Archive for April, 2013

flussidylle (spree bei cottbus)

Montag, April 29th, 2013

wir dachten ein fluss genüge
für romantischen liebesquatsch und so
mondscheinspiegelungen im wasser
fröschegequake im schilf

ich spürte deine hand
auf meinem mund
die stadt legte sich schlafen

ein fischotter oder ein biber
platschte ins wasser

gefühle sind unberechenbar

Ein echtes Glück

Freitag, April 26th, 2013

Seit Montag ist Jenna wie das Licht -  nur unterwegs, sie hat keine Zeit für Gin. Sie schreibt ihm auch nicht die Karte, auf der Zebras aus einem Toaster geflogen kommen. Wahrscheinlich wurden sie weiß heruntergedrückt – gestreift springen sie heraus, Röstung und Katapultkraft nutzend. Sie tragen Sonnenbrille. Jenna jetzt auch. Eine, die über die Stirn reicht. Jenna läuft herum, tut geschäftig, kauft allerlei Zeug, schlingt es um Hals und Kopf, sprüht sich Duft auf die Haut und in die Lungen. Kaut Lakritz. Hält an in Kaffebars und schlürft das süße Gebräu, solange es heiß ist. Grünt im Geist wie Bäume, wirft Staub ab, bürstet sich. Sie, die am Ende Verschmähte. Sie wollte das Kissen aus teurem Design, um ihren Kopf darauf zu betten. Gin versprach es ihr, bei Erfolg. Nun wird ihr Erfolg ohne Gin und das Kissen sein. Sie trägt, wie mit zwanzig, unmögliche Hüte. Wie läufst du denn rum, sagte die Mutter damals. Ja. Gin ist *** und Jenna trägt unmögliche Hüte. Legt sich all das an für ihre Lebendigkeit, denn Gin, der Geliebte, ist ein ***. Mit ihm zu arbeiten ist ein echtes Glück, hatte seine Frau im Traum zu Jenna gesagt. Jenna hatte nur dieses Glück. Mittlerweile trägt sie ihre Hüte mit Stil, vielleicht wird sie auch Gin lehren, seine Verrücktheiten mit Stil zu tragen. Ihm helfen, eine Metaphysik der *** zu gestalten. Aber sie spürt Gins ***, Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft, mühelos schaut sie durch ihn hindurch und sieht die Organe pumpen, die Energie-Räder kreisen, auf denen er durch die Gegend eiert und zuweilen auf *** antwortet. Ohne sich dessen bewusst zu sein, denn er klemmt sich die ultima ratio, *** sorgfältig an den Neokortex, während sein limbisches System einen Cocktail aus Botenstoffen versprüht. Jenna ahnt all seine alten Gefühle. Sie radelt an seiner Straße vorbei und schaut auf das Café, wo er vielleicht gerade sitzt. Und die Kompottgläser in der Konditorei nebenan leuchten fast so sehr wie das Innere von Gin.

Komm, ich zeige dir ein Bild

Mittwoch, April 24th, 2013

Komm, ich zeige dir ein Bild.

Es ist, wenn wir groß sind.

Dann wohnen wir in einem kleinen Haus. Es ist sehr klein, aber das ist nicht schlimm, denn alles, was wir haben und brauchen, passt rein. Nur in einem Zimmer, da steht nichts. Das ist leer. Da gibt es nichts, was man aufräumen muss und auch nichts, was man abstauben muss – der Raum ist da frei. Es ist kein großes Zimmer, aber es hat ein großes Fenster. An den Wänden ist keine Tapete, vielleicht aber ein paar Bilder, das weiß ich noch nicht so genau. Der Boden ist aus Holz und ganz alt. Das Haus ist nämlich auch ganz alt und die meisten Dinge darin auch. Deswegen riechen sie so gut.

Das ganze Haus duftet. Unten riecht es etwas nach Erde. Der Boden ist da aus Stein und das riecht man natürlich. Der Boden ist auch kalt, deswegen darfst du im Winter und im Herbst nur mit deinen warmen Pantoffeln darauf laufen, damit du nicht krank wirst. Im Sommer ist es angenehm kitzelig, wenn man mit den nackten Füßen darauf tritt, wenn man grade von draußen kommt, wo es so heiß ist. Aber auch im Winter gibt es unten warmen Boden, das ist der um den Kamin herum. Der kann sogar heiß werden, da musst du aufpassen! Den Kamin darfst du nicht anfassen, aber du darfst ins Feuer schauen. Bestimmt machst du das Feuer auch selbst an, du bist ja groß (beinah hätte ich das vergessen). Wir sitzen oft auf der weichen Couch vor dem Kamin und haben uns ganz doll lieb. Das haben wir natürlich die ganze Zeit, aber dann ist es besonders doll. Und wir lesen uns was vor, da auf der Couch. Und wir erzählen uns Geschichten. Bestimmt haben wir bis dahin ganz viel erlebt und unsere Geschichten sind anders als heute. Wir erzählen uns aber auch in unserem großen Bett Geschichten. Das große Bett ist so groß, dass wir uns da kreuz und quer rein legen können, wie wir wollen! Riesig ist es, obwohl das Haus und das Zimmer klein sind. Manchmal ist die Bettwäsche weiß und ich gucke ganz lange zu, wie du darin liegst und wunderschön aussiehst. Manchmal ist die Bettwäsche ganz bunt. Du siehst dann immernoch wunderschön aus, wenn du darin liegst.
Übrigens haben wir natürlich ganz viele Bücher und ganz viele Regale, in denen die Bücher stehen. Aber sie stehen auch in Stapeln auf dem Boden oder liegen auf dem Fensterbrett. Und wir haben viele Bilder. Die hab ich gemalt. Die meisten für dich. Auf ganz vielen bist du auch drauf.

