Archive for Juni, 2009

Dumm gelaufen (Probekapitel aus meinem Roman)

Mittwoch, Juni 10th, 2009

Geld dabei, Schlüssel und Handy eingesteckt, Haare gegelt. Kurzer Check, passt alles. Das ist mein normaler Ritus, wenn ich aus dem Haus gehe. Alles hat seinen Platz. Mein Geldbeutel ist in der linken Gesäßtasche, Schlüssel und Handy habe ich mir in die beiden vorderen Taschen gesteckt. Es kann losgehen.

Simon wartet schon. Er sitzt draußen im Taxi vor meiner Türe und blickt sehnsüchtig in Richtung meiner Haustüre. Ein Kumpel von Klemme hat heute Geburtstag, ich habe den Typen (Ich glaube Tim heißt er) noch nie in meinem Leben gesehen, aber Klemme hat gemeint, wir könnten auch kommen. Umsonst Saufen und schöne Mädels, das sind doch mal zwei gute Argumente am Samstagabend sich stadtfein zu machen. Ich habe mir noch schnell im Internet die Adresse von diesem Tim heraus gesucht und sie mir ausgedruckt. Es ist eigentlich gar nicht mal so weit entfernt, aber Simon und ich hatten keine Lust bei dieser Eiseskälte durch die Stadt zu latschen.

„Hey, Felix. Na, was geht? “

„Dere. Ja, passt scho alles. Ich habe vor einigen Tagen doch noch Post von der Polizei bekommen.“

„Und? Was is jetzt?“

„Hannahs Freund verzichtet auf eine Anzeige, wenn ich auf eine verzichte. Für die Polizei is damit der Fall abgeschlossen.“

„Und der Alkoholtest?“

„Ich bin ja ned Auto gefahren. Da ham sie nichts gegen mich in der Hand. Sie hätten mich nur wegen Körperverletzung am Arsch gehabt.“

„Das Glück sei mit den Dummen.“ Idiot. Simon lässt häufig mal so dumme Sprüche raus, auch wenn sie nicht ganz zur Situation passen.

„Hast du die Route?“

„Ja habe ich.“ Ich gebe ihm die ausgedruckte Anfahrtsbeschreibung und er reicht sie weiter an den Taxifahrer. Der Taxifahrer schaut sich es kurz an und legt dann den Zettel auf den freien Beifahrersitz.

„Ich kenne den Weg.“ Das ist gut, wenn er weiß wo es hingeht. Ich lehne mich zurück und starre aus dem Fenster. Wir fahren quer durch den Stadtwesten, vorbei an schönen Altbauwohnungen und schönen Grünflächen. Hier rechts kommt die Ostdeutsche Galerie. Meine Mutter war früher ein großer Kunstfan, vielleicht ist sie es heute immer noch, das weiß ich nicht, jedenfalls war sie früher zu jedem Anlass in der Ostdeutschen und hat dort die zahlreichen Ausstellungen besucht. Ich selbst war auch ein paar Mal dabei, mein Sachverstand hat sich aber zu dieser Zeit noch sehr in Grenzen gehalten, ich war schlichtweg…

„Ich habe eine Überraschung auf der Party.“ Ich erwache aus meinem kurzen Tagtraum und sehe wie Simon mich anlächelt.

„Was denn?“

„Verrate ich dir nicht, aber es wird dir gefallen und du wirst dich sicherlich freuen.“

„Du springst nackt aus der Geburtstagstorte!?“

„Nein!! Depp.“

„Du Rennst besoffen halbnackt zunächst durch den Raum, knutschst alle anwesenden Frauen und machst dann draußen vor der Türe zunächst einen Schneeengel und pisst dann deinen Namen in den Schnee?“

„Nein, das mach ich nicht nochmal. Ich will mir nicht schon wieder eine Lungenentzündung holen.“

Das waren noch Zeiten. Es war Silvester 2002 in den österreichischen Alpen. Wir machten uns Fertigpizza und leerten innerhalb einer Stunde annähernd zwei Kästen Weizen. Wir waren fünf Jungs. Wenn keine Mädels dabei sind, dann wird einem schnell langweilig und man(n) macht dann solche dummen Aktionen. Ich hätte am selben Abend um ein Haar eine Rakete in unsere Hütte geschossen. Klemme war so besoffen, dass er eine Rakete in seiner Hand starten lies und sich dabei zwei Finger verbrannte … Tja, die guten alten Zeiten.

