Archive for Mai, 2008

Unverhofft [3]

Samstag, Mai 31st, 2008

Wir trafen uns auf dem Bahnsteig. Du hättest mich nicht erkannt. Als Teil hektischer Menschenströme eilten wir aufeinander zu, und als du unwillkürlich den gesenkten Blick hobst und unsere Augen sich begegneten, nickte ich dir als Teil eines ausladenden Lächelns zu.

Du bliebst stehen. An die kurzen, bedeutungslosen Worte dieser Begegnung vermag ich mich nicht zu erinnern. Du warst auf dem Weg zu einer zeitfüllenden Arbeit, ich sorgte mich um meine kranke Mutter, zu einer anderen Jahreszeit wären wir wohl einfach aneinander vorbeigelaufen. Wir verabredeten uns für den Abend desselben Tages.

OHNE MICH!

Montag, Mai 26th, 2008

Ich fange nie an zu schreiben, bevor ich nicht eine Kanne Kaffee getrunken habe. Wenn ich genug Kaffee getrunken habe, tanzen meine Worte auf dem Bildschirm und die Bilder kommen mir zugeflogen. Ich setze mich an den Küchentisch und fahre meinen Laptop hoch. Das Schnurren und Klicken, das mein Laptop veranstaltet, mischt sich mit meinem Schlucken des Kaffees. Mein Laptop und ich – wir haben uns gut aufeinander eingespielt. Die letzte Tasse Kaffee ist leer, der Laptop öffnet ein leeres, blankes und frisches Dokument. Ich habe das Telefonkabel herausgezogen, die Klingel ausgestellt und alle Fenster verschlossen. Was soll – was kann jetzt noch passieren? Ich werde versuchen es zu beschreiben: Ich lege meine Finger auf die Tasten, sodass sie das Wort Womöglich schreiben würden. Mit diesem Wort will ich anfangen und habe auch schon ein Bild dazu. Noch bevor ich die Tasten drücken kann, höre ich hinter meinem Rücken ein Zischen. Ich halte inne, warte, das Zischen verstummt, ich konzentriere mich wieder auf mein erstes Wort Womöglich und das Zischen ist wieder da. Ich löse vorsichtig meine Finger von den Tasten – die das Wort Womöglich geschrieben hätten und drehe mich um. Neben der Spüle steht eine Flasche Wasser und zischt. Jetzt wo ich weiß, wo das Zischen herkommt, versuche ich mich wieder auf das Wort Womöglich zu konzentrieren. Die Flasche zischt sofort wieder. Es klingt immer gefährlicher. Ich kann ihre Zähne in meinem Nacken spüren, die sich sofort in mein Fleisch vergraben würden, wenn ich das Wort Womöglich schreiben würde. Ich will ihr zeigen wer hier der Boss ist und konzentriere mich wieder auf Womöglich -. Das Zischen wird sofort noch lauter. So als wäre die Wasserflasche eifersüchtig auf mich und den Laptop. Ich überlege, wie ich sie einbeziehen könnte, bei dem was mein Laptop und ich vorhaben, aber mir fällt nichts ein.

Ich sehe die Flasche an und sie nimmt ihr Zischen ein klein wenig zurück. „Bitte. Lass uns doch eine Weile schreiben und danach will ich sehen, was wir – du und ich unternehmen können!“ Ich widme mich wieder meinem Laptop und das Zischen schwillt zu einem wilden Knurren und Zähnefletschen an. Ich springe auf und schreie sie beide an. Den Laptop und die Wasserflasche. „Schluss jetzt! Ich werde jetzt einen Spaziergang machen. Tragt es untereinander aus. So geht das nicht!“ Ich knalle die Tür hinter mir zu und während ich die Stufen nach unten renne, höre ich das Zischen und Knurren der Wasserflasche und das Klicken und Klappern des Laptops. Sollen sie es unter sich austragen! Ohne mich! Womöglich werde ich ab morgen immer in Cafés schreiben müssen.

 

JOHN FANTE IS WAITING!

