Archive for Januar, 2010

Robinson Crusoe (3)

Freitag, Januar 29th, 2010

Schifffahrt nach Plan und Regeln

Wir reden hier nicht über Geld,
Alle segeln in die gleiche Ferne.
Jeder lebt in seiner Welt,
Manche Dinge tu ich gerne, gerne:
Im Ausguck hab ich den weitesten Blick.
Der Kapitän ist ein Meister des Schweigens.
Vor seinem Blick gibt es kein zurück.
Nachts mach ich mir seine Instrumente zu eigen.

Biologie

Mittwoch, Januar 27th, 2010

orange-300.jpg

Seine Beine sahen aus wie die einer Giraffe, so unbeholfen lang und dünn, wenn er tanzte. Die Anzüge, die sie ihm geschneidert hatten, waren für ihn zu weit, an Armen und Beinen zu kurz. Weiße Socken trug er dazu und schwarze Schuhe. Und ständig musste er aufpassen, dass er sein Haar nicht derangierte. Seine Gesten gaben ihn der Lächerlichkeit preis. Doch sein Gesicht war ihr Typ, ihr Herz eine Thermokanne. Bevor er Geld verdiente, trug er ausgeleierte V- und Rollkragenpullover, billige Secondhand-Klamotten, weiße Hemden mit unmöglichen Figuren bestickt. Damals, als er ein schüchterner, pickliger Junge war.

Sie hörte ihn reden mit leiser Stimme, als müsste er sie für später schonen, sie meinte, er hätte da etwas an den Nebenhöhlen und vielleicht schiefe Zähne. Ihr fiel auf, dass seine Stirn ein wenig glänzte und seine Unterarme im Vergleich zum restlichen Körperbau zu kräftig waren. Offenbar wirkte sich der Sport, den er trieb, nicht auf alle Muskelpartien gleichmäßig aus. Woher nahm der picklige Junge seine Vision und schaffte es, über seine Schwächen hinweg zu spielen, so als sei diese naive Schuljungenhaftigkeit der beste Weg, sich anzupreisen? Ihre Liebe zu ihm war noch durchlässig. Körperlos. Geruchlos. Ohne Schweiß und das Schnarchen neben ihr. Ohne Pyjamas.

Verstummte & vermummte

Sonntag, Januar 24th, 2010

Kurze trennungen beleben die liebe
Lange trennungen lähmen sie
Dachte ich bis heute : liebe leute
Liebe läutend : hielt ich das telefon ans ohr
& hörte deine vor : würfe : kaum
Hatte ich den hörer empor : gehoben
Da raschelte es : klagte es : ich
Verstummte & vermummte mich
Bin das ich : meinst du mich
Dieser fiese freche grobian : sieh mal
in den spiegel : du bists
Hälst dich mir vor : daß ich nicht
Wiedererkenne : wer das ist : ich
Wir entkommen der falle nicht : keiner
Nicht : alle : die langen werden
Kurz & die kurzen lang : es bleibt
Der drang

Alte Sünden (Reprise)

Sonntag, Januar 24th, 2010

für Matthias

- Quantentränen in Kadmiumträumen ohne Erinnern woran und wozu. Beschleunigung auf annähernd Sinnlosigkeit. Mit der Lichtgeschwindigkeit einer welken Tomate allein im großen Garten, wo die Wüstennacht endet. Neue Messungen. Black Box im Geschenkartikelformat. Unter Lampenschirmen erhellt, im Oberlicht schwimmend. Wenn die Temperaturen aus den Dünsten der Meßfühler steigen, ganz als sei alles Maß und Zahl. Und es träumt.

- Wie?

- Sinnlosigkeit. In den Tränen eingeschlossen die Worte. Insektenbeine, Mäusekrallen und das vollständige Sortiment der magischen Insignien. Unter Flutlichttürmen erklingt wieder das große Krabbeln. Kunstwelt, Fensterglas – alles das: Nur der Schnee gibt noch Nachricht vom Vergessen.

- Nein, das lügst du dir jetzt aus der Tasche.

- Eine Straßenbahn rattert durch die Wüste und quietscht vor jeder Wanderdüne den Mond an. Und der Chor der bellenden Hunde, die das Kraftwerk bewachen. Das ist ein Reaktor, gebaut aus dem Teer dieser grübelnden Form. In den Lampen brodelt der Tod. Zutaten aus Hoffnung und Wahnsinn. Kein Papier, nur das Flackern der Leuchtdioden. Und die Lämmer blöken wie eh und je.

- Aber das ist ja der Wahnsinn!

- Hinter den Mauern der Meldestelle feiern Trinker ihr Fest. Erst wenn die Worte versiegen, senkt sich der Schlaf auf die Wüste: Mein Polarfuchs, mein Liebling, mein Herz – Faulenzer von Gottes Gnaden. Hinter der Umzäunung aber hängt der Fahrplan. Flackerndes Zwielicht. Neue Messungen. Sinnlosigkeit. Datenströme zur Meldestelle. Eine Straße, da die Wüste axialsymmetrisch aus sich herausquillt. Harakiri vor neuen Ufern, geronnen zu Bernstein. Und Quantentränen in Kadmiumträumen unter gigantischen Flutlichttürmen. Das ist ein Reaktor, ich will mit ihm die Meere befahren auf dem Teer meiner grübelnden Form.

