Archive for März, 2008

Ankunft

Montag, März 31st, 2008

Die Fahrt auf dem Fluss hatte einige Jahre gedauert: das Geriesel der
Quellen, gleichmäßiges Plätschern, so wie Gewohnheiten irgendwann Ge-
Danken sind & sich abwenden von dem Ort, da sie das Licht der Welt
Erblickten. Alles fließt. Die Erinnerung schult sich zunächst in der Beob-
Achtung der Ränder – vom Hier & Jetzt aus beginnt der Blick in die Ferne
Zu wandern, rastlos durch das Zucken der Augenmuskeln hindurch überm
Unfassbaren Grund einer Wellenbewegung. Mit der Zeit werden Ufer erkennbar,
Linien der Unterscheidung, und wenn erst der Finger im Wasser mit der
Netzhaut in Berührung gekommen ist, entfaltet sich in der Vorstellung
Jenes Heiligtum außerhalb des handgreiflichen Miteinanders der Körper,
Das sie heute immer noch Raum nennen.- Raum, Rh-Aum & die zusammen-
Geballten Fasern der Knochenbeläge, die unter der Haut hervorquellen,
So wie sich das Wesen zurückzieht & die Linie zur Begrenzung der nur
Nur ihm zur Verfügung stehenden Innen- kreisläufe preisgibt an das
Molekulare Großgetümmel dieser Welt. Götter & Menschen in Eintracht bei-
Einander – als Schichten unterm Mikroskop; später schiebt sich das Getöse der
Unmäßig leicht auf dem Schädel last- enden Luftschichten zwischen die
Außenpunkte des Gesichtsfeldes, das von nun an als in sich fest ver-
Nähtes Segeltuch den Körper aller Dinge so dicht umhüllt wie der
Brausende Wohnraum der Winde den Planeten.

Hochwasser

Montag, März 31st, 2008

Schreiben ist reden

mit einer Flüssigkeit

der man nicht

zu folgen

gewohnt ist

Trocken stehen

die Häuser

in bleichem Licht

verschont

von der Tinte

A und O

Montag, März 31st, 2008

A und O

Engel schreiben nicht

mit der Feder

Sie sind an

alpha

beten

Vor dem Richtstuhl

mit dem goldenen Buch

in dem sie nicht

stehen

So überfliegen sie

die Seiten

mit ausgreifendem Flügel

Beschreiben

den Bogen

Zurück zum Anfang

von omega

Zu Feldern zusammengefaltete Flügel

Donnerstag, März 27th, 2008

Welimir Chlebnikow

Aus: Blitze-Schwestern

4. Segel

Seelenwanderung

51

Himmel, sei du nun fortan aus Stein!
In die Weite treibt’s mich hinein.

61

Ich bin das Buch der ausgetrockneten Meere.

62

Und ich werde ein Messerchen sein.
Zu Feldern zusammengefaltete Flügel …

[vgl. Ossip Mandelstam, Achtzeiler]

Epitaph: Probleme um Gleis neun drei Viertel

Donnerstag, März 27th, 2008

1

Vielleicht bin ich zu alt für diesen ganzen Zauber.

Ich trat vor die geheimnisvolle Wand und stieß mir den Kopf. Dabei wusste jeder um die selbstverständliche Mechanik dieses Ortes. Aber es war der falsche Ort. Oder sollte es gar ein falsches Geheimnis sein?

Ich hatte am Anfang von Bahnsteig neun gestanden und die Leute beobachtet, fast eine halbe Stunde lang. Ich hatte keine Mühe gescheut, ihnen mit kühlem Kopf und ruhigem Blick auf die Spur zu kommen – vergeblich.

Ich stand an einer Bude am Anfang von Bahnsteig neun und beobachtete die Leute. Es war das auf einem Hauptbahnhof übliche Gedränge. Wege und Blicke kreuzten sich kurzzeitig, um schon im nächsten Moment einander ganz zu entschwinden. Ich stand da und war ein Teil davon.