„Also, komm sag schon!“, fordere ich Simon auf. Er grinst mich nur an und schaut wieder aus dem Fenster.

Wir sind da. Wir teilen uns das Taxigeld und gehen in den Hinterhof des Wohnblocks. Jetzt müssen wir nur noch das Haus 3a finden.

„Hier ist 3b.“

„Super, Simon, jetzt müssen wir nur noch 3a finden.“

Zwei Minuten brauchten wir um das Haus zu finden. Ich dachte mir zuvor, dass wir die Partylocation schnell finden werden. Da wo es am lautesten ist und die beste Musik läuft, da müssen wir hin. Es war aber noch total ruhig, man hörte nur ganz leise eine alte CD-Anlage.

Simon hatte zum Glück eine Flasche Wodka mitgenommen. Es kommt immer so blöd, wenn man auf Partys ohne irgendetwas erscheint, vor allem wenn man auf eine Feier geht, wo man gar nicht eingeladen ist. Egal, wir beide stehen jetzt vor der Tür und trauen uns erst nicht zu klingeln. Sollen wir wirklich hingehen. Ein bisschen Hemmungen habe ich schon.

Die Türe geht auf.

„Hey, servas. Ihr müsst die Kumpels vom Klemens sein, oder?“

„Ja, stimmt. Ich bin Simon und das ist Felix.“

Ein kurzes „Servus“ geht mir über die Lippen. Tim sieht noch fast aus wie ein Kind. Er hat so ein kindliches Gesicht, kleine Nase, breites Kinn und große Augen. Seine Backen sind anscheinend auch noch nicht den Babyspeck los geworden. Er hat schon einen kleinen Bauchansatz und das Wort Hygiene wird bei ihm wohl eher klein geschrieben. Er mieft ein bisschen, um es direkt zu sagen.

„Kommt ruhig rein, fühlt euch wie Zuhause. Weizen steht im Kühlschrank, harte Sachen findet ihr unter dem Biertisch. Essen steht auf dem Tisch.“

Wir nicken und gehen rein. Von dem Hausinneren selbst sehe ich nur wenig, eine Holztür im traditionell bayerischen Landhausstil versperrt mir die Sicht. Die Party findet nämlich unten im Keller statt. Dieser ist zu einem Partykeller mit Bar und Billardtisch ausgebaut. Zwei große Sitzbänke bieten den Gästen genügt Platz, um hier so richtig zu feiern. Obwohl gerade da hakt es noch, so ganz die Partylaune ist noch nicht da. Vielleicht 7-8 Leute sitzen teils auf den Bänken, teils am Tresen. Es sind, wie ich sehe, fast nur Pärchen, die sich Händchen halten und sich im Sekundentakt abknutschen. Simon und ich gehen uns erst mal ein Weizen holen und setzen uns dann auf eine bisher noch nicht besetzte Bierbank.

Wir prosten uns zu und nehmen erstmal einen ordentlichen Schluck.

„Du, ich geh mich mal ein wenig umschauen. Kommst du mit?“, fragt mich Simon.

„Na. Ich bleib hier.“ Ich schaue mir zunächst mal all die Leute an. Ich muss mich erst akklimatisieren.

Simon zuckt mit den Achseln und verschwindet in dem nun größer gewordenen Partyvolk. Es wird auch endlich eine bessere Musik aufgelegt. Der CD-Player ist zum Glück aus und nun spielt ein an Boxen angeschlossener Laptop die Playliste runter. Der Gastgeber selbst sitzt dran und sucht anscheinend noch nach einigen Liedern, die unbedingt gespielt werden müssen. Als ich gerade mein Weizenglas in die Hand nehme und zu ihm gehen will, bemerke ich, dass er gerade aufsteht und den Platz am Laptop frei macht. Perfekt, dann kann ich mich ja ein wenig dran austoben.

Ballermanhits, 80er Jahre Schwachsinn und nur einige gute Rockklassiker (u.a. Bruce Springsteen  – Born In The USA,  Guns N’ Roses – Paradise City, Guns N’ Roses – Welcome to the Jungle, INXS – never tear us apart und natürlich Queen – Bohemian Rhapsody). Queen ist ein absolutes Muss. Wenn er die nicht in der Playlist gehabt hätte, wäre ich gleich wieder gegangen.

