Archive for Dezember, 2009

venen im pelz

Dienstag, Dezember 29th, 2009

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An der leipziger skala läuft ein stück, das die grenzen herkömmlichen bühnentheaters sprengt und dennoch theaterspiel mit vorgegebenen rollen bleibt, sich nicht in improvisation auflöst. Die rede ist von “im pelz”, einer bearbeitung, die katharina schmitt an der “venus im pelz” von leopold sacher-masoch vorgenommen hat. Dem programmzettel zufolge hat sacher-masoch vier jahre in leipzig gelebt, ohne daß die stadt von ihm notiz genommen hätte. Der ruhm, der sacher-masoch mit der figur des devoten liebhabers ereilte, war ihm unangenehm, beinahe peinlich. Dabei gelingen ihm einsichten in die machtverhältnisse der liebe, wie sie sonst nirgends zu lesen sind. Bereits die gutbürgerliche sitte des kuchenessens mutiert erst zum sadomasochistischen spiel, am ende zur würgefolter. Weiter gehts mit fußbodensauberlecken, woran “schon viele gescheitert sind”. Es wird im stück nicht gezeigt, was auch nicht nötig ist. Den höhepunkt bildet die persiflage heutiger exerzitien mit der peitsche, wie sie im sm-studio üblich zu sein scheinen. Das eigentlich besondere der inszenierung ist die platzierung des publikums: anstelle der sitzreihen lag ein riesiges fell auf dem boden ausgebreitet, auf dem sich die zuschauer – nachdem sie ihre straßenschuhe gegen filzpuschen getauscht hatten – niederließen, sich ausstreckten oder räkelten. Die beiden schauspielerinnen – keineswegs im pelz, sondern kontradiktisch in weißen baumwollkitteln, fast medizinisch – schlängelten sich zwischen den leuten durch, sprangen um einen schwebebalken herum, der den raum teilte. Die sitzordnung hatte etwas von wg-party, die pärchen kuschelten sich aneinander, es war eine lust, mit so unterschiedlichen leuten auf dem boden zu lungern. Die schauspielerinnen erzielten eine unmittelbarkeit, die eine bühne der unvermeidlichen distanz wegen verhindert hätte. Nur ihre stimmen und die vorgegebenen rollen zeichneten sie als schauspieler aus. Sie verschmolzen nicht mit dem publikum, aber waren ihm zum anfassen, fast schaurig nah. Im unterschied zum kino, das seine wirkung allein mit audiovisuellen illusionen erzielen muß – diese art der inszenierung schafft, was dem kino versagt bleibt. Mit dem verzicht auf die bühne behauptet das theater eigenständigkeit, bietet einen mehrwert weit über frontalberieselung hinaus: chillen und unterhaltung, sinnliche berührung und quasi philosophisches sinnieren in einem. Dann wurde es dunkel, sogar die beleuchtung der notausgänge erlosch, es war eine absolute finsternis, an die sich die augen nicht gewöhnten, und in diese finsternis hinein tönten aus wechselnden richtungen zwei stimmen, sonst nichts. Die szene steigerte sich noch, wieder bei licht, als der devote liebhaber, um sich noch mehr zu quälen, nach einem zweiten mann verlangte. Er wurde tatsächlich von einem mann gespielt, einem mann mit ordentlichem brustfell, dem später in ein echter fellmantel übergeworfen wurde. Als der mächtige mann erschien, begann der liebhaber zu zittern. Die realität der konkurrenz hatte er sich anders ausgemalt. Er wollte das masochistische spiel beenden, doch längst hatte es eigenleben gewonnen, die anderen beiden setzten es einfach fort, aus spiel wurde ernst. Um es nicht einzugestehen, spielte er wider willen wieder mit und ließ sich – symbolisch – fröhlich auspeitschen – und schluß. Nein, ein detail habe ich unterschlagen: der mächtige mann im pelz erschien von der seite und hinter ihm bedeckte ein montagsdemofoto mit devoten ddr-gesichtern die gesamte wand – mit einem schlag erhielt der privat anmutende dialog der kurgäste zu den machtverhältnissen in der liebe eine politische dimension, ohne daß es mit einem wort gesagt werden mußte…

Ophelia, bleiche Nebel

Donnerstag, Dezember 24th, 2009

I
Schwer dröhnt die Milchstraße
Im Schwarz himmlischer Asphalte.
Hoch recken sich die Stengel-
Säulen irdischer Basalte.
Tief unten gurgelt einer seine
Liebe in die Aggregate.
Leichtfüßig läuft die Winterkatze
Von rechts nach links über die Straße.

