Archive for November, 2008

Eis essen [2, 8]

Samstag, November 29th, 2008

Da standen wir also an dieser Straßenecke, sie blickte mich an, wie ein Kind die Geschenke ansieht, die unterm Tannenbaum liegen, ich ergriff ihre Hand und zog sie sanft in eine Seitenstraße hinein, die von grünen Bäumen bestanden war, und sie ließ es geschehen, ohne zu fragen, wohin ich sie denn führen würde. Wir landeten an einer Eisdiele. Es war ein heißer Tag. Mit dem ersten Wort, das die Unnötigkeit aller folgenden betonte und einen Redeschwall einleitete, in welchem ein Naturwesen wohl hätte ertrinken müssen, begann ein Nachmittag von der gedämpften Helligkeit eines seiner Zeit enthobenen Spaziergangs durch ferne, sommerliche Waldgegenden, wenn zwei ruhig dahinsegelnde Körper, ganz vom Wind fortgesetzter Rede getrieben, Schritt um Schritt voranstreben ohne zu wissen, wohin sie eigentlich gehen. Es war das Ereignis andauernder körperlicher Nähe, die wie in einem Strudel immer neue Worte aus den Untiefen der bereits gesagten hervorquellen ließ, Worte, die sich auf die Haut legten und als unterschwellige Wahrnehmung in der Luft hängender Feuchtigkeit die Augen unwillkürlich im Raum schweifen ließen, Worte, die schließlich auf der Haut kondensierten und immer wieder die stummen Blitze abzukühlen vermochten, mit denen sich unsere Gesichter in einer plötzlichen Art durchsichtigen Rausches verbanden, Worte, die auf der Zunge zerschmolzen und mit ihrer cremigen Süße den Sommertag in ein kühles Gedächtnis erwartungsvoll gespannten Nichtstuns eintauchten. Irgendwann landeten wir in meinem Zimmer.

Kreuzung zweier Linien [2, 7]

Donnerstag, November 27th, 2008

Wir hatten uns an einem gesichtslosen Ort getroffen, vielleicht einer Straßenecke, die als Kreuzung zweier Linien auf einem Stadtplan die potentielle Vereinigung zweier Namen im Assoziationsraum eines lebenden Wesens bildet, um fortan eine lose Gestalt, vielleicht eine Mauer, vielleicht ein Haus oder – so etwas gab es damals noch in jener Stadt, die den Ort dieser Geschichte abgibt – gar einen freien Raum, eine Lücke in der Bebauung des ansonsten dicht bei dicht von Mauerwerk angefüllten Grundes, zu bilden: Doppelform aus namentlicher Bezeichnung und bezeichnender Gestalt, wie sie ein lebendes Wesen ausmacht, das zumindest einen Körper mit einer Stimme in Einklang zu halten hat, solange es als Bestandteil des den Sinnen zugänglichen Raums gelten will, in dem sich die Frage nach der Bedeutung des Geformten in jedem Augenblick neu stellt. Diese Frage nahm nach unserer erneuten Begegnung, die als Zusammentreffen zweier Körper in der Dreidimensionalität Euklids zumindest das Problem der Unterscheidung verschiedener Umstände dieses Zusammentreffens stellt – Zufall oder Notwendigkeit, welcher zufällige Beobachter vermochte das schon zu sagen an einer Straßenecke wie dieser? – die Form des Mundes an, der sich unwillkürlich mit Flüssigkeit füllt, so wie ein Glas, das in einem Garten auf einem Tisch im Regen stehen gelassen wurde, sich Tropfen für Tropfen mit Himmelsspuren füllt, und dementsprechend mag unsere erste Umarmung auch Begegnung zweier Wolken in einem tropischen Regenguss genannt werden.

Montag, November 24th, 2008

Es ist dunkel draußen. Anrufer erzählen mir von Schnee, viel Schnee. Manche hören sich glücklich an, manche nicht. Hier bei uns blieb nix liegen. Da wo ich mal hergekommen bin, irgendwie südlicher und ein bisschen weiter noch im Osten, da ist alles weiß. Hier bei uns sind die Häuser und Straßen zu warm. Es blieb nix liegen. Aber am Morgen, da hat mich helleres Hell als sonst geweckt. Es kam vom Dach gegenüber und ich war kurz glücklich. Auch wenn ich es sonst sehr gern hier mag. Es blieb nix liegen.