Aber perfekt ist die Musikauswahl noch nicht. Da müssen noch ein paar richtig gute Songs mit rein. Überfüllen will ich es aber auch nicht, ich mische stattdessen einfach einige gute Stücke in die Playlist mit rein, das merkt keiner, dass die da gar nicht rein gehören.

Arctic Monkeys – Fluorescent Adolescent. Perfekt, das kommt auf jeden Fall mit rein. Weitere Songs, die ich noch mit in die Playlist aufnehme: The Kooks – Seaside, The Kooks – Naive, Johnossi – Rescue Team, The White Stripes  – Fell In Love With A Girl und Panic! At The Disco – I Write Sins Not Tragedies. So, fertig. Stolz mit meiner Arbeit lehne ich mich zurück und genieße mein Werk.

„Hast du Love Hurts von Nazareth auf deinem Laptop?“ Eine sanfte Stimme erklingt hinter mir, ihr Hauch berührt meinen Hals, es fühlt sich wunderbar an. Ich drehe mich um. Eine wunderschöne Gestalt steht vor mir, lange blonde Haare, blaue Augen und ein wunderschönes, schmales Gesicht. Was soll ich ihr nur sagen? Zunächst mache ich meinen Mund, der vor Erstaunen mir fast bis zum Knie runter gefallen ist, wieder zu.

„Mhhhh….“ Komm, ich muss was sagen. „Das is nicht meiner, ich habe mich nur grad mal her gesetzt.“

„Ach so. Darf ich mich zu dir setzen?“ Sie lächelt mich an und nimmt sich einen Stuhl aus der Ecke.

„Hey, ich bin Vanessa. Wie heißt du?“

„Felix.“

„Irgendwo her kenn ich dich.“

Bitte, sag nicht, dass du die Freundin von einer Ex von mir bist und dass du weißt, dass ich eine Niete bin und so ziemlich alles vergeige, was mir so vorgesetzt wird.

„Du warst doch bei uns auf der Schule?“

„Kann schon sein.“

„Ja, genau. Du hattest doch auch mal den Ahnert in Latein, oder?“

„Ja, das stimmt.“

„Wir waren mal bei euch in der Lateinstunde, weil wir was mit dem Ahnert besprechen wollten. Ich kann sogar noch sagen wo du gesessen bist. Jetzt habe ich ihn im Latein-LK. Ich mache dieses Jahr Abi.“

Wir unterhalten uns gut eine halbe Stunde über die Lehrer unserer Schule und über das für und wieder von Latein. Ich hasse im Übrigen diese tote Sprache. Latinum habe ich aber trotzdem, mit 4,5, aber ich habe es. Wir haben unser Latinum und können trotzdem kein Latein.

Mir fällt auf, dass sie nach jedem Satz lächelt und das ist kein Verlegenheitslächeln, das ist echt.

Nachdem uns der Gesprächsstoff „Schule“ ausgegangen ist, blicken wir uns zunächst bedächtig an. Wir warten beide, dass der andere etwas sagt, aber es kommt nichts.

Sie blickt sich rechts und links um und neigt dann ihren Kopf zu mir. Sie zeigt mir mit ihrem Zeigefinger an, dass ich mich zu ihr beugen soll.

„Hast du Lust draußen eine Kippe zu rauchen?“, flüstert sie mir zu.

„Ich rauche zwar nicht, aber ich komm gern mit.“

Es ist mittlerweile saukalt geworden. Ich war auch noch so intelligent meine Jacke drinnen zu lassen. Jetzt will ich aber kein Weichei sein und bleibe hart. Wo ist eigentlich Simon? Klemme hast ich auch noch nicht sehen lassen.

„Suchst du wen?“, fragt mich Vanessa, während sie sich Feuer gibt.

„Ich schau nur, wo meine Kumpels ab geblieben sind.“

„Kannst wohl ned ohne sie sein oder hast du Angst, wenn du alleine mit einem Mädchen bist?“ Sie muss Lachen.

„Nein. Wollte nur wissen… ach egal. Welche Musik hörst du eigentlich? Also Rockklassiker magst du, dass weiß ich.“

„Ja, aber auch nicht alle. Am liebsten hör ich Dance und Black.“ Nicht unbedingt meine Musik, aber ich bin tolerant und so reden wir viele weitere Minuten über ihren Musikstil, über ihren Tanzstil und über ihre Begegnungen mit Jungs in den Balck-Beat-Discos.

