Archive for Juni, 2012

Sommerfest, früher

Samstag, Juni 30th, 2012

Ach Kind, wat ham wia früha imma jefeiert! , sagt Omma: Die Buttakrem Tage vorher jeschlagen, Fenster jeputzt, Lockenwickler in die Haare, Röcke jekürzt. Und jewartet aufm Liebsten! Und wenn der nich kam, der Liebste, dann war dat Jeplärre groß. Aba Mutta sachte: “Wer nich zur Sonnenwend kommt, der iset nich wert, meine Tochter zu kriechen! Andre Mütta ham auch schöne Söhne!” Recht hattse. Wat warn die schön! Bin imma janz uschich jewesen, früha. Hab ja viel Milch jetrunken. Dat macht den Busen größa. Wenn ick mia dat so bei dia ankiecke… Mein Jott, iß doch nich imma so viel Pudding, Kind, ‘s ist langsam jut da vorne!

 Ach Omma, das ist deine Französisch Creme, die schmeckt doch so gut!

Aus der Rubrik: Was immer schon mal gesagt werden musste

Freitag, Juni 29th, 2012

1. Geh mir vom Sack

Freitag morgen in der Bäckerei. Kurz nach sieben steht einem der Sinn nach Kaffee. Mit Zucker. Mehr nicht. Ein Brot vielleicht? Nein. Danke. Das ist aber ganz frisch. Und gesund. Wir nennen es die Eiweißspritze. Nein danke, die hatte ich gestern abend. Verständnisloses Lächeln. Sie ist drall, straff und gut gebräunt. Ja dann vielleicht was Süßes? Nein. Nur Kaffee. Mit Zucker. Mehr nicht. Die Dralle schaut enttäuscht: Das müssen Sie schon selbst erledigen. Spender stehen dort. Während ich das Kleingeld abzählte, sinnierte ich über den Zusammenhang von Eiweißspritze und Spender. In einer Bäckerei. Das Geld klimperte auf dem Teller. Herzlichen Dank und einen schönen Tag noch für Sie. Die Dralle schaut mich bei ihren Worten schon nicht mehr an. Und was darf ich Ihnen Gutes tun? Ich nehme Platz auf dem Barhocker rechts von der Theke und beobachtete einen Kaffee lang das Schauspiel. Ich vermute, das “Sinnentleerte Freundlickeitsfloskeln” zum Curriculum von Bäckereifachangestellten gehören. Es ist unerträglich. Ich verlasse die Bäckerei. Auf dem Weg zur Arbeit grüßt der Nachbarsjunge überschwenglich.

alte laufmasche …

Dienstag, Juni 26th, 2012

Vorhin hast du gesagt, dass ich dich wecken soll, wenn ich mich neben dich lege. Hast du dich da schon erwischt, sei ehrlich, als du mir nicht zugedacht/zugelacht warst. Es war alles für sich. Aber du brauchst mich nur ins Paradies führn. Mit deiner alten Laufmasche. Die macht mich am glücklichsten. Wie trunken. Zwitschert mir kaum einen andern vor. Und die Welt fällt hinter den Schultern ab. Uuuhhh, was für ein Atem. Ich denke, ich werd noch mal in deiner Nähe überwintern.

 

Pisse eines verwesten Gotts.

Dienstag, Juni 26th, 2012

Schnaubst du noch ein wenig mit mir am Eisfeld herum. Da war noch gar nicht richtig da, fast verwest wie ich im letzten Jahr, als sich uns für den Moment nichts verzeihen wollte. Warum sollte ich mir was einreden, was von der Haut abrutscht, du nicht mehr ablutschst … deine gelbe Hölle ist die Pisse eines verwesten Gottes: wie willst du beurteilen, sein Strahl wäre geschmacklos …

After eight.

Dienstag, Juni 26th, 2012

Manchmal entsteht ein Begattungshass. Und es entsteht ein Armenhaus der Gefühle. Wir sind dann nur noch nett zueinander. Danach strafverwaldet. Kaum enthäutet. 

Zucker!

