Archive for Oktober, 2010

Sommerfrische

Sonntag, Oktober 31st, 2010

Gegen Abend bereitete Vyvyan ein üppiges Menü zu. Er durfte nur wenig davon zu sich nehmen, denn das meiste, was da auf Tellern lag und in Schüsseln schwamm, löste bei ihm Atemnot aus. Eduard hatte ihn, als wir noch in der Stadt lebten, rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht. Jetzt waren wir isoliert von solchen Einrichtungen. Vyvyan gab uns ein Zeichen zuzugreifen und verließ das Zimmer.

An diesem Abend hatte ich keinen Appetit. Ich spürte eine feuchte Hand auf der Schulter und hörte dicht vor mir die Worte: „du solltest das Versmaß anders setzen, du mußt im Takt … die Monotonie …“ Ohne sich weiter zu rühren, rutschte die Hand in meinen Ausschnitt und verweilte dort. Direkt vor mir stand eine Platte mit Shrimps, die mit einer weißlich-grünen Sauce übergossen waren. Ein fischiger Geruch stieg daraus auf. Als ich mich nach links wandte, zog sich die Hand fast automatisch zurück.

“Weißt du eigentlich alles über Vyvyan, was du wissen solltest?“ Es war Eduard. Er besaß die Fähigkeit, mathematische Logik mit einem Gespür für lyrische Ströme zu verknüpfen . Obwohl er unfähig war, auch nur eine literarisch originelle Zeile zu produzieren. Alles, was er schrieb, roch nach Plagiat. Das allerdings beherrschte er so hervorragend, dass wir manchmal Schwierigkeiten hatten, Original von Kopie zu unterscheiden.

“Mein lieber Eduard, was sollte ich wissen?” Im Nebenzimmer hustete Vyvyan. Warum setzte er sich nicht wenigstens zu uns? Fast eine Stunde hatte ich nun seine Bekannten bei Laune gehalten, deren Münder verarbeiteten, was sie zwischen die Zähne bekamen. Eduard griff nach einem Hühnerbein und tauchte es in die Fischsauce. „Eine Besonderheit, die nur wenige erlebt haben, die ihm nahe standen. Ich durfte sie genießen.”  Nun meldete sich der weißblonde Junge an Eduards anderer Seite zu Wort. „Ah, es geht wieder um das Altbekannte … meine Güte, wenn man bedenkt, was da die Hirnforschung in den letzten Jahren … habt ihr Vyvyans letztes Stück gelesen, mit dem dahinter…“ Der Junge kaute eingelegte Oliven und kleckerte dabei auf seinen Anzug. Eduard zog mit den Fingern die zähe Hühnerhaut vom Fleisch und strich sie an Vyvyans leerem Teller ab. Mein Magen krampfte sich zusammen. Ich zwang mich, von dem Pilzragout zu kosten, das der Junge mir von der gegenüberliegenden Seite des Tisches entgegenschob. Sein Gesicht war verschlossen, er sprach nicht gern über Vyvyan und seine Vorlieben. Sicher war es ihm nicht recht, dass ich hier saß. Das Tischgespräch behagte mir nicht. Der Weißblonde ging zu den Fenstern und schloss sie. Kein Luftzug regte sich in dem großen Eßzimmer. Mir schien, als würde es heute früher dunkel.

Ich nahm eine Kerze vom Buffet, steckte sie auf einen der gerundeten Messingständer. Dann bat ich den Jungen, sie anzuzünden. Er tat es gelangweilt, dumm und ungeschickt. Für einen Moment glaubte ich, zu ersticken. „Was soll denn das hier alles bedeuten?“, hörte ich mich, zu Eduard gewandt, fragen. „Ihr esst wie die Schweine, pudert und parfümiert euch wie die Weiber im achtzehnten Jahrhundert und verbreitet solch einen Mief, daß ein Lungenkranker umfällt.“

„Du hast zuviel im Zauberberg gelesen.“ Eduard lächelte ironisch. Ich hörte keine Geräusche aus dem Nebenzimmer mehr. „Rieche ich etwa nicht gut? Das wäre doch schade für unsere Verbindung.“ Im Freundeskreis hieß Eduard die Brüsseler Spitze, sein Wohnort kombiniert mit der Beschaffenheit seiner Zunge. Nein, er roch angenehm nach Vetiver, das musste ich zugeben.

