Archive for November, 2012

Lejafeld

Freitag, November 30th, 2012

Es dampft von den Steinen. Heute, am Sonnabend, haben die Anwohner Wischwasser über das Pflaster in den Rinnstein gekippt. Ich bin um viertel sechs aufgestanden. Habe gepackt. Und die Sonne knallt. Ich kann gar nicht richtig sehen. R., gib mir mal die Sonnenbrille aus dem Auto. Aber lass die anderen Sachen drin. Ich muss erstmal schnaufen. Die plötzliche Hitze. Das Thermometer zu Hause ging ruckartig hoch. Ich hab draufgeklopft. Schon morgens die Fliegen an der Fensterscheibe. Ich ran mit dem Toilettenpapier und die Biester vernichtet. Oben im zweiten Stock wohnt sie. Da müssen wir rauf. Schwer pusten müssen wir. R., gib mir mal meine Tasche. Nein, nicht die mit den Flaschen. Ja, den Kaffee. Lass doch noch was in der Kanne drin. Sitz nicht so im Auto rum. Kannst auch schon mal was rausholen. Das ganze Papier muss da rauf. Wo sie nur bleibt. Ich klingle jetzt irgendwo. Da kommt jemand aus der Tür. Ein Lederkoffer, aber jünger als wir. Guten Tag, sind Sie Herr S.? Wir warten auf unsere Tochter. Sie hat viel von Ihnen erzählt. Ihre Musik. Dass Sie Wagner mögen. Und ihn am Abend, nach elf, aufdrehen. Ja, sie hat gute Ohren und ein gesundes Trommelfell. Sonst könnte sie diesen Job gar nicht machen. Ja, wir wollen rein. R., komm her. Vielen Dank. Mädchen, sage ich später zur ihr, dein Nachbar sieht ja aus wie Karl Lejafeld.

betr. hechtlyrik

Freitag, November 30th, 2012

kannibalenlieder klingen
wild & gefährlich

aber sie haben immer
den gleichen refrain

Unter den Linden.

Donnerstag, November 29th, 2012

Unendlich. Unnachgiebig. Unter den Linden. Ein schweifendes Auge. Um sich herum noch der tiefe Schrei. Auf anderer Wiese dann zyklopenhaftes Insichhineinschauen. Auf den Abwässern der letzten Jahre: ihr Lachen ihr nicht einschlafen können ihre Zunähe suchen. Auf den Abwässern ihres kleinen Herzens schnaubt sich späte und frühe Liebe aus. Umbrafarbnes Hirn. Sie wird sich mit ihren fremden Tönen anfreunden. Austränen.

Lieblingsfarben

Mittwoch, November 28th, 2012

Langsam rüttelt der Rhythmus sie wach. Die Landschaft, die trotz der relativen Geschwindigkeit an den Scheiben zu kleben scheint, trägt ihr allmähliches Siechtum zur Schau. Die Natur lässt Regenschnüre herab, ungleichmäßig und ohne Spannkraft. Wie der Strahl aus einem alten Gartenschlauch. Die letzten hundert Kilometer wird Jenna allein im Abteil sitzen, denn der Bahnhof, den sie erreichen muss, liegt jenseits der Zivilisation. Während sie gähnt und sich auf dem benachbarten Sitz nicht breit zu machen getraut, denn er riecht nach Leberwurst und Urin, verkriecht sie sich in Omas Mantel und gleitet in eine Wartezimmerstimmung. Forsche Gemüter sprächen von Lethargie. Doch Jenna ist die Spezialistin des vorsichtigen, nicht gern gesehenen Verfalls. Sie überhört das Lamentieren der forschen Gemüter. Rostrot und efeugrün sind ihre Lieblingsfarben.

knick und knack. punkt

Mittwoch, November 28th, 2012

den zeilen heng ich nach. und henge dran. bei regen in der dämmerung. das aufgeschlürfte wasser fällt von oben. und schafft ein herrlich leeres blatt. zum drübergehn. und drübermalen. alle iche schon im schrankbett. klappe auf und affe tot. welche wohltat. mein auge zu. ich will dich gar nicht sehn. ich will verstehn. und glaube – überflüssig – ist rein gar nichts. auch abgeknickte spiralzweige ergeben ein passables füllmaterial. in der allzugroßen gleichung.

Cy Twombly.