Dienstag, Juni 26th, 2012

Ab einem gewissen Alter, wenn Geburtstage eher gemischte Gefühle als Freude hervorrufen, trägt frau im Gesicht Ledertasche. Männlicher Logik zufolge sollte sie sich darüber freuen, hat sie doch oft genug beim Einkauf Taschen aus echtem Rinds- Schweins- oder Ziegenleder bewundert – und getrauert, dass sie sich mangels guter Tätigkeit oder reicher Ehegatten diese nicht leisten konnte. Doch nun trägt sie selbst die Lederhaut im Gesicht, zuweilen auch am Hals, und wird zur Veganerin. Rucksäcke und größere Taschen aus praktischen Kunstmaterialien dienen jetzt dazu, die Dinge zu verstauen, die sie öffentlich nicht zeigen möchte. Mehrere Stunden am Tag werden damit verbracht, den Kopf hoch zu halten, damit die dicke Salbenschicht nicht die frisch gewaschenen Haare mit einfettet. Sie nimmt zur Ablenkung das Reformhausbättchen in die Hand. Abteilung gesunde Ernährung: Hüte und Früchte bestehen vor allem aus Zucker. Zucker! Carpe diem, denkt sie sich und bereitet die nächste Party vor.

Neunzehnuhrneunundzwanzig:

Sonntag, Juni 24th, 2012

Ich bin kaputt. Dabei habe ich eigentlich nur bis fünf Uhr effektiv gearbeitet – aber immerhin viereinhalb Seiten geschrieben. Hab jetzt sechzehn Seiten im zweiten Kapitel und schon vier Seiten für den Schluss, aber die müssen nochmal überarbeitet werden. Mein Kopf tut mal wieder weh… ich hoffe nur, dass das irgendwie alles wenigstens einigermaßen gut ist. Gleich kommt Lisa, heute mit Chardonnay. Auch wenn ich totmüde bin… Ich hoffe, morgen hat die Bibliothek auch auf. Habe grad mit Christian telefoniert und dann klang es schon wieder gar nicht so wild, dass er morgen nicht kommt. Ist wirklich besser so und ich freue mich, dass er sich mit Tanja so gut versteht und sie ihn besucht. Ich bin auch nicht einfach – werde besitzergreifend nur  weil ihn eine Freundin besucht, die er ewig nicht gesehen hat, bloß weil er mal vor ein paar Jahren verliebt in sie war. Klar könnte was passieren – aber na gut, so ist das ja immer. Seit ich mich an meine Haltung zu so was erinnern kann, sage ich doch immer, es sei ja okay, wenn mich jemand betrügt. Dann bin ich eben weg. Wie immer.
Liebe enthält eben keine Sicherheit. Man sollte doch heiraten, aber anders… Zwei Menschen, die sich aufrichtig versprechen, immer füreinander da zu sein, die sich aufeinander verlassen können und beieinander ein zuhause finden – so dass man das Herz für die Liebe frei hat. Sicherheit findet man in dieser Bindung, so eine Art familiäre, friedliche, freundschaftliche Liebe, innig, aber eben solide. Und die wilde, romantische, leidenschaftliche Liebe findet man außerhalb. Wo sie hin gehört, im Schweben, im Freien, im Verrückten, Kompromisslosen, Flatterhaften, Extremen…
Mein Kopf ist schwer. Es ist gut, dass Christian demnächst weniger Zeit hat. Das ist völlig eingerissen, hat kettende Formen von beiden Seiten angenommen. Wann bin ich eigentlich so geworden? Dieser Anzugträgertyp… und dann irgendwann das tägliche Telefonieren… Bald bin ich wohl selber tanja. Gut, dass die sich morgen sehen.

Es ist schon komisch: machmal erlebt man Stunden von Höchstleistung und schreibt mehrere Seiten hintereinander weg, gerne auch mal nachts -  und dann Momente wie jetzt, wo man schon alle Kraft aufbringen muss um den Kopf oben und die Augen offen zu halten. Wenn ich jetzt einschlafe, wache ich glaube ich nicht mehr auf.

Rosen ein Tänzeln.

Sonntag, Juni 24th, 2012

   Pass auf, Klumpen, geh mir auf den vorübergehenden Sack oder entdeck dich. Aus dem Betrüben sticht wie ein Säuferfisch ein grosses Maul. Spricht eine hohle Blase, die ich dir überlasse. Mir sind da zu selten authentische Votzen über den Weg gelaufen. Weil ich selbst so war. Unwahr war. Aus meinen Ohren kriechen wollte bei jedem Wort, das ich sprach. Unterquartiert.                            Aus der weltweiten Sehnsucht hab ich nun den Abgrund gewonnen, der mich das Blaue des Himmels schmecken lässt. Ich werd noch im Scheitern blühn. Von Dorn zu Dorn sagen wir mal beim Rosen ein Tänzeln mir gestatten. Ich lass nichts mehr weg. Meine Ellipsen sind krumm genug gedreht. Um meinen Kopf herum. Das war verhimmelt genug. Du weisst, da oben steckt die 

Anvermöst.

