Archive for November, 2009

Am Nebentisch

Sonntag, November 29th, 2009

zitrone-300.jpg 

Ich war in den verliebt. Ja, in den, links unten auf dem Foto. Ihm verfallen, zugegeben. In die Art verliebt, wie er seinen Arm über die angewinkelten Beine legte, kaum wusste, was er da tat. In Tweed gekleidet, zu gut für einen jungen Kunststudenten. Für einen jungen, armen Kunststudenten. Das Bild von ihm ist schon alt. Hat blasse Farben und Knicke am Rand, trägt Spuren von Fingern, Hautcreme und Küssen. Man tut immer so, als seien solche Aufnahmen lediglich für ein Magazin gemacht oder für die ganz jungen Mädchen, die willfährigen Opfer, die Sex noch mit Liebe verwechseln. Und wissen Sie, eine Frau in reifem Alter kann die Vergangenheit einholen. Verliebt. Wie bescheiden das klingt. Fällt Ihnen ein besseres Wort ein? Ja, sexuelle Entschiedenheit. Das Ergebnis langer Enthaltsamkeit. Oder wie erklären Sie sich das, wenn jemand beim Anblick eines in Tweed verhüllten Herrenbeines bereits schwach wird, es in der unteren Hälfte zu kribbeln und beinahe schmerzhaft zu zucken beginnt? Ich rede ja nicht von Rheuma. Glauben Sie, es gibt kaum etwas Gesünderes. Und was tue ich jetzt? Ich gehe zum Tablettenschrank. Ein Königreich für eine Schachtel Valium. Schaffe es kaum, mehr als einen halben und mehligen Apfel am Tag zu mir zu nehmen, vielleicht eine Walnuss, ungefähr die Größe seiner Nüsschen, die ich nie zu sehen bekam. Zum Teufel. Ich knabbere an der Walnuss. Während meine Zähne sie zerbeissen, kommt es mir fast so vor, als hätte sie nur darauf gewartet, mit ihnen Bekanntschaft zu machen. Das Knabbern eines Eichhörnchens kann nicht zärtlicher sein. Flinke und weithin unsichtbare Tiere sind mir die liebsten, und dann, wenn niemand hinschaut, könnte ich kurz mal einen Blick auf all das werfen, was der Tweedstoff da verhüllt. Wunschdenken. Ich Dumme, ich. Tablettenschrank, Vodka, mit Zitrone – oder ohne. Später dann, im Café, einen Herren am Nebentisch, der löffelt vielleicht gerade seinen Eiscafé aus. Ist um die fünfzig oder älter. Aber er trägt keinen Tweedanzug. Ein Feiner, der in Tweed. Ich werde also tun, was ich immer tue: ich winke der Kellnerin und bestelle die Zeitung.

Licht und Schatten

Samstag, November 28th, 2009

Hier die Erinnerung.

Dort die Zukunft.

Dazwischen nichts.

Der kreisende Bauch

Des Weltalls,

Immer & wieder da-

Zwischen. Gedicht. Ge-

Brumm, so

Bleibt was bleibt

Auf Erden:

Weg

Von der Pforte,

Grenze zwischen zwei Reichen,

Zurück in die Kindheit

Der lebenden Wesen.

Wenn alles vibriert in sich.

Wenn dann alles vibriert. Dann vibriert,

Vereinzelt Langeweile

Montag, November 23rd, 2009

Die literarische Klasse hat Leipzig verlassen. Auftritte der jungen unabhängigen Verlage sind außerhalb Leipzigs ein Publikumserfolg und stoßen auf regen Zuspruch. In Leipzig selbst haben sie jedoch kein Heimspiel: Die Leipziger lassen sie im Stich. Die Uni-Studentenschaft, einst berühmt für die Vielfalt der Orchideenfächer, rockt in den Diskokellern, zockt bei eBay oder hockt in biederen WGs. Die lokalen Medien entfachen keinen Trommelwirbel, um das im Untergang befindliche Verlagsgewerbe in Deutschlands einstiger Buchhauptstadt zu begleiten – mediales Schweigen als Grabkapelle. Die großen Verlagskonzerne haben der Stadt – mit Ausnahme des Kinderbuchverlages von Klett – den Rücken gekehrt. Kiepenheuer, Reclam, Insel – sie sind weg. Die Leser aber geben sich verwöhnt: Zur Buchmesse und bei hohem Besuch frisch gebackener Nobelpreisträger da erscheinen sie alle und wollen in der ersten Reihe sitzen, vom Oberbürgermeister bis zur Hobbyfotografin, die für ihr Kaffeekränzchen einen stolzen Schnappschuß von Prominenten benötigt.