Dienstag, November 27th, 2012

Cy.

 

Wie über mich drübergehn. Sabbern. Mich zwischen meine eigene Haut zu drängen. Als obs von innen fein regnet. Oder sich etwas regt. Wie ein von sich selbst Ablösen. Ich spiele nur mein Empfinden als mein einzigstes Instrument. Verstehe sonst nichts vom Leben. Längst hat mein Berühren eine eigene Sprache gefunden. Wie ich dich suche.

abgeknickt.

Dienstag, November 27th, 2012

Würde ich mich als gefestigtes, einigermassen klares Ich selbst an keiner Stelle anders wahrnehmen als andere, so wäre ich überflüssig.

Würde ich mich nicht als überflüssiges, ständig gelangweiltes Trotzdem-Ich mehr denn je und schöhn innebegreifen, so blieben Spiralzweige abgeknickt.

Gegenstand der Empfindung. 

Alternazis Praxis

Dienstag, November 27th, 2012

Wir waren ganz normale Nazis – Teil 3

“Hose hoch! Hinten anstellen!” Ich höre zu, hinter der Wand. Gestern habe ich Geburtstag gefeiert. Das Eis war aufgetaut, die Suppe voller Fliegendreck. Als Lisa sich mit Thomas Dankmann unterhielt. Haben sie über mich gelacht. Ich habe es gehört. Ihre Mutter sagte, das sei Mumpitz, meine Einladung. Was sie bei diesem Idioten solle. Dabei weiß ich, dass sie gern nach B. kommt. Gohlke hat tief gesungen. Er brachte dann Bohnensuppe mit Speck. Die war aus der Dose. In der Wohnheimküche haben wir sie aufgewärmt. Bifi mit der Brille hat Lisa auch angebaggert. Die Gretel mit den Zöpfen blieb dagegen wie immer standhaft. Ihr Vater führt zu Hause Volkstänze auf. Er beobachtet Gretel. Wenn sie die Zöpfe vor den Männern öffnet, kriegt sie eine geklatscht. Dabei studiert sie längst und macht alles mit eins. Mein Schrank wurde heute morgen so schwer, dass er mitsamt der ganzen Tigel und Töpfe einfach umgefallen ist. Auf mein frisch bezogenes Bett. So stramm hatte ich das Laken gezogen. Dass Lisa wenigstens bei mir hätte übernachten können. Doch sie ließ sich mit dem Auto nachhause fahren. Das musste ich. Sonst hätte sie mich für eine Bestie gehalten. Bestie mit Brille und Deichmannschuhen.

egodual

Sonntag, November 25th, 2012

wir sind so bescheuert
wir laufen uns ständig selbst übern weg
und glauben es wäre der andere
wir sehn nur die eigenen zehenspitzen
tamaris oder auch panama jack
und sagen: hallo herr nachbar
können sie mal ihre zwillinge hier wegnehmen

Meine Fäuste

Sonntag, November 25th, 2012

Zurück zu unserer erfolgreich gescheiterten Heldin, Klara Klarsack, die sich schmollend aus dem Rennen um einen Platz im akademischen Lehrbetrieb zurückzog, nachdem schon beim ersten Anlauf ihr authentisches Praxiswissen so schnöde verschmäht worden war. Um nach ihrem autodidaktischen Höhenflug nicht in eine Depression abzustürzen, stürzte sie sich ins Nachtleben des Städtchens, verunsicherte Clubs und Hauspartys, wo sie eine gern gesehene Gesprächspartnerin darstellte. „Die Frau, die viel spricht“, wurde sie insgeheim genannt, von den einen voller Bewunderung, von anderen mit etwas angestrengter Miene. Im privaten Rahmen hatte es Klara leicht, bei ihren Verehrern anzukommen, hier spielte es plötzlich keine Rolle, ob sie einen akademischen Hintergrund hatten oder einen soliden Beruf ausübten. Wer sich mit ihr amüsieren wollte und wem es gelang, ihre Aufmerksamkeit zu erringen, der konnte mit intersexuellen Herausforderungen von ihrer Seite rechnen. Wenn er sie meisterte, dann hatte er die Chance, ihr Geliebter zu werden.

