Archive for September, 2011

Morgenrock

Samstag, September 24th, 2011

Wenn sie verliebt war, krachte es im Gebälk

Die Fürsprecher der Statik, räsonierte sie, wären in sagenhafter Weise brüskiert. Kein Stein blieb. Es stürzte gut. Zigarren rauchte sie, da sie eine Lady war, die gern mit ihm teilte. Die nie vergaß. Von Polyethylen war der Morgenmantel, den vormittags (ein trüber Tag mit wenig Wind und Wolken, eisgrau, wie das von Telefonapparaten) im Kaufhaus zwischen Unter- und Tischwäsche eine Angestellte auswarf, ihr über. Second Hand. Aus Erzählungen wusste sie, er hatte ein Geheimnis. Rauchte Cigar, und weinrot, also bordeaux, leuchtete bei seinem Gehalt sicher auch die Seide, aus der sein Morgenrock gefertigt war. Sein schöner Morgenrock. Nur eine Windung in ihrem Gehirn. Passé simple, Futur libre. Polyethylen runzelt sich und schmilzt unter Ofenhitze, Seide riecht nach Horn, wenn sie verbrennt.

Mist IV: Der Astronom

Donnerstag, September 22nd, 2011

Ja, es ist passiert. War nicht abzuwenden. Habe es kommen sehen. WordPress möge mir verzeihen, aber mit feiner Zurückhaltung ist es bei mir nicht gut bestellt. Er musste in diese Lücke hinein, der Mist IV. Er ist der Astronom dieser Serie. Verzweifelt rauft er die Haare von Schrödingers Katze, dreht sich durch die Archimedische Schraube, legt sich statt einem gleich zwei Steine in den Weg.

mir gehen gedanken verloren

Dienstag, September 20th, 2011

treten sich fest

zwischen den steinen

köpfe pflastern mich zu

gedankenverloren

gehe ich weiter

Wer ist Viktor Ortiz?

Montag, September 19th, 2011

Wie jeden Vormittag habe ich mich eingeloggt. Und stieß als erstes auf den reizvollen Namen Viktor Ortiz, der meiner Erinnerung trotz seiner posaunistischen Klangfülle keinen referenziellen Spielraum bot – da hat Gottes Arsch wohl wieder einmal umsonst gefurzt - darling…  Allerdings möchte ich sogleich anknüpfen und ein paar grundlegende Dinge ansprechen. Wir haben uns hier in den vergangenen Wochen des öfteren die Köpfe zerbrochen, was denn nun genau Mist zu sein hat. Und siehe da: es lichtete sich etwas, kam etwas in Bewegung. Im Formulieren trat die zugrundeliegende Formel zu tage. Und da tut es auch nichts zur Sache, ob zu tage denn nun nach der neuen Rechtschreibung zu Tage oder zutage lauten muss. Wer es wissen möchte, kann meinetwegen den aktuellen Duden bemühen. Ich jedenfalls bin nach wachsender Anzahl hiesiger Beiträge zu der Erkenntnis gelangt, dass jeder Mist willkommen ist, der etwas von moderner Kleidung versteht. Regt er doch durch sein Erscheinen die Gemüter zu neuen, missmodischen Eskapaden an. Benutzung erhöht die Qualität.

mitgift

Samstag, September 17th, 2011

die algebra ist
begierde, ein federvieh,
ein liebhaber, der
seinen leib mit ketten fesselt.
auf dem arbeitstisch eine phiole.

sie hatte mit einer tochter
aus höherem haus
nachwuchs von
einfachen fußsoldaten.

domestik wohnt verstreut
in kellern, in dachstuben,
die arten der exekution
sorgfältig ererbt.

