Archive for Januar, 2013

dämonen (1)

Samstag, Januar 26th, 2013

Gegen Mittag erreichten wir, während ich auf dem Beifahrersitz im Halbschlaf von einer Horde grauer Lemuren träumte, die im Regen über die Straße tollte, die letzte Hügelanhöhe vor dem Städtchen. Es roch nach Staub und warmem Asphalt, bald würde eines dieser kurzen aber heftigen Augustgewitter über uns und unseren neuen Heimatort niedergehen.
Asja saß angespannt hinter dem Steuer. Mit zu viel Gas ließ sie den Kleinbus über das Kopfsteinpflaster abwärts holpern und blickte dabei alle paar Sekunden in den Rückspiegel, um sicherzugehen, dass der große weiße Umzugs-LKW hinter uns den Anschluss nicht verlor. Das Rattern des Kopfsteinpflasters schreckte mich auf, umhüllte uns dröhnend, es war unmöglich irgendetwas zu sagen.
Asja wirkte wie eine hungrige Katze kurz vor dem Sprung. Ich roch den herben Duft ihrer Haare und versuchte ihr zuzulächeln, aber sie bemerkte es nicht. Als wir an einer Kreuzung warten mussten, legte sie mir, ohne mich anzusehen, kurz ihre Hand auf den Oberschenkel, die dort eine heiße Spur hinterließ, und pustete sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Vor uns ragte die spitze Kupfernadel des Stadtkirchturms in den unruhigen Himmel, Fähnchen und Werbebanner an den Geschäften flatterten im Wind, Staubwolken jagten hier und da durch die Gassen den Berg hinauf.
Wir fuhren die Hauptstraße hinunter auf einen alten Steinbogen zu, der zwischen den alten Häusern brückenartig die Straße überspannte. Übermütig johlend durchquerten wir ihn, als wäre er das Ziel einer jahrelangen Reise.

Nazi-Punk : reif für die Insel

Donnerstag, Januar 24th, 2013

“Ist David C. eigentlich jünger als Billy I.?”

“Hm, schwer zu sagen. Jung sind’se beide nich mehr.”

“Und was kam nochma danach?”

“Demokratie?”

 ”Hm.”

verzagen

Donnerstag, Januar 24th, 2013

das schweigen
gebrochen am wasser
trunken die schattenrisse der bäume
zwischen himmel und erde
liebesperlenmusik
schweiss zerquetschter
sommernächte
bilder erdunkelt und fern
wie donnergrollen

glückselige meldodei
ihrer finsterheit schwärmerei
ein leuchten ein leuchten
meertief und golden
ich flieh in dich hinein
wie kann ich leben
weidwund dir erlegen
eine sehnsucht senkt mir
das herz

in deiner ruhe
liegt meine trotzige kraft
nimmerlaut und nimmersatt
länger die schatten nie fallen
diese typen mit deinem hut
kann ich nicht verschmerzen
ihre ahnungslose wärme
you are my favourite
work of art

wie kann ich leben
unter’m bösen stundenmond
ohne deine brandstiftende haut
gekettet an meine roten feuer
das schaff ich doch nie
rück mich zurück
ins grasgrüne licht
so kann ich dich
endlich träumen

aus. satz. olé!

Mittwoch, Januar 23rd, 2013

wieviel gramm wiegt ein jahrzehnt ? heute noch in den fünfzigern. morgen einfach 60. sechzig und aus. das klingt doch schon wie aussechzig, ich meine das mit den pusteln, das, was jeder gerne meidet. aber wie sagt der rühmkorf so tröstlich : etwas marodes, gedacht für die nacht, noch diesseits des todes zum flimmern gebracht
olé!

schmeiß und flieg

Sonntag, Januar 20th, 2013

…mal wieder die worte über borte werfen…( ja doch, das is spitze )

Wie über mich.

Freitag, Januar 18th, 2013

Cy.