Um das kleine Haus herum ist auch ein Garten. Mit einem roten Gartenzaun aus Holz, der auch schon ein bisschen alt ist (aber längst nicht so alt wie das Haus!). Darin stehen ein paar Bäume – ein Kirschbaum, drei Apfelbäume (die haben schöne krumme Stämme und sehen ein bisschen wie alte Leute aus) und noch viele andere. Wir können dann ganz leckere Kirschen essen (sogar viele, weil man kein Bauchweh mehr bekommt, wenn man groß ist) und die Äpfel können wir sogar in Körben aufbewahren und bis zum Frühling essen, so viele sind das! Fast der ganze Garten ist Wiese, mit weichem grünen Gras. Aber Büsche und Blumen gibt es auch. Du magst den Frühling, weil dann die Bäume blühen und der ganze Garten bunt ist. Und ich mag den Herbst, weil wir dann Äpfel pflücken und alles gelb und orange leuchtet und wir in Pullovern mit Kapuze draußen sitzen können und ich uns weiche bunte Mützen und Schals für den Winter stricke. Und ich mag den Winter, weil wir es dann in unserem warmen Haus ganz gemütlich und kuschelig haben, Glühwein trinken (wenn man groß ist, darf man das) und leckere Sachen kochen und backen. Du magst auch den Sommer, weil du dann stundenlang in der Sonne liegen kannst und schwimmen gehen kannst und ganz braun wirst.

Öfter haben wir auch mal Besuch von unseren Freunden. Mit denen sitzen wir im Garten, wo du ein kleines Häuschen aus Holz hin gebaut hast, in dem ich ganz viele bunte Kerzen aufgestellt habe. Und Krimskrams, wie auch überall im richtigen Haus (außer natürlich in dem Zimmer, in dem nichts steht – auch kein Krimskrams). Aber wir sitzen auch in der Küche, die bunt und gemütlich ist und jeder Stuhl anders aussieht. Auch unsere Teller und unsere Löffel, die Tassen und Gläser sehen ganz unterschiedlich aus und stehen in einem alten Schrank mit einer Glastür, damit ich das immer sehen kann, weil ich das gerne hab. Dir ist das egal, aber du magst mich, wenn ich glücklich bin.

Aber du magst mich auch, wenn ich traurig bin. Das kommt manchmal vor und dann tröstest du mich (was nicht leicht ist, aber ein so großer und starker Freund wie du kann das ganz toll!). Und ich mag dich auch immer, auch wenn du traurig bist (was auch manchmal vorkommt und dann tröste ich dich auch) und auch wenn du glücklich bist, wenn du müde bist und wenn du wütend bist, wenn du fleißig und wenn du faul bist. Immer halt – so wie jetzt ja auch. Und wenn wir uns zanken, so wie jetzt ja auch, dann müssen wir uns auch wieder vertragen, wir wohnen ja in einem Haus.

In meinem Bild kommen wir ganz gerne in unser kleines Haus, aber wir müssen auch raus gehen und Abenteuer erleben. Aber nicht lange.  Manche Abenteuer machen wir zusammen, manche jeder für sich, und dann kommen wir in das schönste Zuhause der Welt zurück.

Ach es wird toll, unsere Zeit in dem kleinen Haus, in dem großen Bett, auf der weichen Couch, im grünen Gras, unter dem Kirschbaum, in den kitzelnden Sonnenstrahlen.Wenn wir groß sind ist nämlich alles anders – nur nicht, dass ich dich ganz doll lieb hab und immer ganz fest knutsche, wenn ich will – und du auch.

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Mittwoch, April 24th, 2013

Stehen bei Ihnen zu Hause noch die alten Einweckgläser von Oma Frieda, verstaubt und ungenutzt im Keller und in den Regalen? Keine Bange, Sie können Ihre Gefühle darin konservieren. Frau Kleist schreibt Ihnen die dazugehörigen Texte. Und in farbechter Printausgabe kommen diese Texte in Ihr ganz persönliches Einmachglas. Ein Schmuckstück für Ihre Wohnung, denn ein Ding von Schönheit ist ein Glück für immer. Es entstehen einzigartige Pygmälion-Geschichten, von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende. Wie in Stein gemeißelt, stilsicher, von hoher Präzision.

ostbahnhof (seidenstraße)

Dienstag, April 23rd, 2013

auf gesprochenen silberfäden
fuhr ich in die stadt
sie lag wie ein altes vlies
um den fluss
dichter saßen in den cafés
bei branntwein und türkischer musik
sprachen brocken einer ausgestorbenen
nomadensprache aus dem altai
bis zu den zedern und weiter
bis zur schneegrenze reichte dein lied
von den hinterhöfen
und einem freien platz im untergrund

perpetuum mobile

Montag, April 22nd, 2013

(zivile jagd)

durch zimmer durch flure
treppaufab durch gebäudetrakte
straßenfluchten im zeitraffer

