Archive for Februar, 2010

Fische

Donnerstag, Februar 25th, 2010

Eins

Vielleicht kann ich heute froh darüber sein, mich bei bestimmten Dingen zurückgehalten zu haben. Der Abstand zu dem, was wir gemeinhin die Realität nennen, hat in mir eine Art des Wirklichkeitssinnes geschärft, die in der heutigen Zeit rar geworden ist. So bin ich nicht den Sinnestäuschungen der Technik erlegen, halte ein Lederfauteuil bis heute für ein solches, sobald es in meinen Besitz gelangt und ich das feste und doch angenehm nachgiebige Material mit meinem Körper forme. Viele Dinge jenseits des Horizontes lassen sich erforschen, doch Meinungen und Messergebnisse gehen zuweilen unkeusche Verbindungen ein.

Glauben Sie an Astrologie? Ich finde es durchaus sympathisch, den Charakter hiernach ein wenig zu prüfen. Ich zum Beispiel bin Ende Februar geboren. Mein Sternzeichen ist somit Fische und es hat für mich nichts Verwerfliches, dass ich Nachmittagsessen mit Sushi unter blassblauen Himmeln in Lokalen bevorzuge, deren Tische glatt und abwaschbar sind. Zudem sagen meine weiblichen Bekannten seit Jahren ähnliche Sätze, sobald sie mich bei irgendeiner Gelegenheit ihren Freundinnen vorstellen. Sie sagen: “Das ist Bryan, ein typischer Engländer, nicht nur im Winter blass und – ja, es stimmt – Sternzeichen Fische.“ Viel mehr ist nicht nötig. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass wenige Worte zur Unterhaltung ausreichen. Wo es bedeutsam für mich werden kann, informiere ich mich - notgedrungen, so über die Bewässerungssysteme in Gewächshäusern oder über die Intelligenz von Kraftfahrern. Denn wenn man nachts mit ausgestrecktem Daumen an einer Autobahnausfahrt steht, hängt von ihrer Fahrweise das Überleben ab.

Zwei

Mein Gott, Bryan. Glatt und bleich wie ein Sandfisch ist seine Haut – Sandfische, Echsen, die durch den Wüstensand gleiten können wie Fische durchs Wasser. Im Vorgarten hat Bryan Tulpen angepflanzt. Zu seinem Geburtstag. Auch aus Einsamkeit, vermute ich. Rote Tulpen mit einer gelben Innenseite und einem schwarzlila Stempel. In seiner Wohnung vermeide er künstliches Licht, meinte er mittags in der Suppenbar im Kreis der Kollegen. Weil die Künstlichkeit ihn stört. Das Dunkel gebe dem Ganzen Heiligkeit. Ob er kirchlich sei, fragte ihn der Barbesitzer. „Ich glaube an etwas Gravitätisches und Erhabenes, das über spitze Türme, ovale Fenster oder die entsprechende Höhe verfügt”, entgegnete Bryan.

Ich habe nach diesen Sätzen meine Suppe sehr langsam zu Ende gelöffelt. Sie schmeckte anders als ich erwartet hatte. Bryan las die Morgenpost, die zerknittert war wie immer. Ich vermute, er las gar nicht. Alle warteten nur auf mich, und als ich den Teller von mir schob und die Rechnung beglich, sagte ich der Bedienung, die Suppen seien nicht ausreichend beleuchtet. Erst im Tageslicht, am Fenster sitzend, hätte ich die roten Beete erkannt. Nur Bryan grinste, die anderen verstanden oder hörten es nicht. Das Suppenbuffet lag hinter ihnen im Dunkeln.

Drei

Constanze mag mich nicht. Ihre Art, in der sie Sätze zu mir sagt, bestätigt mir das. Sie rührt sich nicht beim Essen, sie isst wie eine Schnecke, ich meine, in solch einem Tempo. Die Kollegen sagen, mach dich nicht verrückt. Constanze selbst lächelt nur. Pflückt sich die Tulpen in meinem Vorgarten, streicht mit ihnen über das schwarzlackierte Eisen des Gartentors und ich lasse sie ihr. Das übrige Grün decke ich mit Erde zu. Vielleicht stellt sie irgendwann eine von ihnen in eine Vase, die sie in meiner Spüle findet oder in einem meiner vielen Schränke. Jetzt sitzt sie mir gegenüber und schreibt reihenweise nichtige Meldungen, während ich lese und analysiere. Im Schreiben ist sie aktionistisch wie sonst nie. Sie streift meine Beine mit ihrem Hosenrock beim Gehen, aber sie hält diskreten Abstand zu meinem Körper, wenn unsere Füße sich treffen unter den Tischen. Sie trägt Kopfhörer und schreibt, schützt ihre Ohren und macht mich zu einem stummen Fisch. Nur die Spitzen meiner Schuhe berühren ihre Winterstiefel. Sie hat anscheinend noch nicht bemerkt, dass die Außentemperatur über Nacht um zehn Grad angestiegen ist.