nächtlicher fluss

Donnerstag, September 15th, 2011

nächtlicher fluss

// heute nacht schlafe ich nicht/ hellwach drückt sich mein kopf ins kissen/ und ich warte darauf, dem regen zuzuhören/ mein rückgrat kriecht die matratze entlang/ meine hände sind ins weiße laken eingegraben/ nachtfinger wachsen daraus hervor/ schlagen wurzeln im federbett/ nachtknollen/ schlaftriebe/ traumgeflatter// deine hand liegt auf meinem bauch/ auf meiner brust/ deine hand ist warm/ meine brust ist warm/ mein bauch ist warm/ wir teilen die backwärme unserer körper/ das bett ist ein nachtofen// eine erinnerung kommt an der hand eines gedanken/ sie nimmt deine hand/ nimmt sie weg von meiner brust/ meinem bauch/ meinem warmen körper/ legt sie neben mich/ neben dich/ neben uns/ auf die matratze/ auf der unsere rücken liegen wie zwei flussbetten/ die wirbelsäulen eingegraben/ das knochenmark fließt darin/ quecksilberglänzend/ wie ein nächtlicher fluss im mondschein// meine ohren warten auf das rauschen des regens vorm fenster/ draußen in der nacht/ die ganze nacht warten sie und lauschen/ während meine augen unter ihren schweren lidern der dämmerung entgegen schwimmen//

Ein Plädoyer für die Elster-Bar

Montag, September 12th, 2011

Zum dritten Mal schwinge ich mich nun auf mit lahmen Flügeln (muss man die vielleicht aufpumpen wie den Fahrradschlauch?) und lande unsanft im Gebüsch. Zweimal habe ich hier Mist eingestellt und anstelle eines möglichen, zu befürchtenden Mist III schreibe ich nun etwas über einen Ort, der den Schleusigern ein wenig sauer aufstoßen dürfte, sobald sie seiner gedenken. Dabei war die Gelegenheit, funktionsfreies Philosophieren, kalten Bier- und Putengenuss sowie eine lauwarme Dusche aus der Elster/Pleiße synchron zu erhaschen, selten so günstig wie hier. Da schwappt das Wasser von den Markisen direkt in die Taschen der Herrenhemden oder auf das unveröffentlichte Manuskript eines  Romans. Die heiße Sonne wird gedämpft vom Küchendunst und einer Flut undefinierbarer Grünpflanzen, die rings um die holzige Terrasse gedeihen – und auch die Entengrütze aus der unweiten Pleiße sendet ihren Algengeruch zu uns herauf. Ich habe in diesem Sommer kein Stündchen dort bereut. Und falls man doch einmal aufstehen muss: Papier gibt es in Hülle und Fülle.

Fiorentino

Sonntag, September 11th, 2011

als Taubgeborener könntest du nicht
mit den Vögeln am Morgen erwachen
ungestört könntest du dein Auge weiden
an den Hügeln der Toscana / Lärm
wird ausgebrütet von der Zivilisation
abgeholzt / karg / von schnellen
Begierden zerknattert / wer fischt noch
im Tümpel nach einem klaren Gedanken

Petrosinella

Sonntag, September 11th, 2011

Ich koche für drei. Mit frisch gepflückter Petersilie. Und esse für vier. Was für ein Anker im Irrsinn. Und du Rapunzel hast es ja auch nicht ganz einfach. Eine gierige Mutter. Einen willfährigen Vater, der Frau Gothel beklaut. Du der Preis. Gefangen im türlosen Turm. Aber singen kannst du. Das muss man dir lassen. Die Königskinder stehen Schlange.

Blog-Kritik

Donnerstag, September 8th, 2011

Mit gefallen hier die Beiträge nicht, die zu komplex und schwer zu durchschauen sind. Es fehlt häufig der Bezug zur Realität. Sicher soll Literatur als Geschöpf der Phantasie diese anregen. Die Auswahl der kuriosen Pseudonyme zeugt davon.  Und ganz ehrlich, welcher Kopf hinter dem Produkt steht, möchte man nun wirklich nicht immer wissen. Ist auch besser für die Kritik, denn die trifft nur die Maske. Wer sich entscheidet, hier zu schreiben  – gleich ob Anregendes, Beflügelndes, Nachdenkliches und Amüsantes – erhebt meiner Meinung nach nicht den Anspruch, unantastbar zu sein und muss sich daher jede (!) Kritik gefallen lassen. Ich gehe davon aus, dass wir diese auch nicht zu ernst nehmen müssen.  Wer jedoch echte Kritik erwartet, muss zunächst ernsthaft schreiben (also so, dass man den Beitrag versteht, ansonsten kann ich ihn ja nicht ernst nehmen…:-) und dann diese auch noch aushalten.  

