Archive for März, 2012

Abschied

Samstag, März 31st, 2012

Manchmal regnet es Sterne. Dann wird die Haut der Welt so dünn wie ein Spinnenschleier. Tautropfen reifen bis ins Jüngste Gericht. (…) Wenn der Morgen anbricht im dämmrigen Bauch eines alten Koffers… Ist es einmal so weit, dann zögere nicht. Schnapp dir die Fidel mit dem Kinderwagen [...] und schieb ihn weit hinaus ins Universum.

*

Woll’n wir durch den Himmel schwimmen? Lass uns abtauchen {…} so tief, dass wir auf die andere Seite gelangen. Fliegen ist langweilig – da muss man ständig aufpassen, dass man nicht abstürzt.

kleines gebet zum sonntag

Samstag, März 31st, 2012

lieber gott du
schaust
doch alles

eins und eins ist
entzwei

drum

schenk mir schnell
nen alten saab
immer genug

kernseife

einen dichtenden geliebten fürs innige einen ungewaschenen arbeiter fürs intime

einen verschrobenen aufschneider fürs künstlerische eine einäugige katze fürs zwiesprachliche eine runde welt fürs kindliche

eine blinkende madonna
für du weisst schon

ach gott
mit ordentlich gewetzten
messern

bitte

noch einen

 

koch

Reflexe

Freitag, März 30th, 2012

Lustvoll pulsierte es in den Nervenzellen. Professor Ruccola hatte das vierte Holzscheit in den Kamin geworfen. Sein Fuß, mit einem weißen SV-Socken überzogen, tat merkwürdig weh. Ein eingewachsener Zehennagel.

Frau Braut hatte ihm heute früh drei Hühneraugenpflaster aufgeklebt, die Rollos heruntergezogen, und Ruccola blieb für einen Moment im Sprechzimmer der Arztpraxis Bröderhals allein, während durch die Spalte der Jalousien ein Sonnenstrahl sein Auge traf, sobald er seinem Körper etwas Gewichtsverlagerung verschaffte und dabei den Kopf bewegte. Dr. Bröderhals hatte nur wenig Zeit für seinen Patienten, der mit nacktem und von Pflastern überklebtem Fuß in der Praxis saß. Kurz zog Luft durch die sich öffnende Sprechzimmertür. Sie wurde zugeklappt, und schon hatte der Arzt Ruccolas Fuß in die Höhe gerissen und darauf herumgetastet. Ruccola wollte einen Schmerzenslaut ausstoßen, beherrschte sich mühsam. “Ja, Herr Professor, ein Altersleiden. Tragen Sie bequemes Schuhwerk, schämen Sie sich nicht. Auch der große Philosoph Gartenbaum hatte Fußleiden. Zu seinen Vorlesungen hat er immer gekochte Kartoffeln in Scheiben geschnitten und in die Schuhe gelegt. Angeblich sorgen die für ein gesundes Fußmilieu. Heute haben wir zum Glück fortgeschrittene und weniger taktlose Behandlungsmethoden.” Damit ließ Dr. Bröderhals Ruccolas Fuß fahren und rollte zu seinem Schreibtisch herüber, um ein Rezept auszustellen. Frau Braut war wieder hereingekommen und hatte den Lichtschalter betätigt. Das Licht ergoss sich brummend und einschläfernd über die weißen Gerätschaften im Raum und das gewienerte Linoleum.

Ruccola erinnerte sich nicht an diese Szene, während sein Zehennagel schmerzte. Es ist ein Irrtum vieler Leser, wenn sie glauben, jede Überleitung in ein neues erzählerisches Fahrwasser habe etwas mit dem Denkhorizont der erfundenen Figur zu tun. Ruccolas Denkverhalten war über viele Jahrzehnte so einjustiert, dass sentimentale und momenthafte Erinnerungen keinerlei Macht über ihn gewannen. Die Fußsalbe wurde ordnungsgemäß von Frau Braut aufgetragen. Danach sortierte Ruccola, wie gewohnt, seine Unterlagen, setzte sich an den Schreibtisch und arbeitete. Aber er kam nur langsam voran, während die Sonne am Horizont weiter aufstieg und es geboten schien, die Vorhänge auseinanderzuziehen. Pflichtschuldig wie jeden Mittag erschien Frau Braut wieder auf der Schwelle, um dieser Vorschrift zu folgen. Die Uhr auf dem Kaminsims stand auf drei viertel zwölf.