Sergej Jessenin – 1924

Donnerstag, Februar 25th, 2010

Gehen wir unmerklich nun davon nach
Jenem Lande, wo die Ruhe als Erfüllung ist.
Möglich, dass auch ich in Bälde
Meine Siebensachen packen muss.

Meine lieben Birkenstämme! Dickicht -
Du bist Erde! Ihr – der weiten Ebenen Schlaf!
Angesichts des in die Ferne Schreitens dieser
Menge fehlt die Trauer zu verbergen mir die Kraft.

* * *

Gedanken aus der Sägemühle

Dienstag, Februar 23rd, 2010

Was soll ich dort, wo ich hin will!
Ich fahre trotzdem weiter.
Das Gras erzitterte…
Ob es einmal gut wird, dort?
Zunächst Übungen,
Was will ich dort, wo ich hin soll?
Ich fahre erstmal weiter.
Trotz alledem!

***

Als Mühlrad dann wie Müller sein,
Shakespeare-Kleksographie
Kafkaschen Ausmaßes
Gesungen unterm
Rauschen des Wassers
In den Cobble Stone Gardens
Ewiger Kindheit trotz alledem!
Dort unten…

Robinson Crusoe (6)

Montag, Februar 22nd, 2010

Die Sprache der Tiere, die Zeichen im Wald

Mit dem Himmel erwachten die Stimmen zum Leben.
Ihre Körper durchstöhnten die Phantasie.
Ihre Leiber versuchten Antwort zu geben
Auf die Fragen des Suchenden wer, wo und wie?
Erst waren die Körper nur in Gedanken zu sehen.
Die Gestalt offenbarte sich gleich oder nie.
Später dann begannen sie Wege zu gehen,
Und was sprechend im Schilf sich verbarg, waren sie.

enge

Montag, Februar 22nd, 2010

entgegen der enge

liegt liebe auf dem umweg.

ins direkte augenlicht

flackert neben angst

auch verzicht auf kampf

enge

Ballade vom verlassenen Schiff – Wladimir Wyssozkij 1971

Sonntag, Februar 21st, 2010

für Andreas

An jenem Tag wurde selbst der Käptn geduzt
Und der Schiffsjunge galt ihm gleich an Talenten,
Mit gestrecktem Rückgrat und zerfetztem Verband
Hingen die Matrosen in den Wanten.

Die Türen unseres Verstandes
Aus den Angeln gerissen
Zu den Ufern voller Wunder,
Wie eingetaucht in ein Bett

In die ewig gewünschten und verheißenen Länder -
Die magellanischen und kolumbianischen.

* * *

Winde trinken mein Blut
Und durchqueren mein Holz
Gerade vom Bug bis zum Heck,-
Zerren Winde an mir:
Und ich stehe im Wind
Jeden Tag, jede Nacht,-
Der hinein in die Seele
Nägel treibt mir mit Macht,
In die Seele hinein…

Vor dem Radwechsel

Freitag, Februar 19th, 2010

* * *

Vier Bretter sah ich fallen,
Mir ward’s ums Herze schwer,
Ein Wörtlein wollt’ ich lallen,
Da ging das Rad nicht mehr.

Robinson Crusoe (5)

Freitag, Februar 12th, 2010

Allein im Paradies

Das Meer hebt seine Wellen an den Strand.
Ihr Rauschen schiebt sich in die Worte.
Im Denken schäumt noch Untergang.
Das Träumen findet keine Orte.
Der Hunger zeigt sich als Bewegung.
Zähne ertasten süße Früchte.
Wasser bricht auf, wenn alles schwindet.
Ein Himmel steht und spricht zu mir.

20.1.1914 – Innerfaltfilm Zwei

Freitag, Februar 12th, 2010

Von China her weht
Warmer Wind gen Westen: Die
Temperaturen um den Gefrierpunkt
Lassen ein Mutterherz sieden.