So, dass war mal bescheidene Hausfrauenkost, ich geh jetzt wieder arbeiten…

Matrixphänomene

Mittwoch, September 7th, 2011

Der Alkohol,

sein Kaffee,

etwas Ruhe

und Zigaretten.

Dass es Mist ist II

Mittwoch, September 7th, 2011

Von vielem haben wir ja schon immer
gewusst, dass es Mist ist.

Sind wir

manufactisch, aus Werkteilen, graviert.  Halb so schlimm!

Anfangs sicher.

Aber: Über

wir

ständig.

Wenn auch schon

die direkte

gelingt

wohl nicht immer.

Halb so schlimm!

Es rechnet sich – Ein Ferz

Dienstag, September 6th, 2011

für maris

Ziffern, Nummern, Zahlen.

Zehn Zahlen malen. Nummer ziehen. Zimmer zahlen.

Mief. Muff.

Nun murmeln mehr Raffer: Mehr Murmeln raffen. Nie mehr Rum zahlen.

Mehr Zahlen, Meerzahlen, Zahlenmeer.

Murr.

Terzett

Montag, September 5th, 2011

Im Oktober wurden wir gezeugt, ich und mein Bruder. Mein Bruder ist bei der Geburt gestorben, hat noch ein oder zwei Seufzer getan (das berichtete die Amme, die uns aus dem Leib unserer Mutter hervorholte) und sich nicht mehr gemuckst, während ich kräftig und etliche Male in Stakkato-Rhythmen schrie. Offenbar hat er das bisschen männliche Lebenskraft, das ihm noch blieb, an mich abgetreten. Daran denke ich jedes Mal, wenn ich mir die Beine rasiere oder auf der Bühne den Mephisto spiele, weil Gustav erkrankt ist und nicht auftreten kann. Und ich glaube, das langsame Versiegen von Gustavs Lebenskraft macht aus mir schon jetzt den besseren Mephisto. Gustav hatte zwanzig Jahre Zeit für seine Karriere. Mein Bruder hingegen hat nicht einmal die Nottaufe erhalten. Einen Namen hatten sie nicht für ihn. Meine Eltern waren sich nicht einig, hatten Namensbücher gewälzt, und so hätte er zehn Namen haben müssen, vereint aus den Vorfahren, deren Erbgut er in sich trug und durch seine Biographie veredeln sollte.

„Tritt dein Kleid nicht schmutzig, Nathalie. Gustav ekelt sich vor festgetretenem Schlamm, du weißt, er ist so pingelig, wenn mal ein Knopf an seinem Jackett lose ist, muss ich den festnähen, bevor er etwas merkt.“ Sie ist unausstehlich. Eifersüchtig wahrscheinlich, weil ich die einzige bin, die Gustav noch an sich heran lässt. Immer wieder gebe ich Gustav vor seinen Auftritten von meinen Tabletten, damit er weniger schwitzt und sich nicht ständig die Stirn wischen muss. Sämtliche Theaterbesucher sind mittlerweile überzeugt, dass diese Geste im dritten Akt vorkommt und verlangen eine Herausgabe des Ur-Manuskriptes. Gustav steht vor dem Spiegel und drückt seine Pomade an. Ach Brüderchen! Wenn ich dich noch hätte, wäre mir Gustav erspart geblieben. Du hättest nicht geschwitzt, dein Humor wäre ebenso köstlich wie meiner, du wärst nicht so ein Miesepeter wie Gustav. Mama sagt, du hättest Lucien heißen sollen, das klingt französisch, und einen weiß gepuderten Kopf wie die Menschen vor der französischen Revolution hättest du gehabt. Durch deinen Tod kann Mama wenigstens das männliche Geschlecht weiterhin idealisieren. Ein Idealismus, der vor das Jahr 1800 zu datieren ist.

Gut, dass sie Gustav nicht kennt und nur Vater, so kann sie wenigstens Teile ihres Idealismus retten. Vater näht uns Kleider. Ich bin euer Nähmeister, sagt er. Luciens Sachen hängen bei Mutter im Schrank, ihr lieber Junge. Niemand darf sie berühren. Ich gieße mir Wasser ins Glas, das vertreibt die Fliegen.