Sonntag, Juni 24th, 2012

Danach anvermösender Treibsand im Auge. Wie beginnt das Herz herumzutollen. Wenn es keine spitze Göttin hat, die vor Abgrund am Rothenstein nagt. Danach war der Traum geträumt – und ich brauchte mich nicht mehr zu wundern. Ich hätte mich nur noch schlicht verleumdet. Da kam mir Gedanke, nur noch Gefühl sein zu wollen. Wie Schmacht.  

johannistag

Freitag, Juni 22nd, 2012

dieses herumkrabbeln unterm gebüsch. diese einschneidende und ins unkraut wuchernde depression, die! raus mit dem holunder, raus mit dem hartriegel. die erdbeeren, die süßkirschen, auch sie sind schon wieder dagewesen. ich setz mich gerne in den klee, ich setz mich gerne in die nesseln. das juckt so schön. totkratzen möchte ich mich. eine teufelsfratze. und dann ist alles rot von den johannisbeeren, mund, augen, nase, fingernägel – sogar das bleiche hinterteil. tief gräbt sich mein nackter leib in die couchgarnitur, unter die kissen.

Zum Sommerfest

Mittwoch, Juni 20th, 2012

“Warum so traurig?”

“Ich bin einsam.”

“Warum suchen Sie sie dann, die Einsamkeit?”

“Ich suche sie nicht. Ich fliehe nur die Vielsamkeit, diese falsche Betschwester des Gegenglücks. Nennen Sie es ruhig geistlos, zufrieden in seinem Unglück.”

der schaum der minuten

Dienstag, Juni 19th, 2012

(gaga ganzmenschs feierabendferse)

die amphoren des gewöhnlichen
schütteln sich im staub der familien
dachböden und schäumen über

im sommerbeben der fensterschwestern
aus dem dritten stock segelt ein tuch
händler und lächelt schweigend

wunder gibt es immer
nur an feiertagen oder in den ferien
kolonien der delospermae

Pferdemist

Sonntag, Juni 17th, 2012

Und wieder einmal bringen wir den Kreiselkompass in Position und blicken gelassen der Wiederkehr des Immergleichen ins Gesicht. Gestern Abend sind wir mit dem Fahrrad in dünner Straßenbeleuchtung ums Karree gefahren, erinnerten uns dabei an den Dresdner Autor Jens Wonneberger und sein Buch aus den Nullerjahren, mit dem es ihm gelang, aus seiner Schreibkrise eine Milieuskizze zu machen – was durchaus der Quadratur des Kreises entspricht. Uns hingegen gelingen statt eleganter Kreise meist nur holprige Vielecken. An diesem Abend konnten wir zwar die Umpositionierung des Altkleidercontainers in unserem Stadtviertel dafür verantwortlich machen – doch nachdem wir eine Weile gekreiselt oder besser gevieleckt waren, vorbei an blauen Tonnen, Lastwagenanhängern mit Bauschrott und Altglasbehältern, kam es uns am Ende unserer Odyssee doch so vor, als hätten wir zu Hause Malefitz gespielt. Bei diesem Spiel zählen nicht so sehr gründliche Information, elegante Geschicklichkeit oder weise Voraussicht – sondern mehr die richtige Augenzahl auf dem Würfel zum richtigen Zeitpunkt und eine gewisse Entscheidungsfreudigkeit, die dem Glauben an eine höhere Ordnung entspringt. Denn der Altkleidercontainer stand ganz genau da, wo wir ihn nicht mehr erhofft hatten. Fröhlich entledigten wir uns der Last und kreiselten nach Hause. Und wie es beim Malefitzspielen nun mal so ist, gab es auf dem Heimweg einige Widrigkeiten – diesmal zeigten sie sich in Form von Mücken, die an unserer Gesichtshaut abprallten. Nun ja, wem und warum erzähle ich das. Die Überschrift ist weit entfernt davon, einen Bezug zu meinem Text aufzuweisen. Wahrscheinlich habe ich wieder einmal etwas geschrieben, das Mist ist. Doch Pferde sind immerhin gut zum Rennen am Maitag, und somit kann ich guten Gewissens behaupten, ich habe die Wiederkehr des ewig Gleichen gewahrt, alle Leser rechtzeitig vorgewarnt und werde es jetzt unbesorgt einstellen.

junizorn

Donnerstag, Juni 14th, 2012

(protonymer gebetsentwurf)

der morgendliche wunsch nach einem beben
alles ist gut doch etwas namenloses fehlt
die delospermae spreizen sich im licht
und gliese 581 c ist noch nicht bereit

ich möchte was ganz anderes erleben
das gras ist immer grüner anderswo
es ist doch ziemlich freundlich dieses fließen
woher die sehnsucht nach dem großen beben

“Wir waren ganz normale Nazis.”