Hitze und Kälte [3, 1, 1]

Montag, November 24th, 2008

Es war die Zeit am Ende des Jahres. In der Küche stand ein Geruch, dessen Plätzchenfährte das Gedächtnis unfehlbar in jene Richtung geleitete, wo die Geheimnisse der Kindheit in einem Schrank verwahrt liegen, aus dem es in wechselnden Schüben duftet und duftet, mal nach Zimt oder Rosmarin, mal nach Safran und Lavendel. Es war wohlig warm in dieser Küche, und wenn man das Fenster öffnete, um etwas frische Luft in den vom Backofen überheizten Raum zu lassen, dann kam es vor, dass man zugleich die Hitze, vom werdenden Kuchen über die Nase direkt bis in den Bauch getragen, spürte, in dem es kribbelte und wippelte, und unterhalb des Kopfes jene Kälte, die von draußen hereinwehte und die die Vorstellung zu allerlei Mutmaßungen darüber anregte, wie es wohl den Tieren gehen mochte, die den ganzen Winter über im Walde wohnten und dort doch bitterlich frieren mussten. Dann geschah es auch, dass ein kleines – ob in Gedanken oder körperlich klar, wer vermag das schon zu sagen angesichts des Zweifels, des universellen Lehrmeisters dieser Welt - fliegendes Vögelchen den Rand des aufmerksam lauschenden Bewusstseins streifte, flüchtiger Schatten einer anderen Welt, die vor dem Fenster der Küche ausgebreitet lag wie ein frisch bezogenes Laken am Ende eines Zimmers, dessen unsichtbare Wände bereits den Schlaf von Millionen irdischer Nächte gesehen hatten unter einem flimmernden Himmel aus Licht und Nadelspitzen.

Entropie [3, 1]

Samstag, November 22nd, 2008

Der Minister saß in seinem Arbeitszimmer und spürte noch den Krampf, der vor fünf Minuten seinen Bauch heimgesucht hatte und nun seinen Körper mitsamt der Gliedmaßen in eine elastische Starre versetzte, als sei das harte Parkett unter seinen Füßen eine Tierhaut, über den Hohlraum dieser Welt gespannt, um den stummen unendlichen Weiten des Raums, den sie anderswo Himmel nennen, wenigstens die Andeutung einer wirbelnden Reaktion zu entlocken, von Trompeten oder Fanfaren ganz zu schweigen. Der Minister war bereits ein ziemlich alter Mann, doch wenn er sich aufregte, konnte es gut und gerne geschehen, dass er auf die anderen Anwesenden einen Eindruck hinterließ wie ein dreijähriger Junge in der Blüte seines Willens. Der Minister galt als jähzornig, und wenn sich einer der Gegenstände auf seinem Schreibtisch wirklich einmal seinen Zorn zugezogen hatte, war es sehr schwer, den Status quo der Dinge dieser kleinen Nische innerhalb des Gebäudes, das die Ordnung der Welt begründete wie ein Skelett die Stabilität der Haltung eines Wirbeltiers, auch nur im Entferntesten aufrecht zu erhalten. Genauer gesagt, in solchen Augenblicken pflegte sich alle Raumstruktur aufzulösen, und der Mensch, welcher da inmitten der kreisenden Mühlräder seiner Arme stand und ein tüchtiges Stück Arbeit in der Zerkleinerung diverser Materiebrocken leistete, glich einem Dämon, der als Werkzeug der Entropie seine Daseinsberechtigung zumindest darin haben musste, dass er half, den gesetzmäßig herankommenden Zustand des Wärmetodes, in dem sich dereinst alle Teilchen unseres physikalischen Universums wiederfinden werden, bereits hier und jetzt mit der Ahnung seiner Realität zu versehen, getreu der menschlichen Einsicht: Aufräumen können wir hinterher – jetzt aber gilt es, den fernen Blaumann hoch oben, falls es ihn immer noch geben sollte, endlich einmal zum Erzittern zu bringen.

