Monatliche Archive: November 2008

Eis essen [2, 8]

Von | 29. November 2008

Da standen wir also an dieser Straßenecke, sie blickte mich an, wie ein Kind die Geschenke ansieht, die unterm Tannenbaum liegen, ich ergriff ihre Hand und zog sie sanft in eine Seitenstraße hinein, die von grünen Bäumen bestanden war, und sie ließ es geschehen, ohne zu fragen, wohin ich sie denn führen würde. Wir landeten… Weiterlesen »

Kreuzung zweier Linien [2, 7]

Von | 27. November 2008

Wir hatten uns an einem gesichtslosen Ort getroffen, vielleicht einer Straßenecke, die als Kreuzung zweier Linien auf einem Stadtplan die potentielle Vereinigung zweier Namen im Assoziationsraum eines lebenden Wesens bildet, um fortan eine lose Gestalt, vielleicht eine Mauer, vielleicht ein Haus oder – so etwas gab es damals noch in jener Stadt, die den Ort… Weiterlesen »

Von | 24. November 2008

Es ist dunkel draußen. Anrufer erzählen mir von Schnee, viel Schnee. Manche hören sich glücklich an, manche nicht. Hier bei uns blieb nix liegen. Da wo ich mal hergekommen bin, irgendwie südlicher und ein bisschen weiter noch im Osten, da ist alles weiß. Hier bei uns sind die Häuser und Straßen zu warm. Es blieb… Weiterlesen »

Hitze und Kälte [3, 1, 1]

Von | 24. November 2008

Es war die Zeit am Ende des Jahres. In der Küche stand ein Geruch, dessen Plätzchenfährte das Gedächtnis unfehlbar in jene Richtung geleitete, wo die Geheimnisse der Kindheit in einem Schrank verwahrt liegen, aus dem es in wechselnden Schüben duftet und duftet, mal nach Zimt oder Rosmarin, mal nach Safran und Lavendel. Es war wohlig warm… Weiterlesen »

Entropie [3, 1]

Von | 22. November 2008

Der Minister saß in seinem Arbeitszimmer und spürte noch den Krampf, der vor fünf Minuten seinen Bauch heimgesucht hatte und nun seinen Körper mitsamt der Gliedmaßen in eine elastische Starre versetzte, als sei das harte Parkett unter seinen Füßen eine Tierhaut, über den Hohlraum dieser Welt gespannt, um den stummen unendlichen Weiten des Raums, den… Weiterlesen »

Wesen und Schicksal der Dichtung in den „neuen Ländern“

Von | 20. November 2008

für Alfred Margul-Sperber In diesem Beitrag komme ich nicht auf die Dichtung – die Texte und ihre Verfasser – zu sprechen, sondern wende mich den Umständen, den Kontextbedingungen zu, die die dichterische Produktion in den neuen Ländern bestimmen. Diese Dichtung leidet – hier sei an ein Wort von Martin Buber erinnert – an ihrer Tragik,… Weiterlesen »

Erinnerung [2, 1, 1]

Von | 15. November 2008

Und überall siehst du das Bild Der glücklichen Begegnung vor dir; Ein Bild, das dich am Ziele zeigt: Dem sich dein ganzes Suchen neigt. A.S. Puschkin, Eugen Onegin (Kap. 3, 15. Abschn.) Die Vorstellung von der Einheit zweier Gruppenstrukturen war eine Sehnsucht nach Verschmelzung: So wie die Bewegung der Fingerkuppen entlang eines lyrisch gestimmten Saitenraums… Weiterlesen »

Kein freier Raum [2, 6]

Von | 12. November 2008

Warum zitterte ich eigentlich? Du warst doch daheim angekommen, übermüdet, geschockt, deine Freundin hatte dich durch Raum und Zeit gelotst wie ein erfahrener Steuermann, und dein Opa würde dir als grelle Erinnerung erhalten bleiben bis ans Ende deines Lebens. Ich zitterte. Deine Erzählung, in der dieser Bahnhof vor meinen Augen lag wie eine ausgebreitete Landkarte… Weiterlesen »

Zwei unsichtbare Wesen [2, 5]

Von | 11. November 2008

Ich zitterte. Dieser Bahnhof war ein Ort des Jüngsten Gerichts. In meiner Phantasie malte ich mir aus, wie auf der einen Seite, weitab vom Eingang des riesigen Gebäudes, eine Gruppe Reisender, gerade dem Zug entstiegen, versucht, zur Straßenbahn zu gelangen, die doch sonst immer den Schwall der von den Schnellzügen ausgespuckten Gestalten an ein Ziel… Weiterlesen »

Herr Klopsig und Frau Edelsüß (4)