Klara sprach jedoch nicht von ihren Geliebten, sie sprach von „meinen Fäusten“. Sich selbst sah sie als Gretchen an, jedoch, ihrem Lieblingsthema entsprechend, in Rollenumkehr. Sie stellte die Männer auf die Probe. Den einen hieß sie, sich zu verkleiden und als Leibniz auf der Party zu erscheinen, um zu testen, ob die Anwesenden auch Bescheid wußten über die sphärische Trigonometrie, die in seligen Zeiten den Zehn-Mark-Schein zierte, oder ob damals schon die Meute nur auf den Wert des Geldes gestarrt habe. Zum Dank für dieses Rollenspiel wanderte sie mit dem Verehrer auf die Toilette, wo er zuschauen durfte, wie sie ihre Notdurft verrichtete.

Dem zweiten befahl sie, zunächst ein Mädchen im Kreis der Partygäste zu entjungfern, damit sie sich von seinen Qualitäten überzeugen konnte, bevor sie ihm erlaubte, an ihr Hand anzulegen. Sie erwies sich seiner Kunst erkenntlich, indem sie ihm einen Blick auf ihren entblößten Busen gestattete.

Der dritte mußte Erde fressen, damit er Adam glich, dem Mann aus Lehm, aus dem alle anderen hervorgegangen waren. Denn sie sehnte sich nach Ursprünglichen und gab sich mit täglich geduschten und gegelten Fratzen nicht zufrieden. Im Gegenzug durfte er zugegen sein, wenn sie sich klitorial selbst zum Höhepunkt brachte.

Der vierte durfte wild durchs Wohnzimmer springen, sich auf dem Fußboden herumkugeln und animalische Laute ausstoßen als Gesang zum Osterspaziergang. Zum Dank ritzte sie ihm mit dem stumpfen Küchenmesser die Eier.

Der fünfte Faust im Bunde hatte die Rolle des Teufels zu spielen: Mit Schlips und Nadelstreifen schickte Klara ihn ins Rektorat, um dort als Vertreter des Ministeriums die Kürzungspläne für die kommenden zwanzig Jahre zu verkünden. Der Schock saß. Die Rektorin bereute bitterlich, die Berufung von Mr. Rumpel durchgewunken zu haben. Nun würden sich die erhöhten Personalausgaben rächen. Wie erst, wenn Mr. Rumpel den Beamtenstatus erlangt hatte. Zur Strafe schickte ihn die Rektorin auf eine Fachhochschule auf dem Lande – und Klara verneigte sich ehrfürchtig vor ihrem Verehrer, der so gut den ministerialen Mephistopheles zu mimen verstand.

Obwohl unsere verspielte Klara behauptete, mit keinem ihrer fünf Fäuste „Verkehr gehabt“ zu haben, wurde sie kurze Zeit nach Beginn ihrer Partyphase schwanger. Nein, sie wurde nicht nur schwanger, sie erwartete Fünflinge und wurde als medizinische Ausnahmeerscheinung in allen Zeitungen abgebildet. Binnen kurzem hatte sie eine landesweite Berühmtheit erlangt. Zahllose Gynäkologen wetteeiferten darum, sie betreuen zu dürfen. Tatsächlich stellte die Entbindung der fünf Faustbabys die Klinik vor erhebliche logistische Aufgaben. Im Fünfminutentakt erblickte eines nach dem anderen das Licht der Welt. Es mußte aufgefangenn, von Blut und Mutterkuchen gesäubert und gewickelt werden. Wenn es sich um Babys von üblichem Gewicht und gewöhnlicher Körpergröße gehandelt hätte, wäre das alles leicht zu handhaben gewesen. Die fünf Faustbabys, die Klara Klarsack gebar, besaßen jedoch bereits das Format ausgereifter erwachsener Männer (wenn das kein Widerspruch in sich ist), sie kamen mit Vollbart und Brille aus dem ballonartig geschwollenen Bauch Klaras hervor – was auch den letzten Vertreter der Hochschule davon überzeugte, daß die Berufungskommission sich geirrt haben mußte: diese Frau besaß ein schier unglaubliches akademisches Potential.