 

Wie über mich drübergehn. Sabbern. Mich zwischen meine eigene Haut zu drängen. Als obs von innen fein regnet. Oder sich etwas regt. Wie ein von sich selbst Ablösen. Ich spiele nur mein Empfinden als mein einzigstes Instrument. Verstehe sonst nichts vom Leben. Längst hat mein Berühren eine eigene Sprache gefunden. Wie ich dich suche. 

ohne ei

Freitag, Januar 18th, 2013

schwant nur dahin auf kurzer zeile keine lange weile in weiß über quanten nicht zeit eine klange linie auf langer gewelle die nicht nach findet und geht weile und lacht und kann nach hause nicht an den wasser kreise klinge wellen in kanten wer in der zeit sich nicht ehrt ist der dukaten nicht friss in an der sicht in zeit überwellt es sich trägt kurz auf zeile in einer der weile warum zeit ohne ei und sprung über die

cleaning my gun

Freitag, Januar 18th, 2013

du bist mir nicht ins aug’ gefallen aber ich dir sogleich in den rücken gesprungen beim rückwärts einworten gott weiss dass du ein grübchen hast das schlapp macht ab und zu wir hatten funken gerissen nein nicht das alte lied mit den zitronenküssen uns’re schreie sind eng beim wasser im mund zusammenlaufen wir sind ganz zunge die liebe ist immer konkret dieser moment er hatte recht du weisst schon der erregungszustand inmitten träumender knaben und halbgeköpfter weiber erkenne ich männer immer an ihren geräuschen nicht an ihren trainierten glücksformeln an dieses oder jenes leid an dich erinn’re mich in versen du bist wie ein countrysong die letzte strophe mit viel sahne und staubgeplatztem parkett back on boogy street und einer cohenschen coolness als wir an diesem feuerpilz hockten mit allem von gestern und ich erinnert worden bin im manischen schauder meiner verschwindungssucht von ferne das stimmengewitter der zwinkernde biologe please be true mit glück im spiel und sieben kindern da stopfte ich keine fragen mehr in ihre würgemäuler mit schweissfilm unterm nasenflügel tropfen wachträume rauf und runter ich tanze mit dir um den elenden klappergaul wenn wir uns in die büsche schlagen wie beim schulschwänzen damals mit dem bus nach h. taub aber mit blitzen unterm lid all meine liebe bettet dein gesicht gegen das gemetzel der gesetzestreuen als würden wir immer jünger und jünger eine singende belle starr im falsett mit jesse james bis kein ton mehr in unsrer trommel ist