Montag, Juni 11th, 2012

“Ich erzähle dir nur, was du wissen willst. Nur was du mich fragst.” Er fährt auf der Autobahn. Gut, wie immer. Sicher wie immer. Einfach perfekt, der Prototyp eines gelungen Genpools, denn er ist 80 plus, und bringt das. Sein Vater wäre jetzt sicher nicht mehr enttäuscht von ihm. Hin und wieder schwächelt er, also wenn die Tochter, ein verwöhntes Balg und schon in den Wechseljahren, ihn als Möbelpacker engagiert. Aber sonst, sonst bringt er es. Er ist in Ordnung. Und war einmal Nazi-Boy. Später trug er Schmalztolle, eine schwarze Pracht, von der heute noch ein bisschen übrig ist. Aber davor, davor war er – wie war das doch gleich mit Günter Grass? Ja, da war doch was. Wer sich jetzt erinnert, weiß, wo er war. Doch er ist in Ordnung, schwer in Ordnung. Und er wurde zu einem wirklich schönen Mann. Cool sah das aus, so mit der Zigarette schief im Mund und der schwarzen Tolle. Doch wie sagte man das damals? Sieben Fahrstunden hat er gebraucht und er hatte seinen …schein. Und Treckerfahren konnte er, autarke Wirtschaft. Auf einem Passbild lächelt er schüchtern. Das hat Mutter in ihrer Handtasche. Schüchterne Männer sind oft so süß. Später würde er ein vorbildlicher Vater sein. Und dafür kann er ja nichts. Die Tochter weiß, dass ihr die Eindrücke fehlen. Sie wird bodenlose Recherchen durchführen müssen, bevor sie das Buch schreiben kann, dessen Titel ihr auf dieser Autofahrt in den Sinn kommt: “Wir waren ganz normale Nazis”.

Klara

Montag, Juni 11th, 2012

Ihre Karriere begann in der Bahnhofstoilette. Dort lernte sie den Wert von Hygiene kennen, den ihr die Besucher mit Kleingeld, das auf dem Porzellanteller klingelte, nahebrachten. Reinlichkeit blieb für sie kein abstraktes philosophisches Thema, gut für Abschlußarbeiten, sondern wurde unmittelbar geschätzt. In den Mußestunden, wenn Flaute herrschte auf der Toilette, ein Zug Verspätung hatte oder die Mitropa Stromausfall, lockte es Klara doch und sie begann, die Philosophie der Reinheit zu erforschen.

Anfangs lebten die Völker in wildem Chaos (Pleonasmus: Wildheit ist ja schon ein Chaos), sie lebten im Schmutz und in buntem Durcheinander. Wer der Vater von wem war, wußte keiner. Alles, was Tradition, Identität und Herkunft bedeutete, blieb an den Müttern hängen. (Auf manch einer verstreuten Südseeinsel ist es ja heute noch so.) Es gab weder Toiletten noch Ehebetten. Klara war entsetzt und zugleich fasziniert. Die Menschen wurden kaum älter als 30 Jahre. Doch was sie in dieser kurzen Spanne erlebten, das paßte auf keine Kuhhaut.

Stichwort: Kuh. Die Viehhaltung war es, die endlich zum Durchbruch führte. Das Leben der Nomaden auf der kargen Erde war hart. Man mußte ständig mit der Herde weiterziehen, kannte keine Bleibe, was vor allem die Mütter quälte. Sie wären lieber in Höhlen hocken geblieben, um zu stillen und die Kinderrücken zu kraulen, so aber mußten sie in Zelten hausen, die jeden Tag abgerissen werden konnten, wenn das Vieh kein Gras mehr fand und brüllte. Wann die Sippe weiterzog, das bestimmten die Hüter der Herde – allesamt Männer, die sich den lieben langen Tag fernhielten vom eigenen Nachwuchs. Statt dessen weilten sie bei den Tieren. Nicht um sich mit ihnen zu necken oder mit ihnen zu spielen, sie kümmerten sich nur um nützliche Angelegenheiten: die Milch aus dem Euter zu pressen, das Fell zu scheren, das Tier zu schlachten.