Sonntag, Mai 25th, 2008

Ich setzte mich an die Schreibmaschine. Jetzt würde ich einen Satz schreiben, einen einzigen, perfekten Satz. Wenn ich einen guten Satz schreiben konnte, würden mir auch zwei gelingen, und wenn ich zwei schreiben konnte, waren auch drei möglich, und wenn ich erstmal soweit war, gab es überhaupt keine Grenzen mehr.
- John Fante

Bandini. Arturo Bandini – immer pleite und der größte Schriftsteller. Der größte Schriftsteller von allen größten Schriftstellern!!!

John Fante sitzt an seiner Schreibmaschine und tippt – ein Wort – dann das nächste. Es gefällt ihm nicht was er da schreibt.

Komm schon Bandini sag was! Rede mit mir! Verdammt!!! Rede! Wo sind sie – die Worte – die Sätze?

Ist es zu dunkel? Können die Worte nicht zu ihm finden – weil es zu dunkel ist – hier in dem Zimmer?

Fante hat das Licht in seinem Hotelzimmer ausgemacht – eine Kerze brennt und es genügt zum Schreiben! Es muss genügen. Bandini versteckt sich vor der Vermieterin die hinter der Miete für drei Wochen her ist.

Fante hat die Miete nicht – er hat noch viel weniger nicht – er hat nichts zu essen – nichts zu trinken – dreht sich mit den Tabakresten in einem Toilettenpapier die letzte Zigarette – und sieht hinaus auf ein paar ausgetrocknete Palmen. Hier ist er also. Bandini ist in Los Angeles.

Geliebtes Los Angeles – liebe mich und ich danke es dir!

Ich schreibe von Dir – über Dich – in Dir – aus Dir heraus – mit Dir zusammen!!!

Los Angeles – sei lieb zu mir – ich dank es dir – wir sind hier – gemeinsam – du brauchst einen Schriftsteller wie mich! Ich brauche eine Stadt wie Dich für mich! Ich – der deine Geschichte schreiben wird. Der Dich zeigen wird – wie Du sein kannst – wie gut du sein kannst zu einem wahren Schriftsteller! Ich bin Bandini – Arturo Bandini und mein Roman den ich dir – DIR schenke wird heißen – ASK THE DUSK! Es ist die Geschichte eines Mannes – eines Schriftstellers – der liebt – der kämpft – der lebt und leidet – hier hast Du ihn – deinen Helden! Los Angeles – ich bin bereit! Ich hab keine Zeit! Nichts zu verlieren und hab dir SO VIEL zu sagen!

L. A. Sei nett zu mir! Ich werd es dir zeigen! Stadt! Du! HEY STADT!!!

Ich bin hier und Du bist hier und ich bin der GRÖSSTE Schriftsteller von ALLEN!!! Sieh mich an Los Angeles! Siehst du mich nicht?

Liebst du mich nicht?

Ich werds dir zeigen!

Eines Tages werde ich sein – was ich jetzt schon bin – ein großer Schriftsteller!

Und alle können es sehen. Alle müssen es sehen! ALLE! Alle werden es sehen!

Ich brauche eine Liebe für meinen Roman! Eine LIEBE die man nicht lieben kann – ein LEBEN das man nicht leben kann.

In einer Stadt die nicht mehr atmen kann. Mit meinen Fingern – die tun sollen was sie tun sollen – einen Buchstaben nach dem anderen tippen und tippen und mir aus dem Herzen schreien – ohne zu denken – ohne auch nur ein bißchen zu lenken.

Fante! Du bist ein Genie! Das ist ein Anfang! Ein wahrer Anfang und es wird ein großer Anfang und ein großes Ende und dazwischen – wird es brennen und lodern und stürmen und rauschen und knallen und fluten und bersten und jauchzen und knarren und explodieren. Eine Explosion! Ein Erdbeben!

Mein Buch wird eine bebende Explosion!