Hemmungslos nicht heucheln

Montag, Januar 14th, 2013

Ach, wie lang, lang ist´s her, seit Heiner Müller gegangen ist? Gestern war´s! Vor bald zwei Jahrzehnten. Müller war der erste aus der Riege des starken Jahrgangs (1929) der deutschen Literatur. Peter Rühmkorf ging 2008, Christa Wolf 2011. Was bleibt?
Mit uns sind Kunert und Enzensberger. Müller, Kempowski, Wolf und Kunert haben keinen Platz in Peter Rühmkorfs Reden „Über Kollegen“, die in dem Band „In meinen Kopf passen viele Widersprüche“ gebündelt sind. Keine Nachlaß-Ausgabe. Doch erstmals eine Sammlung von Schriften, die der Schriftsteller nicht nur en passant, hier und dort, dann und wann veröffentlichte. Altes also neu? Ja doch! Und: Nicht doch! Ist nur eine Frage der Geburt. Nicht fragen: Ran an den Band! Er ist für alle Generationen. Für alle, die gelegentlich gern ins Museum gehen. Sprich ins Literaturmuseum. Vor allem das der deutschsprachigen Worthäcksler. Ob Rühmkorf je mit einem derart schlichten Wort Maß nahm? Mit wenigen Worten sagte er, wer Kunstgewerbler, wer Künstler ist.
Peter Rühmkorf war ein Hemmungsloser, der nicht heucheln konnte. Er war kein krummer Geselle, der kroch. Er war ein kraftvoller Kritiker, der blitzschnell gepriesenen Koryphäen des Geistes, der Kunst, der Kultur… eine Kopfnuss verpassen konnte. Peter Rühmkorf hatte den Humor, sich zu erleichtern. Seine Sicht auf die Schreiberei und die Schreiber ließ er sich durch keine Nebelkerzen trüben und durch keine Weihrauchkerzen parfümieren. Peter Rühmkorf hat den Plauderern in der Literatur kein Pardon gegeben. Plauderte er, stimmte der Ton. So zog er die Leser seiner Literatur und Literaturbetrachtungen auf seine Seite. Dem Literaturerklärer liefen die Leute hinterher. Er selbst war, wie er selbst sagte, eine der „poetischen Naturen“, der schonungslos äußerte, was für Naturen die lieben Kollegen waren oder was nicht. Rühmkorf ist vergnüglich zu lesen. Selbst wenn er mit zusammengebissenen Zähnen spricht. Rühmkorf läßt sich das Vergnügliche nicht nehmen. Er muß schmunzeln. Er läßt schmunzeln. Auch, wenn´s Ohrfeigen gibt. Locker bleiben! Schön locker das Buch durchblättern. Wer sagt denn, dass Text für Text gelesen werden muß? Angefangen mit dem zu Adorno bis hin zu dem über Zuckmayer. Muß nicht sein. Rühmkorf gemäß, der sich auch nicht auf eine Linie trimmen ließ. Jeder kann herauspicken, was ihn zuerst neugierig macht. Auf diese Art läßt sich am ehesten herausfinden, wie sich der Autor bei den Lesern beliebt macht.
Peter Rühmkorf brachte die Literatur nie in Verruf. Er war ein verliebter Verteidiger der Literatur. Im Verurteilen groß, war er im Loben nicht kleinlich. Bestes Beispiel dafür sind im Buch seine Betrachtungen eines glorifizierten Großschriftstellers. Zuerst gibt Rühmkorf zu erkennen, dass er ganz und fest auf der Seite der Anti-Thomas Mann-Truppe steht. Gleichauf mit dem Kollegen Brecht, Döblin, Jahnn….. Abermals beim Nobelpreisträger nachgeschaut, läßt sich Rühmkorf dann doch vom „Zauberer“ verzaubern. Was ist geschehen? Der Kritikus der „Meisterwerke“ hat die Erzählungen als die Pfeiler der Thomas Mann-Literatur für sich entdeckt. Und er ist glücklich und preist. Mit ihm die Leser? Wenn den Lesern auch der eine andere Text entgleitet, bitte beide Augen auf den zu Werner Riegel (1925-1956). Neugierig bleiben! Selbst wenn einem der Name nichts sagt. Der seitenstärkste Essay des Bandes ist mehr als ein Freundschaftsdienst des Verfassers. Für den war Riedel „ein junger Geistesmensch mit nichts als Literatur im Kopf“, dessen „Zeitgeist bereits die Asche des Vergessens überdeckt“. Das schrieb Peter Rühmkorf Jahrzehnte später. Nicht nur rührendes Gedenken, ist der Essay ohne Asche. Er hat den Geist der Gegenwart. Er ist Ermunterung wie Ermutigung. Der Werner-Riegel-Essay ist´s wert, empfohlen zu werden wie der gesamte Band „In meinen Kopf passen viele Widersprüche“. Peter Rühmkorf war ein ständiger Entdecker in der Landschaft der Literatur, der in Abgründe schaute und ein verläßlicher Begleiter bei Aufstiegen war.

Peter Rühmkorf: In meinen Kopf passen viele Widersprüche. Über Kollegen. Hg. von Susanne Fischer, Stephan Opitz. Mit Dichterporträts von F.W. Bernstein. Wallstein Verlag: Göttingen 2012. 368 Seiten, Geb., ISBN 978-3-8363-1171-8

im nein

Montag, Januar 14th, 2013

ein hin und her auf der stelle gepeinigtes herzunterlaufen im kummer des leibes liebeslos abgeworfen schlafunterlaufen im nein trag ich mein verfressenes herz kein huldigungskleid blickloses abendbrot woher genau nimmst du das herzzerreissende deiner stimme herbstprinzen schämen sich in ihren erigierten gesichtern hochschnellend zu tage

hauthunger.

Montag, Januar 14th, 2013

liebe als unscheinbare geste … bis sich nichts mehr berührt…

wilde wie worte

Sonntag, Januar 13th, 2013

worte waren immer da, wie haare auf dem kopf, doch wehe wehe wilde worte, mit kamm und bürste stillgelegt, zopf und kranz und krone, scheitel punkt und aus. heimelich im kirschenbaum, das haar gelöst, die mähne kurz geschüttelt, ins süße fleisch gebissen, kerne gespuckt, von ast zu ast, die sinnlichsten sätze gemacht.

