auf geschmeide aus knochen wie du mir den faden abschneidest an dem mein weggespuckter kadaver hing taucht ich langsam in dein wesen während des betäubenden rauschens dass wir nie gemeinsam geweint haben nur jeder für sich auf wundreise durch gelebtes leben keine ermässigung in dieser liebe zerschrei mich nie wieder deine stärke ist zu laut gleichsam dein zurechtgetretenes ich irrleuchtet mich ein in einen klarheitsmoment weltträumend im greifen nach dämmersonne und vogelstimmen o heilige friederike mayröcker bitte für mich allein in der ungeduld des lichts sind wir in flattriger erlösung