Hier bin ich Arturo Bandini – ein Beben – eine Explosion! SEHT HER! – SCHLIESST EURE AUGEN – SONST WERDET IHR GEBLENDET – HÖRT HER – IHR – HIER HABT IHR EINEN DER ES EUCH ZEIGT WIE ES GEMACHT WERDEN MUSS!!!

Wer sind die anderen? Die anderen – sind anders und alle sind sie gleich! Ich bin hier – die anderen – sind weg und nichts mehr wert! Einen Dreck wert und viele noch weniger! Da komm ich her – aus dem Dreck und ich erzähl euch was! Ihr – ihr – ihr mit eurer Stadt! Ihr mit euren Träumen und Wünschen – ihr – ihr – ihr! Ihr seid alle gleich und ich bin anders! Mit aller Kraft bin ich anders und bin Arturo Bandini! Vergesst den Namen nicht! Ich bins – euer Arturo Bandini! Ich zeig euch eure Stadt – eure geliebte Stadt! Ich werf euch euren Dreck vor die Füße! Wisst ihr eigentlich wer ich bin? Ich bin Arturo Bandini!!!

Ich schreie und schreie und lache und lachend werde ich euch schreiend auf eure Straßen spucken – rotzen auf die Straßen auf denen nichts mehr wächst – auf eure Stadt – die mich nicht will! Die mich nicht braucht – wie sie euch nicht braucht! Ich schreie und ich schreie und ihr hört mich nicht! Ihr hört mich nicht? Nachdem ihr mich hört – hört ihr keinen anderen mehr – nie mehr – niemals werdet ihr mehr hören als mich! Mich – Arturo Bandini!

ICH BIN ARTURO BANDINI!

Wo bist du? (***[2]**)

Dienstag, Mai 20th, 2008

Ich hatte dich seit drei Wochen nicht mehr gesehen. Die Frage, ob das vektorielle Zucken der Sonne am Himmel Ausdruck einer kosmischen Körperstruktur ist oder aber so erruptiv vonstatten geht wie die Geburt eines Weltuntergangs, hatte mich nicht wieder losgelassen. In der Erinnerung an deine Stimme kamen meine Gedanken immer neu auf die sonderbare Gestalt jenes Zitterns zurück, aus welchem der Satz über die längst vollzogene Zukunft der Menschheit, Apotheose der Selbstbegegnung von Arm und Reich im abgedunkelten Raum eines Baukastens über sich hinaus verweisender Dinge, an jenem Abend erstanden war. Plötzlich war die Sonne untergegangen, deine Fingerspitzen hatten sich zurückgezogen in ein schwarzes Licht, das seitdem den Beginn einer jeden Nacht mit einer Schwerkraft umhüllte, die der unsichtbaren Sonne ebenbürtig war. Seitdem standen deine Augen jeden Abend am Horizont und schauten mich mit einem Zittern an, in welches hinein der Akkord aus dem Innern benachbarter Weinflaschen gefallen war, abstrahierte Form eines Universums, das noch von keinem Auge eines Körpers je angeschaut worden ist. Auge eines Körpers, ja, so war es – das erruptive Zittern deiner Stimme hatte meinem Ohr ein Gesicht offenbart. Die Augen hatten an dir vorbei die Bewegungslosigkeit deines Körpers wahrgenommen, selbst das kleinste Zucken wäre als kurzzeitige Verdunkelung der Sonne dem fragenden Blick zu Bewusstsein gekommen – allein: das fragende Zittern blieb.