Von | 11. November 2008

Künstler und Angestellte Eine Gruppe wartete auf Herrn Klopsig, zwei oder drei Frauen und drei oder vier schwule Jünglinge. Herr Klopsig wußte nicht, woher sie wußten, daß er genau an dieser Stelle vorbeikommen würde. Sie warteten beim Zwischenhändler, wo er zwei neue Sorten Märkischen Weines bestellt hatte. Offenbar handelte es sich um eine Vorkostertruppe. Seitdem… Weiterlesen »

Oxyrhynchos

Von | 11. November 2008

Was schimmert dort so golden Unterm Licht? Ist es Ein Vogel, Flug- Gestalt an eines fernen Ufers Märchenhafter Küste? Tönende Himmelskehle? Ein neuer Wolkenbruder, Schwester Späten Abends vor den Toren dieser Stadt? Nein, Ein Fischlein ist’s, das seine Schuppen Zur Sonne hin geöffnet hat *** Zwischen den Schuppen Liegt der Wald Dieses Leibes verborgen: Geh… Weiterlesen »

bis es vorbei ist

Von | 9. November 2008

die schnürsenkel straff ziehn – bis es vorbei ist zwiebeln schneiden – bis es vorbei ist den schlüssel im schloss drehn – bis es vorbei ist vögeln – bis es vorbei ist das kleingeld empfangen – bis es vorbei ist tasten drücken – bis es vorbei ist die zunge ach unser sportlich organ bewegen –… Weiterlesen »

Kinderzimmer [2, 4]

Von | 7. November 2008

Happiness is a warm gun, Yes it is… John Lennon Sommerabend im dunklen Viertel einer großen Stadt, Urlaubsbekanntschaft am Ende der Kindheit oder einfach nur die Erinnerung an eine gemeinsam auf einer Parkbank durchwachte Nacht, Speichelfäden von Mund zu Mund und die Augenpaare ineinaner, durcheinander, zwischen Händen und Armen, die nicht wissen, wohin mit sich,… Weiterlesen »

Letzte Zeugnisse – Brüssel 1873

Von | 6. November 2008

Mein Freund ist eine trotzige Maske, die der Welt vor die Füße spuckt. Er hat mir nie ein Lächeln geschenkt, nur Provinzküsse und rissige Lippen, – mein Adonis unter den Bauern. Mein Freund trägt die Künstlermaske wie eine Trophäe durch die Gassen, den Absinthlachen folgend. Er liebt es, sich darin zu spiegeln, – der Salonschreiber… Weiterlesen »

In Scherben [2, 3]

Von | 2. November 2008

Die Erzählung vom Tod deines Großvaters ging nahtlos in eine andere über. Der letzte Zug, den du gemeinsam mit einer Freundin bestiegen hattest, und ich war an diesem Abend wirklich eifersüchtig auf sie, ging um halb zwölf. Keine drei Stunden später hättest du zu Hause sein sollen, so wären bis zum Weckerklingeln wenigstens vier Stunden… Weiterlesen »

Gewicht [2, 2]

Von | 2. November 2008

Ich zitterte. Dieser Brief lag in meiner Hand wie ein ausgetrocknetes Stück Schwemmholz, Reste einstiger Größe im Gedächtnis des Windes, der alle dem Meer anvertrauten Gegenstände irgendwann an ein Ufer treibt, wenn das Meer sie aufzunehmen nicht bereit ist. Du warst vorige Woche nach dem Konzert in den Zug gestiegen, und die Enttäuschung, inständiges Bitten,… Weiterlesen »

Setzt ihr eure mütze auf

Von | 2. November 2008

Hinter den wäldern : versteckt sich der bär +++ im kellerverlies : türkisch +++ ungarisch : sächsisch : rumänisch +++ der bär tanzt zu jeder musik : donauwalzer +++ hora : ferenc +++ jeder jesus ist für eine krönung gut : orthodox +++ römisch : griechisch katholisch +++ lutherisch : calvinisch +++ uniert & unitarisch… Weiterlesen »

Brief von dir an mich [2, 1]

Von | 1. November 2008

Die Steine des Gehwegs waren grau und glitschig. Der wilde Oktoberwind hatte alles Laub beiseite gefegt, bunte Reste einer noch vor kurzem atmenden Kopfbedeckung, und der Planet, dessen Urwälder nun direkt an ein stürmisches Meer angrenzten, hatte seine Mütze abgenommen. Wohin sollte dieser Weg führen? Ich drehte den Brief unschlüssig in meiner Hand. Der dicke… Weiterlesen »

Halali

Von | 1. November 2008

Es schallt im Kopf und treibt den Fuß um Fuß voran, Handschlag auf Schlag vergeht der Tag, und keiner frisst sein Brot in Frieden, nicht nur die Männer auf der Jagd, erst recht die Frau, schon jedes Kind füttert sein Schwein, und nicht mit Mais, kein Wunder, weil man es ja weiß : es ist… Weiterlesen »