Wesen und Schicksal der Dichtung in den “neuen Ländern”

Donnerstag, November 20th, 2008

für Alfred Margul-Sperber

In diesem Beitrag komme ich nicht auf die Dichtung – die Texte und ihre Verfasser – zu sprechen, sondern wende mich den Umständen, den Kontextbedingungen zu, die die dichterische Produktion in den neuen Ländern bestimmen. Diese Dichtung leidet – hier sei an ein Wort von Martin Buber erinnert – an ihrer Tragik, die zugleich ihre Größe ist: Warum nennen wir uns Dichter? Nennen wir uns Dichter, weil wir dichten, oder werden wir Dichter genannt, um uns als “undicht” aus dem öffentlichen Diskurs zu verbannen?

Wir sind Dichter in einer Zeit, in der die einen aller vorübergehenden Finanzkrise zum Trotz überlegen, ob sie noch flugs das dritte Auto fürs großgewordene Kind anschaffen. Die anderen drehen und wenden jeden Heller, neuerdings auch hier Cent genannt, bevor sie ihn zur Tafel tragen. Beide betrachten Gedichte mit geringschätzigem Achselzucken: Lieber Freund, wer liest heutzutage noch Gedichte? Und: Mein Lieber, wer kauft heutzutage noch einen Gedichtband?

Wir sind Dichter, weil wir aus der Mode und aus der Zeit gekommen sind. Wir sind Dichter aus den sogenannten neuen Ländern und das heißt, daß die sogenannten alten Länder nicht allzuviel von uns wissen wollen. Ja, wir haben, wenn man sie als Dichter bezeichnen will, einen Schulze und wir haben einen Tellkamp, manchmal in der Erinnerung einen Hilbig – kaum erringen diese Namen im Westen einen Herbst lang Aufmerksamkeit, schon murmelt Frau Radisch in Hamburg: diese ewigen Ostdeutschen, haben wir kein anderes Thema? Man kann nicht sagen, daß der Westen seine Dichter verhungern ließe. Wer einmal im Stipendien-, Stadtschreiber- und Preiskarussell Platz genommen hat, dreht sich und schwingt von einem Ort zum andern, daß ihm übel werden kann.

Nun hat der Handel die “Wende” als verwertbaren Topos entdeckt, sie hat den Krieg als Generationenthema abgelöst. Dennoch kann Herr Lüdke aus Apolda vermeintlich glaubhaft behaupten, die Ostdeutschen wären zur Lektüre von Dostojewski gezwungen worden und daher würden sie heutzutage überhaupt nicht mehr lesen. Daß einst die Zensurbehörde mit dem Statement “Es solle keine Dostojewski-Renaissance forciert werden” (Barck et al., S. 99) das Interesse an Dostojewski weckte, gehört zu den dialektischen Bumerangwürfen, die in der Marktgesellschaft außerhalb des Fokus liegen. Nun soll der Zensur hier nicht das Wort geredet werden. Der Markt schafft sich seine eigenen Filtermechanismen, denn kein Mensch kann all die überflüssigen Neuerscheinungen auf den halbjährlichen Buchmessen konsumieren.

Die ostdeutschen Dichter schreiben deutsch, doch man hat den Eindruck, als wirkten sie – aus rhein-mainischer Perspektive – randständig: als Vertreter einer fremden kleinen Sprache, die man unter Artenschutz stellen sollte, denen aber kein Beitrag zur deutschsprachigen Literatur zuzutrauen sei. Die westdeutsche Literaturszene verschluckt sich an ihrer eigenen Größe. Seit 1941 ist der deutschsprachige Kulturraum sprunghaft geschrumpft. Galizien und die Bukowina, einst junge und tonangebende Zentren der jüdisch-deutschsprachigen Kultur, sind beinahe vergessen. Nach 1989 verkleinerte der Exodus der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben den deutschsprachigen Kosmopolitismus. Dieter Schlesak hat Italien dem deutschen Exil vorgezogen. Es ist übersichtlich geworden. Die DDR-Literatur mit ihren Heyms, Hermlins, Brauns und Wolfs wurde als Fußnote in den Annalen vermerkt. Der bundesdeutsche Feuilletonblick kann wie gewohnt über seine Provinzen schweifen. Die Städte, in denen er Literatur wahrnimmt, lassen sich an anderthalb Händen abzählen. Wieso über den Grenzzaun schauen, der ist doch abgerissen – und wir haben selber seit fünfzig Jahren eine Überproduktionskrise.