En passant

Montag, Mai 19th, 2008

Es waren Nervenerschütterungen, die Frau von Morast bereits beim Gang in den Frühstücksraum zu schaffen machten. Roulettekugeln rollten für diejenigen, die sich vor dem Leben und seinen Sonderformen ekelten. Walzerklänge lullten auch die zähesten Paralytiker ein. Ihr Kopf, so schien es Frau von Morast, musste mit Vichywasser gefüllt sein. Der Baron würde sich abermals über das Schweigen bei Tisch bekümmern und die Zeitung zur Seite legen, weil seine statuenstille Gattin ihm langsam unheimlich wurde. Dabei leuchtete die Sonne heute doppelt hell, wo er doch gestern ein paar Mark beim Pferdelotto gewonnen hatte. Diese paar Mark waren nicht nur symbolisch bedeutsam. Frau von Morast hatte eine Schwäche für Kaugummiautomaten, in die man 10-Pfennigstücke einwerfen musste, um schließlich eine farbige Kugel zwischen die geweißten Zähne schieben zu dürfen. Sie hatte ihrem Mann vor dem Frühstückstee einen nervenberuhigenden Strandspaziergang vorgeschlagen, der nun von dem Sprudelwasser in ihrem Kopf unterminiert zu werden drohte – ein baroneskes Leiden, wie Dr. Kellermann am gegenüberliegenden Tisch erheitert konstatierte und die Faltmappe zuklappte, in der er allerlei Kuriositäten des urläublichen Lebens mit einem braunen Filzstift notierte.

Herr und Frau von Morast hatten den stets in der Scheintätigkeit von Geistesarbeitern sich Bereithaltenden schon länger registriert und mit Unbill festgestellt, dass seine Aufmerksamkeit sich verstärkt auf sie zu richten begann. Das war eine narrative Indigestion, jawohl. Sicher kaute Frau von Morast bereits beim 1. Frühstück farbenfrohe Kaugummikugeln, die sie in einem Silberetui beherrbergte, und dessen Knipsen in den Ohren des Barons jedesmal ein Vibrieren (die Synapsen arbeiteten eilfertig) auslöste. Sicher trocknete sich Herr von Morast beim Essen in regelmäßigen Abständen die Hände, die etwas Feuchtes auszudünsten schienen. Das Handtuch, überzuckert von bunten Aufdrucken wie je pisse en passant oder never figure inside my brain, hing über der Stuhllehne, und die Baronin reichte es ihrem Mann, sobald er ihr etwas ins Ohr flüsterte, mit dem er offenbar nach dem Handtuch verlangte. Rituale, die bei den Gästen auf Spott oder Mitleid stießen. Zudem waren die Beiden vollständig overdressed. Unter ihrer schillernden Garderobe trug Frau von Morast drei Korsagen mit lila Spitzen. Die Baronin war feige, und ihr Mann schiss keine Dukaten, flüsterte sie erregt, die Schlaffheit seines Rückens betrachtend. Doch die Neugier von Kellermann war eine geistige Indigestion.

Meldung

Freitag, Mai 16th, 2008

Dieses Schiffchen,

loswerfend

vom japanischen Kai,

ist plötzlich

wie aus Versehen geraten

ins Nirvana -

keines Rätsels Lösung

an Bord, nur

kühles Bier.

schlafstatt für schlaffe tiere

Sonntag, Mai 11th, 2008

hochwald +++ schutz vor schwarzschnee : windgeröll +++ schlafstatt für schlaffe tiere : tags +++ nachts : tanzplatz für hungerzähne +++ büchsenrevier für dämmerungsblinde jäger +++ wer kennt die moral des hochwalds +++ tosebach :  streifsau : fluggemse +++ ich habe mich durch ihn durchgeschlagen : bin durch +++ ihn durchgerutscht : die nadeln +++ stecken noch in meinen vier buchstaben

das es +++ vergiß

Mittwoch, Mai 7th, 2008

Wir ziehen uns zurück : du & ich +++ sie & er : vergiß das es +++ vergiß das wir : wir ziehen uns zurück +++ in keuchende schluchten : auf schluchzende höhn +++ immer ist bei uns der fauchende bruder +++ immer ist bei uns das maulende luder +++ sie hört nicht : was du sagst +++ du sagst nicht : was sie hört +++ er hört nur auf sie : sie sagt +++ was sie will : ich ziehe mich zurück