über städte und dörfer
durch länder inseln kontinente
und zurück zick zack

nimmermüde rastlos & blind
wie die ameisenschatten der wörter
in meinem kopf ruhlos noch
in röchelndem halbschlaf

ich & du meine
nie versiegende

triebkraft aus
hunger & wut

E-Erscheinungen

Sonntag, April 21st, 2013

2. Teil einer Serie für Spezialisten in Automatisierungstechnik

Am Abend herrscht das allseits herbei Bemühte, äh, ich geh noch mal s-tata. Ich war die ganze Woche unterwegs, was so viel heißt, wie ich musste dauernd aufs Klo. Vor einem Monat hab ich auf die Glocke gekriegt. Jetzt brummt mir die Birne. Den Schal hat sie vermutlich inzwischen abgelegt, die Glockengießerin, seit Wochen habe ich nichts von ihr gehört. Meine derzeitige Partnerin hat scharf gekocht, ich hab mir den Pfeffer in die Augen gerieben, sie hat den Tisch und die Zellufansets mit einem nach altem Sperma riechenden Lappen abgewischt. Du, wir gehen nochmal. Ich stütze den Arm in der Jacke auf der weißen Tischdecke auf, sie ermahnt mich mit ähäh und schiebt ihn vorsichtig weg. Das Schwarz dieser Jacke habe ich damals für die Glockengießerin mit dem schwarzen Schal getragen. Offenbar habe ich sie jetzt ganz vertrieben. Die Hypophyse fährt ihre Tätigkeit langsam wieder hoch, ich beginne das Grübeln. Muss ich nun aufs Klo oder nicht? Die Synapsen melden nichts grundlegend Neues hierzu zurück. Ich bleibe also sitzen, bis meine Partnerin den Tisch abgeräumt hat. Vor mir das Fenster. Die Bäume werfen ihr Grün katapultartig an, die Birkenkätzchen hängen wie schlaffe Pimmel in seichter Brise. Rund herum ein sanftes Rot. Du, wir gehen noch mal raus, sage ich.

Fünf Minuten nach Turgenjew

Dienstag, April 16th, 2013

Die Arena, mit ihrem weißen, intimen, als Rund gebauten Gestühl, überraschte: Ein Viertel der Plätze Arena waren schon besetzt von Lilien, die einen betörenden Duft verströmten. Doch bevor die Zuschauer in einen dämmernden Bewußtseinszustand fallen konnten, erklang aus der Dunkelheit eine Geige. Ein paar Klänge und man war mittendrin: knapp zwei Stunden mit Szenen aus „Väter und Söhne“, vor allem um das Kapitel 16 herum.

Es ist nicht das große Orchester, das die „Leipziger Festspiele“ auffahren. Darin liegt ihr Reiz. Es kann schon mal vorkommen, daß die Hauptdarstellerin einer nießenden Zuschauerin „Gesundheit“ wünscht. Es geht um Gegenseitigkeit und Kontakt, um ein Aufbrechen der Konsumhaltung, die dem Nutzer technischer Medien aufgedrängt wird. Es geht auch um das Gemeinschaftliche des Erlebens.

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© R.Arnold/CT

Also um kleine Besetzung, intensive Wirkung. Zwei Musiker: der als zaristischer Soldat ausstaffierte Geiger – das ist aber auch der einzige Verweis aufs Slawophile – und ein schlaksiger, als Ballettmädchen herumhuschender Pianist am Computer. Drei Schauspieler: Arkadi (Günther Harder), klein und dicklich, noch „Jungfrau“, schwankt zwischen Selbstmord und Attacke. Den Revolver aufs Publikum gerichtet, jammert er über sein Unglück. Bis ihm Jewgeni (Manolo Bertling) von der schönen Anna (Cordelia Wege) erzählt, die jung verwitwet reich geworden ist und zurückgezogen auf dem Lande lebt – was will der männliche Eroberer eigentlich mehr? Was sucht sie selbst eigentich noch?

Sie beschließen, ihr zu zweit die Aufwartung zu machen. Kaum ist der Entschluß gefaßt, zerreden sie ihn und kommen über Grübeleien nicht heraus. Sie ähneln Don Quichote und Sancho Pansa, zwei Nihilisten in ihrer gewollten Hoffnungslosigkeit.

Da steigt Anna in „kühler Schönheit“ ihres aristokratisch aufreizenden Flaumkleides die Treppe herab und lädt sie zum Besuch ein, beide bitteschön. „Kommt beide in meine Koje, ich meine Nikolskoje“, verbessert sie sich und läßt ihren Sprachwitz funkeln.

Was können sie zu dritt miteinander anfangen? Lieben dürfen Nihilisten nicht, also tanzen sie. Die Herren werfen ihre Oberkleider ins Publikum – wie gut, nicht in der ersten Reihe zu sitzen – und springen in Balletthosen umher. Schließlich droht es doch, „ernst“ zu werden. Man nähert, man berührt sich. Arkadi aber bekommt Nasenbluten, einen Moment lang überfällt den Zuschauer Mitleid, dann Ekel, dann Grauen. Diese Wandlung ist die eigentliche Stärke des Stücks.