Heloise

Samstag, November 24th, 2012

Häng Dich doch an Deinem halbkriminellen Eddy auf

Oder häng ihn Dir um den Hals

Schieß Dich ab

Oder lass es bleiben

Was hat das alles mit uns zu tun

auch du…

Freitag, November 23rd, 2012

wirst mich einmal  betrügen, auch du. Die Leute sollten das Grammophon abstellen, man kann das süße Schmalzzeug nicht immer vertragen. Das ist mir zu süß. Ich habe sie nicht gegessen. Ich ess das nicht. Das nicht. Naja, Mutter will nicht, dass ich so dick werde. Das ist mir zum Glück erspart geblieben. Gut nach Hause gekommen? Eigentlich nicht. Und es könnte zu Missverständnissen führen, wenn ich Mutti erzähle, wir hätten die Liegesitze ausprobiert.  Ich habe sie zur Kenntnis genommen. Zur Kenntnis genommen. Zur Kenntnis.

verloren

Freitag, November 23rd, 2012

mancher wäre gerne
seinen kopf
los

und hat
gar keinen

manche, ohne falten. noch.

Freitag, November 23rd, 2012

sie hören ihn doch wirklich gern,
den alten sänger. das relikt.
das ist erstaunlich.
und geht wohl nur ganz ohne schädel.
das ist geradezu :
ein von der welt abrücken.

blondine.

Freitag, November 23rd, 2012

:: schädellos sass ich nun die ganze woche an diesem tisch; plötzlich erkenn ich im spiegel mehr falten als meine erinnerung mir vormachte … als ich mich fühlen würde: würd mir ne heikle blondine ne frage stellen … weniger krächzend, eher aus dem unterlaib … wär ich aufgeschmissen: ein von der welt abbeissen 

Nuance.

Dienstag, November 20th, 2012

Regenverschafftes Davongleiten: dein dich selbst aus dem Blick nehmen. Nun gewinnst du dich aus der Zusammenlosigkeit … uuhh warum schnaubst du so auf? Natürlich sollte es Zusammenhanglosigkeit heissen. Ich vermiss dich so, wenn du mit deinem Mund nur bei dir bist. Ich mach’s jetzt wie mit mir früher.

iiihhh

Montag, November 19th, 2012

mundschenk mir worte und küss mich ein wenn du mut hast ungeschälte gegenwart wartet im vorübergehn eine strenge seele in der menschenkühle zerspaner und rohrkrepierer führen zu erzählverkrampfung

aahhh

Montag, November 19th, 2012

auf dem fahrrad. ah. und ja. immer dasselbe. immer auf der wiederholspur. aber im vorbeigleiten ist alles zu ertragen. und der wind weht so gut. und wir sind, daß wir denken, wir wären wer. am besten wir denketen gar nicht mehr.

uuhhh

Sonntag, November 18th, 2012

vor 3 Minuten

meine saftige sinnlichkeit soll das getue erobern, das ich zu sein vorgebe, wenn ich rede + durch die kante schleiche … übergossen mit honig oder champagner

Eduard

Mittwoch, November 14th, 2012

Schade, dachte er, schade, dass ich nur in der zweiten Reihe spielen darf. Dabei komme ich mir kolossal vor. Ich habe Esther das Cymbalspielen beigebracht. Sie herangeführt an das Instrument mit meiner Hand an ihrem schönen Schöpfchen und ihr erklärt, dass ihre eigene Hand nicht nur zum Blumen gießen gut ist. Sie ist mir kurz gefolgt, hat auf den Terrassen vor der Akademie die barocken Hecken, die gestanzten Quadrate gegossen. Das ist Dresden. Das ist Esther. Sie hat den Krankenwagen ignoriert, der sein schrilles Tönen bis zu uns herauf trieb, sie hat schon an der Bar nicht mit Jules gesprochen, die ihre Gummihandschuhe in Abwaschwasser badete und den Gästen Cola-Diesel brachte. Als sie den Krankenwagen rief, waren Esther und ich schon hinaus. Das schlechte Wetter auf den Terassen störte Esther ebenfalls nicht. Ich war erleichtert. Die Wolken trieben bis zum Horizont und grauten ihn ein. Ein Strichmännchen wurde in den Krankenwagen verfrachtet. Esther konnte dann doch nicht mehr. Sie riss ihren Zopf aus meiner Hand, klatschte mir die ihre einmal kräftig auf die Wange und rannte ins sich aufblähende Grau.