Die eigentliche, vielleicht wesentlichste Tragik der Literaturszene in den sogenannten Neuen Ländern besteht darin, daß es für sie in der eigenen Region kaum ein Echo und kaum ein lesendes Publikum gibt, weder nennenswerte Verlage noch unabhängige Tageszeitungen, die sich vom vermeintlichen Marktdruck nicht davon abhalten lassen, das geschriebene literarische Wort als Medium der Demokratie zu verteidigen. Lieber wird der neue alte Grass oder Walser rezensiert – das verspricht Hoffnung auf potente Anzeigenkunden -, als ein Gedicht von Ulrich Zieger, Thomas Kunst oder eine Geschichte von Utz Rachowski abzudrucken. Ohne daß der Moderator widersprach oder das heimische Publikum grummelte, konnte Herr Greiner in Leipzig die Hosen herunterlassen: Auf die Frage, wonach er Bücher zur Rezension in der ZEIT auswähle, behauptete er unverfroren, wenn ein Titel von Suhrkamp oder ein Titel des Lehmstedt Verlages auf seinem Tisch lande, dann sei doch klar, daß er ersterem den Vorzug gebe, Suhrkamp sei eben ein Name. Zu Suhrkamp verbinden ihn gewachsene Beziehungen, das sei Vertrautheit des Kritikers mit seinen Lieferanten, auf die Vorauswahl dieser Lektoren könne er sich eben verlassen – welch eine Offenbarung, derart deutlich hatte ich es gar nicht erwartet. Nicht der Text und seine Qualität entscheiden, sondern der Name des Verlages. Lieber keiner als Greiner! Nennen wir es Faulheit, nennen wir es Urteilsunsicherheit, nennen wir es strategische Ignoranz. Im Gefolge einer hohen Auflage herzuschwimmen suggeriert nach Marktlogik garantierte Aufmerksamkeit, und das ist die Währung, nach der hier gehandelt wird. Der Rückschluß lautet: Wenn alle nach dieser Logik verfahren und es allen an Entdeckermut mangelt, sticht keiner heraus und wir haben den sattsam verbreiteten, feuilletonistischen Einheitsbrei. Liebe Kritiker, dient doch dem Markt, begeistert eure Chefs und grabt literarische Schätze aus, die noch nicht allerorten beschrien wurden …

Quelle:

Simone Barck, Martina Langermann & Siegfried Lokatis, Jedes Buch ein Abenteuer, Akademie Verlag, 1998

Erinnerung [2, 1, 1]

Samstag, November 15th, 2008

Und überall siehst du das Bild
Der glücklichen Begegnung vor dir;
Ein Bild, das dich am Ziele zeigt:
Dem sich dein ganzes Suchen neigt.
A.S. Puschkin, Eugen Onegin (Kap. 3, 15. Abschn.)

Die Vorstellung von der Einheit zweier Gruppenstrukturen war eine Sehnsucht nach Verschmelzung: So wie die Bewegung der Fingerkuppen entlang eines lyrisch gestimmten Saitenraums nebeneinander in der Luft hängender Tiersehnen eine zunächst unüberschaubare, eine ornamentale Formung jenes Gebildes bewirkt, das schon dem winzigen, geschützt in einer Bauchhöhle schwimmenden Wesen als Glucksen unbekannter Gegenstände vor dem inneren Auge Zukunft atmender Intuition steht, ganz als sei die Sichtbarkeit der Welt eine Dauer verheißende Ewigkeitsfunktion kreisender Flüssigkeiten und ihre Spur im Wasser sich stetig verändernder Materie der Weg zum Bei-sich-Bleiben der Knotenform, die kein Herz je kalt lassen wird, so steht die Vorstellung vom Glück ohne Ende in der Pflicht, sich selbst als das zu erkennen, was die Grenzen der Raumbezirke einem Gebilde von der Beschaffenheit des Menschen als Aufgabe stellen, will er seine als Haut manifestierte Isolation in den Drei-Kelvin-Weiten der endlos strahlenden Welt jemals überwinden – und sei es auch nur für einige seltene Augenblicke von der Dauer eines Akkords oder der Ewigkeit jener Erlebnisse, die in den verschiedensten Sprachen in der charakteristischen Gestalt eines Prozesses erscheinen, der die Bezeichnung sterben trägt.