Doch was hilft es zu jammern? Jammern gehört zum Verlegen, seitdem es dieses Geschäft gibt. Verleger sind unheilbar Hoffnungserfüllte – darin besteht gerade ihre Geschäftsidee: sie legen vor und spekulieren auf den späteren Gewinn, der immer häufiger ausbleibt, während die Kosten trotz Internet wachsen. Die jungen Leipziger Verleger aber können sich selbst an der Nase zupfen. Sie haben sich nichts überlegt, um ihren gemeinsamen Auftritt zum unglücklich benannten Festival „textenet.de“ zu gestalten, haben sich nichts überlegt, um den Laden zu füllen: weder ein gut gelegener Ort (der Josephkonsum ist eine besondere, aber keine besonders gut auffindbare und vom Laufpublikum begangene Adresse) noch eine besondere Zeit (die gleichzeitige Präsentation der Verlage mit der Eröffnung der Jahresausstellung hätte Kunst- und Literaturinteressierte zusammengeführt). Die Lesungen waren langatmig und bis auf eine Ausnahme komplett humorfrei. Es wurde keine Musik gespielt und es gab keine anständige Versorgung mit Kulinarien und spirituellen Getränken. (Geraucht wurde wie überall unspektakulär draußen vor der Tür …) Nicht einmal Schauspielstudenten waren eingeladen worden, die Texte der notorisch schlecht lesenden Autoren zu rezitieren. Es fehlten Youtube- und DJ-Einlagen, um den Textmarathon aufzulockern. Dem Moderator fehlten Biß und Beharrlichkeit, wahrscheinlich überhaupt ein übers naive äußere Wissen hinausgehendes Verständnis der Verlagsszene, um spannende Fragen zu stellen.

Also muß sich niemand wundern. Soviel Veranstaltungseinfalt wird selbstredend bestraft. Als hätte es das Publikum, das durch Abwesenheit glänzte, schon vorher gewußt. Auch wenn andernorts – zum Beispiel in Dresden oder München – das Interesse an der Literatur selbst noch genügt, um die Lesenden herbeizulocken. Freilich hätten – und dies ist der Hauptschmerzpunkt – sich die jungen Verleger zusammenschließen und nicht allein auf den trögen Veranstalter verlassen dürfen, sie hätten dagegen rebellieren müssen, daß sie zu Langweilern abgestuft werden, hätten sich mit ihren Vorstellungen durchsetzen müssen, um ein lohnenswertes Ereignis zu schaffen. Bücher allein genügen – heutzutage – nicht. Die Öde der Verlagspräsentation hatte also unmittelbar mit dem Einzelkämpfertum der Beteiligten zu tun, die sich lieber gegeneinander verschanzen und ihre subtilen Eitelkeiten kultivieren, als zu kooperieren, Ideen und Schlagkraft zu gewinnen. Wenn dieser Sonnabend etwas gezeigt hat, dann daß es gilt, die Vereinzelung zu überwinden.

General Motor

Sonntag, November 22nd, 2009

1: Stillgestanden!

2: Sie sind degradiert.