Bald habe ich Geburtstag. Ich werde mir von Vater ein Pompadourkleid nähen lassen. Hoffentlich schüttet es nicht wie aus Eimern. Sonst müssen wir den Garten mit einer Kunststofffolie überziehen. Und ich vergräme wie jedes Jahr die Gäste, weil ich dem verstorbenen Lucien auch ein Sträußchen Löwenmäuler reserviere.

revolution by airmail

Donnerstag, September 1st, 2011

Dornröschen sind wir doch alle. Weniger oder mehr.

Wir lagen hinter der Hecke

In Träumen, bang und schwer.

Friedrick Dieckmann, November 1989 

Meine Revolution begann im Sommer 1988. Ich bekam einen Studienplatz zugeteilt. Es war nicht mein Traumstudium, aber geträumt habe ich damals schon lange nicht mehr. Die Stadt war also eine willkommene Abwechslung, in vollsten Zügen von mir genossen. Tag und Nacht flossen ineinander, für Seminare und Vorlesungen gab es gutmütige Kommilitonen und Blaupapier. In der dritten Studienwoche verliebte ich mich Hals über Kopf. Beim Tanzen im Druschba. Mein Herz war getroffen, ich liebte das Leben und diese Stadt! 

Herbstferien. J. fuhr in den Urlaub mit seinen Eltern. „Eine Woche, dann bin ich wieder da“. Ich saß sieben Tagen erwartungsvoll im Druschba. Drei Tage ertrug ich dies mit Contenance. Dann fuhr ich zu J. Die Rollos an seinem Haus waren runtergelassen. Ich schlich am Zaun entlang, ein Mann sprach mich an, fragte nach dem Woher und Wohin. Unsicheren Schrittes ging ich zur Straßenbahn. Ich weiß nicht mehr, wie viele Tage ich mit zähen Vorlesungen und Seminaren verbrachte, bis die Katharsis eintrat. Ich stand vor meinem kleinen Briefkasten im Wohnheim, hielt in der Hand diesen rot-blau geränderten Luftpostbriefumschlag.  Irgendwann im Treppenhaus aufgewacht, der Pförtner über mir: „Geht’s?“. Er half mir auf die Beine, stellte mich in den Aufzug und drückte die 12. Ein zweiter bunter Brief kam an, ich war noch beim Verdauen des ersten. „Bin jetzt zwar ein paar tausend Kilometer von Dir entfernt, doch was soll‘s. Hoffe, Du stehst zu mir und berichtest mir, was so abgeht in old GDR.“ Klar, mach’ ich gern. Ich erzähle Dir vom Besuch der grauen Männer: Kommen Sie schon, Sie haben doch was gewusst! Oder vom netten Dozenten: Was wollen Sie denn jetzt tun? Auch flüchten? Ich kann Ihnen helfen. Aber berichten Sie mir doch mehr. Und vom Gynäkologen: Ach, lernt ihrs denn nie? Die Tage in E. waren mühsam, die  Nächte  leer. Abends verkroch ich mich mit meinem Cora-Radio ins Bett und betrachtete das Gewusel meiner Mitbewohnerinnen. Emotionslos stellte ich den Inhalt meines Kleiderschrankes für deren Streifzüge zur Verfügung.  

Januar 1989. Drei Monate dauerte nun meine Trauerzeit, dann fand ich wieder zurück und schrieb nach Kanada. Im Frühjahr über Ausreise und Wahlen. Im Sommer über Freiheit und Verantwortung. Im Herbst über Aufbruch und dem verwirrenden Zustand der Angstfreiheit. J. war froh. Kanada macht eben einsam. Er schrieb, dass er nicht wissen möchte, wie ich meine Nächte verbringe. Er sprach von Liebe über Grenzen hinweg. Andere hatten Brieffreunde in der Sowjetunion, ich hatte einen Brieffreund im kapitalistischen Ausland. Ich unterrichtete J. bis ins Detail, schickte Zeitungsausschnitte und Flugblätter, schrieb von zweifelnden Studenten und verzweifelnden Dozenten. In allen Briefen schwang der Stolz, hautnah am Puls der Zeit zu sein. J.s Erlebnisse aus Kanada verglich ich mit der Filmgeschichte der Waltons – „Schlaf gut, John Boy….“. 