Die Männer bestimmten über die Zeit am Rastplatz und sie bestimmten über die Nahrung. Von ihnen hing es ab, ob gehungert oder geschlemmt wurde. Sie bestimmten über die Feste. Bald schon zog zornige Blicke auf sich, wer ohne ihre Erlaubnis ein Lied summte. Damit begann die Katastrophe. Als nächstes setzten die Männer durch, daß jeder nur noch seine Frau oder seine Frauen besaß. Wer viele Tiere auf die Wiese führte, konnte auch viele Frauen und viele Kinder ernähren. Wer nur ein einsames Schaf sein eigen nannte, blieb sein Lebtag Junggeselle. Bestimmten früher die Frauen, wer zu ihnen kommen durfte, so hing dies nun von der Erlaubnis der alten Männer ab. Das nannten sie Hochzeit. Erst wenn allen im Dorf bekannt war, welche Frau welchem Mann gehörte, durften sie sich paaren und wehe, sie ließ sich auf einer fremden Weide blicken. Das kam Diebstahl gleich, Raub, und konnte den Kopf kosten. Auch untereinander kannten die Männer kein Erbarmen, wenn sie sich gegenseitig ertappten.

Auf einmal legten die (reichen) Männer Wert darauf zu wissen, daß sie der Vater ihrer Kinder waren, daß die Frau sie als Erzeuger zuordnen konnte. Nebenbuhler wurden um die Ecke gebracht. Sie erfanden die Eifersucht und verbreiteten den Glauben, daß sie ein Zeichen der Liebe sei, während sie in Wirklichkeit doch nur eine Ausgeburt des Besitzdenkens war. Die Frau degradierten sie zu einem nützlichen Gebrauchsgegenstand (schon wieder Pleonasmus: oder gibt es auch nutzlose Gebrauchsgegenstände, jawoll, dachte sich so mancher Mann im Stillen, die Frau sei ein nutzloser Gebrauchsgegenstand). Wenn sie hübsch war, konnte man sie guten Gewissens als Einrichtungsgegenstand bezeichnen, ähnlich einer zarten, mit Ornamenten verzierten Vase. Den Tag verbrachten die Männer – wie sie glaubten, seit eh und je – bei den Herden. Stinkend und dreckverschmiert kehrten sie abends heim. Die Vase wollte eigentlich eine duftende, freundliche Blume in sich aufnehmen – Fehlanzeige. Die Männer blieben stinkend und dreckig.

Dafür gelang ihnen eine umwälzende Entdeckung: Die Tiere wuchsen schneller, wurden größer, gaben mehr Milch und spendeten festeres Fleisch, wenn sie darauf achteten, wer wen besprang. Die Männer lernten nachzuhelfen. Sie überwanden ihren anfänglichen Ekel (immer ist Ekel nur anfänglich, dann wandelt er sich zur Lust), und griffen den Kühen in die Gebärmutter, um sie mit den Samenzellen des besten und stärksten Bullen zu befruchten. Einer für alle, alle aus einem. Zuchtwahl nannten sie diesen Trick, ein dreckiges, stinkendes Wort, gleichgültig, wenn es eine höhere Ausbeute versprach.

Über das nächste Kapitel staunte Klara nicht schlecht: Hatte sie bisher geglaubt, daß die Frau wenigstens Herrin im Haus und im Bett war, wenn sie die Herrschaft schon nicht über die Welt ausüben konnte, so mußte sie erkennen, daß es nur dem äußeren, kosmetischen Anschein nach so war. In Wirklichkeit übertrugen die Männer das Prinzip der Zuchtwahl – kurz nachdem sie seine Wirksamkeit beim Wachstum der Herden entdeckt hatten – auf die Frauenwahl. Nur edle und kluge Schönheiten erlangten das Recht, zur Bettgenossin eines reichen Hirten gekürt zu werden. Denn der Hirt fand Gefallen an edlen und klugen Kindern. Genial war diese Idee der Reinheit. Man begann, den Adel zu züchten. Und die auserwählten Damen züchteten eifrig mit. Es erfüllte sie mit Stolz, keine armselige Dirne mehr zu sein.

Die Dirnen aber überlegten sich den Plan für einen Rachefeldzug. In ihrer Erinnerung besiedelten in früheren Zeiten zahlreiche (weibliche) Gottheiten die Erde. Das war wörtlich gemeint. Die drallen Göttinnen nannten Erdaltäre ihr eigen, wo die Frauen sie aufsuchten, um Blumenkränze abzulegen und zu tanzen. Dafür ließen die Erdgöttinnen es sprießen und wachsen. Die Frauen brauchten nur ein paar Wochen später zurückkehren und konnten freudig ernten. Mit Stöckchen stocherten sie ein wenig herum und die nahrhaften Wurzeln flogen ihnen aus der lockeren Erde entgegen. Die Dirnen erinnerten sich an dieses ursprüngliche Paradies (oh, nicht schon wieder: welches Paradies ist denn nicht ursprünglich), verließen die Weideplätze, wo die Kühe keinen Halm lange stehen ließen und zogen um in die Wälder, wo sie Kräuter zogen und Blüten wild wachsender Pflanzen pflückten.