Ich würde sie gerne fragen, ob sie einen Freund hat beziehungsweise ob sie mit mir ein wenig rum machen will. Ich atme tief durch und versuche meine zittrige Stimme unter Kontrolle zu bekommen. Mein Herz schlägt ganz unregelmäßig, mir wird heiß und kalt, ich bin stark und schwach, ich kann es und kann es nicht. Ich koche innerlich, es muss endlich raus. Komm, Felix, reiß dich am Riemen und frage sie einfach. Kein Weg ….

„Hey, hast du Lust ein wenig rum zumachen?“, fragt mich Vanessa auf einmal. Ich glaube so muss es ich im Himmel anfühlen. Meine Augen werden größer und größer. In Gedanken bin ich bereits schon hinter der Garage und wir beide gehen uns bereits an die Wäsche. Ich spüre ihre Wärme, ihren Körper. Ich bin mir sicher, der Abend wird super.

„Ja, klar…. Natürlich.“ Ich bin so stolz auf mich, ich habe einen angemessenen Satz herausbekommen.

Sie nimmt mich bei der Hand und führt mich zur Bushaltestelle. Es ist noch eine der alten Bushäuschen, die aus Holz gebaut sind und wie ein kleines Blockhaus aussehen. An den Wänden stehen neben Liebesbekundungen (J+P für imma, K+R=?) stehen auch Hassschriften (FUCK YOU, DEI MUDDA SEI GSCHICHT) und unleserliche Graffiti, die wahrscheinlich nur entstanden sind, weil die Linie 4 wieder Verspätung hatte.

Vanessa und ich nehmen Platz und lächeln uns an. Sie schaut mich mit einem schiefen Blick an, sie schaut wie ein kleines Schulmädchen, dass nicht weiß, ob es nun tun soll oder nicht.

Unsere Lippen nähern sich ganz langsam. Ihre Zunge findet meine und es beginnt ein Tanz der Gefühle, wir umarmen uns und ich vergesse alles was war und ist. Die ganze Welt ist mir nun egal, ich lebe für diesen Moment. Komischerweise muss ich in solchen Situationen immer an ehemalige Liebschaften denken.

Meinen ersten Kuss bekam ich schon im Kindergarten, ihren Namen habe ich längst vergessen, aber wie sich unsere Lippen auf dem Jungenklo auf einmal vereinigten, das blieb mir im Gedächtnis und da wird es auch immer seinen Platz haben. Ist schon eigenartig, dass man Mädels schnell wieder vergisst, aber an ein oder zwei besondere Situationen, die man mit einer Freundin hatte, erinnert man sich zeit seines Lebens. Das Küssen gehört für mich zu solchen Zeitpunkten. Jedes einzelne Lippenspiel hat seinen Weg in meinem Gedächtnis gefunden, es ist geradezu eingebrannt. Vanessa und ich können…

„Hey. Willst du hoch gehen?“

Vanessa löst sich aus meiner Umarmung und deutet mit dem Finger auf den 2. Stock von 3a.

Ich weiß, was sie will… J

„Ja, gerne.“

Sie nimmt mich bei der Hand und führt mich. Ihre Hände sind zart und schmal, sie gefällt mir wirklich. Nach so vielen Wochen Durststrecke, habe ich heute endlich mal wieder. YES!!!

Von unten hört man die Boxen und den Beat. Die anderen scheinen wohl groß zu feiern, bei mir hier oben wird auch gleich ein Feuerwerk losgehen.

Wir gehen einen Flur entlang. Vanessa greift mir schon an die Hose… Das ist ja… das ist super. Meine Hände wandern auch schon rüber zu ihr. Ich drücke sie gegen die Wand, ihre Hose ist bereits halb offen. Sie löst meinen Gürtel, und greift mir in den Schritt.

„Oh da freut sich einer.“

Ich grinse. Sie sieht so wunderschön aus, das wir echt mal ein richtig …

„Da bist du ja Felix.“ Die Stimme kenne ich. Simon steht mit Klemme und Nils vor meinem kleinen Liebespalast.

Vanessa und ich drehen uns in seine Richtung. Er soll ruhig sehen, was für ein hübsches Mädel ich mir da geangelt habe.