4. November 1989. Groß-Demo in Berlin. Pressefreiheit wollten wir oder auch nur einfach dazugehören. Ich las Parolen wie Junge Leute an die Macht und Wir sind das Volk und Demokratie – jetzt oder nie. Ich hörte Ullrich Mühe und Johanna Schall, fühlte mich zu ihnen emporgehoben. Stunden später fand ich mich eingekeilt zwischen Menschenmassen am Berliner Hauptbahnhof wieder. Über meinem Kopf tanzten Windelpakete, prall gefüllte Plastetüten und sogar ein Baby. Im Zug traf ich einen Schulfreund in Uniform. Er zitterte und stammelte: Ich will nicht schießen!

9. November 1989. Wir unterbrechen für eine aktuelle Meldung. Im Halbschlaf hörte ich Satzfetzen. Die Mauer ist auf. Welche Mauer? Erst Jahre später wurde mir bewusst, dass ich den „historischen Augenblick“ verschlief. Am Morgen des 10. Novembers saß ich mit einer Handvoll Kommilitonen im Seminarraum. Die anderen waren drüben.  Irritiert vernahm ich in den nächsten Tagen das Verschwinden um mich herum. Mein politischer Stolz erwachte. Oder war es wohl doch eher meine renitente Art? Ich war nicht Alle , ich fuhr nicht rüber. Vielmehr schloss ich mich den politisierenden Studenten an, rannte von Demo zu Demo, rauchte konsequent Club und berauschte mich an ständig neuen Prophezeiungen zum weiteren Werdegang unseres Landes.

Erster Weihnachtstag 1989. Ein überfüllter Zug in den Westen. Sieben Stunden saß ich auf meinem Rucksack neben dem Klo, die Tür im Rücken. Eine Tante lud mich ein. Sie stand mit Schild um den Hals am Bahnhof: Herzlich Willkommen! Ich bin Tante R. und suche S. Mit butterweichen Knien ging ich zu dieser Frau. Ich setzte mich vorsichtig in die Autopolster, betrat zögernd das Haus und schlief unruhig im fremden Bett. Am Frühstückstisch nahm ich diese pelzige Kartoffel neben meinem Teller wahr. Kiwi. Ach so. Das Gastgeschenk meiner Mutter – ein brikettbraunes Sofakissen mit Lurexstreifen – ließ ich im Rucksack. Abends schauten wir die Hinrichtung der Ceauscescus im Fernsehen.

Silvester 1989. Einladungen nach Berlin sagte ich ab und fuhr zu meinen Eltern. Ich hatte Angst. Gegen zehn ging ich zu Bett und war so ziemlich die Einzige in der Stadt, die am Neujahrsmorgen 1990 ausgeschlafen zwischen verkohlten Knallern und leeren Flaschen aufs Feld hinter unserem Block stolperte. 

Wenige Monate später kam J. aus Kanada zurück. Ich lebte zwei Jahre mit ihm zusammen. Unsere einhundertzweiunddreißig Briefe sind alle verbrannt.

Echolote und andere -frakturen

Donnerstag, September 1st, 2011

… wissen Sie eigentlich, dass das Grün, in das die aktuell gedruckten “Inskriptionen” eingekleidet sind, nichts gemein hat mit dem elektronisch abgebildeten Rechteck hier? In Wirklichkeit hat es die Farbe junger Frühlingskeime, hellgrüne weicher Blätter, die nach so etwas Ähnlichem duften, wie Babyhaar nach dem Schaumabad. Lindenblüte, Birkenblätter (die Blätter der Hängebirke sind kleiner - noch zarter, heller und dünner – sie rollen sich sogar wie Pergament) … Verzeihen Sie, der Vergleich mag schief sein, die Rechnerwärme dämpft mein Denken -  doch was ist es – Jugend? Kindlichkeit, sogar?

Hier im www erscheint es wie Bleiwurzblatt. Herbstlich, etwas zu spät gekommen. In Wirklichkeit ist es hauchdünne Frühform. Noch Sonnendurchlässig. Wir dürfen wieder glatte Seiten streifen, durchblättern. Entjüngfern. Aber vorsichtig, dann hält es länger.