Schreiben als prophetischer und pädagogischer Auftrag

Samstag, Januar 12th, 2013

So zumindest sah es der Dichter Stefan George. Er scharrte Jünger um sich und lebte mit ihnen in einem Haus. Seine Gedichte sah er als den Ausdruck einer neuen Lebensform, als Perfomance, wie wir heute sagen würden, und so war er sich auch nicht zu schade, sie in antiken Gewändern selbst zu rezitieren. Der Kreis war ein geschlossener. Ein späterer Abzweig war der sog. “Kreisauer Kreis”, dem die Familie meiner Großmutter angehörte.

von texten und viren

Samstag, Januar 12th, 2013

da glaubst du nach tagen schier endloser bettlägrigkeit den virus überwunden zu haben, und plötzlich schnappt er nochmal zu. beißt sich fest. frißt sich in deine zellen hinein. macht sie sich eigen. und streut immer weitere kleine, fiese virenzellen in die blutbahn deines geschwächten körpers. antibiotikum hilft nicht. es sind viren. zähe viren. keine heißblutigen bakterien, wie sie zu finden sind in pest, cholera, tbc und lepra. harmlose krankheiten dagegen. zurückgeworfen auf dein lager musst du dich nun zutexten lassen.

Samstag, Januar 12th, 2013

sollte man euch texte schicken … ??

sollte man erwarten, aus euch fernob zu gelangen

wie aus dem baum der süsskirschen

Samstag, Januar 12th, 2013

um zu überleben braucht man nachher kein anderes wort .. aber aus dem vorher hattest du dich noch nicht befreit

Weiten.

Samstag, Januar 12th, 2013

Du weitest zwar nicht meine Liebesgelüste: aber meine Blutbahnen. Manchmal hätt’ ich mir gewünscht, dich nur so dasitzen zu sehn, wie du deine Füsse vor der Sonne versteckst, wie du deine Vergeblichkeit vom Fleisch lösen wolltest, wie wenn du dich in Flüssen mit Lachsen zusammentust … 

heim.lich.

Samstag, Januar 12th, 2013

hast du in deinem leben schohn mal empfunden, dass dich etwas getrieben hat … oder bist du fast vernachlässigt worden …

war sprache heimlich

der herr der gullis.

Samstag, Januar 12th, 2013

… er presst seine texte in einen gulli + fängt sie kurz darunter wieder auf … geht damit ganz vorsichtig am liebsten in der nacht nach hause … und legt sie auf dem balkon leise weinend wieder aus …
mittlerweile ist er der herr der gullis … 

(eine erfindung meiner olderburger freundin)

Figurenlexikon – Nr. 4

Donnerstag, Januar 10th, 2013

Heute: Der Verein “halbe Lunge”

Der Verein heißt “halbe Lunge”, weil alle, die diesem Verein angehören, den Pneumothorax am Körper tragen, ein Gerät, das Gas in die Lunge pumpt und sie so von ihrem Dienst suspendiert. Das Gas hält allerdings nicht lange vor und muss regelmäßig erneuert werden. Die Mitglieder des Vereins haben sich zusammen gefunden, weil “so etwas” wie Joachim betont, die Menschen verbindet.

Hans Castorp überlegt darauf hin, ob der Verein “auch eingetragen” sei. Und er fragt sich, warum die Träger des Pneumothorax “so ausgelassen” sind.

Die Leute mit dem Pneumothorax sind noch jung, so Joachims Antwort, und dann sterben sie womöglich: “weshalb sollten sie da ernste Gesichter schneiden?” Bei Th. Mann sind Tod und Krankheit “eine Art Bummelei.”

Der Stolz des Vereins ist Hermine Kleefeld, die mit dem Pneumothorax pfeifen kann, “das kann natürlich nicht jeder “, aber sie verbraucht dabei Stickstoff und muss vierzehntägig aufgefüllt werden.

Morgenzauber

Mittwoch, Januar 9th, 2013

“Wenn stehts in dir verzaubert ruht des Morgens süße Stunde,

liegst du bei mir und hebst den Kopf  – zum Kusse frei den Munde.

Dann weißt du für dich und ich für mich - es ist so wie es soll sein,

mit jedem ersten Sonnenstrahl bin ich dir und du bist mein.”