Dann begannen mir die Blicke in der Seele zu jucken. Oder war es nicht vielmehr so, dass meine Blicke in den anderen Seelen zu jucken begannen? In den kurzen Momenten des Blickkontakts begann es zu jucken und zu zucken wie vor einem Gewitter. Man wurde auf mich aufmerksam. Ich war entdeckt.

In der Bahnhofskuppel erschien ein Taubenpärchen. Fast schien es, als hätten sie sich verirrt. Sie konnten unmöglich immer hier herumfliegen, schließlich waren sie keine Menschen. Mein Blick glitt unwillkürlich nach oben. Ich studierte die Topographie des Luftraums von unten. In der kuppelförmigen Dachkonstruktion ragten allerorten ungemütliche Spießer hervor, als Taube hätte man sich unmöglich dort niederlassen wollen.

Vielleicht als Eule. Aber Eulen hatte ich hier nicht gesehen. Ein Problem war es mit den Tauben. Die flatterten dort oben herum, als litten sie unter Verdauungsstörungen.

Als der Blick wieder die Erde erreichte, war der Bahnsteig wie leergefegt. Wo eben noch hunderte von Leuten mit Koffern rastlos aneinander vorbei gelaufen waren, gähnte nun die Leere eines verlassenen Bahnsteigs. Es war zum Ausrasten! Wieder war ich ausgetrickst worden.

 

2

Wenn es mit Beobachtung und Nachahmung nicht gelang, wie wäre es dann mit den Mitteln der Weltgeschichte? Ein vulkanischer Gedanke bemächtigte sich meiner, ich begann mich zu fühlen wie Alfred Nobel in der Blüte seiner Jahre. Dort war also Bahnsteig neun, oder sagen wir lieber – der Bahnsteig, wo zwischen den Zeilen der Gleise etwas Unverhofftes erwartet werden durfte. Ja, zwischen Gleis neun und Gleis zehn wohnte die Verheißung.

Ich stand am Anfang des Bahnsteigs, über mir ein hemmungslos flirtendes Taubenpärchen mit Verdauungsstörungen, unter mir die Erdkugel, wie sie einst schwebend auf dem Schreibtisch eines Giganten vergangener Jahrhunderte rotiert haben mochte, nur größer. Ich hatte die Hände tief in den Hosentaschen vergraben und fingerte an etwas Festem herum. Jetzt hatte ich es in der Hand. Wenn ich jetzt die richtige Bewegung ausführte, es wäre soweit. Zwischen den Fingerkuppen hatte sich eine ganze Salzwüste abgesetzt, es rieselte ununterbrochen. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es sich bis ins Innerste durchgerieselt hätte.

Da verschlug es mir den Atem. Ich wollte tief Luft holen, doch es gelang nicht. Ich versuchte vorsichtig zu röcheln, so wie man in Hollywood das Nahen des retardierenden Moments einzuröcheln pflegt – allein: es wollte mir nicht gelingen. Obwohl ich genau wusste, dass ich mich auf dem Hauptbahnhof befand, am Anfang von Bahnsteig neun, der zwischen den Zeilen der Gleise ein Geheimnis birgt, sah ich vor lauter verhindertem Röcheln keinen Bahnhof mehr. Vielmehr stand ich allein in der Einöde, um mich ein weites weites Feld, und ich spürte es unaufhörlich rieseln. Unwillkürlich hielt ich mir die Nase zu.