Nicht Gekanntes, nicht Genanntes

Mittwoch, November 14th, 2012

Wer angefangen hat, weil er etwas mit ihr anfangen kann, bleibt bei Else Lasker-Schüler hängen. Netter formuliert: Sie/Er sind ihr treu. Ohnehin haben die Hüter der deutschen Literatur die Poetin im Parnaß bestens platziert. Allen Bedenken zum Trotz. Die gelten eher der Person als ihrer Poesie. Ihre Mitmenschen erschreckte die Bürgertochter durch unbürgerliche Eskapaden. Kafka nannte sie ein „Schreckgespenst“. Kafka eben! Besser kamen Bekannte, Freunde, Geliebte mit der wechselhaften Natur der Frau zurecht. Als da waren die Herren von Benn über Hille, Kraus und Kerr bis Zech. Einschließlich des Herwarth Walden, mit dem Lasker-Schüler (1869-1945) zeitweise Haus und Bett teilte. Die Genannten sitzen am Tisch der Essayistin in dem Band „Die kreisende Weltfabrik“.
Gesuchtes und Gefundenes ist versammelt, das eindeutig und korrekt als „Berliner Ansichten und Porträts“ genau umschrieben ist. Texte wurden ausgewählt, die, zumeist und zuerst, All-Tags-Skizzen voller Assoziationen sind. Was zu Personen und Stätten angedeutet ist, sind eher knappe Andeutungen statt schmückende Ausführungen. Alles ist Anregung fürs Denken, Nachdenken, Überdenken. Die Autorin hält die Leser nicht auf. Das Innehalten erwartet sie. Für´s kurzweilige Vergnügen steht nicht zur Verfügung, was von der Verfasserin kommt. Else Lasker-Schüler hat für die langsam Lesenden geschrieben.
Das weiß und respektiert Heidrun Loeper, die Herausgeberin der Ausgabe. Sie hat ein Nachwort verfaßt, das ebenfalls nicht für´s Nebenherlesen da ist. Das ist in jeder Hinsicht was Seltenes. Ein Nachwort in, zu einem Buch ist wahrlich eine Rarität geworden. Der Herausgeberin (und dem Verlag) muß man die Hand drücken. Mit der Art der Publikation wird so etwas für die nachwachsende Generation möglicher Lasker-Schüler – Leser getan.
Die Schriftstücke zu den berlinischen Szenen, zu den der Verfasserin nahen Künstlern, sind Stücke einer Entdeckerseele. Sie schaut in andere Menschenseelen, ohne sie zu sezieren. Selbst oft eine Verletzte, hat Lasker-Schüler Annäherung an Andere auch etwas mit dem Abstandhalten zu tun. So möchte sie den Ein- und Überblick nicht verringern, der Ein- und Übersicht mindern würde. Lasker-Schüler ermittelt für sich und ihre Leser, um Überraschendes, Unerwartetes zu erkennen. Da ist kein Platz für Wiederholungen. Schon gar nicht für´s wiederholen der Wiederholungen. Nicht Gekanntes, nichts Genanntes des Berlins vor 100 Jahren schimmert auf.
Die Texte in „Die kreisende Weltfabrik“ sind Mischungen aus Essay und Dichtung. Reales wird Dichterisch, Dichteresches real. Bisweilen ist die Schreiberin spöttisch, bisweilen eine sarkastische Polemikerin. Eigene Marotten und die der sie Umgebenen sind für sie Anlaß gewesen, die knappen Aufzeichnungen möglich und nötig zu machen.
So auch einer der umfangreichsten Texte des Bandes, der „Mein Junge“ überschrieben ist. Welch ein Text einer Mutter, der mit den kargen, klaren Worten beginnt: „Und doch gerade bemühe ich mich, wahrheitsgetreu über ihn zu schreiben“. Was heißt hier „wahrheitsgetreu“? Es heißt aufrichtig, nicht anklagend, nicht wehklagend über den Verlorenen zu sprechen. Heißt, den Talentierten ohne Überschwang zu rühmen und zu ehren. In der kurzen Geschichte des kurzen Lebens ihres Sohnes Paul (1899-1927) ist genug von der Geschichte der Else Lasker-Schüler. Wie in allen Texten von „Die kreisende Weltfabrik“. Sie sind eine gute Gelegenheit, gelegentlich gelesen zu werden. Stück für Stück. Unbedingt!
Else Lasker-Schüler: Die kreisende Weltfabrik. Berliner Ansichten und Porträts. Hrsg., Nachwort Heidrun Loeper. Transit Buchverlag: Berlin 2012. 128 Seiten. Geb., ISBN 978-3-88747-282-5

jenseits der anden

Mittwoch, November 14th, 2012

statt zünglein nur
fusseln & sand

so wirst du nie
nach valparaiso
gelangen

Wie zwischen den Zehen.