3: Jefrejta * * * , wegtret’n.

es war einmal in europa

Sonntag, November 22nd, 2009

die menschen so klein wie kinder

die dinge so groß wie ein mensch

der himmel musik, bewegte verhältnisse

Europa-Nachrichten

Samstag, November 21st, 2009

Gestern Abend wurde am Kernforschungsinstitut CERN bei Genf der weltgrößte Beschleuniger im zweiten Anlauf in Betrieb genommen. Der erste Durchlauf war im vergangenen Sommer nach 9 Tagen abgebrochen worden, als ein Kabel in einem Verbindungsschacht fast einen Brand verursachte. In der 27 km langen, unterirdischen Röhre kreisen die von Forschern systematisch vereinzelten Elementarteilchen um ein unsichtbares Zentrum. Solche Teilchen werden mit ihrem Verhalten die Bedingungen simulieren, aus denen der gegenwärtige Kosmos hervorgegangen sein soll. Umstritten ist in der interessierten Öffentlichkeit nach wie vor, ob die Entstehung eines neuen Universums im Ergebnis der experimentellen Extrembedingungen ausgeschlossen werden kann. Kritiker halten den Anhängern des Schreckensszenarios entgegen, dass auch zwei Weltkriege in den vergangenen hundert Jahren nicht vermocht hätten, die Lebensbedingungen der Menschheit grundlegend zu ändern.

Einwohner von Genf stehen dem Ereignis interessiert oder skeptisch gegenüber. Hinter einem Imbissstand in der Nähe des Marktplatzes brach gegen Mitternacht ein Feuer aus, das nach einigen Stunden von selbst verlöschte und keinen Schaden anrichtete.

Auf dem Flughafen von Prag gab es am gestrigen Abend einen Brand in der Flugleitzentrale. Die anstehenden Flüge nach Berlin, Dresden und Karlsbad wurden kurzfristig abgesagt. Etwa hundert Reisende mussten in einem Notquartier untergebracht werden. Da sich einige Reisende spontan bereit erklärten, die knappen Schlafplätze zu teilen, konnte eine drohende Überbelegung des Flughafenhotels unbürokratisch abgewendet werden. Die EU-Richtlinien zur Vermietung von Einzelzimmern schließen Doppelbelegungen kategorisch aus. Ob diese Regelung auch Notfälle umfasst, ist unter Brüsseler Experten nach wie vor umstritten.

In Sankt Peterburg versammelte sich am Morgen eine Menschenmenge, um des vor über 67 Jahren verstorbenen Dichters Daniil Charms zu gedenken. Am Rande der Feierlichkeiten kam es zu einem Unfall, bei dem drei Frauen mittleren Alters aus den Fenstern eines fünfstöckigen Wohnhauses stürzten. Laut Zeugenaussagen waren dem Unfall Gezeter, das Hissen zweier Bettlaken sowie der Versuch vorausgegangen, sich in zwanzig Metern Höhe über drei Hauseingänge hinweg zu verständigen. Ein Passant kommentierte den Vorfall mit den Worten, die Geschichte wiederhole sich. In der heutigen Nachmittagsausgabe eines lokalen Nachrichtensenders widersprach der Moderator völlig überraschend einem örtlichen Regierungsbeamten, der behauptet hatte, der tragische Vorfall sei Ausdruck des für Russland ganz normalen Chaos’.

Apogramm

Samstag, November 21st, 2009

Die Haare der Weide sind blond geworden.

Sie hat ihre Punk-Phase hinter sich gelassen.

Kalbende Gletscher sind keine Kühe

Sonntag, November 15th, 2009

Vers

aus einem

nicht geschriebenen Gedicht,

aus + lauf

Sonntag, November 8th, 2009

ich brauche mein revier + sonst
du weißt schon + werd ich
ungenießbar + breche aus + lauf weg
von hier + umsonst sind spott
& hohn + es ist nichts wahr
ich muß hier raus + das sag ich dir

Glauberg. Fellmütze. Observatorium

Freitag, November 6th, 2009

Die Woche dreht sich

In den schwarzen

Raum

Hinein, das Pochen

Unterm Schädel

Quillt aus allen Poren:

“zitternden Hülle des Abendlichts” -

Kaum spürt man die Sterne

Beim Schauen

Vergötterung der Freude

Sonntag, November 1st, 2009

Es ist vorbei, bye-bye

Nun hebt es an:

Tochter, an den Blattspitzen des Februar klebend -

Novemberkind, Oktoberzucken

Zu beiden Seiten des Lippenpaars

Zu allen Monden des Mai…

Der Juni schaut dir ins Gesicht