Der einst aktuelle, inzwischen längst verblaßte, politische Hintergrund aus Turgenjews Epoche, der Streit zwischen Modernisten und Traditionalisten, bleibt draußen. An der Oberfläche geht es um die Möglichkeit zu lieben, wenn die persönliche Ideologie Liebe verbietet, um die innere Zerrissenheit des Nihilisten, sich zu dem zu bekennen, was gemeinhin als „natürlich“ gilt.

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© R.Arnold/CT

Anna feuert mit ihren Reizen dieses Spiel an, bis sich Jewgeni bei Aufbietung aller Peinlichkeit zu einem Bekenntnis überwindet: „Du hast mich soweit gebracht, daß ich dir sage, wie wahnsinnig ich dich liebe.“ In diesem Augenblick verliert sie das Interesse, erwidert: „Das war es nicht.“ und schleudert die schwarze Schlange, die sich als „Flechte aus ihren Haaren löst und über ihre Schulter rollt“ (Kapitel 17, S. 114), lustvoll hoch ins Publikum – wie gut, nicht in einer der oberen Reihen zu sitzen…, aufatmen, es flog nur eine Schlange aus Gummi durch die Luft, die Anna unauffällig gegen die echte Schlange, die sich eben noch effektvoll auf der weinroten Bühne wand und züngelte, ausgetauscht hat; immerhin: den Schlangenphobikerinnen auf den oberen Sitzen schlief für einen Moment das Gesicht ein.

Nein, diese inneren Luxuskonflikte des Nihilisten sind es nicht, die dem Stück Schärfe geben. Den eigentlichen Stoff, an dem der Zuschauer noch auf dem Heimweg und in seinen nächtlichen Träumen kaut, bildet das unüberwindliche Leid des Versagers, der von Arkadi repräsentiert wird. Nicht nur das Nasenbluten im entscheidenden Moment des Balzens steigert die Lächerlichkeit. Nachdem Jewgeni, äußerlich noch stoisch, innerlich schon anerkennt, daß er in Anna verliebt ist, setzt er den Freund auf die Halbschwester an, Katharina, das schlaksige Ballettmädchen.

Arkadi gelingt es nicht, sie zu verführen, er zwingt die Schüchterne unter seine Gewalt. Das vom Nasenblut entstellte Gesicht verleiht ihm das Aussehen eines Vampirs, eines weinerlichen, verzweifelten Vampirs, der das Glück nicht zu gewinnen vermag. So ruft Arkadi, nachdem er Katharina befohlen hat, sich auf den Rücken zu legen, triumphierend aus: „Ich kann ein Raubtier sein, ich kann ein Raubtier sein!“ und stürzt sich auf sie.

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© R.Arnold/CT

Dem Zuschauer wird in diesem Stück eine anschauliche Entstehungsgeschichte der Perversion aus der Unterlegenheit geboten. Der Akt der Selbstermächtigung beschert dem Geächteten dieser Welt ein vorübergehendes Hochgefühl und verordnet der Spielgefährtin die Opferrolle.

So plakativ wird das auf der Bühne nicht ausgesprochen, die Geschichte springt ins Auge des Betrachters. Theoretisch müßte die Unterwerfung Katharinas wiederum Versagen, Verächtlichkeit und Demütigung hervorrufen, so daß sich die Perversion als perpetuum mobile unendlich fortsetzen kann. Wenn Katharina aufbegehren und sich ihrerseits über andere erheben würde (die Kinder?). Doch soweit kommt es nicht.

Auf der Bühne verwandelt sich der Perverse, der seine Schwäche so gern als Raubtier ausagieren möchte, in einen russischen Bären. So bedrohlich dieses Tier ist, wenn es einem tatsächlich hinter den Karpaten über den Weg läuft, so niedlich wirkt es, wenn es lebensgroß auf der Theaterbühne tanzt und Arkadi am Ende, unglaublich schwitzend, darunter hervorkommt – so träumen wir uns die Verwandlung des Bösen ins liebenswürdig Tierische.

Männliches Eroberungsversagen trifft auf weiblichen Aufopferungserfolg. Katharina wendet die Demütigung stillschweigend um in Demut. Beiläufig, am Rande, von den Helden des Geschehens ungeachtet, im Applaus untergehend.

Mehr Theater geht nicht. Ohne schwüles Klassikerpathos, marktschreierischen Exhibitionismus.

Fünf Minuten nach Turgenjew, Regie: Robert Borgmann, nach dem Roman „Väter und Söhne“, Centraltheater Leipzig, 11.-14. 4. 2013

notfall übung

Mittwoch, April 10th, 2013

notfallübung
in der fußgängerzone zu mittag
das rote kreuz schon aufgestellt
steht einer auf dem fenstersims
vom fünften stock
soll er springen
ein anderer schreit feuer
und er springt
das rote kreuz bereitet derweil
das sprungtuch vor
au weia
ruft ein passant

Ideen

Mittwoch, April 10th, 2013

IDEEN

Gute Ideen reifen

 heran. Menschen, die dies begreifen,

 werden bevorzugt von Geistesblitzen befallen.