Dienstag, November 13th, 2012

es ist nur ein ständiges sich gegen die Leere Wehren, ein ständiges sich gegen die Leere Leeren, ein an den Lauten und Blicken der Menschen Erschöpftseyn, eine Grausamkeit, ein Angespucktwerden, ständiges Werden in ihrer Spucke, wie wenn man heftigst gegen sich selber schreit nur um zu gehorchen nur um weiter an diesem Leben teilzunehmen nur seine angeebbte Scham abzutragen solange man nur des anderen klägliches Stummen und noch kläglicheres Züngeln irgendwie erträgt auf spitzen Schulterblättern oder so aneinander geklebt wie im Wald Einsamkeit suchen die man nur in Hundeaugen findet nur in deiner Sinnestäuschung denn zwischen den meisten Ich und der Welt giebt es keine Saugkraft mehr : es giebt kein Entgegen mehr und auch keine Anziehung, hätte früher Liebe geheissen

noch fragen ??

Dienstag, November 13th, 2012

* Lilienschnee schlägt wie umkräuselt so nah an mein gelerchtes Ohr. Ins Gefällige reinstechen. Hab mir einen anthrazitnen Wollmantel gekauft. In den Innentaschen alles kleine Zettel mit derben Ausdrücken. In Tinte. Wenn ich meine Zunge drüberlaufn lass, giebts ein verschmiertes Lächeln. Wie dieser zur Masse gehörende Intellektuelle dorthinten. Im Vorbeigehn steck ich ihm meinen Zettel ans enthaarte Revers. Unerschrocken hör ich mir fast das gleiche verschmierte Wort an. Und drück ihm eine Heftzwecke/Zecke in die Wange.  

beton.

Dienstag, November 13th, 2012

Stell dir vor: dein Leben beim Beizen … die Ablösung der Dinge nicht nur von ihrer (un-)Wichtigkeit, sondern die der Bedeutung von dem, was du sagst … meine Zahncrème hiess plötzlich: test-a-ment …

Ysatis

Dienstag, November 13th, 2012

Ich bin heute zu Gast in einer Welt, die ich vor Jahren verlassen habe. Der Ort ist die Bibliothek. Gerüche, Erinnerungen sind in den Regalen, Katalogen und im Fußbodenbelag versteckt – doch nur selten schwingt etwas mit, das sie in Szene setzt. Ich habe die Bibliothek besucht, um schreiben zu können. Ich könnte mich hier, so hoffte ich, aus dem Zusammenhang lösen, der den Kopf in einer Schraubzwinge gefangen hält – als sei es eine Gemeinheit, eine Frechheit, Gedanken formen und freilassen zu wollen – die bloße Darstellung eine Bloßstellung. Spielen ist albern. Nur gestattet der Halbwüchsigen – in einem herbstlichen Garten, mit dem Befehl, Äpfel aufzusammeln, die schrumpligen, messinggelben und die scharlachroten glatteren in Körbe, die fauligen mit den Schimmelpunkten auf den Kompost. Doch was tut sie dort? Sie schreit es in den Wind, in das aufsteigende Laub “… brauch ich nur einen Männerreigen .. fünf bis zehn Meter lang … und Wolken rudern abwärts zum Experiment…” Nun stehe ich in der Bibliothek, stehe, und setze ohne Scham das Rufzeichen hinter den Satz. Sie trägt femme, ein Parfum aus den vierziger Jahren, das nach einer Weile leicht ranzig riecht. Ich gehe in eine der angrenzenden Hallen, gelange fast unbeabsichtigt in den Bereich der englischsprachigen Literatur. Etwas empfängt mich neben den Büchern und Schriften, auch hier ist es, wie im Text, ein Duft. Ich kann ihn nicht dechiffrieren. Eine dunkelhaarige Frau, jung, mit straffem Gesicht und Pagenschnitt fällt mir ein, damals, als wir uns noch einmal einschrieben. Sie nahm Ysatis, einen Duft meiner Mutter. Es ist der Duft, der sich jetzt mit dem alternden Papier und dem Holz der Möbel mischt.