Eitelkeiten oder Das geborgte Wort

Dienstag, Januar 8th, 2013

(gestohlen, geliehen und wiedergegeben)
Eitelkeit ist die übertriebene Sorge um die geistige Vollkommenheit, den eigenen Körper, das Aussehen und die Attraktivität oder die Wohlgeformtheit des eigenen Charakters. Die Grenzen sind fließend . Was der eine noch als angebracht empfindet, ist für den anderen schon maßlos. Die Eitelkeit lenkt das Denken des Menschen hin zu sich selbst. Eitelkeit hat auch die Bedeutung Vergänglichkeit, Nichtigkeit, Leere und Vergeblichkeit (vgl. engl. idle oder dt. etwas vereiteln). In einem konkurrierenden Umfeld findet der Begriff Eitelkeit auch abwertend Verwendung für das Zuweisen einer mehr oder weniger ausgeprägten Form des klassischen Narzissmus an Konkurrenten. Die Schärfe der Semantik lässt sich im Einzelfall an Wortwahl, Tonfall und Körperpersprache ablesen. Berichtet eine Person dagegen von der eigenen Eitelkeit, soll dies von anderen als selbstkritisch aufgefasst werden.

E.tage

Dienstag, Januar 8th, 2013

Ordinallappen.
Fraktuiert. Sallopage.
Dymaster schlug
auf gelben Marmor.
Feistel. Griff gelöst.

Adieu, du Erzengel.
Dein menschlicher
Anblick bleibt.
Korrektes Benehmen,
übersteigt
jede Flucht nach
Vorn.

Eine Frechheit

Sonntag, Januar 6th, 2013

“Bei großen Preisen sollte man keinen exotischen Weg gehen und nach Kleinverlagen mit avantgardistischer Lyrik suchen.” antwortete der renommierte Kritiker Hubert Winkels als Vorsitzender der Jury für den kommenden Preis der Leipziger Buchmesse in einem Gespräch mit dem “Börsenblatt” (Heft 46, 2012, S. 11).

Hat er damit seine Neutralität als Juror verletzt? Gibt er sich als Diener der Konzernverlage zu erkennen? Wird avantgardistische Lyrik von vornherein als nicht preiswürdig aussortiert? Fungieren Literaturpreise als Katalysatoren von Marktförmigkeit statt als Sextant auf dem weiten Meer der Neuerscheinungen? Was sagen die zahlreichen Kleinverleger, die mit ihren Mitgliedsbeiträgen und Standgebühren auf der Leipziger Messe den Preis mitfinanzieren, der ihnen offenbar vorenthalten ist,  zu dieser Parteilichkeit? Fragen eines lesenden Zeitgenossen. Wo bleibt der Sturm der Entrüstung?

Braune Politik

Samstag, Januar 5th, 2013

“Warum bist du so braun”, fragte mich kürzlich ein Arbeitskollege im Vorbeigehen, “warst du im Urlaub?” Ich verstand seine Frage nicht. Nun gut, manch böse Zungen behaupten, der Führer hatte Mundgeruch. Das ist eine unverschämte Lüge. Und meine Haut ist blass und ich kann nichts dafür. Blasse Haut wird zum Glück noch nicht als Zeichen von Rassismus gewertet. Ich musste diese Frage also als überflüssig für mich und eine Veränderung im Verhältnis zu einem Kollegen verstehen, dessen Gesicht mir auch nach Monaten nicht vertraut war, dessen Färbung ich nicht einschätzen konnte, und mit dem ich bislang noch keinen Satz gewechselt hatte. Dennoch hatte mich diese Frage, noch dazu am frühen Morgen, nachhaltig verunsichert. Versuchte dieser Kollege mit mir in Kontakt zu treten und erinnerte sich, dass Frauen gerne Bemerkungen über ihr Äußeres hören? Ahnte er, dass ich nicht schlagfertig genug sein würde, um wenigstens mit einem schalen Witz à la, nee, ich habe mir nur 14 Tage lang die Unterhose über dem Kopf ausgezogen, zu kontern? Litt er unter einer angeborenen Rot-Grün-Blindheit, und mein Gesicht war durch die trockene Luft von einem Hautekzem verunziert oder grünlich im Anschein einer nahenden gesundheitlichen Verstimmung? Ich ging auf die Toilette und konnte in der künstlichen Beleuchtung nichts feststellen. Meine Gesichtsfarbe war unverändert und schaute mich ein wenig missmutig an. Ich versuchte ein Lächeln. Der hatte es sicher gut gemeint oder er gehörte zur Sorte Menschen, die nicht viel nachdenken über das, was sie sagen. Braune Haut galt einmal als schön. Heute ist die Farbe in Verruf geraten, nicht nur wegen der Politik, sondern auch wegen der Hautkrebsgefahr, die überall in den Medien beschworen und beklatscht wird. Und wenn es denn gesellschaftlich noch erlaubt ist, über Natur und Gesundheit im Doppelpack zu denken, lasse ich hier eine Bemerkung über das Fell und Gefieder vieler Tiersorten, sowie über die Tellerlinsen fallen. Sie sind überaus gut angepasst, indem sie kaum auffallen oder ihr Gegessen-werden politisch korrekt ist. Übrigens hatte ich vor einiger Zeit einen Disput mit einem anderen Kollegen, der ernsthaft meinte, die Gesellschaft unter Adenauer oder die Bevölkerung im hessischen Gießen sei brauner gewesen als die Jugend in Sachsen und Sachsen-Anhalt. Vielleicht hat er Recht. Denn diese konnten und können sich Urlaub – oder wenigstens den Besuch im Sonnenstudio leisten. Während ich dies hier schreibe, habe ich das Gefühl, mit den Füßen langsam im Morast zu versinken. Nach gehaltvoller langer Weile, dominiert nun, gegen die Monatsmitte hin, wieder die kurze Zeile.Vielleicht liegt das an der Politik meines Schreibens. Sicher bin ich mir nicht. Aber ich nehme mir vor, bei der nächsten Bemerkung eines Kollegen, die ich nicht verstehe, ihm wenigstens dies zu Verstehen zu geben. Man muss nicht jeden Morast durchsteigen.

