Archive for Dezember, 2011

Potsdam

Samstag, Dezember 31st, 2011

In den Alleen, zwischen den Seen

Hebt sich die Brise gen Mittag.

Erst in der Nacht sind die Sorgen zu sehen,

Sonntag im Park ist kein Werktag.

Und bloß kein Werk mehr!

Wirke das Leben, die Kunst -

Tot, toter, weiter!

Überlebenshilfe

Freitag, Dezember 30th, 2011

Bitte bis gleich

ob ich weinen kann

verbittert vergessen

außer tränen

angesichts

ob ich lachen kann

angesichts der kommenden

katastrophen bleibt nichts

:höhnische tränen bitter vor lachen

ob ich lieben kann

ja aber nur

mit dem geschmack deiner tränen

der bleibt wie dein lachen

:und für immer und immer

wie schön

denn das bleibt und bleibt.

niko 18122011

Tänze des Donnervogels

Donnerstag, Dezember 29th, 2011

Daß die Rechten in Deutschland immer wieder Zulauf haben, hat drei strukturelle, im Kern aber äußerliche Gründe, die auch zusammengenommen nicht ausreichen, den aufkeimenden Radikalismus zu erklären, geschweige denn zu verstehen: Als Erstes ist die Wirtschafts­misere zu benennen. Sie treibt den Keil tiefer in die Gesellschaft, spaltet die Mitte, polarisiert. Einer Minderheit von Krisengewinnlern gelingt es, den von der zunehmend prekarisierten Mehrheit er­wirt­schaf­­teten Reichtum abzuschöpfen. Noch haben wir keine Inflation, die im Stundentakt kleine Vermögen entwertet, und zur Ver­zweif­lung treibt.

Doch wir haben – und das ist der zweite strukturelle Faktor – eine  zum Himmel schreiende Ignoranz der Eliten in den Puppenstuben der Städte, vor allem im Westen Deutschlands. Sie haben ihren „Keller“ nicht gelesen, sondern starren stolz „in die ent­ge­gengesetzte Richtung“ (Thomas Bernhard), pflegen tiefsitzende und zugleich verrä­terische schicht­be­zo­ge­ne Vorurteile, ihnen ist der Schutz des Wohlstands wichtiger als das Ge­mein­wesen. Wo es engherziges Streben nach Großem gibt, ist der Faschismus nahe, denn Faschismus ist die Herrschaft der Kleinbürger, die sich für Größeres halten, der Spießer, die den Kosmopoliten hassen, des Stehkragenproletariats, das sich chronisch vorm sozialen Absturz fürchtet. Humanistische oder christliche Werte die­nen als Blendfassade. Henry Ford, der den Menschen unter Berufung auf „die Natur“ das Recht auf Muße absprach (S. 139),  hatte einst erkannt, daß es, um als Un­ter­nehmer bestehen zu können, nicht reicht, Autos zu bauen, sondern not­wendig ist, den Ar­­beitern soviel Gehalt zu zahlen, daß sie sich Autos leisten können. Die Reichen in Deutschland haben vergessen, daß es nicht reicht, den Armen Faulheit und Un­selbständigkeit zu unter­stellen und sie an­sonsten tröpf­chenweise, aber systematisch zu enteignen – nunmehr mit Hilfe der Sozial­ge­setz­gebung und ihrer Sanktions­potentiale. Vielmehr kommt es darauf an, die Armen am Reichtum zu beteiligen, um als Reicher überleben oder wenigstens ruhiger schlafen zu können. Die Gier hat an Fahrt gewonnen, die Reichen spüren den Boden nicht mehr, über den sie in ihren Schlitten hinwegrasen; sie verstehen die gesell­schaftliche Grundlage ihres Reichtums nicht, sondern verschanzen sich hinter der  Illusion, sie hätten ihre Besitztümer selbst erschaffen oder durch Lei­stung verdient. Es lebe die Lüge … Die Taubheit und Blindheit der Wohlhabenden ist der eigentliche Rea­litäts­verlust oder sagen wir es provokanter: die Wurzel des Faschismus. Ignoranz treibt die Ab­wertung und Ausgrenzung der übrigen Ge­sellschaftsschichten voran. Gegen sie richtet sich der aufkeimende Radikalismus, sowohl von links als auch von rechts – darin sind die beiden politischen Fronten überhaupt nicht zu un­ter­scheiden.    

Als Drittes hören wir in den Medien in den letzten Wochen immer häufiger das Lied von der autoritären Erziehungstradition des Ostens, die eben gerade hier zum Rechts­radikalismus geführt habe, während der Westen vor derartigen demo­kratie­feind­lichen Umtrieben gefeit sei. Zugleich wird die Angst spürbar, das Terrortrio könne ein Unterstützernetzwerk im Westen haben – damit würde sich die Dif­fa­mie­rung des Ostens wiederum als schizophrene Verkennung der Tatsachen offenbaren, als vorgeschobenes Ablenkungsmanöver, um keine systemkritische Dis­kus­sion führen zu müssen.

