Archive for Dezember, 2010

Monolog im Schnee

Donnerstag, Dezember 30th, 2010

I
Alles ist weiß geworden und bleibt es nun auch.

In der U-Bahn sehe ich Menschen und Werbung. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Menschen sehe. Ich bin mir sicher, dass ich Werbung sehe, aber ich weiß nicht, wofür. Ich verstehe die Werbung nicht und will sie nicht verstehen. Ich schließe die Augen. Ich versuche, mir Musik vorzustellen.

Ich höre keinen Klang, nur die ineinandergreifenden Geräusche der U-Bahn. Sie verschmelzen zu einem Quietschen in unterschiedlichen Farben: Schienen, Züge, Füße, Türen.

Ich bin kalt. Überall in meinem Körper ist es kalt. Die Wärme, die da sein muss, um mich am Leben zu halten, spüre ich nicht. Dabei fühle ich. Ich habe Fühler, die das Leben ertasten, aber keine Gefühle. Wie fühlt sich das Leben an? Rein, ohne Gefühl?

Vielleicht sind die Gefühle in mir versunken wie die Titanic an den Grund des Eismeers. Die große, stolze Titanic!

Es gibt eine Melodie hinter dem Quietschen von Zügen und Schienen. Aus dieser Melodie pule ich Worte hervor wie aus dem Inneren eines Brötchens. Ich knete den weichen, schon gebackenen Teig und forme kleine Wesen. Die Wesen beginnen zu leben. Ich töte sie; zerbeiße, zerkaue und schlucke sie. Ich töte die Worte. Schreibe sie auf. Töte und erlöse. Immer wieder und wieder, es hört nie auf. Die Worte fliegen fort wie gefiederte Eisprinzessinen; sie fliegen in den Schneehimmel auf Nimmerwiedersehen. Ich weiß nicht, wo sie sind, was sie machen, ob sie irgendwo bleiben. Welchen Schrecken sie verbreiten. Wen oder was sie erlösen.

Draußen wird immer Schnee liegen. Als es noch sehr selten Schnee gab, empfand ich den Schnee als hell, heilig, rein, leise, ruhig, still. In mir gab es eine Art Schneegesang. Es war ein leiser und reiner Gesang, von einem dünnen, lispelnden Stimmchen gesungen. Der Gesang hatte eine kindliche Melodie. Sie versprach Ewigkeit. Sie lag wie ein Morgennebel in mir und wurde nie laut.

Der Schnee war etwas Besonderes. Er kam nicht jedes Jahr. Und wenn er kam, ging er wieder. Er schmolz, er verging, er zerfloss. Zur Schneeschmelze schloss ich die Augen, um die unschönen Reste nicht zu sehen. Den weißen Schnee behielt ich in meinem Innersten als reine Sehnsucht zurück. Wie war die Sehnsucht süß!

Doch nun ist der Schnee ewig. Er ist verschmutzt, verunreinigt, als wäre er vergänglich wie das Bellen eines Köters.

Ich habe kein Bedürfnis, jemanden anzusprechen, und ich möchte nicht angesprochen werden. In mir schneit es, die Flocken tanzen durcheinander über meiner inneren Schneelandschaft. Sanft landen sie, als legten sie sich schlafen. Sie sprechen, lispeln Erinnerungen, flüstern Liebesakte, Worte, Worte, durcheinander, ineinander, miteinander.

Ein Akt mit Worten im Schnee. Eine Schneezigarette danach. Das war heißkalt! Etwas ist tot. Etwas lebt.

Ich habe mich abgelöst wie eine Haut vom kalten Körper Wirklichkeit. Eine Schneehaut liegt außerhalb von mir, meine Schneehaut. Sie bleibt dort liegen wie ungewünschte Milchhaut auf Milch. Sie ist aus Milch, aber sie gehört nicht zur Milch. Sie bleibt übrig.

Draußen ist es kalt und wird es kalt bleiben. Die Schneelandschaft in mir ist geschmolzen; die wirbelnden Flocken über ihr sind mitten im Wirbeln erstarrt und können nicht landen. Sie stehen in der weißen Luft wie Fische in einem Aquarium. Weiße Fische in weißem Wasser. Ich singe meinen Monolog-Gesang im Schnee. Er klingt weit und für niemanden hörbar. Weit

II

Seit der Schnee da ist, ist alles anders geworden. Der Verkehr ist zum Erliegen gekommen. Alle Fahrzeuge sind stehen geblieben. Nur noch vereinzelte Autos sind auf den Straßen und bringen sich gegenseitig um. Die Menschen liegen im Schnee. Manche sind verschüttet, vergraben, man wird sie nie mehr finden, andere liegen wie Käfer rücklings auf dem Eis.

Der Schnee ist kalt, die Welt ist weiß.

Ich weiß nicht, warum die Welt soviel schlechter geworden ist. Liegt es am Schnee? Hat der Schnee die Menschen mit einer Art inneren Kälte infiziert? Oder liegt es am Schmutz, der den Schnee verunreinigt hat? Hat dieser Schmutz das Innerste der Menschenseele verdreckt?

Früher lag im Winter eine weiße, unberührte Decke des Friedens über allem. Sie schimmerte in der Nacht, und tagsüber spielte die Sonne ein Spiel mit tausend funkelnden, glitzernden, Diamanten. Was war nur damals anders? Was lag nur unter dieser Decke verborgen?

III

Seit der Schnee nicht mehr geht, haben die Leute aufgehört, mit mir zu reden. Alles ist in Stille gehüllt. Diese Stille ist, wie der Schnee, unrein. Sie ist ein dreckiges Schweigen, ein Ver-schweigen, ein Verbrechen.