Ichempfindlich.

Freitag, März 30th, 2012

Von dem Augenblick an, wo – so sagtest du damals – man keinem Menschen mehr begegnen will, hast du gewonnen. Dann nämlich setzt du alles darauf, Wege und Möglichkeiten des Auswegs zu suchen, die du dann auch finden wirst, weil du dein Hirn immer mehr anstrengst, weil es aus einem echt existenziellen Lustempfinden auf diese Lust, diese Ichempfindlichkeit, ausrichtet, ausbricht, ausflügelt, um die Richtung, stell dir vor: im Himmel, zu ändern und wie eine eigene Denkbewegung auf dich zukommen siehst, wie von Zukunft umsät, umsätzt, vernetzt, vielleicht ist Liebe das Berühren des Anderen im Selben. Der Spagat vom Einerseits ins Andererseits. 

Reute geleen.

Freitag, März 30th, 2012

In deine Aura legt sich das Bedürfnis nach seltenen Wörtern. In deiner neuerfundenen Qual tropft dein Morgenauge noch ein einziges Mal auf mich. Ab da quellst du dich. An den Zäunen des Lichts vorbei. Das davongelogene Gras schraubt sich hoch. An einzelnen Stäben erinnert dich das Angelebte ans Entfesseln. Wir haben alles viel zu wenig berührt. Alles viel zu wenig verschlungen. Uns verschlungen. Deine sanfte Berührung beim Vorbeigehen musste ich erst mit der Zunge begreifen. Mir war selten nach Vernunft. Ein einziges Tröpfeln, ohne dass die Haut einufert, bricht in Gewalt aus. 

im durcheinander der zeit

Freitag, März 30th, 2012

Im durcheinander der zeit
brachte uns die liebe
in verwirrung
– siehst du den anfang?

Sie löst sich auf, die zeit
um uns
nur abwarten hilft
auf was
- ahnst du warum?

Die zeit, verlorengegangen ist
das warum war das so
ein sehnen nach dem
anderen
mut sich fallen zu lassen
- findest du ihn ?

Der tisch ist gedeckt

Kurze Kulturgeschichte einiger Völker der Erde

Freitag, März 30th, 2012

Am Feuer versengten sie sich

Das Fell und lernten

Aus Fackeln Spieße, aus Steinen Messer zu

Machen; wie alle – die Erfindung

Der Jagdgeographie

Ließ sie Löwen, Wölfen & Elefanten

Ebenbürtig werden. Dann

Felder, Rausch & Flucht

Ins Offene, bis hinter den Horizont:

Erfindung des Jenseits

Aus der Sprache und dem Kuss.

Kreise & Quadrate, das Labyrinth: -

Aus den Wäldern in die Steppe

Und wieder zurück; ewige Erinnerungen -:

“Das Pferd furzt (laut). Die (Groß-)

Katze kotzt den Frühling.” – “Das Schaf mäht die Aue ab.” – Wie

Die alten Römer. Und alle scharf auf Cleopatra. Wie

Der Sonnenwagen den Himmel durch-

Pflügt und den nächtlichen

Acker der Sterne umwirft.

Und der Mond schwimmt am Grunde

Des Sees, geopferte

Sonnenscheibe.

Das Rad mit dem Dolch.

Mund mit Lippen.

Alle Finger sind gleich, außer zwei.

Die gehören zusammen

Wie Augen.

Ohren.

Alles fließt, alles ist eins.

Der Mensch & sein Kind,

Das Kind & sein Stern.

Aus den Kornaugen der Pferde

Kommt nichts als der Blick

Wenn sie alles Blend-

Werk zum Teufel jagen

Mit der Stimme im Nacken,

Zaumzeug all-der

Menschlichen Fahrzeuge,

Es war einmal die Sprache Zaum.