Das Recht des Schönen

Sonntag, Mai 4th, 2008

Der Streit um den Erhalt des Welterbetitels des Dresdner Elbtals zeigt, dass das Schöne eines Ortes, und mag er auch noch so einmalig, einmalig schön sein, in Recht und öffentlichem Diskurs keine Rolle spielt. Ein Ort hat keine Stimme, er ist auf uns angewiesen, nur wir können seine Schönheit gegen Zerstörungen verteidigen, die letztlich fast immer auf Aufwertungs- oder Verwertungsmaßnahmen beruhen. Man protestiere einmal gegen eine neue Straße oder eine neue Fabrik, weil man auf einer Wiese oder in einem Tal oder auf dem Platz vor der Kirche gern spazieren gehe, ja man klage einmal vor Gericht gegen eine Baumaßnahme mit der Begründung, das Schöne eines Orts sei bedroht. Im ersten Fall erlangt man bestenfalls den Ruf eines Spinners, im zweiten Fall wird die Klage verloren werden, weder ist das Schöne ein klagbarer Wert, noch darf irgendjemand für sich in Anspruch nehmen, rechtlicher Vertreter einer Wiese zu sein, über die er als Nichteigentümer allenfalls spazieren geht. So wird denn die meist schon zu Beginn verlorene Schlacht mit den gerade so erlaubten Waffen geschlagen. Tritt man öffentlich für die Wiese ein, gründet vielleicht gar eine Bürgerinitiative, so bekommt von den PR-Abteilungen das Etikett eines Investitionshindernisses verpasst, über Nacht wird man zum Ökofuzzi, zum Altkommunisten oder sonstwie wertlosen Teil der Gesellschaft. Mangels eigener PR-Abteilung kann man da nicht mehr viel machen. Die vom Wiesenspaziergänger auch mit noch so guten Argumenten ausgearbeitete Pressemitteilung wird kaum zitiert, eine Plattitüde des Offiziellen hingegen gelangt leicht in die Tagesschau. Manchmal ist die Wiese irgendwie ein Denkmal, und mit etwas Glück verweigert das zuständige Denkmalamt die Linientreue zum Investierenden. Das Ergebnis ist dann meist ein Kompromiss auf Kosten der Wiese, ein paar Quadratmeter bleiben erhalten oder kommen als Ausstellungsstück in die Grünfläche des Innenhofs eines Museums. Andere Möglichkeit: auf der Wiese findet sich ein seltener, unter Naturschutz stehender Käfer. Dann dürfen Naturschutzverbände die Rechte des Käfers verteidigen, was aber meist damit endet, dass der Käfer eingesammelt und auf eine andere eigentlich von Artgenossen bereits besetzte Wiese, umgesiedelt wird. (Mit Käfern darf man machen, was mit Menschen eigentlich verpönt ist. Das geschieht mittelbar, mit Lärm, mit Hässlichkeit. Der Wiesenspaziergänger verliert mit der Wiese ein Stück seiner Heimat und steht bald, wenn alle Wiesen in der bewährten Taktik der kleinen, winzigen Scheibe in Bebauungsgebiete umgewandelt sind, heimatlos da. Entweder er resigniert und bleibt, oder er flieht, flieht zu einer anderen Wiesen. Am Ende landen dann alle Wiesenspaziergänger in einem Flüchtlingslager an der letzten verbliebenen Wiese, bis auch diese mindestens mit Entlüftungssäulen für einen darunter verlaufenden Straßentunnel versehen ist.) Außerdem gibt es noch die Möglichkeit, der Wiese zu einem Titel zu verhelfen, am besten zu einem, der, von einem Gutachter bestätigt, nützlich fürs Marketing ist. Das Schöne der Wiese selbst spielt da keine Rolle. Wenn heute etwas von Experten und Kommissionen nicht in Gutachten und Zahlen ausgedrückt werden kann, dann gilt es nichts, dann ist es im Diskurs praktisch nicht existent.