Wir haben also drei – mehr oder weniger plausible – strukturelle Gründe, mit denen wir den vermeintlich anschwellenden Radikalismus erklären und zugleich von uns wegschieben können. Die Bekämpfung des Neonazitums auf diese äußerlichen Faktoren zu reduzieren, hieße, sich nicht bewußt zu sein, woraus es permanent seine generative Kraft schöpft, hieße, blind um sich zu schlagen, ohne „dem Bösen“ ins Gesicht zu blicken. Es ist erstaunlich, woran sich gegenwärtig die Empörung der Wutbürger entzündet: ob ein Bahnhof umgebaut werden soll oder ob ein Präsident einen Privatkredit aufgenommen hat. Es sind kosmetische Fragen, an denen sich die Empörten aufreiben. Sie betreffen die Blend­fas­sade, nicht den Kern unserer gegen­wärtigen Situation. 

Das Neonazitum verfügt über innere Anziehungskräfte, die auf blinde Flecken der christ­lich-bür­gerlichen Lebensweise hinweisen. Die mediale Herrschaft der Schönen & Reichen neigt dazu, sich selbst als unhinterfragbaren Maßstab des Guten zu stilisieren. Tat­sächlich sind die Wirkungen der Sublimation, die Christentum und Auf­klärung in wechselseitiger Steigerung seit dem 18. Jahrhundert hervorgebracht haben, in der post­industriellen Gesellschaft alles an­dere als harmlos. Freud sprach vom „Unbehagen in der Kultur“. Mit zunehmendem Grad an Zivilisation wächst der Grad, in dem der Mensch sich selbst gegenüber entfremdet. Ich vermeide hier bewußt den Begriff „Natur“, denn niemandem ist es bisher gelungen zu definieren, was denn die Natur des Menschen sei. Der Faschismus hat die romantischen Versuche, das Wesen des Men­schen zu bestimmen, als inhuman diskrediert. Neopaginismus und der antichristliche Impuls des Faschismus werden identifiziert. Dabei war die Über­windung des Christentums nicht erst seit Marx und Nietzsche ein vorrangiges Thema der Intellektuellen, am vielfältigsten bei Fernando Pessoa. 

Ergebnis der bürgerlichen Freiheit ist der Individualismus. Dahinter steht der schnell ins Zynische gehende Grundsatz, jeder sei für sein Glück oder Unglück selbst ver­antwortlich. In diesem Punkt mißachtet das bürgerliche Freiheitsverständnis die ontologische Stellung des Menschen als soziales Wesen. Daraus erwächst nicht nur das evo­lu­tionär früh nachweisbare Bedürfnis nach Gesellschaft, sondern auch nach Solidarität oder gar Altruismus. In der Not ist der Mensch nicht gern allein und er schickt alle Propheten zur Hölle, die ihm einreden wollen, er solle sich doch immer nur selbst und allein von der Not befreien.

Die Blindheit der Ideologie von der individualistischen Freiheit hat noch in einem anderen Punkt gravierende Folgen: Unsere Mainstreamgesellschaft mißversteht das Er­wach­senwerden als Individuation statt als Sozialisation. Beim Übergang ins Jugend­alter realisiert der westliche Mensch auf abgrundtiefe Weise, daß er allein ist und zu keiner verläßlichen Gemeinschaft gehört. Ein Teil der Jugendlichen bildet daraufhin Grüppchen – um dem Mangel an lebendiger Gesellschaftlichkeit in unserer Gesell­­schaft im kleinen Kreis zu begegnen. Ein anderer Teil betäubt die Erkenntnis der existen­ziellen Verlorenheit mit Hilfe von Drogen.

Schauen wir uns an, wie die sogenannten Naturvölker den Übergang zum Er­wachsensein gestalten. Das Kind lebt bei der Mutter bzw. – in Ermangelung von Kin­der­tagesstätten – bei den Frauen, die sich kollektiv verantwortlich für den Nach­wuchs fühlen (all mothering). Der Jugendliche, insbesondere der männliche Jugendliche, muß seine Kraft, auch Geisteskraft, beweisen, damit ihm der Rang des Erwachsenen zu­ge­sprochen wird. In Papua z.B. bauen die Männer einen hohen Turm aus Holz, von dem sich die Jugendlichen herabstürzen, nur am Fußgelenk mit einer Liane am Turm befestigt, damit sie nicht so hart aufprallen. Manchmal reißt die Liane. Das ganze Dorf wohnt dem Springen bei, die Männer und die Frauen. Es wird getanzt – ein echtes Ritual.