 Ideen fühlen sich unwohl in Fabrikhallen

 und Büros. Außerhalb von geschlossenen Räumen

 suchen sie sich Leute, die ihren Tagträumen

 in ihren Gedanken gewisse Plätze einräumen.

 Ideen kommen gern beim Spaziergang zwischen Bäumen.

Machtmenschen beweisen,

dass Gedanken auch nur um Geld kreisen

 können, ganz ohne eigene Ideen.

 Weil sie sich darauf oft bestens verstehen.

 Wann und wo nimmt dich gelegentlich

 ein Geistesblitz

 in Besitz?

 Kannst du, ohne lang zu überlegen,

 Leute nennen, die mit Ideen etwas bewegen?

 Wie viele Prominente sind kreativ

 und wurden von allen erst einmal schief

 angeschaut?

 Doch dann haben sie ein Imperium aufgebaut.

 Manch kluger Kopf hat sich einfallsreich

 in seinem Bereich

 nach oben gekämpft. Der eine Sportartikelhersteller

 bringt gute Ideen schneller

 auf den Markt und mancher Modedesigner

 oder Musiker fing als kleiner

 Mann an, seinen Ideen Leben

zu geben.

Vom Auto bis zur Glühbirne:

 Hier boten Erfinder den anderen die Stirne.

 Mancher Mensch mit Erfindergeist

 beweist

 erstaunlich viel Ausdauer und Mut.

 Bis er damit gut

 ankommt, kann längere Zeit vergehen.

 Ausdauernde verstehen

 es bestens, Krisen und Rückschläge zu meistern.

 Vielleicht können sie ja bald viele begeistern,

 mit ihrer Genialität.

 Bekanntlich ist es ja nie zu spät.

mond über marzahn

Sonntag, April 7th, 2013

siehst du den mond

über marzahn

feuermalrot

meine füsse gequetscht

in diese spitzen schuhe

zum grünen kleid

erkennst du die weissen

flügel ohne vögel

überm landsberger tor

gütiger himmel

wie grundlos

du hier bist

ich sehe ihn liebster

aus dem autosessel

erstklassiger mond ja wirklich

hättest deine höhenangst vor mir

nicht langsam abwürgen können

wie ich meine liebe zu dir

vorbei am lindencenter

the very best of dire straits

das phantom

in meinem kopf immer

mehr eingedickt

während du

seesterne zählst

zwischen den schenkeln

am liebsten seh ich dich

von hinten liebster mond

meine lippen fahren

deine haaransätze entlang

mark knopfler pränatal

tigerkrallenwehen rumoren

in meinem unterleib

ahnst du nichts

von der sturzgeburt

eines gefühls

wärmeverlust

Samstag, April 6th, 2013

zypressungen gezählter tage die trauervögel halten spielaffenfeil und hören nicht mehr auf uns nirgendsmünder alle herzen auf dich gerichtet ein schuss ins blut wird mir dann ewig so klamm sein wütendes sonst du vergehst mir im abklang
ich brauche beobachtungszeit

Ein anderes Lied

Dienstag, April 2nd, 2013

Dieses Buch ist meine eigentliche Entdeckung auf der Leipziger Frühjahrsmesse des Jahres 2013. Es hat keinen Preis gewonnen, kein Kritiker hat es hochgelobt oder verrissen, das Mainstream-Feuilleton hat es ignoriert. Lediglich auf einer in Eigenregie von linken Verlagen kuratierten „Bühne“ wurde es kurz vorgestellt. Wodurch sticht dieses Buch – trotz seiner unspektakulären Aufmachung – heraus?

Balabanoff

Dieses Buch erklärt das zwanzigste Jahrhundert. Es ist weder eine Biographie noch ein Geschichtsbuch, es erzählt Geschichte nicht im Stil der neueren britischen Historienlegenden à la Montefiore. Es erschlägt den Leser weder mit Anekdoten noch mit einseitigen, parteilichen Ideologien. Dieses Buch ist die Lebensbilanz einer der wohlhabendsten, großbürgerlichen Töchter der Ukraine, die als junge Frau ihre Familie verließ, um für die Freiheit und Gleichheit der Menschen einzutreten. Geboren 1869, aufgewachsen in einem Schweizer Internat, trat Angelica Balabanoff 1900 in die vier Jahre zuvor gegründete sozialistische Partei Italiens ein. Dank ihrer Sprachbegabung vermittelte sie in der Schweiz zwischen Sozialisten unterschiedlicher Länder: Rosa Luxemburg und Leo Jogiches aus Polen, Clara Zetkin und Karl Liebknecht aus Deutschland, Trotzki und Lenin, dem menschewistischen und dem bolschewistischen Emigranten aus Rußland. 1907 nahm sie am Londoner Parteitag der russischen Sozialdemokraten und am Stuttgarter Treffen der II. Internationale teil. Von 1912 an gab sie mit Benito Mussolini, als dieser noch links war, den Avanti! heraus.