Herr Klopsig und Frau Edelsüß (5)

Samstag, November 15th, 2008

Heidi Elkenreich empfiehlt:

Kein freier Raum [2, 6]

Mittwoch, November 12th, 2008

Warum zitterte ich eigentlich? Du warst doch daheim angekommen, übermüdet, geschockt, deine Freundin hatte dich durch Raum und Zeit gelotst wie ein erfahrener Steuermann, und dein Opa würde dir als grelle Erinnerung erhalten bleiben bis ans Ende deines Lebens.

Ich zitterte. Deine Erzählung, in der dieser Bahnhof vor meinen Augen lag wie eine ausgebreitete Landkarte der Seele, war zweifellos ein mythischer Ort. War er ein Schlachtfeld, Wohnstatt unsichtbarer Wesen, die längst hinüber gegangen waren in jene Welt, von wo aus die ungeträumten Erinnerungen vergangener Tage noch immer uns in einem kleineren Körper Atmende mit den nur im Licht sichtbaren Schatten unserer Form ausstattete? Oder war er selbst eines jener Wesen, die sich in der Zeit verändern und noch Hoffnung hegen auf den guten Ausgang jener Kämpfe, die der eingezäunte Ort in den unendlichen Weiten des Universums zu bestehen hat beim eher unwillkürlichen Versuch, sich selbst treu zu bleiben?

Nun lag dieser Bahnhof in Scherben, und du warst durch ihn hindurch gegangen. Auch ich hatte auf den Wegen dieses Sommers, die mich immer wieder in deine Nähe geführt hatten – ohne dass wir uns ein zweites Mal begegnet wären – diesen Ort mehrfach besucht. Er war eine Kreuzung, an welcher sich die Zukunft entscheiden sollte, die da vor drei Monaten in einem Park begann und noch immer nicht zu Ende war.

Zwei unsichtbare Wesen [2, 5]

Dienstag, November 11th, 2008

Ich zitterte. Dieser Bahnhof war ein Ort des Jüngsten Gerichts. In meiner Phantasie malte ich mir aus, wie auf der einen Seite, weitab vom Eingang des riesigen Gebäudes, eine Gruppe Reisender, gerade dem Zug entstiegen, versucht, zur Straßenbahn zu gelangen, die doch sonst immer den Schwall der von den Schnellzügen ausgespuckten Gestalten an ein Ziel im weiträumig ausgebreiteten Rund der Häuser dieser Stadt verteilte. Heute aber gab es kein Durchkommen. Die Leute drängten sich dicht an dicht in der großen Halle, während draußen Lautsprecherdurchsagen tönten und mit dem blechernen Klang ihrer Schallverstärkungsmaschinerie jedem Anwesenden klar machten, dass die gewohnte Ordnung der Dinge an diesem Nachmittag Anfang Oktober außer Kraft gesetzt war. Wer aber setzte mit der Kraft seines Willens, und wodurch hatte er überhaupt diese Kraft? Wer wurde hier versetzt, wer geriet ungewollt in Bewegung, in welche Richtung wurde er gedrückt vom Strudel der Ereignisse? War denn dieser Ort tatsächlich zu einem riesigen Schachbrett geworden, an welchem zwei unsichtbare Wesen unerbittlich um die Vorherrschaft in Raum und Zeit kämpften, wissend, dass jeder ihrer Züge unwiderruflich und das Ende nur darin bestehen konnte, entweder die Spielfläche ganz leer zu räumen – so leer wie eine Wüste – oder aber eine der beiden menschlichen Hauptfiguren, zu viel der Ehre für einen Namen wie den des Königs, in seiner Bewegungsfreiheit einzuschränken bis auf den eigenen Atem, der die Fülle neuer Gedanken gebiert?