Die Hirten blieben mit ihren hübsch anzusehenden, aber nutzlosen Hofdamen allein – das aber ließen sie sich nicht gefallen. Wenn die Dirnen und Mägde schon nicht gewählt worden waren, so sollten sie verdammtnochmal schlechthin zur Auswahl stehen, darin lag ihre Bestimmung. Weit gefehlt, wer vermutet, daß sich die Hirten eines zärtlichen Mittels bedienten, um der abtrünnigen Frauen habhaft zu werden. Sie hätten ja als Bienenschwarm in die Wälder fliegen und sich auf all die Blüten setzen können, deren Duft die Frauen betörte. Weit gefehlt! Die Hirten brannten die Wälder nieder, rodeten die Wurzeln und gingen dabei so radikal vor, daß ihnen die nächste umwälzende Entdeckung geradezu in die Hände fiel:

Während sie die Wurzeln aus dem Boden zerrten, wurde die Erde aufgewühlt, durchgemischt, umgepflügt. Fiel der Same einer Pflanze darauf, konnte er in kürzester Zeit keimen. Rasch holten die Männer ihre gezähmten Bisons, die sie Stiere (Inbegriff von „Tiere“) nannten, banden ihnen die freigelegten Wurzelenden an den Schwanz und hieben mit Stöcken auf die Tiere ein, damit sie in Trab kamen: die Geburtsstunde des Pfluges. Endlich wurde dem Wildwuchs der Garaus bereitet, die Erde in einen reinen Tisch verwandelt. Mindestens einmal im Jahr wiederholten sie die Prozedur, am besten zweimal.

Rotbraun leuchtete die fette Krume und lächelte dem Himmel entgegen. Kein Grün, kein Blütenbund störte das Auge. Die abtrünnigen Frauen harrten sprachlos am Rand. Dorthin hatten sich auch Käfer und Würmer geflüchtet. „Rain“ nannten die Männer den Feldrand fortan. Denn er war nicht ganz rein. Diesen Streifen gestanden sie der Natur zu. In den kommenden Jahren erlebten sie jedoch ein blaues Wunder. Der Boden, dank des Pfluges so wunderbar bereinigt, verlor an Kraft und Fruchtbarkeit. Sprossen die Nutzpflanzen im ersten Jahr aus der Saat, daß der Bauer nur so jauchzen konnte und mit der Sense die Ernte einholen mußte, so blieben die Pflanzen im zweiten Jahr mickrig und klein. Im dritten Jahr hatte sich die Erde in Sand verwandelt, der trocken und staubig zwischen den Fußzehen kitzelte.

Die Männer fluchten, hungerten und experimentierten. Bis man vergaß, einen Fladen Bisonkot vom hübsch aufgeräumten Feld wegzutragen. Klara Klarsack erinnerte sich düster an die Arbeit, mit der sie ihr tägliches Brot verdiente. Dort räumte sie täglich Fladen vom „Feld“ – ob sie auch einmal einen Haufen vergessen und liegenlassen sollte? Ob dies zu einer umwälzenden Entdeckung führen würde oder nur zu ihrer Entlassung ins Heer der Arbeitsuchenden? Klara verwarf schnell diesen Gedanken und wandte sich wieder den Vorahnen zu. Aus dem Haufen, der zufällig liegenblieb, wucherte es wild hervor, während der Boden links und rechts vor sich hin bröselte. Die Hirten waren begeistert: Bisondung besaßen sie in rauen Mengen, sie mußten ihn nur von der Weide aufs Feld tragen.

Nun, wie die Geschichte weiterging, muß nicht erzählt werden. Es genügt das Ende: Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit. Klara Klarsack nickte unwillkürlich beim Lesen. Chemie hilft dem Pflug bis heute, sein Tagwerk auszuführen. Die Idee der Reinheit war dank der partiellen, temporär notwendigen Verunreinigung, die der Dung verkörperte, gerettet und die Chemie machte eine gänzlich saubere Sache draus. Welche Freude! Klara spürte ihr Herz hüpfen. Das Schicksal der armen Frauen am Rain hatte sie vergessen. Von ihnen war in der folgenden Geschichte keine Rede mehr.