Ähnliches wird aus dem vorkolonialen Amerika berichtet: „Der Tanz der Indianer ist die magische Tat, die die unsichtbaren Geheimnis-Mächte und die Geister zum Guten zwingt, zu realem nutzbringenden Tun … Es handelt sich nicht um einen Gesellschaftstanz, sondern um etwas Heiliges. So tief ist die Erschütterung der Dankbarkeit, das Gefühl des Erlöstseins aus der Not … Was auch die Tänze ausdrücken sollen, irgendwie scheinen sie alle mit den drei Haupt­themen verbunden: der Pubertät, der Nahrung, dem Tod.“ (Eva Lips, S. 181 ff.) Im Sonnentanz der Prärieindianer wachen und fasten die Jünglinge vier Tage lang, bis ihre Haut über der Brust so erschlafft ist, daß die älteren Männer mit dem Messer eine Öffnung in sie schneiden können, durch die ein Lederband gezogen wird. Die Schnur wird an einem Pfahl befestigt und die Jugendlichen werden so lange um den Pfahl gedreht, bis sie ohnmächtig zu Boden fallen oder sie sich freigerissen haben. Mit diesem Ritual stirbt die Kindheit und das Erwachsensein beginnt. Was grausam er­schei­nen mag, hat doch einen psychologischen und sozialen Sinn. Der Schmerz läßt die Jugendlichen den Übergang zwischen Kindheit und Erwachsensein ernst nehmen. Das jugendliche Omnipotenzgefühl, die strotzende und protzende Man­neskraft wird gezügelt, ihre Begrenztheit ins Bewußtsein geholt. Das Ritual wäre unvollständig und wirkungslos, wenn es die Jugendlichen unter sich ausüben würden, wie es etwa beim sogenannten „Koma-Saufen“ heutiger Jugendlicher geschieht. Indem die Erwach­senen das Ritual inszenieren, nehmen sie die Jugendlichen in ihren Kreis auf – es ent­steht gesellschaftliche Akzeptanz, nicht nur das Gefühl, sondern die reale Existenz eines Ortes in der Gesellschaft, den der Novize für sich beanspruchen kann.

Wie kümmerlich erscheinen im Vergleich dazu unsere sublimierten Über­gangs­riten: Konfirmation oder Jugendweihe.  Außer Hübschanziehen, Lächeln und Kuchenessen erfordern sie keine persönlichen Qualitäten. Wir haben die Pubertät individualisiert. Dabei ist die Pubertät ein kollektives Ereignis. Es geht darum, Anschluß zu gewinnen. Gerade dieser Prozeß wird verweigert. Europa hat die sogenannten Natur­völker jahrhundertelang als barbarisch verunglimpft, ohne den tieferen Sinn der Ritua­listik zu verstehen. Heute wird das Argument vorgetragen, jeder sei selbst zu­ständig, welcher Grup­pe er zugehöre.

Die Vernachlässigung des Menschen als soziales Wesen greift das Neonazitum an. Seine Magie erwächst aus einem diffusen Rückgriff auf die nordische Mythologie (inklusive Wikinger), in der das Gemeinschaftsgefühl noch vorhanden scheint. Es ist eine neuheidnische Verklärung des Ursprünglichen, das im Zuge der Christia­nisierung nicht nur verloren gegangen ist, sondern unterdrückt und ausgemerzt wurde. Daher mißverstehen sich die Neonazis als Widerstand und als Befreier. Errichtet ihnen einen Pfahl zwischen den Plattenbauten, zieht ihnen ein Lederseil durch die Brusthaut und laßt sie tanzen, bis sie sich losgerissen haben – und achtet sie dann als tapfere Söhne der großen Bärin.

Quellen:
Thomas Bernhard, Der Keller. Eine Entziehung, dtv, 2010
Henry Ford, Mein Leben und Werk, Leipzig: Paul List Verlag, 1923
Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur, Wien , 1930, in: Studienausgabe, Bd. IX, Frankfurt, Fischer Verlag, 1997
Eva Lips, Das Indianerbuch, Leipzig: Brockhaus Verlag,1965
Karl Marx, Feuerbach-Thesen von 1845, MEW, Bd. 3, S. 5; Berlin: Dietz Verlag, 1969
Friedrich Nietzsche, Antichrist. Fluch auf das Christenthum, in: Werke, Frankfurt 1981
Fernando Pessoa, Das höhere Heidentum, in: Antónia Mora: Die Rückkehr der Götter, Zürich: Ammann Verlag, 2006