Herr Klopsig und Frau Edelsüß (4)

Dienstag, November 11th, 2008

Künstler und Angestellte

Eine Gruppe wartete auf Herrn Klopsig, zwei oder drei Frauen und drei oder vier schwule Jünglinge. Herr Klopsig wußte nicht, woher sie wußten, daß er genau an dieser Stelle vorbeikommen würde. Sie warteten beim Zwischenhändler, wo er zwei neue Sorten Märkischen Weines bestellt hatte. Offenbar handelte es sich um eine Vorkostertruppe. Seitdem Berlin von Exilanten aus Niedersachsen und Hessen überflutet wurde, bildeten sich jeden Tag neue Berufsstände heraus. Die meisten konnten sogar ein Diplom oder einen Meister vorweisen. Sie gaben sich als freischaffende Künstler aus. Insgeheim aber strebten sie in ein Angestelltenverhältnis mit festgelegten Urlaubstagen und Weihnachtsgeld. Letzteres gab es schon lange vor der Sintflut nicht mehr. Cyrano Tyranno, der sich erinnern konnte, daß seinerzeit derartige Zuschüsse gezahlt wurden, außerdem Urlaubsgeld, hatte Herrn Klopsig einmal davon erzählt.

Herr Klopsig lebte nicht schlecht von seinen Märkischen Weinen, doch Angestellte konnte er sich nicht leisten. Er war froh, wenn er Frau Edelsüß nicht zu sehr auf der Tasche lag. Ab und zu kam es vor, daß er einmal klamm war. Materielle Abhängigkeit festigt die Beziehung. Davon wußte man vor der Sintflut nichts, oder man wollte es nicht mehr wissen. Bis zu einem gewissen Grade. Herr Klopsig wandte sich den freischaffenden Künstlern zu, die sich ihm als Vorkoster in fester Anstellung anboten. Unabhängig von Geschlecht und sexueller Ausrichtung teilten sie ihm ihre Ideen und Eindrücke von den sagenhaften Märkischen Weinen mit. In Wirklichkeit schmeckten sie leicht säuerlich, ein bißchen nach halbvergorenem Apfelwein.

Um sich von dem schmeichelhaften Geschwätz zu erholen, trabte Herr Klopsig aufs Klo. Dort hatten die Jünglinge eine neumodische Installation aus Plastik angebracht. Die Brille war hochgestellt und vollgepißt. Ein Klebestreifen sollte verhindern, daß man runterrutschte. Herr Klopsig benötigte eine Weile, ehe er mit der Installation zurecht kam.

“Wie lange braucht der denn?” fragte einer der Jünglinge.

“Laßt uns irgendwo auf einer Sandbank in der Stadt treffen”, schlug Herr Klopsig vor.

“Sie wollen also von uns nichts wissen?” erwiderte eine der Frauen.

Die Gruppe trollte sich, und Herr Klopsig hatte seine Ruhe, mit einem Gefühl von Verlassenheit im Magen.

Oxyrhynchos

Dienstag, November 11th, 2008

Was schimmert dort so golden
Unterm Licht? Ist es
Ein Vogel, Flug-
Gestalt an eines fernen Ufers
Märchenhafter Küste?
Tönende Himmelskehle?
Ein neuer Wolkenbruder, Schwester
Späten Abends vor den Toren dieser Stadt?
Nein,
Ein Fischlein ist’s, das seine Schuppen
Zur Sonne hin geöffnet hat

***

Zwischen den Schuppen
Liegt der Wald
Dieses Leibes verborgen:
Geh hinein,
Du wirst alles
Finden, finden das
Was du immer gesucht hast
Und alles andere auch

bis es vorbei ist

Sonntag, November 9th, 2008

die schnürsenkel straff ziehn – bis es vorbei ist

zwiebeln schneiden – bis es vorbei ist

den schlüssel im schloss drehn – bis es vorbei ist

vögeln – bis es vorbei ist

das kleingeld empfangen – bis es vorbei ist

tasten drücken – bis es vorbei ist

die zunge ach unser sportlich organ

bewegen – bis es vorbei ist

wir funktionieren wie mikroben

und EINE hängt die schelle um

lässt ihren sturen köter vor sich traben

und spielt die mundharmonika

Kinderzimmer [2, 4]

Freitag, November 7th, 2008

Happiness is a warm gun,
Yes it is…
John Lennon

Sommerabend im dunklen Viertel einer großen Stadt, Urlaubsbekanntschaft am Ende der Kindheit oder einfach nur die Erinnerung an eine gemeinsam auf einer Parkbank durchwachte Nacht, Speichelfäden von Mund zu Mund und die Augenpaare ineinaner, durcheinander, zwischen Händen und Armen, die nicht wissen, wohin mit sich, so dass es nicht mehr die Augen als Teile eines Gesichts sind oder die Fingerkuppen am Rande des fühlenden Leibes, die es geben mochte oder nicht, sondern nur noch der Blick, die stille Liebkosung. Jeder Mensch trägt in sich dieses Kind, das ein stilles Auge ist und mit seiner ganzen, seiner dünnen Haut ein fühlendes Ohr, so groß wie das Universum.