Sicht

Dienstag, November 13th, 2012

 Der schwarze Strich

zerkratzt das Papier.

 

Das zerkratzte Papier

duldet den schwarzen

Strich.

 

Das Papier spricht.

 

Ein schwarzer Stich

kratzt das

Papier.

 

Vom schwarzen

Strich spricht

ein Tier.

Zu Dir.

gespritzte Zungen

Samstag, November 10th, 2012

Es funkelten Gläser. Eins trudelte die gewendelte Treppe hinab, hinein in einen mythischen Raum. September 2011. Aus einem älteren Haus, das ein Zimmer mit roten Vorhängen enthüllte, zirpten sie mit gespritzten Zungen ihre Grillen. Innen, ganz unten, stand dunkleres Wasser. Sie verlasen auf gegenseitigen Wänden die Aufschrift Snorris Bad. In ihren Nasen lag der Geruch von messinggelben Äpfeln, ein wintriger Kellerduft. Schlappe Tulpen in lila und weiß füllten die Ausgüsse. Einer von ihnen verschwand. Die gespritzten Zungen zirpten weiter.

Hündische Devotion

Samstag, November 10th, 2012

Die mit ihren scheißigen Sparlampen – das interessiert uns doch gar nicht! Und giftig sind die auch noch. Ich sage Ihnen, das wird der zweite Morgenthauplan. Dieser Mist mit dem Ökostrom. Und dann Preise für Leute, die gegen Nazis sind, damit wir uns kollektiv gut fühlen können. Speichellecker sind das. Wischen dem Bürger die Schweinsaugen mit dem Offensichtlichen. Und dann machen wir’s uns schön bei Kerzenlicht, lullen uns ein in Gesprächsbereitschaft. Ja, ich weiß, Sie müssen weiterarbeiten. Unseren Kindern soll’s mal besser gehen, ohne Atomwölkchen und braune Vergangenheit. Lakenweiß rein sollen die aufwachsen. Wir sind wieder wer. Putzen uns die Schürzen und fahren Abends mit dem Rad nach Hause. Treten kräftig in die Pedale und erzeugen unseren eigenen Strom. Züchten Hühner. Deppen vom Dorf sollen aus uns werden. Kennen Sie noch den alten Ostfriesenwitz von der Oma, die abends um den Küchentisch Fahrrad fährt, damit die Familie Licht hat? Funktion der Oma – die neue Definition von Nachhaltigkeit. Aber ich lasse Sie dann mal weiter machen. Die Deutschen waren schon immer ein Volk von hündischer Devotion.

John Locke in Rußland (2)

Mittwoch, November 7th, 2012

Starb, als man noch nicht lesen konnte. Hinterließ viele Zeichen. Auch die Sehnsucht nach der Freiheit, Kinderkrankheit aus einer zu engen Küche, in der die Köchin ihren Kochlöffel zum Gesetz zu machen hatte, bei Strafe einer Verschmähung des Essens. So wählt: Eigensinn des aufrechten Gerippes, ewiger Knochenmann, lebendig bis in die Nadel mitten im Ei – oder fetten Gehorsam des Universums, gegenwärtige Verheißung wie der Freude so des Schmerzes. Das Leiden ist nur Schnupfen, ob gefroren oder aufgetaut in den Jahreszeiten dieses Lebens hast du die Wahl. Und nichts, was nicht vorher in den Sinnen war, war schon mal von Sinnen in Hellas. So blieb die Sehnsucht nach dem Raum, perfekte Ergänzung der Angst vor der Enge, in der dich jederzeit der Galgen nach dem Frühstück ereilen konnte, weil du zum Abendbrot noch nicht zu Hause warst. Nicht der Lordkanzler vollstreckte den Traum: Freiheit – stürmisches Territorium, jüngerer Bruder des Hobbes, Territorium mit Armee und Volk, dehntest du dich aus im Traum nach allen vier Himmelsrichtungen. In der Kirche entstand die Verwaltung, Verwaltung des Heils, an den Haltestellen bildeten sich Schlangen zum Eintritt in die Polonaise eines Alltags mit Flotte und goldenem Kalb: Verankert in der Höflichkeit muss der gekonnte Witz ein Gipfel in den Solidarbekundungen der heiligen Distanz bleiben. Und weit südlich der sommerlichen Eisgrenze blinkt in der Sonne, so sagt man, Peak Kommunismus.