Steckbrief

Donnerstag, Dezember 29th, 2011

Erst beim zweiten blick

springt mir deine schönheit

ins gesicht

was denn sonst auch vorher

fiel mir deine frechheit

und die schöne intelligenz

in mein genick

und nach dem dritten streit

wie schön dass wir uns streiten

streiten seit an seit

geb ich mich geschlagen

du hast : wir beide

uns noch lange

 

Zug in Kampanien

Donnerstag, Dezember 29th, 2011

mit finsteren Brauen hockt der Patron
nahe der Tür & läßt seinen Blick über die Wortwolke
wandern : die Gladiatoren tragen Lederjacke

sind bewaffnet mit Schlips & Computer : die Rhetoriker
stecken ihre Nasen in Heftchen zur Java-Umgebung
währenddessen umrundet der Zug den Vesuv

blonde Damen recken den Kopf nach Ruinen : nichts
zu sehen : Schülerinnen flirten mit dem Schaffner
ein Gigolo : den schwarzen Schal flott um den Hals

geworfen : ungestört vom Wackeln
des Waggons : mit Mühe
bleibt er standhaft

was mich hält

Dienstag, Dezember 27th, 2011

Was mich hält

Anfänge immer wieder

springen mich an

spazier ich durch leipzig

wird poesie ein jeder schritt

lyrische klänge

- wie schön das ist –

finde ich manchmal doch kein ende

+ ehrlich gesagt

ich will es manchmal – auch nicht.

 niko 29082011

Durchreise Röcken

Samstag, Dezember 24th, 2011

Von Lützen

Unter den Mützen her

Dampft es hervor

Einmal ein / Kindelein

Dreifach am / Gräbelein

Sang hier im Chor

DuZen

Mittwoch, Dezember 21st, 2011

Diese Momente sind bekannt: vor Scham erstarren, geflissentlich wegsehen, eifrig etwas Unsinniges tun, verständnisvoll lächeln, diskret weghören. Jedoch aufstehen und ohne ein Wort den Raum verlassen, das verbietet dann doch die gute Kinderstube. Hier in Bloggers Anonymität können wir diese getrost zusammenfalten und in die Hosentasche stecken. Folgendes: Ich saß mit drei mir seit einigen Monaten flüchtig bekannten Menschen in einem Raum, nennen wir ihn Arbeitsraum, um zu arbeiten und  – in der Vorweihnachtszeit leider unumgänglich – einen Glühwein mit selbstgebackenen Keksen zu verzehren. Da ich im Vorfeld das Ende ahnte, überlegte ich mir eine bunte Variation an Ausreden. Allein mein bis dahin unterentwickelter masochistischer Trieb, Peinlichkeiten auszuleben, hielt mich davon ab, auch nur irgendeine dieser Ausreden einzusetzen. Es wird schon gehen, beruhigte ich mich. Kurzer Prozess, eine Tasse Glühwein, trockene Plätzchen und ein Gute-Laune-Blick. Dieser verzog sich zu einem säuerlichen Ausdruck, als nach der dritten Tasse Glühwein das DU die Runde machte. Zum Verständnis: Ich gehöre der aussterbenden Generation der SIEzer an. Und zwar mit allen Konsequenzen. Ich erinnere mich einer intensiven Liebschaft inklusive Beischlafs, die monatelang andauerte. Trotz beziehungsweise wegen des SIEs. Nun wurde ich dazu gezwungen, aus einer alkoholisierten Laune heraus drei Menschen zu duzen, zu denen ich bislang ambivalente Beziehungen pflegte. Der eine Mensch war vor langer Zeit jung, ist klug und hört den Schuss nicht. Im doppelten Sinne: So wie der unsägliche Holländer Joopie muss bis zum Schluss mitgemischt werden. An dieser Stelle ein Bonmot: Was macht ein französischer Renter? Er schläft bis zehn, trinkt ein Glas Rotwein und geht zu seiner Freundin. Was macht ein englischer Rentner? Er schläft bis neun, trinkt einen Sherry und geht auf den Golfplatz. Und nun die Frage nach dem deutschen Rentner. Dieser schläft bis sieben, nimmt seine Herztropfen und geht zur Arbeit…(müdes Gelächter der Leserschaft). Der andere Mensch unserer Glühweinrunde ist nach eigenen Aussagen Gesichtsältester, noch klüger als der nicht mehr ganz junge Mensch und fasziniert durch eine selten gesehene Kombination von schmächtigem Körperbau, schütterem Haarwuchs und, falls mich meine sommerliche Erinnerung nicht trübt, dunkler Vollbehaarung der gesellschaftlich sichtbaren Körperteile. Der dritte im Bunde ist eine delikate Angelegenheit: ein Adonis mit schwarz gelocktem Haar und fleischigen Lippen, die schneeweiße Zähne umschließen. Dieser Mensch hat mich Monate verfolgt in meinen Träumen, die sich allesamt mit jeder monatlichen Arbeitsrunde in Luft auflösten. Zum Schluss blieb nur noch die schale und pauschale Erkenntnis, dass neben blonden Frauen auch schwarzhaarige Männer existieren. Diesen Mann nun  duzen zu müssen, bedeutete, nicht nur den eigenen Träumen beim Sterben qualvoll zuschauen, sondern sich darüberhinaus  auch noch ihrer schämen zu müssen. Kurz: Renate, Wolfgang und Gerhard sind nun meine DUZ-Freunde. Und Gerhard zog selbstsicher ein Büchlein aus seiner Tasche: Mein erstes Kinderbuch. Falls jemand von euch Interesse hat, so kann er es hier bei mir kaufen. Ist nicht teuer, nur 9,95 Euro. Also das macht mich jetzt nicht reich, aber darum geht es auch nicht.  Ich holte meine zusammengefaltete Kinderstube aus der Hosentasche, schaute interessiert ins Buch und fragte: Worum geht es dann?