Adria

Donnerstag, März 29th, 2012

verlockendes Meer : Pleonasmus
welches Meer lockt nicht : den nordalpinen
Erdwürmern ist alles recht : Hauptsache
Süden : hier stürzt der Fels steil ins Wasser

der Wind dreht tags mit der Sonne : zärtliche
Wellen : im Schatten der Steine erwartet der Priester
den Knaben : das Ornat abgelegt für ein verdientes
Schläfchen : drückend ist dieser Mittag : bei Gott

ein bißchen Regen wäre ein Segen : vergeblich
gebetet : das Knistern der Palme verrät die Geduld
des Herrn : dieser Archipel grenzt an Italien

flaschenpost

Mittwoch, März 28th, 2012

ein 28. märz

liebste virginia. vor 80 jahren hast du geträumt. von der “immunität”. davon, fern von reibungen zu existieren. außerhalb der reichweite der pfeile zu sein; genug zum leben haben, ohne um schmeicheleien und erfolg zu buhlen. herrin deiner zeit sein.
9 jahre später warst du tot. bist in den fluss gestiegen. gründe gab es genug. gibt es immer. die welt ist aus den fugen. zu allen zeiten. und zu allen zeiten wagt es wer, trotzalledem, zu singen und zu bleiben.

Ich versprech dir.

Mittwoch, März 28th, 2012

Nur in deiner Freitagskunst bist du unerhört geblieben. Danach die ewige Wiederholung: in deinem Kopf stopft es sich von selbst. Also will dein Leben sich nicht mal ausfarben. Hast du Herzvergessen. Rhythmisches Nachtfluten. Hast du mich vergessen wollen. Dein Schweigen umdonnert mich. Nicht lange. Wir warn uns so nah: du der Schweiger nimmst mich an deine so geklebte Hand, nimmst mich mit in deine Genügsamkeit Ausbrechen in dein bald letztes Lächeln: über dich hinaus werd auch ich nie sterben, Paul, ich schrei schreib schnei dich ein, so wie wir uns immer Geschichten erzählen ohne je unsern Blick voneinander zu lassn / ich versprech dir, hinter deine Übermalung zu kriechen.

abgründ.ig

Montag, März 26th, 2012

   Pass auf, Klumpen, geh mir auf den vorübergehenden Sack oder entdeck dich. Aus dem Betrüben sticht wie ein Säuferfisch ein grosses Maul. Spricht eine hohle Blase, die ich dir überlasse. Mir sind da zu selten authentische Votzen über den Weg gelaufen. Weil ich selbst so war. Unwahr war. Aus meinen Ohren kriechen wollte bei jedem Wort, das ich sprach. Unterquartiert.                            Aus der weltweiten Sehnsucht hab ich nun den Abgrund gewonnen, der mich das Blaue des Himmels schmecken lässt. Ich werd noch im Scheitern blühn. Von Dorn zu Dorn sagen wir mal beim Rosen ein Tänzeln mir gestatten. Ich lass nichts mehr weg. Meine Ellipsen sind krumm genug gedreht. Um meinen Kopf herum. Das war verhimmelt genug. Du weisst, da oben steckt die Lüge (fest). Ich konnte mich von ihr mit einem Fuss, einer Herzklappe befrein. Ein Erleichtern. Wie auf das, was du sagst, scheissen (schreiben). Mich lächerlich machen, gelingt seitdem immer weniger. Lass mich wieder den Dung der Felder riechen. Danach orangenes Abrosen. Wieso müssen diese Dinger eigentlich immer mitten auf dem Tisch stehen? 

Nerv gedrehe.

Montag, März 26th, 2012

    Wir waren mal so entlanggefegt, entlanggefegefeuert.  Vielleicht nach den Aufmittagen verloren. Weisst du, was mit dir geschieht. Träumst du noch von deiner Affaire. Ich hätte mein Gelächter früher hören solln, viel früher. Jetzt gehen wir immer öfter ans Licht. Bei zugezogenem Vorhang, der das ganze Zimmer einsonnt, wenn sie mal an irgendeiner Wolke vorbeiblinzelt. Ich hab mein Mass verloren, von den allen geliebt zu werden. Ich will nur noch: nie wieder vergessen. Also hast du hin und wieder eine Herzklappe zwischen die Lippen genommen. Nachdem du überbetrunken am Feldrand aufgefunden wurdest, fandst du deine Sprache. Nie wieder. Das Gestammel vom sich Mitteilen. Sie war mit dir ausgelaufen. Ich will alles, hast du zu mir gesagt, einschränken, bis aufs Äusserste einschränken, alles, damit ich mich nicht auf deinem Nerv drehe.