Dein Besuch kam unverhofft. Natürlich war ich die drei Wochen, die seit unserer nächtlichen Begegnung vergangen waren, Tag und Nacht wie betrunken gewesen. Ich hatte dir Briefe geschrieben, hatte deine Briefe beantwortet, hatte voller Ungeduld auf die Antworten gewartet, die den Antworten folgten und neue Fragen mit den Gedanken an dich in die Welt setzten. Meine Lebenstätigkeit war nun ein einziger Kreislauf unfassbar vieler Elemente gewesen, allesamt in fieberhafter Bewegung begriffen und plötzlich – deine Stimme am Telefon: “Wollen wir uns heute Abend treffen? Ich bin bei meinem Vater zu Besuch…” Für Augenblicke schien es, als würde dieser ganze Kreislauf strudelnder Bewegung stillstehn, als sei der Abend dieses Tages das Tor in jene Landschaft, die ihren Ort außerhalb der Zeit hat: Glück.

Letzte Zeugnisse – Brüssel 1873

Donnerstag, November 6th, 2008

Mein Freund ist eine trotzige Maske,
die der Welt vor die Füße spuckt.
Er hat mir nie ein Lächeln geschenkt,
nur Provinzküsse und rissige Lippen, -
mein Adonis unter den Bauern.


Mein Freund trägt die Künstlermaske
wie eine Trophäe durch die Gassen,
den Absinthlachen folgend.
Er liebt es, sich darin zu spiegeln, -
der Salonschreiber seiner Tage.

Er ist ein Kind der Ufer;
ruhelos die Wellen bestaunend,
tragen ihn doch nur seine Verse
über den Horizont hinaus.
Er fürchtet die nassen Füße,

Unter seinen braven Bourgeois-
Lumpen ist es heiß
wie in einem Viehstall.
Wenn er mich begehrt,
stinken sogar seine Metaphern.

doch liebt er den Aufbruch,
der große Schattenwanderer.
Unzählige Visionen und jede unbezahlbar
wie ein feuchter Traum. -
Eine Odyssee mit heruntergelassenen Hosen.

Immer ein Versprechen in der hohlen Hand,
immer ein warmer Ort im Rücken.


Immer ein Protestlied auf den Lippen,
immer diese leeren Augen.

In Scherben [2, 3]

Sonntag, November 2nd, 2008

Die Erzählung vom Tod deines Großvaters ging nahtlos in eine andere über. Der letzte Zug, den du gemeinsam mit einer Freundin bestiegen hattest, und ich war an diesem Abend wirklich eifersüchtig auf sie, ging um halb zwölf. Keine drei Stunden später hättest du zu Hause sein sollen, so wären bis zum Weckerklingeln wenigstens vier Stunden Schlaf geblieben.

Es kam ganz anders. Der Zug, schriebst du, verwandelte sich in eine Menschenfalle, immer wieder hielt er an, rollte ein Stück, um bald darauf doch für eine weitere halbe Stunde zum Stehen zu kommen. Niemand wusste, was los war. Die Schaffner sprachen von Zugumleitung, eine Katastrophe im Bahnhofsbereich, alle sonst am Ziel ankommenden Züge müssten nacheinander Platz auf verschiedenen Gleisen am Rande der gesperrten Strecke finden.

Der Anblick des morgendlichen Bahnhofs hielt keinem Vergleich stand. Die gläserne Kuppel bestand nur noch aus einem Stahlskelett, überall lagen Müll und Scherben herum. Blutflecken, von Sand nur mühsam dem Blick entzogen, säumten den Weg zum Ausgang. Das war, schriebst du, der Bahnhof deiner Heimatstadt an einem Freitagmorgen Anfang Oktober.