Dinge im Glas

Dienstag, Dezember 20th, 2011

Wir wissen seit langem Bescheid: Testosteron macht den Mann zum Tier. Da sehen wir Monster, fast vollständig behaart, und denken bestürzt an Mutters Worte, nicht so weit hinaus zu schwimmen (dachte sie dabei an unsere Eizellen?) Nun ja, deren Produktion nährt sich nun so langsam dem Ende. Da können wir schon einmal unbeschadet ein bisschen weiter schwimmen und behaarte Tiere besichtigen. Zunächst gehen wir an die Einmachgläser heran. Das Dresdner Hygiene-Museum hat in dieser Hinsicht einiges zu bieten: Embryonen im fortgeschrittenen Stadium, Trinkerlebern, Raucherlungen – und natürlich auch abgestorbene Spermien und Eizellen (ein Mikroskop steht den BesucherInnen zur Verfügung). Wir lernen: Dinge im Glas sind nicht gefährlich. Eine Trockenübung. Aber spätestens nach dem zweiten Besuch haben wir entschieden: das ist nichts für uns. Wir wollen im Leben vor allem eines: endlich einmal zurecht kommen. Und dabei sind uns testosteron-produzierende Lebensformen (im Glas oder außerhalb) leider wenig hilfreich.

Der dritte Raum

Montag, Dezember 19th, 2011

im dritten Raum lassen wir alles
fallen was uns wie hüllen vom leib
fallen möchte. Keiner bückt sich
wir beide richten uns ein in
den gefallenen hüllen. die fenster
öffnen sich zu dir und zu mir.

die wände erdrücken mich
ich will hinaus schreie ich
in meine verletzlichkeit.
mein kern leistet widerstand
noch gegen mich selbst, gerade
stehen für sich für mich
für dich
fern bist du
ich spüre dich nicht
der hauch um meine ohren säuselt
ich wende den blick
verirre mich in rücksicht
wende den blick
verliere mich aus den worten.

Äpfel fallen vom himmel
ich bücke und biege mich
der erde entgegen
atme tief durch

Tiefe umarmt mich.

Strenge Bettruhe

Sonntag, Dezember 18th, 2011

Nein, ich bin nicht wehleidig. Ich gehe beispielsweise auch mit akuter Seitenstrang-Angina zur Arbeit und erfreue die Belegschaft mit Kleinstlebewesen, die nur darauf warten, neue Wirte zu finden, an denen sie sich laben und in denen sie sich fortpflanzen können. Umso günstiger ist dabei, dass ich gerne rede. So kann die Erzählung eines betriebsinternen Skandälchens so manchem einzelligen Mikroorganismus zu einer frisch renovierten, schön behalsten Wohnung verhelfen. Denn man ist ja auch sozial. Und beim Sozialsein schließe ich jede Kohlenstoffkette mit ein – egal ob schlicht oder komplex. Wir leben in einer nachhaltigen und toleranten Gesellschaft, essen ausschließlich, was die Pflanze freiwillig hergibt, Lindenblüte, Haferschleim, und freuen uns, wenn es unseren kleinen Bewohnern so richtig gut geht – auch wenn wir selbst dabei zu strenger Bettruhe verurteilt sind.