Als die Mobilisierung 1914 den Männern das Überschreiten der Staatsgrenzen in Europa unmöglich werden ließ, organisierte sie mit Clara Zetkin ein Antikriegstreffen von Frauen: Wie konnte es sein, daß die sozialdemokratischen Parteien Europas, die sich jahrzehntelang dem Internationalismus verschworen hatten, nun für den Krieg stimmten, auf die nationalistische Schiene umschwenkten, Burgfrieden mit den Bürgerlichen schlossen, die Arbeiter statt gegen die Ausbeuterei gegeneinander ins Feld schickten und in den Parlamenten eine Staatsverschuldung befürworteten, die den Waffenherstellern enorme Gewinne bescherten?

Während den angeblich „vaterlandslosen Gesellen“ der Sozialdemokratie Verrat am Vaterland vorgeworfen wurde, verrieten die Sozialisten das völkerverbindende sozialistische Ideal. Die mitteleuropäische Aristokratie bäumte sich ein letztes Mal auf und ließ den Nationalismus überkochen. Die patriotische Euphorie, die auch die Sozialisten erfaßte, bildete ein Rätsel: Sie widersprach aller bisherigen Theorie und Praxis der Sozialdemokratie und führte zur Abspaltung der linksextremen Gruppierungen, die sich mit dem Lavieren und Taktieren nicht länger zufrieden geben wollten. Mit dem Schweizer Robert Grimm rief Balabanoff die Zimmerwalder Bewegung ins Leben. Sie vereinte Kriegsgegner aus europäischen Ländern und sollte der Internationale neue Geltung verschaffen.

Torpediert wurde dieses Bemühen von Lenin. Bereits lange vor der russischen Revolution entwickelte er Techniken des Verzögerns, Verleumdens und der Haarspalterei, um gemeinsame Resolutionen gegen den Krieg zu verhindern. Lenins – anfänglich noch verstecktes – Ziel bestand darin, die Sozialisten zu entzweien, damit er beweisen konnte, daß er mit seiner Theorie der Revolution recht behalten würde. Dafür war Lenin kein Preis zu hoch und kein Mittel zu schade. Am Ende stellt Balabanoff fest: „Der Bolschewismus wurde erfunden, um den Sozialismus zu vernichten.“ (S. 174)

Während Historiker dazu neigen, Lenin im Kontext der russischen Revolution und als geschichtliches Phänomen zu betrachten, hält Balabanoff an einer psychologischen Sichtweise fest. Lenin ist für sie ein Mann mit speziellen Charaktereigenschaften: Schon im Schweizer Exil zeigte sich sein Hang zur Rechthaberei. Er gab vor, allein zu wissen, wie die proletarische Revolution zu vollziehen sei. Es wäre primitiv, Lenins Beharrlichkeit als Ausdruck der Rache für seinen rebellischen, vom Zarenhof hingerichteten Bruder anzusehen. Vielmehr speist sich Lenins Unerschütterlichkeit aus der mit Argumenten untermauerten Überzeugung, er habe die einzig richtige Theorie der Menschheitsbefreiuung entwickelt.

Aus dieser Überzeugung – die knapp zeitversetzt auftrat zum Unfehlbarkeitsdogma der Päpste von 1870, aber mit diesem nicht zu verwechseln ist, da Lenin, wenn ihn die Umstände zwangen, weiterhin bereit war, sich selbst zu korrigieren – resultierte der revolutionäre Eifer, den andere auch Fanatismus nennen. Erste Kostproben seines Besserwissertums gab Lenin am Rande der Frauenkonferenzen gegen den Krieg, die Clara Zetkin und Balabanoff in der Schweiz zusammenriefen. Lenin entsandte Nadeshda Krupskaja und Sinowjews Frau als Delegierte, doch sie durften weder selbständige Beschlüsse fassen noch frei abstimmen, sondern mußten fortwährend zu Lenin laufen, der nebenan im Café saß und die Linie vorgab. Dies störte die Konferenz gewaltig, doch der Wunsch, Einstimmigkeit im Votum gegen den Krieg zu erzielen, bot Lenin die Steilvorlage, seine extremen Forderungen einzubringen oder die Kriegsgegner zu entzweien. Bei anderen Konferenzteilnehmern flossen Verzweiflungstränen wegen Lenins Starrsinn; er war stolz auf seine Unbeugsamkeit (S. 47 ff.).

Kapitalistische Demokratie produziert Größenwahn: Die Illusion politischer Freiheit verbindet sich mit der Illusion grenzenloser materieller Machbarkeit. Im Verbund spülen sie Zeitgenossen an die Macht, die von Minderwertigkeitsgefühlen geplagt werden und zu deren Kompensation durch Gewalt und Größenwahn neigen. Hitler, Stalin und Mussolini sind die bekanntesten Vertreter dieser Sorte Emporkömmlinge. Die Linke hat, ohne es zu beabsichtigen, zu ihrem Karrieredreh von links unten nach rechts oben beigetragen. Lenins Strategie der Ab- und Ausgrenzung, die sich die Bolschewiki im Umgang mit Mitstreitern und Personal zu eigen gemacht hat, ließ begeisterte Mitstreiter „für die Sache“ plötzlich in der Gunst fallen, wenn sie nicht mehr gebraucht wurden, anders dachten oder gar ihre abweichende Meinung äußerten. Mit Häme und Härte verfolgt, gesellten sich die Enttäuschten nicht selten voller Haß auf die Linke zum einstigen „Klassenfeind“.