Gewicht [2, 2]

Sonntag, November 2nd, 2008

Ich zitterte. Dieser Brief lag in meiner Hand wie ein ausgetrocknetes Stück Schwemmholz, Reste einstiger Größe im Gedächtnis des Windes, der alle dem Meer anvertrauten Gegenstände irgendwann an ein Ufer treibt, wenn das Meer sie aufzunehmen nicht bereit ist. Du warst vorige Woche nach dem Konzert in den Zug gestiegen, und die Enttäuschung, inständiges Bitten, doch zu bleiben und die im Ohr wild aufgestapelten Klänge gemeinsam in einem abgedunkelten Zimmer auf die Sanftheit einer verstehenden Bewegung hin zu befragen, muss mir beim Abschied unübersehbar im Gesicht gestanden haben. Warum warst du nicht geblieben?

Ich riss am Papier. Eine Karte kam zum Vorschein: Siebdruck oder Batikimitat? Ein bedrohliches schwarzes Gespinst, sich ineinander verschlingende dunkle Linien, die in einer nicht näher ausgezeichneten Mitte aufeinander trafen, wohl nicht um sich an einem Punkt zu treffen, sondern eher in Anbetracht der Landschaft mit all ihren Wegen, die allesamt den Weg des Wassers mieden. Wer hat schon gern nasse Füße?

Dein Opa sei am Wochenende gestorben. Die Zeilen, in denen dies mitgeteilt wurde, klangen unendlich traurig. War er jung – war er alt gewesen? Ich kannte ihn nicht, du hattest nie von ihm erzählt. Er muss dir sehr nahe gestanden haben, Worte in einem auf ziemlich diffuse Weise strahlenden Sonnenschein. Hinter der Trauer aber saß ein aufgeschrecktes Tier, greller Fieberkrampf oder sich in einer Kuhle windendes Leid, dessen Schluchzen eine Hand breit unter der Kehle, knapp über dem Herzen seinen Ort zu haben schien.

Setzt ihr eure mütze auf

Sonntag, November 2nd, 2008

Hinter den wäldern : versteckt sich der bär +++ im kellerverlies : türkisch +++ ungarisch : sächsisch : rumänisch +++ der bär tanzt zu jeder musik : donauwalzer +++ hora : ferenc +++ jeder jesus ist für eine krönung gut : orthodox +++ römisch : griechisch katholisch +++ lutherisch : calvinisch +++ uniert & unitarisch +++ ihr habt jedes kreuz gekostet : ihr +++ ferdinanden : marien : teresen +++ hinter den wäldern setzt ihr eure mütze auf & der bär reißt sich von der kette

Brief von dir an mich [2, 1]

Samstag, November 1st, 2008

Die Steine des Gehwegs waren grau und glitschig. Der wilde Oktoberwind hatte alles Laub beiseite gefegt, bunte Reste einer noch vor kurzem atmenden Kopfbedeckung, und der Planet, dessen Urwälder nun direkt an ein stürmisches Meer angrenzten, hatte seine Mütze abgenommen. Wohin sollte dieser Weg führen?

Ich drehte den Brief unschlüssig in meiner Hand. Der dicke Umschlag setzte den Fingern einen sanften Widerstand entgegen, Gegendruck, der sich eher abzuschwächen schien, je stärker man drückte. Irgendwann aber stießen die Fingerkuppen auf jenen festen Grund, dessen deutliches Zeichen nur bedeuten konnte: Bis hierher und nicht weiter! Dann waren sich die Finger selbst begegnet, und mit dieser Begegnung wurde es für den fühlenden Fingermenschen offenkundig, dass es im physischen Spiel von Druck und Gegendruck unmöglich war, zwischen Drückendem und Gedrücktem zu unterscheiden.

Der Brief lag als massives Artefakt aus Papier in seiner Hand, und wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war, wusste er nicht einmal, ob er ihn öffnen wollte oder nicht.

Halali

Samstag, November 1st, 2008

Es schallt im Kopf und treibt den Fuß um Fuß voran, Handschlag auf Schlag vergeht der Tag, und keiner frisst sein Brot in Frieden, nicht nur die Männer auf der Jagd, erst recht die Frau, schon jedes Kind füttert sein Schwein, und nicht mit Mais, kein Wunder, weil man es ja weiß : es ist eine teure Angelegenheit geworden – das Leben unter den Toten, verloren wer es nimmt für bare Münze.