„Wie ich sehe hast du auch scho eine aufgerissen. Ist sie denn…“ Es verschlägt im auf der Stelle die Stimme. Was ist denn los? Sein Gesicht, das zuvor noch so gestrahlt hat und in dem man seine beiden Grübchen so gut sehen konnte, wird schlagartig knallrot und füllt sich mit Hass.

„Du verdammter Wichser!!!!! Was soll das!!? Wie abgefuckt bist du denn?“

„Moment, Moment was is denn los?“ Ich verstehe die Welt nicht mehr. Ich schließe meinen Gürtel. Warum schreit er mich so an?

„Das ist meine Freundin, du Hurensohn. Lass sie sofort los!!!!“

Das kann auch nur mir passieren. Vanessa ist also die Überraschung, die mir Simon unbedingt zeigen wollte.

„Sorry, das wusste ich nicht. Aber deine Freundin hätte ja schon was sagen können…“

„Lass Vanessa in Ruhe! Die kann nichts dafür.“

Sie war aber die einzige, die wusste, dass sie deine Freundin ist. Ich unterdrücke mein Gehirn das auszusprechen, es würde alles nur noch schlimmer machen. Ich kenne Simon, wenn er einen Hass auf jemanden hat, dann wird dieser durch Ausreden oder Schuldzuweisung auf andere nur noch schlimmer. Wahrscheinlich kommt daher der Begriff „blinde Wut“.

„Es tut mir Leid, Simon. Ich wusste nicht, dass sie deine Freundin ist.“

Es bringt nichts, selbst Nils und Klemme stellen sich nun auf die Simons Seite.

„Du bist doch nur eifersüchtig. Nur weil es mir nicht so beschissen geht wie dir. Das macht mich krank, Felix. Du bist echt das Letzte.“

„Das ist überhaupt nicht wahr.“, entgegne ich, wohl wissend, dass doch etwas dran ist. Ich hätte auch gern ein Leben wie die anderen. Einigermaßen intakte Familienverhältnisse (obwohl es in der Beziehung Simon genauso dreckig ergeht wie mir), keine Zukunftsängste, gute Leistungen in der Uni und vor allem eine Freundin. Alle haben eine, nur ich bin der, der übrig geblieben ist. Das war schon beim Abschlussball in der Schule so, die Mädchen saßen aufgereiht entlang der einen Turnhallenwand und wir, Jungs, an der entgegengesetzten Seite. Damenwahl. Nur war es so, dass die Damen selbst die Wahl trafen, am Ende konnte man merken, dass genau ein Junge zu viel da war. Ich.

Heute ist es auch noch so, zu One-Night-Stands bin ich noch gut genug, aber eine Beziehung wird mir nie zugetraut. Die letzten Worte, die ich immer von meinen Bekanntschaften höre sind: „Es war schön, Felix, aber ich muss jetzt los… bis dann/wann/irgendwann“

Ich liebe mein Leben. Meine einzig wahren Freunde haben mir die Freundschaft auf gekündigt, ich sehe für mich keine berufliche Zukunft und jetzt muss ich auch noch im Regen nach Hause laufen. Ich habe nur eine dünne Jacke an und der Regen, der sich mit der Zeit zu Schnee verwandelt hat, ist lausig kalt. Mir geht der Streit mit Simon und den anderen nochmal durch den Kopf, wie ein schlechter Film. Sie warfen mir sehr viele Dinge an den Kopf, die mich innerlich sehr stark verletzten. Das Rummachen mit Simons Freundin war da nur die Spitze des Eisberges, glaube ich. Sie waren schon seit längerem sauer auf mich, gesagt haben sie es mir nie.

„Das geht doch scho seit Ewigkeit so, du rufst uns an, wenns dir passt … du gehst nur mit uns weg, wenn dir sonst nichts Besseres einfällt… Du lebst doch nur für dich!“, sagte mir Nils während des Streits.