Erste rasselnde Stimmen in
Der Tanne hinterm Haus
Zwitschern ihr Sarajevo.

Das Vollkommene aber
Hat keinen Anfang:
Edel, hilfreich und gut
Wird es selbst Jahrzehnte später
Noch einen Tornister ganz ausfüllen -

Mit den Leiden des Herzens,
Mit den Füßen im Schnee -

Was kaum einer mehr
Erinnert: Im Walde von
Combiegne saß unsichtbar
Ein Chinese mit am Tisch,
Einen Füllfederhalter im Jacket.

Gedicht über Bäume

Donnerstag, Februar 11th, 2010

Der Blitz kam vom Himmel herab.
Ein Körper flammte auf: Viel später
Wird man diesen Vorgang
Mit dem Widerstand des Einzelnen
Gegen das universale Fließen
In den vorgezeichneten Bahnen seiner Bewegung
Erklären. Nichts ist erklärt. Nichts.

Der Wald stand in Flammen.
Was Beine hatte nahm sie in die
Hand: Heute ist die Bekleidungs-
Industrie ein gutes Stück weiter -
Der Mann im Asbestanzug
Lenkt seine Schritte einfach
In das Feuer, in das Feuer mitten hinein.

Bäume wurden zu Rauch, Rauch wurde zu Nichts.
Nichts füllt den Raum zwischen Sonne und Erde.
Der Staub tanzt im Nichts, wo die Kälte
Froh sein sollte über jeden Pimpf
Makroskopischer Bewegung. Aber die Kälte
Ist nur die Kälte und hat keine Ahnung
Vom ewigen Prinzip, ewigen Prinzip.

Leben ist ewige Bewegung. Ewig die Worte
Beim Sprechen. Ewig auch das Verstummen.
Die Blitze zucken durch ferne Gewitter,
Die Luft strömt unaufhaltsam
In den vorgezeichneten Bahnen des Druckausgleichs,
Zwischen Himmel und Erde nur ewige Bewegung.
Und die Bäume? Die Bäume? Die?

Die Welt der Asbestanzüge gerät nicht mehr
Ohne Weiteres in Brand: Das Zeitalter der
Abgezogenen Felle gehört der Vergangenheit an.
Auch die Zukunft gehört der Vergangenheit an,
Wo alle Winde ruhen. Die 3-K-Hintergrundstrahlung
Beweist, dass das All eine Seele hat; der Mensch
Hat sich aus diesem Gedicht bewusst herausgehalten.

Robinson Crusoe (4)

Mittwoch, Februar 10th, 2010

Die Elemente: Blitz, Donner, Welle, Sand

Bedrohlich, wie es schwankt!
Das Meer bäumt sich gen Himmel;
Zerrissen in zwei Hälften
Zuckt eisiges Licht hernieder:
Über dem Rollen der Wellen noch
Das Grollen in der Luft.
Tief auf dem Grunde -
Wie still muss es da sein..!

Temperaturen

Mittwoch, Februar 10th, 2010

Dieser Winter hat etwas Ewiges : Schnee
sträuselt durch den gelben Lichtkegel
der Straßenlaterne herab : der Abend
ist eine historische Fotografie im Sepiaton : was kehrt
noch zurück : aus welcher Zeit : die aussterbenden
Dinosaurier des staatsmonopolistischen Kapitalismus : längst
totgesagt von unseren toten Genossen : Lenin
& Stalin & Bucharin : die chronisch autokannibalistischen
Linken : sie kehren wieder mit der anhaltenden
Kälte dieses Winters : was wissen
wir schon von der Zukunft : was wissen wir
von der Temperatur

6.2.2000 – Innerfaltfilm Eins

Samstag, Februar 6th, 2010

Der Stein mit dem Auge,
Genannt Hühnergott,
Konnte einmal fliegen:
Emporgeschleuderter Körper kraft innerer Bewegung
Drängt in die Ferne.

Drei Lungen unter Wasser.
Im Herzen zuckend letztes Lächeln,
Das Brot im Kopf zerfällt zu Teig -
Nun wird es wie es war.

Nichts ist mehr wie. Die Bänder
Zwischen Kopf und Herz
Vibrieren
Kraft Trägheit durchquerter Luft.
Nichts bleibt -

Der Gott mit Loch
In der Mitte
War nur ein Mensch
Unsichtbaren
Herzens – Herzen
Irgendso ein Alexander,
Segelnd unter falschem Namen.