Cinque Terre

Samstag, Dezember 17th, 2011

ich liege auf warmem Stein : auf dem Dach
eines verfallenen Hauses : moosbewachsen
flach : geduckt in einen verwilderten Garten
der Pflaumenbaum : umgestürzt

am Hang überm Meer : weit oben
genug : um drüber hinweg zu blicken
faltenreiche Buchten : am Tag verschwommen
im Dunst : am Abend tauchen sie auf

aus dem Weiß : dunklere Farbschatten
Seitentäler : die noch nicht existierten
ein Dorf dazwischen geschmiegt : kaum
sichtbar : die Zikaden knarrend

fühlbar : der Weg : den die Ameisen
suchen unterm Rücken : besprühen
den Hinterkopf mit aufrührender Säure
berührungslos : das Gespräch : du

neben mir löst dich in Dunkelheit auf
Eremit bin ich : ewig bei sich
unter den Bäumen : am Rand der Straße
in den Bergen : außerhalb der Blicke

bei sich : nur bei sich

Vyvyan und Eduard

Dienstag, Dezember 13th, 2011

Ein Stück für rapunzel. Und für Oscar Wildes zweiten Sohn.

Sie ging zum Dozieren in engen Frauenhosen und lüftete sich hier in den weiten Kleidern der Jahrhundertwende aus. Er sagte, er wolle morgen beizeiten beginnen, in der Dämmerung, er brauche das Grau. Oder das rötliche Licht. Im November musste das am Nachmittag sein. Er trat auf sie zu. Er berührte den Gegenstand, den er zeichnete, und der nur für sich selbst war. Eduard hätte das für den Tod der Kunst erklärt. Sie fühlte die Farbe im Gesicht. Inmitten einer Wochenendnacht, die laut war und nicht zum Halten kam, lief sie später eineinhalb Stunden lang nach Hause, nur um nachmittags wieder hier zu sein. Zuerst durch ein Jugendstilbild hindurch. Dann durch die Stadt, erleuchtet wie eine Pappkulisse im barocken Theater. Im Raureif, vorbei an lärmenden Nachtgestalten, Suppenhallen, Barbetrieben mit grünlichen Cocktails und einer Zitrone darin, und vielleicht einer Marzipankirsche darauf. Und dann fielen ihr wieder und wieder die ersten Worte des Romans ein, Sanft starb das Jahr, und noch sechs Wochen bis zum Millennium.

Am nächsten Tag war Esthers Haut an vielen Stellen geschwollen. Die Adern traten hervor. Eduard hatte sie nach dem Kaffee umarmt und gesagt, lass’ es sterben, das Jahr. Dabei sah sie hinter seine Brillengläser. Esther dachte schon an eine Ménage à trois. Eduard aber dachte sicher an die Krankenwagen, die er im alten Jahr noch für Vyvyan würde rufen müssen.

laut & leise

Donnerstag, Dezember 8th, 2011

winde dich heraus
aus den seilen der gesellschaft
betrachte das laute
& falle hinein
in die bedeutung.
leise

zu spät

Donnerstag, Dezember 8th, 2011

Zerronnen
Der Blick
Im Wort
Gefallen
Das Wort
Daneben
Bücken
Es aufheben
Für
Den Moment
der danach
Immer
Zu spät
Ist

Piazza Santa Maria Novella

Sonntag, Dezember 4th, 2011

Wettrennen um zwei marmorne
Obelisken : sündhaft enger Raum
die Spucke flog zentrifugal aus den Mäulern

der Rosse : gesegnet vom winzigen
Kreuz auf der grünweißen
Fassade der Santa Maria Novella

anno 1470 : heute lagern
Spieler & Dealer auf dem dürren
Gras : die Rennbahn

ist asphaltiert : für die Motorroller
ihr Knattern : Orgelersatz
im Zeitalter des Petroliums

Gesunde Haut

Samstag, Dezember 3rd, 2011

Es gibt sie noch, gesunde Haut. Und damit ist nicht etwa die Wurstpelle im Supermarkt gemeint oder das leidige Delial bräunt ideal – ich meine tatsächlich die Haut des Menschen und die der Menschinnen vor allem – und mit all ihren Schichten. Der Doktor (jeden Tag nackte Haut)  lässt diese Personen eintreten und sich entkleiden, ein Slip gleitet in den Keller, und nach einer ausgibigen Hautanalyse gibt es dennoch keine Diagnose. Alles sieht, (und die Haut als Organ ist das einzig immer sichtbare, daher auch Hautkranke oft zu Hause anzutreffen sind), wie der Arzt bescheinigt, sehr schön, und damit meint er, glatt aus. Ein paar kleine Falten oder Krähenfüße stören ihn nicht, geben sie doch dem Patienten eine markanten, entschlossenen Ausdruck. Der darf sich also sofort wieder ankleiden und ohne Rezept – Präparate zur reinen Hautpflege gibt es nicht auf Rezept – von dannen ziehen. Und dann ärgert er sich – über seine allzu gesunde Haut. Er glaubt, soeben etwas verpasst zu haben. Zuhause knöpft er sich als erstes die Kleidung auf und den kastrierten Kater vor (nein, er leidet nicht unter einer Katzenallergie), denn er hofft auf den gemeinen Katzenfloh. Dieser Parasit springt auch Menschen an und sichert wenigstens vorübergehend eine Diagnose beim Dermatologen. Aber eine chronische Hauterkrankung wird der an seiner trostlosen Gesundheit Leidende auch mit Hilfe dieses Mitbewohners nicht nachahmen können. Das weiß er und deshalb schweigt er. Wovon er nicht reden kann.