risiken & nebenwirkungen

Freitag, Januar 4th, 2013

beim lesen dieser zeilen
wird unwillkürlich eine kopie
des inhalts in ihrem hirn
gespeichert

bitte lassen sie dem autor
eine entsprechende gebühr
zukommen wann immer sie
erneut an diesen text denken

unentgeltliches wiederdenken
ist untersagt in diesem falle
muss die kopie vollständig
aus ihrem kopf entfernt werden

zuwiderhandlungen werden
mit der vollen härte der
geltenden gesetze verfolgt

Drei Sätze

Freitag, Januar 4th, 2013

Michaela breitete aus, was unter ihrer Bettdecke Platz fand. Verloren lag es neben ihr und träumte. Nebenan die Kinder hatten jedes ein Zimmer für sich.

Nicht mehr als

Donnerstag, Januar 3rd, 2013

Kreuze sind was für Männer, sagte Carla, aber Lehmann  hörte schon nicht mehr zu. Er wollte noch ins Bolero, wollte nach der Arbeit seinen Arsch freipumpen und brauchte dafür eine Tanzfläche. (…) Hinterm Moritzplatz kam langsam die Suppe hoch, drunten ratterte es schon wieder.

Jugend mit Herzklopfen, wenn der Zug aus Westdeutschland in den Bahnhof Zoo einfuhr

Mittwoch, Januar 2nd, 2013

[...]Und überhaupt… Charlottenburg. Abendsonne über verfallener Pracht. Heute alles andere vergessen, beschließt Sam. Zum Teufel mit der Angst, die sich wie ein pelziges Tier schon wieder in den Nacken gekrallt hat. Heute so tun, als ob. Als ob eine reife Dame zufrieden auf die letzten Jahre blickt, während sie zum ersten mal seit ihrer Jugend wieder durch Charlottenburg streift. Da entlang wo Berlin noch Berlin ist, schillernd, wie ein Glas Danziger Goldwasser gegen das Licht gehalten. Sollen die doch den Osten der Stadt verunzieren mit ihren Bausatz-Bürohäusern und ihren Bubble-Tea-Filialen. Die Dame lächelt großmütig, trinkt ihren Tee aus einer Porzellantasse, wie damals während ihrer Jugend mit Herzklopfen, wenn der Zug aus Westdeutschland in den Bahnhof Zoo einfuhr. Augen zu, und sie steht wieder im ersten Waggon, zieht das Fenster herunter, von draußen strömt der Geruch nach Kohleöfen und einem Kännchen schwarzen Tee vom Bahnhofscafé herein. Was weiß die Dame denn? Oh, eine Menge! War bildkünstlerisch tätig, hat Tugendheldinnen gemalt, war immer dem Vorurteil ausgesetzt, malende und zeichnende Töchter aus dem aufstrebenden Bürgertum seien Dilettantinnen.