Am schönsten zeigte sich die Reinheit in einem Getränk, das die Hirten nun auf den Feldern anbauten. Früher hatte es man in der unreinen Form, in der man es genoß, „Met“ genannt. Nach dem Honig, aus dem es gewonnen wurde. Nachdem das Gleichgewicht von Pflug und Dung übers Jahr auskömmliche Ernten zeitigte, konnte man das nach dem Backen überflüssige Korn zu einem reinlichen Trunk vergären. Die Gebote, seine Herstellung betreffend, stellten sogar die biblischen Gebote in den Schatten. Letztere vergaß oder verdrängte man, sobald sich eine Gelegenheit bot, jedenfalls hatte man sie nicht zur Hand, wenn man sie brauchte, und es wurde unbekümmert weiter gelogen, gestohlen, betrogen und gemordet. Ja, es entzündeten sich Volksaufstände und Kriege an der Frage, ob man zur Prozession die Kirche im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn umrunden solle. Als ob das etwas an der Gottverlassenheit unserer lieben Frauen geändert hätte!

Hinsichtlich des Geschmacks des reinlichen Trunkes war man sich dagegen schnell einig. Welch Wunder: eine Geschmacksfrage und so viel Einhelligkeit! Kein Streit, kein Zank, von wegen! Bier mußte das Getränk heißen, eine Konjugationsform des Pronomens „wir“! Die Männer wußten nicht nur, welche Frauen schön waren, sie hatten auch ein untrügliches Gespür dafür, was schmeckte. An das Reinheitsgebot, die Herstellung des Bieres betreffend, hielten sich auch jene Brauer (eine Abart von „Bauer“), die ihm vom Gesetz her nicht unterworfen waren. Freiwillig. Das Reinheitsgebot wurde sowohl zum offiziellen als auch inoffiziellen Standard erhoben. Es verhalf dem Bier, Nationalgetränk aller Völker zu werden und jedes behauptete, sein Erfinder zu sein. Zu Recht.

An dieser Stelle unterbrach Klara Klarsack ihre Lektüre. Ein Rülpser schreckte sie auf. Da hatte sich ein Vertreter dieser dicklichen, Flüssiggetreide tankenden Monster an ihr vorbeigeschlichen, ohne seinen Fuffziger auf dem Porzellanteller klingeln zu lassen. Seine Relikte würde sie nicht beseitigen, bäumte sich die arme Dirne, die sie war, im Traum auf. Wir wissen nicht, was aus diesem guten Vorsatz geworden ist.

verlogen.

Sonntag, Juni 10th, 2012

* Aus einem fortwährenden Nicht-bei-der-Sache-seyn liegt deine Zunge wie verdorrt im Mund. Du weisst nicht, wohin. Warum. Hast du dich schon mal als Verlegenheit betrachtet. Aus dir heraus eine Erinnerung frei erfunden. Als wärst du aus dem Wald bald wie ungeschält zu dir gegangen. Ich verlier mich immer da zwischen ankommenden  und eingefrorenen Silben: schrei icht mehr auf/frei verlaufen wie ein Aufleben mit abgedeutetem Ausmirwerden. Frier aus den Baumstümpfen meiner nie gerodeten Kindheit. Meine Kommasetzung lässt mich nicht mehr los. Ich gestatte mir nichts. Aus dem Verwirrtsein geschüttelt. Fein buchstabiert wie dein niemals unbegründeter Lungenflügel, deine aufsässige Gebärmutter, kennst du deine Vernämlichung, als ich dir den Raum nahm, den Schlaf fast aus groben Versprechungen, du hast deiner Sprache noch kein Gemüt verpasst…

fiktion der freiheit

Sonntag, Juni 10th, 2012

(“doch das genügt nicht” arsenij tarkowski)

mein herz ist eine piratentruhe
vollgestopft mit momenten der liebe
unmöglich sie zu schließen

freiheit heißt abhängig sein
von dem was man liebt

Ausfädeln …

Donnerstag, Juni 7th, 2012

Das leichte Fädeln aus meinem Mund. Kurzum: Stranguliern ist Leben. Ich hatte eigentlich kaum Probleme mit mir : ausser wenn Menschen da warn : ausser wenn Licht : ausser wenn ich mich harmonisch geben sollte … wie wenn sich als absoluter Existenzkuss dein innerer Klang so weit ausschneit … 

Buch: Jetzt nicht mehr

Donnerstag, Juni 7th, 2012

Goodbye, June. Er spürt keinen Verlust. Also im Kopf. Eine schwere Bürde. Von ihm genommen. Sein Traum. In der Dunkelkammer, eins, zwei. Einziges Wohlstandsland. Wunderbare Welt. Sonnennah. Wasser-Einlauf. Wischt den Laden auf. Vom Keller bis zur Decke. Ausgebreitet. Kaum noch Schwerkraft. Zu kalt zum Leben. Nein. Er ist es nicht.

kleine venuserregung

Mittwoch, Juni 6th, 2012

(letzte kosmische gelegenheit)

du verpasst was du verpasst was du
das gibts nur heute nur heute nacht
danach nie wieder du verpasst was du verpasst
bleib wach mach mit wenn du dass nicht erlebst
ists für immer zu spät
für immer