Es gab zwei Anlässe, um bei Lenin in Ungnade zu fallen und zu den Abtrünnigen gezählt zu werden: durch Äußern eigenständiger Gedanken, die Lenins Monopol auf die Wahrheit infrage stellten, und durch einen plötzlichen Interessewandel der Revolutionsführer, durch den die Mitarbeit nicht mehr nützlich, ja sogar überflüssig oder als lästige Konkurrenz erschien. Viele glühende Sozialisten liefen, nachdem die „Avantgarde“ oder „Partei neuen Typs“ sie ausgenutzt und abgehalftert hatte, zu den Nazis und Faschisten über. Ein Beispiel dafür war der französische Sozialist Henri Guilbeaux. Er wurde von Lenin benötigt, um mit einer Stimme Mehrheit einen Beschluß der Kommunistischen Internationale zu fassen und wurde dafür extra mit einem Sonderzug nach Moskau gefahren. „Doch als die Bolschewiki ihn nicht mehr benötigten, überließen sie Guilbeaux seinem Schicksal. Nachdem er ernst genommen hatte, was sie ihm vorher über die Wichtigkeit seiner Person zu verstehen gegeben hatten, war er zutiefst verletzt und verließ Rußland als ein erbitterter Feind. Er starb einige Jahre später in Deutschland als Antisemit und Faschist.“ (S. 71)

Wer nicht zum Faschismus überlief, wurde in Rußland ins Lager gesteckt oder ermordet. So erging es Trotzki, Kamenew, Sinowjew, Karl Radek, Fritz Platten, Willi Münzenberg, Krestinski, Gorbunow, Hugo Eberlein, Bucharin, Bratman-Brodowski, um nur die prominentesten zu nennen. Vernichten oder verleumden – andere Alternativen gab es nicht. Um den aufrichtigen Sozialisten Serrati, der den Bolschewiki mit Hilfsgütern in der Bürgerkriegszeit geholfen hatte, als angeblichen Konterrevolutionär zu denunzieren, wurde ihm ein angeblicher Kommunist als Vertreter der italienischen Linken gegenüber gestellt: Bombacci war ein „oberflächlicher, ehrgeiziger, prinzipienloser Mensch, den die Bolschewiki als Werkzeug für ihre Intrigen gegen Serrati gebrauchten … Als die Bolschwiki ihn nicht mehr brauchten, enthoben sie Bombacci all seiner Ehrenämter und kümmerten sich nicht mehr um ihn. Als er merkte, daß man ihn als Werkzeug benutzt hatte und keine Aussicht mehr für ihn bestand, eine Rolle in der Internationale zu spielen, verließ er Rußland und wurde zum heftigsten Feind der Bolschewiki und der Arbeiterbewegung überhaupt. Er bot Mussolini seine Dienste an und wurde einer seiner begeistertsten Jünger.“ (S. 101 f.) Am Ende wurde er zusammen mit Mussolini und dessen Freundin hingerichtet und an einer Tankstelle zur Abschreckung der Leute mit dem Kopf nach unten aufgehangen.

Noch Gorbatschow ließ als Generalsekretär keine Gelegenheit aus, die Besinnung auf Lenin zu predigen, der ihm dank seines frühen Todes als reiner Verfechter der gerechten Sache erschien. Wer glaubt, die brutale Verfolgung von Linken durch Kommunisten habe erst unter Stalin begonnen, dem singt Balabanoff ein anderes Lied. Im Unterschied zu heutigen Historikern kannte sie Lenin persönlich, als Mitstreiterin; sie war ihm wohlgesonnen und konnte ihm auf Augenhöhe begegnen. Nur im Kontrast zum Massenmörder Stalin erschien der Zynismus Lenins weniger gravierend. Lenin war es, der, um Recht zu behalten, Menschenwürde und Moral geopfert hat. Eine Bewegung, die sich die Verbesserung der menschlichen Verhältnisse auf die Fahne schreibt, aber im Kampf den Menschen nicht Mensch sein läßt, sondern als Mittel zum Zweck benutzt, muß verlieren. Sie wirkt sich um so verheerender aus, je mehr ihre Verfechter das Gute glauben.

Und wodurch wird Balabanoffs Buch zur Entdeckung? Sie schrieb es nach der Niederschlagung des Aufstands in Ungarn 1956. 1959 wurde es erstmals veröffentlicht: in Italien. Im Alter von 90 Jahren übersetzte es die polyglotte Frau selbst ins Deutsche und es erschien 1961 in einem Hannoveraner Verlag: im Westen nahezu unbeachtet, im Osten wäre es verboten worden. Daß der Dietz-Verlag diesen gesunkenen Schatz erneut geborgen und in überarbeiteter Fassung herausgebracht hat, eröffnet die Chance, ihn erstmals wahrzunehmen.

Angelica Balabanoff: Lenin oder Der Zweck heiligt die Mittel, Berlin: Karl Dietz, 2013

Mistkäfer im Glas – flieg!