Die Jagdgesellschaft ist verschwunden
Hinter dem Sternbild Kleiner Hund.
Die Zukunftsorgeln drehen sich
Ohne jeden Grund.
Die Chaosgrillen zirpen nicht,
Wo man sie singen heißt.
Ohnmächtig träumt der Bäckersfrau
Ein Nebel sternenweiß.

Leicht geht ein Wintersturm
Von Ost nach West über den Planeten.
Tief unter allen Felsenkrusten
Schwärt die Liebe der Osseten.
Hoch über zähen Lavaströmen
Gedeihet Frühbeets Kopfsalat.
Schwer hängt eine gequälte Seele
In ihres Herzens Apparat.

II
Ohnmächtig klimmen wir, blinde
Zeiger gen Mitternacht, Mitternacht.
Die ungeborenen Enkel, Enkel
Haben noch nichts falsch gemacht.

III
O Fallada, Ophelia!

Afrika, die Amerikas, Asien in den Ozeanen, Australien, aber natürlich auch Europa und seine Antarktis

Donnerstag, Dezember 24th, 2009

Ein Mensch

Ist der Kuchen

Seiner Kinder -

Esst, esst und trinkt,

Damit es blühe

In euch -

Das Mitleid

Mit dem Körper

Dieser Welt,

Mitleid des Menschen

Mit dem Leiden jener Welt:

Süß fließt die Milch

Durch Honigland,

Scharf bläst der Wind

Aus den Stimmen hervor

Die Münder, Nasen, Augen

Auf der Haut, so

Tief im Ohr: Ein Kuchen -

Der Mensch

Halbgefrorn

Mittwoch, Dezember 23rd, 2009

Es hat geschneit : die autos stehen still
Kein starker arm : es rieselt sacht
Kein riese : kein führer : kein gott
Halbgefrornes wasser dämpft
Den verkehr : der lebenstrieb
Kehrt zurück zum leben : wärme
Kommt von innen : dahin
Igeln wir uns ein

Epikrise

Montag, Dezember 21st, 2009

Wir finden zusammen
Wir sitzen zusammen
Wir essen zusammen
Wir singen zusammen
Wir schlafen zusammen
Wenn du mich gut
Betreust : zeige ich
Gute Manieren

Off topic:

Mittwoch, Dezember 16th, 2009

Das Deutsche Literaturarchiv verfolgt mit Interesse ihr Weblog und wuerde gern mit Ihnen Kontakt aufnehmen. Ueber eine Rueckmeldung an Jochen.Walter@dla-marbach.de wuerden wir uns sehr freuen. Gruesse aus Marbach, Jochen Walter

Weihnachts-Quiz für helle Köpfe

Dienstag, Dezember 15th, 2009

Am Himmel der Glanz

Des dunkelsten Monats: Wieviel Watt

Umfasst diese kosmische Leistung?

IN JEDEM LICHT GIBT ES

Samstag, Dezember 12th, 2009

Einen Kern, so

Schwarz wie die Nacht

Noch vor ihrer Benennung -

Abwesenheit

Jeder Farbe, so

Grau glimmt die Bedeutung

Des Wortes, Gleichklang

Des Hirns mit dem Ohr -

Schwingen

& Gebrumm, 50 Hz

Und mehr, oder weniger noch

Ein Flügelgeschrei, so

Schwarz ist die Farbe

Wahrnehmungsgeformter Welt:

Begrenzt sich alles

Mit dem Flügelgebrumm

Seiner Gleichheit,

Krankheit in der

Plätschernden Wellenarchitektur

Von Raum und Zeit,  Wieder-

Kehr oder Zukunft,

Nichts außer es selbst

In seinen leuchtenden Grenzen.

In jedem Licht aber

Gibt es einen Kern, so

Schwarz wie die Sonne

Noch vor ihrer Benennung -

Erscheinen

Stummer Namen vor einem

Antlitz mit Augen noch

Die nichts sehen, Ohren

Die nichts hören, Namen

Die nichts meinen außer

Dass Du da bist

Und ich hier,

Dennoch

Hier bin

Anlauf (Physik)

Donnerstag, Dezember 10th, 2009

Die Wolken stapeln sich

Zu Himmelsgeschichte, die

Wässrige Hülle des blauen

Nie-Mehr breitet, weil

Ohne kein so, allen

Wirbel ins Rücklicht:

Eben, parabol, übertrieben

~fallende blätter

Donnerstag, Dezember 3rd, 2009

In der stadt

fallen die blätter

ohne jahreszeit

ein rufen und blühen

kaum betrachtet

geht in achtlosigkeit vorüber

ein aufsehen

erregen

fällt am ende

einfach so

spurlos

zu boden