Suppenkasper // modern

Samstag, Dezember 3rd, 2011

Jeder tut es. Jeder braucht es. Manche verzichten. Manche hungern. Freiwillig. Andere. Ja, was machen Andere? Klar. Nicht essen. Einfach nicht essen. Ja. Nicht essen ist nicht hungern. Nicht essen ist eine freie Entscheidung. Frei. Ja. Sagen Manche. Eine Not von Innen heraus. Unerkannt oft. Manchmal gehört. Zumindest das. Der Schrei. Der aus der Tiefe nach oben dringt. Stumm. Still. Leise. Vehement. Mit Kraft. Zerstörerischer Kraft. Sich. Das Eigene. Ich. Mich. Ja. Es hält schlank. Mich. Mehr als das. Schlank ist nicht schlank. Es braucht mehr. Mehr als das. Willen. Den habe ich. Stark. Innen. Ich . Gegen das Außen. Das mich nicht erhört. Schlank. Ich bin auch schlank im Geist. Besessen vom Nicht-Essen. Kein Speicherplatz mehr frei für Anderes. Wie entspannend das ist. Keine Auseinandersetzung an der Welt. In der Welt. Mit der Welt. Stattdessen einfach ganz einfach und ganz in sich zurück. Hier bin ich. Stark. Ich. Mich stark machen. Stark sein. Willensstark. Unbeirrbar im Geiste. Sicher. Unbeirrbar. Sicher. Mir wird übel. Ich denke an das Unwort. Essen. Nahrungsaufnahme. Essen. Das ist Versagen. Versagen gegen den eignen Willen. An sich selbst scheitern, sogar. Da wächst du hinein. In das Unbedingte. Das nicht mehr an dir Scheitern. Sicher. Glaub mir. Essen. Schlecht wird mir. Ist das. Nicht schwach werden. Nein. Nicht ich. Igittt. Mein Geist wird vergiftet. Ich will es nicht. Ich tue es nicht. Belüge andere. Lasst mich bloß in Ruhe. Toll. Das fühlt sich toll an. Dieser Knochen. Noch zuviel Fett darüber. Der Knochen. Das. Fühlen. Das ist so extrem existenznah. An den Tod denke ich nicht. Der ist ganz weit weg. Ich war noch nie so nah. So nah mit mir. An mir. In mir. In dieser Verbundenheit. Mit mir. Ich bin stark. Gegen die Welt. Ich halte ihr stand. Ich bin der Fels in der Brandung. Nicht wie die Anderen. Sie sind nicht so stark. Glaub mir. Sie nicht. Sie sind so schwach. Lassen sich von der Welt verführen. Gehen verloren in Ihren Wünschen und Hoffnungen. Ich schaffe das. Ich bezwinge sie, die Hoffnungen, die Wünsche, indem ich mich bezwinge. Ich bin schön. Sehr schön. Besonders mein Geist. Zu dick. Ja. Sicher. Aber schön. Ich brauche keinen anderen Menschen. Niemanden. Ich habe meine Wärme in mir und bin unabhängig. Echt unabhängig. Ganz bei mir. Ich fühle mich. Fühle meine Knochen. Knochen spüren ist eine Anerkennung. Die Anerkennung für meine Konsequenz. Ein Bild meiner Einsamkeit, der gelungenen. Eine Traurigkeit, an die ich nicht herankomme, mich nicht heranwage. Das Wiegen. Hin- und her. Jeden Tag. Nicht mich. Nur den Körper. Nicht meine Seele. Die habe ich verschlossen. Gebe ich nicht preis. Behalte ich. Mich. Fest. Damit ich nicht falle.  Aus mir herausfalle. Falle. Ins Nichts. Ungetragen vom Schatten. Meinem Schatten. Meiner Angst. Fallen fallen fallen fallen fallen fallen fallen fallen fa  fa fa fa a a lllln … faaaaaaaaaaaaaall’nnnnnnnnnnnnn  …. ganz tief in eine, meine Vergangenheit…..ja…..ich komme….ich fliege….. gleich….