Umkopft.

Montag, März 26th, 2012

Ihm dein verliebtes Verlorenseyn gezeigt. Sanft anklingendes Vermächtnis. So schon dann. Mitten im Gespräch. Aufsaufen aus inspiriertem Gefühl, dass ich ihm seine längst verlorene Gelassenheit wie eine erlegne Wiedergeburt serviere. Umkopfter Mut, allein mein mich Verpflanzen in eine ungeahnte unbemannte Sprache, mein mich Verausgeben in deine mögliche Sekunde, auf die umvollendete Genugtuung des Überlesens des m schon wieder.

aus haut suchen …

Montag, März 26th, 2012

Dann tut er wieder wie ein in sich kreisender Adalbert Stifter, mehr fiel mir für ihn nichts ein, als hätte er sich nicht zu verlieren. Wer sich nicht verlieren will, gehört nicht zu meiner Welt: 7 Bücher und das, was ich anhabe.

Wir vergöttern unsre Angst. Das ist mittlerweile aus uns geworden. Da wurden sie erfundn, um die Angst von uns zu nehmen. Da haben sie uns das Herz vergöttert. Deinen Stein trägst du mit dir umher. Verglaub dich. Und mach dich zum Untertan. Wenn’s wenigstens deine Entscheidung wäre. An jedem Tag. In jener Nacht. Aus dem Geborenwerden zuvor zu fliehn. Dem dir dann die Haut suchen. Unter dem Baum hast du gelegen.

ohne titel

Samstag, März 24th, 2012

BEGEGNUNG
BEGEGNUNG:

und?
muss!
weiter.

german boy

Samstag, März 24th, 2012

alles was ich fühle ist vorbei die nachgedunkelte nacht ein rückwärtstastender pinselschlag am hellsten das gute und das böse inkarnat blindlings auf augenbetäubende kraftlackerln die krumme trinkerin oh judenbraut in der kopfmaschine der grosse schöne magische mensch monstranzenbraun frisst seine bilder nichts als die glorie zur bleiche

ohne …

Samstag, März 24th, 2012

ohne am Mund im Grunde am Grabe also nach aussen auf deinen Mond zu landen mit allen blumenverblickten gestickten Einsaamkeiten, dachtest du, als du mich scheinbar retten wolltest mit deinem erotischen Blick durchs Dach wie zu Himmels Zeiten nach unseren oder vielmehr deinen Absätzen, lila Velour, wie seine Sinne verliern, die wir uns ins Gesicht gemalt haben … hörst du dann auch die schwarzen Glocken?

wie sich dein leben.

Samstag, März 24th, 2012

Als ich damals fortging, klopfte ich ein letztes Mal auf deine heruntergelassene Rolllade. Die oberen Lamellen waren leicht geöffnet, damit der Nächte klare Luft auf dich segelt. Morgens mit weisser Haut erwacht. Dein letztes Gesicht – will sich auch mir nicht mehr einfädeln. Ohnverbündet. In der Nähe seines Ansichseyns. Wort für Wort aus seinem Abgrund gezerrt. Wie verkehlter Leichtsinn, wenn du oben ankommst. Und über den Boden kriechst. Als wär’s dein Zuhause. Wie in die Möse einer Schlampe. Danach, jetzt von aussen, ohne erschüttert oder verwirrt zu sein, die Erkenntnis missa solemnis grandioses Worteverschlingen mitten im Satz, eher Ausatmen … die Fremde in meiner Stimme … es findet das Leben sich mit einem Abdröhnen, eigentlich immer dasselbe, zurecht. 