!!!!

venus durchschreitet die sonne

!!!!

ja venus durchschreitet die sonne
ein wunder
wie immer

?

nur heute
merkt ihrs mal

mit dem wechsel der perspektive
ändern sich die gelegenheiten und
venus durchschreitet die sonne
immer

.

seifenblasentrichter

Dienstag, Juni 5th, 2012

gartenzäunehustenpastillezweckgebundenesarbeitsklima
tütensuppefalscherhasegeraniengoldlacklack
kastenfotokolorpetroleoumleucht
bestreichungsmaßnahme
seifendosenspülwasser
begießungstaktik
verwischer
fliegen
lack

Das Schaumbad

Dienstag, Juni 5th, 2012

frei nach Christian Morgenstern

blub

blub blub

blubb blubb blubb

blub blub

blub

rabenschwarz grün

Dienstag, Juni 5th, 2012

( au-wald)

wer hat sich au-sgedacht
den au-wald
au-szuholzen

dem sollten
die zierbüschel einzeln au-
sgerissen werden
das sägemehl au-
s der höhlung geklopft

elle speiche fingerkuppen
gäben eine gute suppen

aua

aber au-s welchem grund
und boden diese au-
snehmend sinnlosen
b-au-wege

diese desaströsen fällungen
rabenschwarz grün

t-au-sende
b-au-mstubben

au-sgeführt
im letzten jahr

und au-ssehn tuts heute
wie Bremen

verschnitt

Abgenippelt.

Dienstag, Juni 5th, 2012

Der strenge Wille : das Dasein wie sich mit Gefühlen füllen, wie müssen: wie sich ausliefern. Schönheit bewegt sich dahin. Auf Grund gesickert. Blubber dir deinen Text. Und schäum dir noch ein paar Titten dazu. In deinem letzten Betreff stünde: abgenippelt: wenn’s um die Wahre gingte. 

Der fünfte Geburtstag

Montag, Juni 4th, 2012

Ein Beitrag zum gleichberechtigt verbalen Auftreten menschlicher und künstlerischer Keimzellen in diesem Blog.

An seinem beigen Mantelkragen klebte Spucke. In seiner Tasche ein angelecktes Kirscharomabonbon. Eigentlich wollte er keine Kinder. Die Spiele seiner Kindheit hatten ihn traumatisiert: Bockspringen, Hosenwasser, Rennen im Schlüpfer. Doch seine Spermien wollten andere Wege gehen, und diese Wege lagen in der Natur der Sache, wie Konrad Adenauer in den Fünfzigern großspurig verkündete. Wir sind wieder wer! Er fasste in die Manteltasche und befühlte den klebrig dunkelroten Klumpen, der wichtige Teile seiner DNA enthielt. Und auch von Renates DNA. Renate wusste Bescheid. Sie bereitete den Nachtisch, – liebend gern aß er Pudding in allen Variationen – Sahne, Schoko, Vanille, Himbeer, Waldmeister – gedreht, geschäumt und gemixt -, auf dieselbe Art & Weise zu wie ihre Mutter. Dieser fünfte Geburtstag, dachte er, hat sein Existieren maßgeblich uns zu verdanken.

fellflamingo.

Freitag, Juni 1st, 2012

es ist ein so herrliches gefühl, nichts mehr verlieren zu können …

ich hatte damals alles schon längst verloren … meine mam!

und die verlier ich immer noch …

ich schöpfe ihr nach …

 

cut: wie siehts mit deinem herzen aus? mit deiner in-schutz-nahme deines ichs?

du musst immer wieder dein ich stärken, um für deine püppi und deine jungs da zu sein …

 

ich mit meiner neuen freiheit – du mit deiner neuen tiefenempfindung …

 

meine vogelfreiheit ist ein wahnsinn: ich darf jeder zeit fliegen, sterben, mich nicht mehr so wichtig zu nehmen

 

hast du dir für den sommer eine sonne dazubestellt?

 

dein fellflamingo

Furchen.

Freitag, Juni 1st, 2012

   Ich spüre ja immer noch eine metaphysische Sehne, mit der ich am Leben hänge … und je länger man sie zieht. Wobei wir uns jetzt nicht mehr hinter einem Lächeln, aneinander Vorbeiansehen, Getue von Näherkommen erkennen müssen. So wie mir deine Fehler, deine Furchen, deine dann immer schöner werdenden Gesichter in die Hand fielen, die ich dann wie in Trance an meinen Mund führte. Weisst du das Blau manchmal vom Sinn eines Spaziergangs zu unterscheiden