Künstlerfamilie gegen Ende des Jahrhunderts

Sonntag, Oktober 31st, 2010

Aus dem siedenden Gold
Der Sonne tropft Licht.
Der Himmel ein blauer
Stoff, daraus die Schneiderin
Herbst ein Halstuch
Fertigen will – Schutz
Der Stimme vorm Chaos
Wahllos vibrierenden Raums.
Schubweise enthüllt sich
Die Zukunft, der Liebe
Haben Wolken & Schaum
Nichts entgegenzusetzen -
Wasser bleibt Wasser & was
ja – Was? Ich denke an Dich

* * *

Der Himmel senkt sich & die Blicke heben sich
Nach innen, nach innen oder wie kann diese
Nichtdrehung des Kopfs in den Raum, worin
Die noch wirre Mannigfalt/igkeit der Dinge ihren
Sinn in der Ruhe des Betrachters sucht, an//
?ers verstanden werden?

Beijing bei Regen

Montag, Oktober 25th, 2010

Im Grau verspäten sich die Geräusche : die Leute
ziehen sich aus ihrem Element zurück : verlassen
die Gassen : Orte zum Leben
verkriechen sich in geduckten Häuschen : nur der Weg

zum Gemeinschaftsklo zwingt sie hinaus : das Feuer
im Steinkohlegrill züngelt weiter : unverdrossen
gehütet vom Grillmeister : der nicht anders
kann : auch Schnee vertreibt ihn nicht

das ist mein Platz im Leben : mag es ungewohnt
ruhig werden ringsherum : die Bulldozer fressen sich
lärmend am Horizont : weiter ins Innere
der Stadt : die zweistöckig wiederaufersteht

mit hauchdünnen Blendfassaden : dahinter
flüchtige Moden : antiseptische Konsumorte
über diese Straßen werden keine schlachtfrischen
Rinder zum Grill getragen : hier ist das Kapital

in seinem Element : dein Portemonnaie
kannst du schlachten lassen & dich unterstellen
vorm Regen unterm Dach : von dem der rote Stern
hinableuchtet : einen verlogeneren

Kommunismus als in Beijing hat es nie gegeben
da lobe ich mir die Provinz : sie ist freier
die Bewohner der Hauptstadt
halten sich für Babylonier : während sie röhrend

den Rotz in die Stirnhöhle ziehen & sich
vor den Füßen des Nachbarn entladen : Beijinger
Gastfreundschaft : zum Glück gibts den Regen
der alle paar Wochen die Straßen reinigt

Türen führen Tränen zäumen Zähne

Samstag, Oktober 23rd, 2010

Die Zeiten

Vom eignen Horizont ins jenseitige Erblinden, es war ein Irrtum anzunehmen : die Tabus würden rar : besser ablehnen. I han min sprachlos – gesittet folgen die Worte ihren Absichten. Blinde Zeiger, klimmen wir arglos, die Türen führen ins Uhrwerk.

Der Räume

Was tun

Mittwoch, Oktober 20th, 2010

Lieber admin, es vergeht hier sicher einigen die Lust am Kommunizieren, wenn nicht bald mal die Kommentare erscheinen, die es ja gibt so hier und da in jüngster Zeit, die aber wohl alle steckenbleiben im Wust des unapproved