Wirklich widersprechen kann ich dem nicht. Er hat eigentlich vollkommen recht damit. Ich bin ein Mensch der gerne einsam ist, doch dann auch wieder unbedingt Leute um sich braucht. Ich kenne nur das Extrem, bei mir gibt es keine Mitte. Erst gestern war ich mit ein paar Bekannten beim Fußballspielen, Nils war auch dabei. Wir spielten 5 gegen 5 mit Fliege im Tor und ein Spiel ging immer bis eine Mannschaft 10 Tore erzielt hatte. Wir waren, glaube ich, den ganzen Tag am Feld. Es war zwar saukalt und wir mussten erstmal ein wenig Schneeschippen bevor wir unsere Mannschaften bilden konnten. Es war ein Riesen Spaß für mich, ich war wie in Trance. Dieses Glücksgefühl war unbeschreiblich, ich war unter Menschen, konnte laufen, spielen, all die Sorgen waren vergessen. Doch sobald ich die Haustüre öffnete und hoch in mein Zimmer ging, alleine. Da überkam mich die Wut, auf mich, auf alles und jeden. Ich kann jetzt nicht mehr sagen, was ich mir gestern dabei gedacht habe. Welchen Grund hatte ich so zu sein? Ich kann es nicht beantworten.

Ich haue ab, umdrehen geht nicht mehr. Es ist vorbei.

Ich laufe die Obere Bachgasse hinunter, Pärchen kommen mir entgegen und verschwinden in den Eingangstüren der diversen Kneipen. Ein Straßenmusiker und sein alter Hund stehen am Straßenrand. Der Mann packt gerade seine alte Gitarre in seinen dazugehörigen Koffer. Auf der Gitarre sind viele Aufkleber sichtbar. Sie lassen mich vermuten, dass der alte Musiker schon auf der ganzen Welt unterwegs war. Jeden Tag wo anders sein. Ich erkenne Sticker aus London, Kairo, San Francisco und Chiclayo. Keine Ahnung wo das liegt, dieses Chiclayo. Ich google es nachher einfach.

Ich wünschte ich hätte so ein Leben wie er. Er hat keine Verpflichtungen, kann tun und lassen was er will und wenn er Geld braucht, dann macht er das, was er liebt – Musik. Was liebe ich eigentlich? Schokoladeneis. Gut, aber damit kann man nichts anfangen, man kann nur dick werden. Weggehen. Auch nicht besser.  Ich liebe nichts. Ich habe keine Leidenschaft, für nichts!

Ich mache kurz halt an einer Bushaltestelle. Noch 7 Minuten bis der 3er kommt. In der Zeit kann ich auch noch zur nächsten Station vorgehen. Nils ruft mich an.

„Hey!“

„Hey!“

„War echt scheiße von dir heute, Felix.“

„Ich weiß.“

„Wennst es weißt, warum machst dus dann? Ich kann dich echt ned verstehen.“

„Ich wollte doch …“

„Ja, immer du! Du bist echt ein Arsch, weißt du? Ich kann dich gut leiden, aber ändere dich endlich mal, dann schauen wir weiter.“

Er legt auf ohne eine Antwort von mir abzuwarten. Bin ich wirklich so selbstsüchtig? Tue ich wirklich nur was für mich und nichts für andere?

Das Licht der Laternen wirft große Lichtkegel auf die Straße und die vorbeifahrenden Autos fahren durch Schneematsch und tiefe Pfützen. Ich schließe meine Augen. Den Weg von hier zu meinem Haus finde ich auch blind. PFUTSCH. Wieder fährt ein Auto durch eine Wasserlache. Die Straßen in unserer Gegend sollten endlich mal erneuert werden, doch getan wird nichts. Die Wirschafts- und Finanzkrise, dass sind die Totschlagargumente der Verantwortlichen, wenn irgendwo nach Geldern gefragt wird. Die Leute hätten weniger über ihre Verhältnisse leben sollen, dann hätten wir jetzt die ganze Scheiße nicht und wir könnten endlich auf gut ausgebauten Straßen fahren. Ich will mich jetzt aber nicht darüber aufregen, denn primär sollte ich mich über mich selbst ärgern. Ich höre einen lauten Motor, vom Klang her muss es ein Lkw sein, doch es kann…. VERDAMMT!!! Das ist der 3er. Ich schaue auf die Uhr, der ist 3 Minuten zu früh dran. Meine Schuhe sind aufgeweicht. Ich friere. Ich winke dem Busfahrer hinter her und renne noch ein Stück, um noch rechtzeitig zur nächsten Haltestelle zu kommen. Es ist aber zwecklos.