Tschao. 13 Panzer

Sonntag, Dezember 19th, 2010

Tschao plätscherte durchs Gehör mit den Schalen allerfeinsten Klanges, unfehlbar herausgeflogen aus dem Seidenkehlchen der Grasmücke, ausgezwitschert von ihr, diesem Augentempel des wolkig-steinernen Bergriesen einer schwarzen Sonne, wovon auch die Sonne selbst heller wurde als das silbergraue Gefieder des kohleäugigen Vögelchens.

Tschao plätscherte umher als Falter- und Schmetterlingsvolk – kluge Diebstähle am Himmel in den Farben des Sonnenauf- und Sonnenuntergangs, seiner Wärme, seinem Feuer und seiner Asche, ausgewiesen auf den Flügeln, – und verkaufte sogar den Nachtfaltertrunk an die Familien der Freundinnen, die Menge der pockennarbigen und dicken, sanften und feinen Ohren.

Tschao flatterte auf den Flügeln eines Faltermeers – allerverschiedenster, die wir von Geburt an bis zum Tode sehen, – umher durch die Ohren der Leute und streifte wie ein Zicklein mit den winzigen Hufen seiner Schmetterlingsgewänder durchs Gras erstaunter Blicke.

Tschao schaut oft nach dem geöffneten Brief mit dem altertümlichen Samurai in Bronze aus Fischhaut: seine hochmütigen Brauen, die hinunter auf die Nasenwurzel fallen, wie die Flügel eines Seeadlers, der in der Morgendämmerung vom Fujiyama herabfliegt und die Fischer, den leeren Strand und das Netz mit dem Geschrei der Gipfel beleuchtet.

- Ich bin dieselbe, die ich war bei Hayawatha, und bei Manu, und bei Fu-Si und ich bin der getreue Spiegel, werfe den Strahl der Sonne von mir unter singendem Winkel in die Spiegel der Schädel. Und so bin ich erneut der schwarzäugige Spiegel zwischen der Sonne und dem Menschen auf Wache, die der Reinheit der Zahlen gilt. Ich sehe jetzt das Auge Hayawathas. Erkennst du mich, o Mensch?

- Klauchzend die klänglichen Weiten, soy, soy, Sierro: Groove des gerufenen Ru-Foss.

TIAN AN MEN

Samstag, Dezember 18th, 2010

Ödes Plattenmeer / Vorhof deiner Gelüste
Exhibitionismus / denke ich / die Säule
dir zum Gedächtnis erblickend
Großer Vorsitzender / umtost von Menschen

Dieser Platz hat keinen Himmel
Er will Himmel sein

* * *

Freitag, Dezember 17th, 2010

…das ist der Schnee,
Der in der Sonne glänzt;
Das ist das Glück, auf
Das es keinen Reim gibt -

In meiner Sternenkeuschheit zitternd
Seh’ ich nur Schnee,
Der in der Sonne glänzt.

Weißt du nicht fern ein Land
Mit düsterem Himmel und dem Hassesblick
Der Venus, die des Nachts im Laubwerk glüht?..

Das rote Licht ein Funkeln, Eisesblick
Der durch die Sternenkarte
Sich ins Hirn bohrt

In weißen Schluchten blendenden verhüllt
Verkanntes Gold das alte Leuchten bergend
Im düsteren Schlafe ungenutzten Landes!

Owej, wahyo howah…

Der Winter kaltes Bild
Erhitzt von leeren Seiten -
Ich leg’ mich nicht hinein,
Das ist nur Glanz von Schnee.

* * *

Donnerstag, Dezember 9th, 2010

Und auch Frauenlider wohnen in den Jahrhunderten, wie manche Nixen in den Fahrrinnen der Flüsse. Und auch hat ein jedes Jahrhundert sein Frauenlid. Und auch ähneln sie den Schwänen mit tiefgebogenen Hälsen und weitverteilten Schwingen in der Farbe der Zeiten, die selbst zwischen hell- und dunkelblauer Farbe verschwimmt – taubenartige Mitternacht. Und auch Lippen haben sie menschliche.

Und auch wohnen in den Farben, auf den Lippen der Blumen Minigeister: klein an Wuchs und der Gestalt nach Jungfrauen. Aber Gewandungen haben sie riesige. Und dem Menschen, der ihnen nahe, offenbaren sie sich nackt und erscheinen als wogende Kleidung, kreiselnd, und die Stoffe ringeln sich und kreisen und berühren uns, und dann sagen wir: Welch Dufthauch!

Und auch andere gibt es, unberührt und schüchtern, denen du sehr nahe treten musst, um sie wahrzunehmen. Und sie erscheinen nicht nackt.

Und wenn alles im Traum verschwindet, kommt ein gewisser Träumer geflogen und nimmt alles, wie das Körnchen, in seinen Schnabel…

1907

Imagine

Dienstag, Dezember 7th, 2010

Das Ende des kalten
Kriegs war ein Sieg
Der Schwerkraft
Gegen das Außer-
Gewöhnliche:
Was kurz möglich
Erschienen war, die
Sintflut das Geheul
Einschließlich ihres
Sich – Beruhigen/s,
Nun – im Regen
Floss das Wasser und
Floss wieder wie eh
Und je nach unten

Und das Wasser fließt

Was kurz möglich
Erschienen war
Nun wie ein
Traum, nur
Wirklicher

Wird es sich je beruhigen?

Zhong Shan Park

Donnerstag, Dezember 2nd, 2010

Die Leute gehen
    ohne einander zu sehen
        sie gehen & stehen

sie reden / verstehen
    ich verstehe kein Wort
        sie sprechen mich an

sie jagen mich fort
    ich bin nicht ihr Mann
        nirgends ein Ort

verschont von ihrem Gehen
    nirgends hört ihr Ohr ein Wort
       das sie nicht verstehen

mich können sie nur sehen