- O Käptn, mein Käptn!

- Bitte nicht. Der Darm verschlingt sich dabei immer so eigenartig. Nach drei Wochen ohne Blickveränderung kommen einem die unverhofften Gedanken vor wie Albatrosse, die außer Hörweite an der Insel vorbeifliegen. Du fängst an, deine Ödeme zu duzen. Zwischen dir und deinem Körper nichts weiter als grauer Matsch. Kultur. Wenn der Arsch ein Mensch wäre, würde man ihm den Mund verbieten. Aber er lässt sich ja nichts mehr sagen.

Robinson Crusoe (2)

Samstag, Januar 23rd, 2010

Abschied: Aufbruch in die Welt

Die Wolken fallen mir auf den Kopf.
Die Wände kommen auf mich zu.
In meinem Schlaf öffnen sich Türen,
Ich weiß nicht wohin.
Lebt wohl, liebe Eltern!
Dieses Schiff ist mein.
Irgendwann komme ich wieder,
Wegen mir müsst ihr nicht traurig sein.

Ossip Mandelstam, 20.01.1937

Dienstag, Januar 19th, 2010

Wie irgendwo die Erde ein Stein vom Himmel weckt
Fiel filigran ein Vers, kennt seinen Vater nicht:
Das Unerbittliche – Fundstück für den Dichter -
Kann nicht anders sein, niemand weist ihn zurecht.

Robinson Crusoe (1)

Montag, Januar 18th, 2010

Die Eltern erziehen das Kind

Geboren aus der Rippe seiner Mutter
Erforschte er den Rand des Lächelns;
Verwickelt in die Stimmlagen des Vaters
Machte sich von allem er ein Bild:
Wozu sind diese Dinge da?
Wie heißt der fremde Fleck dort drüben?
Warum sind manche Menschen böse?
Wie sieht es aus am Ende der Welt?

Wieder : in pluderhosen

Samstag, Januar 16th, 2010

Katzenduft in wurzen
Rausschmiß in riesa
Verspätung in waldheim
Kurzer aufenthalt in leipzsch
Schon ist die reise vorbei

Wir sehen uns wieder : in pluderhosen
Wir riechen uns wieder : vorm abtritt
Wir hören uns wieder : in der telefonleitung des chefs

Dein talent ist respektlosigkeit
Mein talent ist provokation
& du bist beleidigt (was unterstelle ich dir)
& ich ticke aus (wie du mich ärgerst)

Wurzen, riesa, waldheim,
Leipzig, berlin : nirgendwo
Sind wir zu hause : überall
Gehn wir hin & hinüber

Ossip Mandelstam, 09.01.1937

Samstag, Januar 9th, 2010

So lächle doch, zorniges Lamm, von Raffaels Leinwand!
Die Lippen des Universums darauf sprechen schon ihren Einwand…

Im leichten Hauch der Hirtenflöte löse das Leid der Perlen auf -
Festgefressen in seiner Hülle hat sich das ozeanische Blau.

Farbe geraubter Seele in lichtloser Höhle zerrüttet,
Falten stürmischer Ruhe über den Knien verschüttet.

Auf dem Felsen härter als trockenes Brot – die Stöckchen des Waldes sacht,
Und es schwimmt von den Rändern des Himmels her eine reizend-entzückende Macht.

Die Wiese

Samstag, Januar 9th, 2010

Ein Schritt, und der Fuß versinkt im Boden, der Wind stellt das Wehen ein und die Sonne steht hinter eigenem Licht. Noch ein Schritt, etwas knistert, eine Böe löst einen trockenen Halm. Ein Blick nach rechts: Dunst. Ein Schritt zurück, ein schräger Stein, ein Schattenfleck, eine Quelle.

Robinson Crusoe. Metapoem

Dienstag, Januar 5th, 2010

1. Die Eltern erziehen das Kind.

2. Abschied: Aufbruch in die Welt.

3. Schifffahrt nach Plan und Regeln.

4. Die Elemente: Blitz, Donner, Welle, Sand.

5. Allein im Paradies.

6. Die Sprache der Tiere, die Zeichen im Wald.

7. Beziehungen: Nähe, Ferne.

8. Das unbekannte Ich.

9. Tanz.

10. Rhythmus einer Stimme aus dem Körper.

11. Ich Robinson, du Freitag .

12. Zusammenleben.

13. Was ist hinter dem Horizont?

Wind, Farbe, Feld

Montag, Januar 4th, 2010

Wie
durch blutige zweige
dringst du ins helle.

Gennadij Ajgi, aus: Ruhe

Im geäderten Dunst
eines Blicks
auf die Dinge
der Körper und Menschen
(menschenklein oder
riesig so klein) dass schon
niemand mit Augen darinnen ein
Nest sich kann bauen

ruhet still eine Lichtung ein
fast leerer Fleck im Blicken
so offen ganz oder klar
für das wehende Lied
durch den Raum zwischen
Dingen und Menschenkörpern
und schwer angeblickt ohne Scheu

Dass im Winde vergessen fast kann
ganz das Auge der Wunden die
geraden und runden Striche
wie der Linien im Freien
wieder im letzten der offenen
Blicke woraus wie die Sonne
urplötzlich erscheint nicht mehr wie

Willst du das wirklich?

Samstag, Januar 2nd, 2010

Bildergebnis für frau übergewicht

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