Ich nehme eine Abkürzung durch ein paar kleine Gässchen, doch es erscheint mir eher, dass ich mich verlaufen habe und nun wohl noch länger brauche bis ich mich in mein heiß geliebtes Bett werfen kann. Meine Haare sind eiskalt und Wasser tropft mir von den Haarspitzen ins Gesicht. Bald bin ich Daheim, hier ist schon das Haus von Homeiers. Es sind Freunde von meiner Mum. Sie besuchen sich häufig gegenseitig und sitzen lange zusammen. Der alte Homeier hat mir früher immer Süßigkeiten aus dem Fenster geschmissen, wenn ich auf dem Weg zur Schule an ihrem Haus vorbei kam. Immer um Punkt 07:30 Uhr stand ich unterm Fenster und freute mich schon, was ich gleich fangen würde. Mars, Snickers, Twix. Er warf mir nie 2 Tage hintereinander dasselbe runter. Er starb leider vor 2 Jahren an Diabetes. Das ist doch Ironie, oder? Sein Sohn und seine Tochter, die nun in der Wohnung des Vaters leben, sind auch nicht übel. Wenn sie meine Mum besuchen, dann schenken sie mir Geld oder andere Sachen. Ich bin zwar schon erwachsen, aber beschenken lasse ich mich immer noch gern.

Endlich bin ich angekommen. Ich schleiche leise in mein Zimmer und verschließe meine Türe von innen. Alles was ich will ist Ruhe. Der Tag beschissen genug, jetzt noch ein Streit mit  meiner Mutter wegen irgendwelchen Bagatellen wäre das Tüpfelchen auf dem I. Mein Handy vibriert. Simon hat mir eine SMS geschrieben.

„HI! ICH DENK WIR SOLLTEN UNS FÜR EINIGE ZEIT NICHT SEHEN. IS VLLT BESSER FOR @LL. SIMON“

Ich antworte ihm, dass er wohl Recht hat und dass es mir immer noch total Leid tut, einfach alles. Alles prasselt auf mich ein, ich weiß nicht, was nun kommt. Ich will ehrlich gesagt gar nicht wissen was nun kommt. Meine fast-allabendliche Depriphase setzt ein. Am liebsten würde ich nur noch weglaufen, weglaufen von allem, am besten raus aufs Land, keine Menschen, keine Discos, kein Streit, nichts.

Unter meinem Bett liegt von Staub bedeckt mein alter Geigenkasten. Es ist sicher schon fünf oder mehr Jahre her, als ich das letzte Mal Geige spielte. Ich muss mich erst wieder an das Gefühl gewöhnen sie in der Hand zuhalten, den Bogen langsam über die Saiten gleiten zu lassen. Beim langsamen streichen über die Geige merke ich, dass ich es noch kann. Richtig gut konnte ich es nie. In meiner Kindheit wurde ich dazu gezwungen, es war grauenhaft für mich, aber jetzt bereue ich es ein wenig, es nie wirklich gelernt zu haben. So gern würde ich es können, zumal ich vor kurzem von Simon hörte, dass Männer, die ein Instrument spielen können, extrem gute Chancen bei Frauen haben. Simon ist dafür ein gutes Beispiel, er kann Bass und Gitarre spielen und hat schon mehr Freundinnen gehabt als ich überhaupt Mädchen kenne. Mein studivz-Profil spricht Bände: Von meinen insgesamt 43 Freunden sind 12 weiblich, Simon hat 237 Freunde, davon sind über 100 Frauen dabei. Ich weiß nicht, wie er das macht. Ich wäre auch so gern wie er.

Ich finde in meinem Bücherregal mein altes Liedheft.

„Oh du fröhliche“ ist jetzt etwas unpassend…Das ist gut… Ist zwar anspruchsvoll, aber das kann ich. Das Brandenburg-Konzert von Bach.

Es ist wie ein Traum. Ich weiß nicht was mir mehr Freude macht, das Lied als solches oder dass ich es überhaupt spielen kann. Mein Bogen streicht fast von selbst über die Saiten, es ist wie…

„Felix, schlaf endlich und hör auf so einen Krach zu machen!“

Meine Mutter steht im Treppenaufgang und schreit nach oben.

„Ja, Mum.“

Ich lege meine Geige wieder zurück in den Kasten. Bis dann, man sieht sich in ein paar Jahren wieder. Ich schreibe noch mit Kugelschreiber das heutige Datum auf die Innenverkleidung des Koffers und schließe ihn dann.

Der Tag ist endlich vorbei. Übrigens, Chiclayo liegt in Peru.