Die Perle

Mittwoch, Oktober 20th, 2010

Am Anfang gab es nur den Himmel und das Paradies. Im Himmel wohnte Gott mit seinen Engelscharen und im Paradies lebten Tiere und Pflanzen. Gott saß auf seinem Thron oder ging mit seinem Gefolge spazieren, und immer spielte er mit seinem Rosenkranz und ließ die Perlen der Weisheit durch die Finger gleiten.
Da geschah es eines Tages, dass dem Herrn des Himmels eine seiner schönsten Perlen, die Perle der Erkenntnis, in einem Moment der Unachtsamkeit aus den Fingern glitt und sie versehentlich auf den Boden fallen ließ. Aber sie blieb nicht vor seinen Füßen liegen, sondern durchschlug mit ihrer ganzen Schwere den Wolkenboden und fiel und fiel und landete schließlich im Paradies bei den Tieren, wo sie eine Weile über die Hügel und Täler durchs grüne Gras rollte bis sie endlich am tiefsten Punkt liegen blieb. Da lag sie nun im grünen Paradies und leuchtete zum Himmel hinauf heller als die roten und blauen Beeren, von denen sich die Tiere ernährten. Gott und seine Engel begannen zu fürchteten, dass sich eins der Tiere beim Grasen die Perle versehentlich verschluckte und sich an der schweren Perle der Erkenntnis den Magen verdarb.
Aber keins der Tiere des Paradieses interessierte sich für die weiße Perle und sie ließen sich beim Fressen und Verdauen nicht weiter stören. Vorsorglich ließ Gott an der Stelle, an der die Perle der Erkenntnis ausgerollt war, das Gras rasch wachsen und bald war sie im dichten Gras verschwunden, sodass keins der Tiere sie bemerkte. Aber auch vom Himmel aus war sie nun nicht mehr zu sehen und bald hatten auch Gott und seine Engel die Stelle vergessen, an der die Perle nun für alle Ewigkeit liegen würde. Da war nun guter Rat teuer.
Seine Engel schauten sich ratlos an. Noch nie war es vorgekommen, dass einer aus dem Himmel ins Paradies zu den Tieren hatte hinuntersteigen müssen. Es wurde lange und ergebnislos debattiert, wie man die verlorene Perle aus dem Paradies entfernen und sie wieder heraufholen könnte, damit Gott seine Perlen der Weisheit wieder vollzählig in den Händen hätte. Es machte auch sie traurig, wenn sie ihn so niedergeschlagen sahen, wie er seine Perlen betrachtete, die ihm geblieben waren, die Perle der Gnade, die Perle der Barmherzigkeit, die Perle des gerechten Zorns – über sich selbst einmal zornig, und das göttliche Vergnügen, das ihm das Spiel mit den Perlen der Weisheit seit Ewigkeit bereitet hatte, war dahin. Die Perlen der göttlichen Allmacht und Liebe glänzten zwar kaum weniger als die Perle der Erkenntnis geglänzt hatte, aber das Bewusstsein, dass er sie aus eigener Leichtfertigkeit verloren hatte, umwölkte alle seine helle Freude und die restlichen Perlen der Weisheit, mit denen er in seinen Fingern weiterhin, wenn auch etwas vorsichtiger spielte, erschienen ihm auf einmal matt und stumpf. Auch hatte seine göttliche Vollkommenheit durch den Verlust der Perle der Erkenntnis Schaden genommen. Von all seinen guten Geistern verlassen, überlegte er hin und her und schließlich fand er ganz allein eine göttliche Lösung.
Er musste ein neues Tier schaffen! Es musste ein Tier sein, das seine Perle suchen würde. Und um die verlorene Perle zu finden, musste es intelligent sein. Er würde also dem neuen Tier ein Stück seiner göttlichen Weisheit abtreten müssen, gerade genug, damit es nach der Perle der Erkenntnis suchen, aber nicht nach mehr verlangen würde. Er gab dem neuen Geschöpf deshalb ein bisschen Verstand als erstes Hilfsmittel und etwas Neugierde. Es musste gerade neugierig genug sein, dass es nach der Perle der Erkenntnis suchen würde. So schuf Gott also den Menschen und rüstete ihn mit ein wenig Hunger nach Erkenntnis aus. So machte sich das neue Tier unverzüglich auf die Suche nach der Perle der Erkenntnis, um seinen Erkenntnishunger zu stillen. Und es bemüht sich noch immer, die Perle der Erkenntnis zu finden, ohne das Warum und Wozu und die näheren und weiteren Umstände seiner Suche zu kennen.