Wie also dem Schönen der Wiese, der Wiese selbst zu einer Stimme verhelfen? Erinnern wir uns an den Käfer: anerkannte Naturschutzverbände dürfen als Träger öffentlicher Belange seine Rechte verteidigen. Naturschutz ist nach dem Gesetz ein öffentlicher Belang, das Schöne nicht. Hier sollte das Gesetz der Wirklichkeit angepasst werden, denn das Schöne ist zweifellos, solange wir nicht vollständig in den virtuellen Raum umgezogen sind, ein öffentlicher Belang. Jetzt benötigen wir nur noch den, der die Rechte der Wiese in den üblichen Anhörungs- und Gerichtsverfahren vertreten kann. Wer ist heute noch eine Autorität auf dem Gebiet das Schönen? Das könnte jeder sein, aber, auch im Naturschutz darf nicht jeder die Käfer verteidigen. So bedauerlich es ist, es muss eine Autorität her, eine Expertenkommission. Nur das Urteil einer Expertenkommission ist heute im Diskurs existent. Im Urteil einer Kommission wird selbst das Unsagbare zum Begriff. Wen nehmen? Die Dichter, die bildenden Künstler, die Komponisten, all die, die sich den Schönen Künsten verschrieben haben. Ihre Verbände, mag es nun der Komponistenverband sein oder der Neue Kunstverein, können die Träger eines öffentlichen Belangs sein – des Schönen. Sie können die Wiese vertreten. Sie können, müssen nicht, die Verteidiger des Schönen der Wiese sein. Auch das Schöne hat ein Recht auf Existenz.

Am Abhang hinterm Stadion (Bildungsroman: [1])

Freitag, Mai 2nd, 2008

“…dem Bewußtsein ist der Gegenstand aus dem Verhältnisse zu einem anderen in sich zurückgegangen und hiermit an sich Begriff geworden; aber das Bewußtsein ist noch nicht für sich selbst der Begriff, und deswegen erkennt es in jedem reflektierten Gegenstande nicht sich.”

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes, Frankfurt/M. 1986, S. 108

Wir saßen auf den Steinen aus weißem Granit und spürten durch die Blicke, Worte und Satzfetzen hindurch die Wärme des sich abkühlenden Tages. Es roch nach verbrennendem Gras. Du hattest mir gerade die Hand auf den himmelwärts gerichteten Knorpel des dir zugewandten Schultergelenks gelegt, ein leichtes Antippen, und hinter der stehenden Wand eines eigenwilligen Geruchs  warst du steif und fest in deiner Behauptung eingesponnen, der Begriff des Vektorraums sei durch die mit ihm gesetzte Einheit zweier Gruppenstrukturen in der Verschmelzung eines algebraischen Körpers mit der als stets reversibel zu denkenden Bewegung einer Wolke aus Pfeilelementen nichs weniger als die vorweggenommene Zukunft der Menschheit. Ich hörte das Zittern in deiner Stimme. Nebenan perlte ein Akkord aus der um ihn herum versammelten Gruppe jugendlicher Trinker, noch war nichts gestimmt, und die zuckenden Schatten des bereits einsetzenden Geschwirrs insektenjagender Luftwesen zeugten von einer Gefahr, in die wir beide nun mit Leib und Seele eingelassen waren: zwei sitzende Gestalten in einem großstädtischen Amphitheater. Ich antwortete, die Idealität eines Vektorraums sei zu schwach für die Bildung eines Kerns aus Idealteilern – die notwendige Ringstruktur würde vom Körper vor dem Entstehen eines Binsenraums einfach aufgehoben. Da warst du es, der abwinkte. Das Licht sagte zum Abend: “Komm!”, und der Abend kam; doch er blieb nicht.

Windrad

Freitag, Mai 2nd, 2008

Im Rapsfeld der Turm

schmirgelt den Wind

pausenlos.

Nachtrag zum Mond: ein Mann mit Fellmütze

Freitag, Mai 2nd, 2008

Auf der juckenden Haut des Himmels

Sind die Sterne als Nadelspitzen in den

Blick eines schweigenden Auges gestellt:

Sag mir, wie nur kann so dauerhaft stehn

Hoch über unsern schwankenden Köpfen,

Was als lauernder Kreislauf tief im Innern

Den Leib in der Abwesenheit bei sich erhält?