Mittagessen mit Eberhard Spengler. Ein sehr sachliches Experiment

Mittwoch, März 26th, 2008

Die Serviette war aus bleichweißem, gestärkten Leinen. Eberhard Spengler lüftete sie vom Teller, entfaltete sie als hätte er Geburtstag und somit Überraschungen zu erwarten – die Erwartung war das, was es auszukosten galt, – und wurde urplötzlich von dem Drang befallen, sie sich um den Hals zu legen und dann langsam immer fester zusammenzuziehen. Unter schwerem Atmen widerstand er diesem Drang. Eberhard Spengler war nicht der Typ für kühle Experimente. Mit verspannter Nackenmuskulatur und krampfhaft geschlossenen Fäusten bemühte er sich um Haltung. Er wußte, die Serviette mußte aus seinem Blickfeld verschwinden, hier, jetzt, sofort. Das Radio spielte „Sunny“, einer dieser Schlager aus den Siebzigern, die man in mittleren Restaurants um die Mittagszeit (warum saß Eberhard nicht in der Mitte des Raumes?) so häufig zu hören bekommt. Für Eberhard Spengler klang dieser unsägliche Refrain wie „Schalli“. Schalli, das war, hach ja, wie konnte er das vergessen – sein Kollege Gustav Schaller, der jetzt Kundenberater bei einem renommierten Bankhaus war. Gustav Schaller hatte Glück gehabt. Haarscharf vor dem ersten, möglichen Griff nach der Zyankalikapsel hatte er den Job bekommen und die traurige Institution verlassen dürfen, in der er, Eberhard Spengler, immer noch knechtete.

Warten Sie nicht auf den Weihnachtsmann, Herr Spengler. Die Tageskarte liegt vor Ihnen. Heute ist Dienstag.

Henriette Spengler öffnete die Tür. Sie war erstaunt, Ihren Mann davor zu finden. Der sah aus, als hätte er schon ein paar Schnäpse intus. Henriette Spengler war eine erfahrene Frau. Sie kannte die Männer, sie kannte besonders ihren Mann und seine speziellen Bedürfnisse. Den Vormittag hatte Henriette damit zugebracht, sich mit einem Rasierapparat, der eigentlich für ihre Unterschenkel gedacht war, das Deckhaar systematisch kurz zu scheren. Das war Henriettes Rache an der Welt, der Welt, die sich ihr nur in Form von Eberhard Spengler präsentierte. Eine kleine, klägliche, ja alltägliche Welt, in der einzig und allein der totale – nein nicht Krieg – der totale Eberhard herrschte, eine Welt, in der schon bei Tagesanbruch der Glanz des absoluten und vollkommenen Eberhard schauerlich am Himmel erstrahlte. Jetzt war später Nachmittag und das Licht des Eberhard Spengler schon ein wenig blasser geworden.

Doch gerade diese Blässe machte Henriette unsicher. Sie deutete ihr vage an, daß etwas in ihrem Mann vorging, vorgegangen sein mußte -, daß da etwas nicht stimmte. „Gib mir meine Krawatte, Henriette“, sprach Eberhard Spengler, ohne seine Frau zu grüßen. Ich will sie dem Mädchen da unten am Fluß schenken, das, wie Du weißt, jeden morgen und jeden Abend dort steht und überlegt, ob sie nicht ins Wasser springen sollte. Sie wird nicht springen, das weiß ich. Die Krawatte wird sie auf andere Gedanken bringen. Meine Liebe, denkst Du denn, eine Wasserleiche sähe schöner aus als ein Mädchen mit einer Krawatte um den Hals? Wenn Du jetzt nickst, wenn Du jetzt sagst, doch, ja ich könnte es mir vorstellen, dann weiß ich, Du hast nie darüber nachgedacht.“

Ja, Eberhard Spengler, da liegt dein Problem. Du denkst über Dinge nach, die später weder passieren, noch andere interessieren, und weil ständig Dinge passieren, von denen du, Eberhard Spengler, nicht einmal den Hauch einer Ahnung hast, müßtest du das Denken eigentlich einstellen. . Siehst du, jetzt beugt sich Henriette vor, um dir einen Kuß zu geben. Gleich wird es Abendbrot geben. Die Dinge geschehen ganz von selbst und dein Denken war nur Sand im Getriebe. Tschüs, Eberhard!