Suse,liebe Suse

Freitag, Dezember 2nd, 2011

Suse, liebe Suse

Ich war Schuhe kaufen. Das ist aus der Perspektive einer Frau gesehen mit Klischees behaftet. Die schlechten Witze darüber tragen alle einen langen Bart oder Barth, wie es die sozialistisch angemalte Jugend unseres Landes auf einem Plakat schreibt. Seit Monaten komme ich mir wie Aschenputtel reloaded vor, der Schuh ist im Kopf, nicht aber in den vielen Regalen aller Schuhgeschäfte meiner Stadt. Gestern nun fasste ich einen Entschluss: Ich ging in den Laden, die schwarzen Zahlen auf den mattgoldglänzenden Plättchen neben dem Schuh ignorierend, und griff zum Schuh. In diesem Moment war es zwischen uns geschehen. Das Leder des Schuhs und die Haut meiner Finger gingen eine Symbiose ein und ich ließ willig diese Liasson zu. Eine leicht untersetzte junge Verkäuferin mit entsetzlich abstoßenden Stiefeln, die man treffenderweise moonboots nennt, kam lächelnd auf mich zu. Ein fieser Satz angesichts der Modesünde an ihrem Fuß lag auf meinen Lippen, ich beherrschte mich und lächelte sanft zurück. Ist die Größe zutreffend? Nein, ich habe einen kleineren Fuß. Ich schau mal, setzen Sie sich doch, einen Kaffee vielleicht. Suchend schaute sie im Laden nach dem Kaffee. Eine Auszubildende mit dem vorgestrigen Namen Mandy brachte mir mit schüchternden Blick und zitterndem Händchen ein Tässchen. Ich sank in das Lederpolster hinter mir und überlegte, welche Strümpfe ich heute Morgen angezogen habe. Oh, Sie tragen Maripee, die Stimme der Verkäuferin schien über meine Wahl erfreut zu sein. Die Schuhe, die auf eine Liasson mit mir noch warteten, bewegten sich ungefähr auf gleichem Preisniveau. Nur, hauchte ich, an meinen Fuß lasse ich kein anderes Leder. Und nun gehen wir zum ersten Mal fremd. Ich versuchte, den Blick der Verkäuferin von meinen Strümpfen abzulenken und wollte ihr die Espressotasse in die Hand drücken. Mandy, sagte sie bestimmt. Sie interessierte sich nur für meinen alten Schuh. Ihr voyeuristischen Blick saugte den Moment auf, da ich meinen Reißverschluß an meinem alten schwarzen Schuh langsam aufzog. Ich stellte den warmen Stiefel zur Seite, vorn links beulte das Leder leicht aus und verriet unser Familiengeheimnis, Hallux valgus seit vier Generationen, der Absatz war zur Seite getreten. Ich schämte mich und erklärte, dies seien meine Lieblingsschuhe, ich trage sie auch im Bett. Ich verstehe das, lächelte sanft die Verkäuferin, aber es wird Zeit für Nneues, das Leder muss auch mal zur Ruhe kommen. Dankbar nahm ich ihre Erklärung an. Ich schlüpfte schnell und fast zu übersehen in den neuen Schuh. Die Verkäuferin klatschte in die Hände. Perfekt, das macht einen wunderbaren Fuß, es steht Ihnen ausgezeichnet. In einem irren Tempo zog ich den zweiten alten Schuh aus und stieg selbstbewusst in den anderen Schuh hinein. Ich stand auf, zog die Jacke aus, richtete die Haare und stellte mich vor den Spiegel. Ja, das sind meine Neuen! Wissen Sie, sagte ich zu der Verkäuferin, der Schuhkauf an sich ist kompliziert. Ich habe einen schmalen Fuß und suche seit Jahren so einen Schuh in genau dieser Farbe mit genau dieser Ziernaht. Die ist entscheidend, können Sie das verstehen? Ja, sagte die Verkäuferin mit den moonboots am Fuß im überzeugten Brustton. Die Ziernaht ist gerade für den schlanken Fuß einen optische Verlängerung und Teilung zugleich. Ich persönlich achte auch immer auf den Leisten. Und dieser hier, sie zeigte nach unten auf meine Füße, dieser hier hat eine fantastische Leistenpassform. Sie werden glücklich sein. Ich setzte mich, zog die neuen Stiefel aus, strich über das saubere, glatte Leder und bat die Verkäuferin, sie einzupacken. Dann schlüpfte ich in meine alten, ausgelatschten Treter. Als ich meine Jacke wieder anzog, hielt die Verkäuferin die ungetragene Version meiner ausgelatschten Treter in der Hand, schaute mir mit unanständig auffordernden Blick ins Gesicht. Ihre stimme verlor die sanfte Freundlichkeit und klang metallisch: Ein Klassiker, ich habe ihn in diesem Jahr wieder bestellt, möchten Sie ihn mittnehmen, es ist doch Ihr Lieblingsschuh. Irgendetwas knallte in mir durch, ich hielt ihren Blick stand und entgegnete: Ich sehe, wir zwei verstehen uns.