Dienstag, April 2nd, 2013

Für Maris

Als Viviane noch klein war, mussten ihre Eltern alle Kleintiere vor ihr verschlossen halten. Denn Viviane alles auf: Motten, Fruchtfliegen, Mistkäfer, Scheißhausfliegen. Sie sammelte sie in einem kleinen Glas mit Schraubverschluss, das sie ihrer Mutter unter Bitten und Betteln abgerungen hatte. Darin summte und brummte es alsbald geschäftig vor wild und panisch gewordenem Viehzeug. Sobald die Panik ihren Höhepunkt zu erreichen drohte und die krabbelnden und brummenden Tierchen sich allmählich gegenseitig lästig zu werden begannen, hatte Vivianes Lebensfreude ebenfalls ein bemerkenswertes Hoch erreicht. Sie schüttelte das Glas in ihrer linken Hand, sie hüpfte auf und nieder wie ein Zirkuspferd im Galopp und öffnete ihren kirschroten Kindermund. Die kleinen Zähnchen schimmerten weiß und glänzend, die zierliche Zunge schnellte hervor, während Viviane das Glas öffnete, und mit äußerst geschickter Bewegung einen Mistkäfer ein fing. Der Mistkäfer, goldbraun und behäbig, mit einer Art Lesebrille auf der Nase, ahnte was ihm bevorstand. Er war lange Zeit Professor für Philologie an der Privatuniversität für alle Mistkäfer des Landkreises Braunschweig-Wolfenbüttel gewesen. Viviane hingegen war ein eitles und dummes Menschengeschöpf und hatte keinerlei Sinn für den vollendeten Geist eines promovierten Mistkäfers, der zudem noch eine Art Lesebrille auf den Fühlern trug. Mistkäferbesonders intelligentetun sich in der Regel recht schwer. Denn sie glauben stur an die Möglichkeit, es im Guten, also im Gespräch mit Kindern wie Viviane zu versuchen. Ach, Viviane war im Guten nicht beizukommen! Sie sperrte ihre Mutter mitten im Winter auf dem Balkon aus, öffnete unerlaubt Türchen vom Adventskalender und malte Kreise und Spiralen, häßlich und absonderlich, in bizarren Farben auf die Kinderzimmertapete.

Der böse Prinz

Dienstag, April 2nd, 2013

Die Lesebrille

Eine Geschichte für Maris

Die verlassene Stadt lag hinter einem Berg. Dieser Berg wurde von einem Zwerg bewacht, der nur deshalb einer war, weil sich Berg auf Zwerg reimt. Der Zwerg war einen Meter sechzig hoch und hatte graue Haare. Heute Mittag, es war so ein grauer Tag mit Matsch und Schnee, schälte der Zwerg Pilze. Diese Pilze kamen später in ein Schälchen und wurden dem bösen Prinzen dargereicht. Der böse Prinz war alt, dunkelhaarig und trug eine Lesebrille. Diese Lesebrille war sein ganzer Stolz, er hatte sie bei Rossmann gekauft, und sie stand ihm überhaupt nicht. Sie war klobig, eckig und rutschte ihm ständig von der Nase. Der böse Prinz war ein besonders eifriger Leser. Der Zwerg las hingegen recht wenig; er schälte lieber pilze, scheuerte die Toilette oder wusch Strümpfe in einem viel zu kleinen Waschbecken mit viel zu viel Waschpulver, so dass es oft schäumte in dem Berg. Schon von weiten sah man dann riesige Schaumberge aus dem inneren des Berges quellen, sie überschwemmten die Dörfer; und schon Tage bevor man auch nur ahnte, dass der Zwerg wieder einmal Waschtag halten würde, musste die Feuerwehr anrücken und sämtliche Dörfer evakuieren. Manchmal gelang es ihr auch nicht, und so sind schon viele Menschen in den Schaummassen ertrunken. Der Zwerg kicherte leise vor sich hin bei diesem Gedanken. Ja ja, sagte er sich, so rein zu sterben muss eine wahre Wonne sein. Dabei weichte er ein neues paar Strümpfe ein.

Der böse Prinz las und merkte von alledem nichts. Er verließ den Berg nur selten, seit er pensoniert war, und wenn er ihn verließ, so geschah dies nur, wenn er gerade eine neue Brille brauchte oder der Zwerg ihn zum Schneeschippen beordert hatte. Also sah man ihn meist im Winter. So auch heute. Der Zwerg rülpste und schimpfte über das Wetter, der böse Prinz saß fett auf der Couch und las, als ihn der Zwerg mit der Schneeschaufel zum Apell rief. Nachdem er einen kleinen Gang frei geschaufelt hatte, das Wetter noch trüber und düsterer geworden war und der Zwerg die Schneeschaufeltechnik des bösen Prinzen zur Genüge bemängelt hatte, verzehrten sie gemeinsam die Pilze, die der Zwerg geschält und in ein Schälchen getan hatte.

In der verlassenen Stadt leuchtete es. Sie war nicht so verlassen wie sie hieß, obwohl jeder das dachte, denn es ist schwer, den Berg zu überwinden, der von einem Zwerg bewacht und einem bösen Prinzen bewohnt wird, der ständig liest und Lesebrillen bei Rossmann kauft.