Etwas Erbauliches

Mittwoch, März 26th, 2008

In der Nacht vor Weihnachten schrieb sie einen Roman. Weil der Schnee nicht hatte kommen wollen. Das Thermometer war auf drei Grad Celsius stehen geblieben, es roch nicht nach Fichtennadeln, es roch nach Benzin und schmutzigem Regen. Schmutziger Regen hat einen eigenen Klang. Man weiß, dass volle Mülltonnen vor der Haustür stehen und vor den Feiertagen nicht mehr abgeholt werden. Man weiß von dem aufgeweichten Papier, den lappigen Kondomen, stinkenden Milchtüten, die auf dem Hof herumliegen und festgewaschen werden. Man muss etwas trinken an diesem Abend. Der Wecker ist auf sieben Uhr gestellt, sie wird den Klingelbefehl löschen, bevor er scheppernd beginnt. Sie wird weiterschlafen und den Zug verpassen. Die Eltern werden sich aufregen. Kann das Kind nicht mal zu Weihnachten pünktlich sein. Sie wird in ihrem Zimmer sitzen bleiben, Teelichter in den Kerzenhalter legen, sie anzünden und dabei zusehen, wie sie in Form einer Wendeltreppe in den Raum brennen. Sie wird die Fenster weit öffnen und den Regen hineinlassen, die Rinnen mit der schlammigen Brühe betrachten und die vorbeirauschenden Autos, die Benzingestank in den Regen entlassen. Und Kerzen. Wenn die ersten heruntergebrannt sind, wird sie neue einlegen. Sie hat Vorrat, hundert Stück gekauft. Sie wird den Stecker aus dem Telefon ziehen. 

Er hatte sich etwas Erbauliches von ihr gewünscht. „Schreib doch mal was erbauliches“, hatte er beim ihrem letzten Besuch im September gesagt. Kerzenlichter waren nicht geeignet, sich daran zu erbauen. Sie brachte nichts ein. Sie war ein Verlustgeschäft. Aber sie wollte Kerzen. Was war erbaulich? Eine geglückte Liebesbeziehung? Eine tödliche Familiengeschichte über Obstgärten und Kinderchen? In Obstgärten war man allein und beklommen. Ab und zu plumpste eine überreife Frucht ins Gras. Es köderte einen das Schweigen. Sie wollte in Obstgärten sitzen und mit den ins Gras gefallenen Mirabellen ihr Alleinsein feiern. Die waren klein, wurmstichig und wurden von Mutter nicht gemocht, denn sie blieben an ihren frischgeputzten Schuhsohlen kleben. „Mit diesem Obst ist nichts anzufangen, nicht mal einkochen kann man es. Der Mirabellenbaum muss weg.“ Sie erinnerte sich an den süßen, etwas faden Geschmack und das Weiche, Runde in ihrem Mund, das sich mit der Zunge leicht zerdrücken ließ. Die Mirabellen waren weich und nachgiebig wie das Kerzenwachs.

Hausbesitzer sind um die Weihnachtszeit herum die einzigen verbliebenen Menschen. Sie machen sich an deinem Briefkasten zu schaffen, freuen sich über die frischen weißen Schildchen, sind beglückt wie Schulkinder. Der Zug aus einer Havannazigarre macht sie erwartungsvoll für Mußestunden, heute kehren sie auch die lappigen Kondome mit Blattwerk vom Hof. Dass schwermütige Musik aus den Boxen tönt, überhören sie. Vielleicht ist es auch die Kerzenstimmung, in ihrem Haus mit seltsamen Rundungen an den seltsamsten Stellen. Baugerüste ruhen stumm, wollen seit Monaten ihre Beute nicht freigeben. Balkontüren werden aufgestoßen. Sie sind so alt, dass ihr Knarren vertraulich klingt. Regenschauer wehen herein. Ältere Herren mit grauen Bärten und PDS-Mützen treiben vorbei, schlingern auf Fahrrädern durch das schlechte Wetter. Du kratzt Tapetenreste von der Wand, überlegst zum wievielten Male, ob du die vergilbte und von Tesastreifen entstellte Wand über deinem Bett streichen sollst. Starrst den Stuck an, der in jedem Zimmer anders aussieht. Ziehst mit den Augen Kurven und Rundungen, Kreisbewegungen um eine leere Mitte nach und entdeckst in den Bewegungen die Walzerseligkeit, die nie statt fand. Manchmal, wenn es hier sehr dunkel ist, leuchtet ein grünes Schild mit Zeichen Notausgang. Doch du findest die Tür nicht. Trittst in Abstellkammer Nr. Zwei, Staub rieselt in deine Nase, ein Strick baumelt aus drei Metern herab und du weißt, dass da oben ein Stuhl in luftiger Höhe hängt. Der richtige Ort für eine persona non grata. Doch du kommst nicht dorthin.