Geräusche in Beijing

Donnerstag, Oktober 14th, 2010

Um sechs Uhr tritt der Hausherr auf die Straße
räkelt sich & spukt : nachdem er die Lunge
gut geprüft hat : ob sie noch zu trompeten
vermag : die Nachbarin keift mit dem Kind

die erste Kreissäge heult auf : ein Streit
entzündet sich an hartgekochten Eiern : die auf den Boden
knallen : jetzt wird aus allen Ecken geröhrt
& gespuckt : die Erde bedeckt sich

mit Aulen : glitschig & klebrig zugleich
aus dem Mund des zartfühlenden Mädchens : das eben
noch ins Handy haucht : landet die feuchte
Botschaft vor meinem Fuß : jede Putzfrau

ist per altersschwachem Funkgerät mit der Chefin
verbunden & schreit : wo sie ihr tägliches
Werk beginnen soll : jeden Morgen aufs Neue
auf einem Lastendreirad zieht der Altstoffhändler

seine Runden & kündigt mit melancholischem
Mantra sein Kommen an : wie ein tibetisches
Gebet folgt ihm der Singsang der Flaschen-
sammlerin : während ich Geräusche sammle

Und Lady Gaga singt mit Yoko

Dienstag, Oktober 5th, 2010

In den langen Schatten
Der Jahre dreht sich
Ein Fiebertraum um
Die eigene Achse -
Yesterday
Klingt die Erinnerung
An jugendliche Geigen,
Darin das Herz hüpft
Bis über den Scheitel -
Suddenly
Kaum dass die fremde
Sprache den Strom
Der Kindheits-
Wellen noch halten kann -
Why she
Und Mutter war zornig
Ich weiß nicht wieso
Ich unbedingt diese heiße
Kuhmilch trinken sollte -
Had to go
Und Vater beleidigte
Mich so gekonnt, dass
Ich Jahrzehnte brauchte
Den Witz zu verstehen -
Yesterday
Yesterday
Yesterday

Jahrhundertradio

Sonntag, Oktober 3rd, 2010

Da heult ein Zug auf in der Ferne

“Eh bien, mon prince, Genes et Lucques ne sont plus que des apanages, Domänen, de la famille Buonaparte…”

“Et vous, jeune homme?” redete er ihn an. “Wie fühlen Sie sich jetzt, mon brave?” / Obwohl Fürst A. noch vor fünf Minuten den Soldaten, die ihn trugen, einige Worte hatte sagen können, schwieg er jetzt und beschränkte sich darauf, N. starr anzusehen. Alles, was N. beschäftigte, erschien ihm in diesem Augenblick so unbedeutend, und sein Heros selber erschien ihm so nichtig mit seiner kleinlichen Eitelkeit und Siegesfreude im Vergleich mit diesem hohen, gerechten und guten Himmel, den er gesehen und verstanden hatte, daß er sich nicht imstande fühlte, seine Frage zu beantworten.

Mit anderen hoffnungslos Verwundeten wurde Fürst Andrej dann der Fürsorge der Einheimischen anvertraut.

Primzahlen, und schau!

Samstag, Oktober 2nd, 2010

Einst warst du eins mit dir:

Das Tier und du warn nicht verschieden;

Das Blut war euer eigen wie der Blick.

Sie blökten und sie sangen,

Muhten und mühten sich.

Du aber gründetest eine Welt -

Der Kreis deiner Kinder nahm

Ihre Stelle ein. Ihr wart nun zwei : du und dein Kreis.

Um die Mitte wand sich ein ewiger

Pfad; jeder Schritt gradeaus war

Ein Gang in die Ferne. Du und dein Leib -

Die Welt aus der zwei … Später

Entdecktest du den Unterschied

In dir : Du, dein Leib und seine

Schwester. Bruder und Schwester. Die Schönheit ist un-

Teilbar, es sei denn – du willst es.

Fünfe sieben Elfe ~ dein Wille, geschehe