Erwartung

Samstag, März 24th, 2012

Auf zwei Etagen bewegte ich mich am Nachmittag, Schatten suchend, während die Sonne Fußböden und Teppiche mit blauen Mustern in Streifen zu zerteilen begann. Draußen Moos, das grün, anstelle des Rasens, in Sichtweite wuchs. In den Bäumen hockten Ehepaare, mit der gegenseitigen Gefiederpflege beschäftigt. Hier, hinter dem Vorhang, setzte ich mich. Nachmittag in blau, könnte er mir nur Zeit lassen. Die Zimmer der ersten Etage zielten in gerader Linie auf einen Punkt am Ende des Korridors, der durch ein weiß verhängtes Fenster markiert war. All diese Zimmer sollten zu später Stunde Aufenthaltsort für zahlreiche extreme Naturen sein, die ich entweder liebte, oder die mir verschlossen und fremd blieben. Ich lud sie ein, da man allerorts ihre klangvollen Namen nannte. Ich war blass, trotz der Hitze um mich herum. Und der Feind der Erkenntnis ist die Indolenz. Erwartungen blieben selten und flüchtig. Meine erste Begegnung mit Eduard und Vyvyan geschah hingegen so unerwartet, dass ich sie für eine Szene in einem Traum hielt, die bei dem Versuch, sie zu erfassen, bleicher und bleicher wird. Sie nahm jedoch Gestalt an. Denn sie hatte eine Stimme. Das Haus mit den vielen Ecken voll fächerartiger Geschichten hatte Bewohner bekommen.

VOLKSLIED

Freitag, März 23rd, 2012

- wenn wir schreiten -

Was wenn wir und streiten

bitte mehr

lass uns streiten seit an seit

dann kommen wir zusammen

wie wir zusammen kämpfen

wie wir uns auseinander setzen

wie wir verhältnisse

gemeinsam nicht aushalten

und zusammen andere

gestalten

So können wir

du mich

ich dich

uns

alles!

Herzflimmern

Freitag, März 23rd, 2012

Es wird langsam dunkel

in meinem herzen nicht

ach wie ist das schön

Wie es tapfer schlägt

und eine kerze angezündet

die brennt, ein ewig licht

Immer immer wieder

nicht allein

für Dich

laut lachen

Freitag, März 23rd, 2012

den geist gestört
den atem getanzt
die abfälligkeiten des alltags
munter verputzt

der eine liegt im gras
und träumt vom mond
der andre wohnt im mond
und träumt vom gras

der eine hört den takt
der andere macht sich darauf
einen reim

unhörbar

Laut sprechen

Freitag, März 23rd, 2012

Sie läuft hinunter zu der kleinen betonierten Promenade. Ja, alles war wie immer. Und schon von weitem sieht sie ihn. Den Kapitän. Wie immer ist er ganz allein. Der wunderliche Mann, der jeden Morgen dort am Meer steht und die Sonne preist. Und sollte die einmal nicht scheinen, dann würde es der Himmel sein, den er so lautstark lobt, für all das zauberhafte Grau. Breit ist der Mann und kurz. Wie ein Stempel. Kein einzig Haar auf seinem Kopf. Und immer im Sakko. Ein Stempel im Sakko. Geht am Ufer entlang und deklamiert. Verse Worte Wunderfetzen. In einer Sprache, die ihr fremd ist. Geht Runde um Runde. Die eine Hand, die auf dem Rücken ruht, die gibt ihm Halt und Form, die andere gestikuliert, als gälte es die Fliegen fernzuhalten. So spricht er laut und läuft. Stempelt Kreise in den Sand. Manchmal bleibt er stehn und schweigt. Streicht sich über die Glatze. Betrachtet die eigene Spur.