Subfébrile

Dienstag, März 25th, 2008

Was nun? Ein paar Abende hatte ich im Haus verbracht, jetzt stand ich auf dem weißgekachelten Flur der Heilanstalt, ein Kind mit Zöpfchen, falschen Erwachsenenhandschuhen und rutschenden Söckchen. Adressen vergisst man nicht. Sogar Gedichte hatte ich in meine Tasche geschoben. Ein Handgepäck, innen verstärkt für fragiles Transportgut. „Komm in den totgesagten Park und schau…“ Gleich würde ich in norma­lem Tempo an die Rezeption gehen und um einen Termin bei Dr. Malot bitten. Ein Schamgefühl lähmte meine Zunge. Schwarzer Pelz. „Normale Menschen sind hier ausverkauft!“ Dr. Malot hatte von einer „Vitalistischen Vernagelung mit pathologischer Tendenz in der Beziehung zur Welt“ gesprochen. Begriffen, eindeutig?, fragte er, zweideutig klang es. Ich nickte höflich und bot meine Hilfe an, als mich Dr. Malot nach einer ersten Untersuchung bat, die Glühbirne in der Wandleuchte auszu­wechseln. Einweisung. Medizinischer Fachjargon.  

Mittags kam mir Dr. Malot auf dem Korridor entge­gen. Er forderte mich auf, ihm Gesellschaft zu leisten. Im Sprechzimmer bot er mir einen Ses­sel an, in dessen Mulde man so bequem saß wie auf einer Folterbank. Dr. Malot fing ohne Über­lei­tung von meinem Krankheitsbild an. „Wissen Sie“, sagte er, während er mir eine Zigarette ansteckte, Sie sind wirklich ein me­dizinischer Sonderfall. Eigentlich gehören Sie ins neunzehnte – allerhöch­stens ins frühe zwanzig­ste Jahrhundert. Was machen Sie eigentlich, wenn Sie nicht ruhen müssen, wer vertreibt Ihnen die Zeit? Wovon bezahlen Sie die Arztrechnungen?  … verzeihen Sie, ich wollte Sie nicht kränken, Frau … wie heißen Sie noch mal?“ Ich sagte ihm kurz meinen Namen und täuschte Gleichmut vor, indem ich den Rauch meiner Zigarette lang­sam an die Decke blies. Dr. Malot verstand. „Nun, Sie haben ja im­mer noch die Wahl, sich zu trennen. Davon. Oder stehen Sie dem derart nahe, dass es Sie … na, sagen wir mal – eine Überwindung, ich meine eine Selbstüberwindung kosten würde, es uns oder sich selbst zu überlassen?“ Die Folterbank wurde bequemer. „Ich – also die Ärzteschaft und auch das Pflegepersonal sind Ihnen äußerst zugetan. Sie glauben ein Opfer zu sein? Ein Opfer Ihrer Krankheit, deren Sinn und Inhalt sie nicht verstanden haben. Es gibt leider auch keine deutsche Bezeichnung dafür, sonst würde ich Sie Ihnen nennen. Doch, vielleicht. Darüber mögen andere urteilen.“ Ich war rot geworden. Dieser Mann war schlimmer als Doktor Böck, der die Dinge wenigstens taktvoll in die Schwebe brachte. Und nun forderte er mich allen Ernstes heraus, diesen Begriff zu nennen. Ich nahm ein weißes Blatt Papier von Dr. Malots Schreibtisch und malte ein schwarzes Haus darauf, das wie ein Buchstabe aussah, aber nur eine wirre Linie war. Dr. Malot nickte zufrieden. „Und gehen Sie zu Ihrem Freund. Er erwartet Sie in der Liege­halle.