Laut singen

Donnerstag, März 22nd, 2012

Eine Melodie kreist in seinem Kopf. Sie entsteht aus dem Rhythmus des Atems, während er durch die Stadt läuft. Sie kommt nicht von ihm und nicht aus dem Nichts. Vielleicht von dort, wo sich ohne sein Zutun Honig in Sehnsucht verwandelt, die Sehnsucht in Bewegungen der Füße. Vom Boden unter seinen Füßen, den er nicht sieht. Eine kleine Melodie, Anfang und Ende passen genau ineinander, das treibt ihn vorwärts. Als er sie halblaut zu singen beginnt, blicken sich die Leute nach ihm um. Wahrscheinlich rufen sie bald die Polizei oder den Rettungswagen. Er könnte jemanden verprügeln oder um sein Vermögen bringen, er könnte im Frauenkleidern herumlaufen oder bewaffnet und in Uniform. Alles kein Problem. Aber laut singen?
Niemand kommt und verhaftet ihn.

lücke

Dienstag, März 20th, 2012

unser argwohn
wurde lautlos
überholt

für einen moment
gleitet das stetige
wachstum ohne unsere
hektischen blicke
voran

unbeachtet von uns
während wir ängstlich
unser gefieder ordneten
erschien etwas neues
still und gewaltig

das kind das mich anblickt
hat keinen namen

 

Verschmiert.

Montag, März 19th, 2012

Ohne Nacherzählung, Nachgeburt.

Halbe Verlassenheit. Ich glaube, mit deiner Nachwehe, also diesem Strang, der abgeschnitten wird, stimmte von Anfang was nicht: endlich bist du irgendwo anders angelangt: in deiner für immer an anderen Orten Verführung.

Hab bisher alles falsch verstanden.

Unserweich.

Montag, März 19th, 2012

Dscheraldos Stimme ist so weich, sein Ohr klangsanft. Über die Wellen treib ich seine Sätze, bis sie mir entschlüpfen.

Nun geht es um nichts mehr, wenn wir uns treffen: dein  Eigelb in der Nähe des Jüdischen Museums sollte wieder mal unberührt bleiben.

Ich wollte derweil die Welt versäumen. Im Atem mit mir zunächst. Doch deiner drang gleich dazwischen. Obwohl wir uns noch gar nicht in Würfel

geschnitten hatten.

Das hohe Wasser.

Montag, März 19th, 2012

 

Mit meinem Haus hab ich meine Sprache verlassen. Im Garten schrien mich die Pinienzweige an; kaum noch wagte ich einen Blick in ihre Nähe. Überspitzt ihr Zukunftsabrutschen. Nun ist nun mal das Unbegreifliche in dich hineingebrochen und zerschmettert all deine Angst und leist sie aus: wie wenn man zusieht, dass das hohe Wasser davonschmilzt.

 

Das Studium

Montag, März 19th, 2012

Am Anfang, so heißt es dort, gab es nichts. “Da war nicht Erde unten noch oben Himmel, Gähnung grundlos, doch Gras nirgend.” Nördlich und südlich des Nichts erstreckten sich eisige und feurige Welten, Nebelheim und Muspellheim. Die von Muspellheim ausgehende Hitze brachte das Eis von Nebelheim zum Schmelzen, und aus den herabfallenden Tropfen entstand ein Riese namens Ymir. Wovon ernährte sich Ymir? Außer ihm gab es offenbar noch eine Kuh namens Audhumla. Und wovon ernährte sie sich? Nun, es gab außerdem salzige Steine. In diesem Sinne geht es in dem Mythos weiter.

Die ersten drei Minuten, S. 13

* *

“Ja, das ist der Roman – das Epos von heute: kein magischer Realismus, sondern Hölderlinsche Erzählung über Landschaften, Leute in ihrem Kampf um Frieden, um ein glückliches Leben. Auf Erden die bekannten Erzählungen, keine Allegorien mehr
nötig außer, was dem Hintersinn des Dichters schweigend sich entwindet; auf dem Olymp aber die sich ganz familiär globalisierende Wolke aus Liebe, Haß, Verschwörung…”

Florett oder Degen?

verfrühter frühling

Montag, März 19th, 2012

lautverschiebung
lichtverwirrung

zu viel zu schnell
vogelgeschrei und kinderlärm
schmerzten

ich wollte ins dunkle fliehen
der auftrieb war stärker

auftauchen
und noch ganz
winter sein

als ich bei mir war
wurde klar dass ich
im kreis lebte

ich breche erneut auf
ins dunkle