“ Ich sah an mir herunter. Ich trug eine Satinhose mit weiten Beinen, die enger fielen, sobald man auf­stand. Langeweile. Nun in Ordnung. Dr. Malot legte die Stirn in Falten. „Ich erinnere mich an – ja, letzten Frei­tag, gingen wir gemeinsam in das Café am Opernplatz. Sie besuchen ausgewählte Cafés? Nun, ich habe mich daran gehalten. Ihr Freund raucht, nun, also hatte ich französische Zigaretten besorgen lassen. Wie wir so saßen und plauderten – wissen Sie, ich habe selten ein so anregendes Ge­spräch geführt, von vielem verstehe ich ja nichts. Wir Ärzte sind Amputierte. Uns fehlt ein we­sentliches Organ. Unsere Nerven sind zu abgestumpft – oder viel­leicht besitzen wir gar keine. Ich sah Dr. Malot mit meinem kühlen Märchenblick an. Er war gerissener als ich, er stand auf. Wir gingen in den steril glänzen­den Flur. Es fiel mir schwer, mit Dr. Malot Schritt zu halten. Da jedoch mein inneres Tempo auf Hochtouren stellte mein Mund Dr. Malot unaufhörlich Fragen. Er kam tat­sächlich hier und da in Erklärungsnöte. „Sie sind ein schlaues Frauenzimmer, das muss man Ihnen lassen. Meine Erfahrung mit Frauen beschränkt sich auf – bitte verzeihen Sie mir dieses Wort – Kuriositäten, ja ich sammle Kuriositäten … wähle meine weiblichen Bekannt­schaften nach dem Grad ihrer Extrava … ihrer Abweichung von der Norm …“ Dr. Malot verwirrte sich, schluckte ein paarmal und fand dann zu seiner alten Haltung zurück. „Hören Sie. Sie sind viel zu klug, als dass sie meine Befremdung nicht verstehen würden. Sie sind so etwas wie ein Rubin, ein Aquamarin in meinem Frauenkabinett … Sie sind ein …“ „Werden Sie nicht poetisch, Herr Dr. Malot. Ich habe ein ganzes Män­nerkabinett in meinem Wandschrank, falls Sie das interessiert. Postkarten von toten Dichtern. Und den Aqu­amarin trage ich an meiner linken Hand.“ Ich hielt Dr. Malot meine Hand entgegen, an welcher der Stein wie transparentes Was­ser leuchtete. „Kommen Sie bitte zum Punkt, wir sind gleich in der Liegehalle. Sie gehen zu schnell.“ Wir waren tatsächlich eine ganze Weile den Gang entlang gelaufen ohne irgendwo anzukommen, wahrscheinlich hatten wir einen Umweg ge­macht. „Sie tragen einen Aquamarin? Merkwürdig, dass mir das erst jetzt auffällt, wo Sie es sagen.“ Dr. Ma­lot schnaufte. Der Korridor bog jetzt wieder seitwärts ab und mir schien, als seien wir hier vollkommen falsch. Aber ich ver­traute mich Dr. Malots Führung an. Seine scheinbare Lan­geweile zeigte bereits Symptome einer inne­ren Ge­spanntheit. „Dies ist ein ordentliches Hospital, ja ein ordentliches.“ Wir waren stehengeblieben und lehnten jetzt unter einem hohen Bogenfenster. Dahinter ein Garten, in dem Patienten ihre Runden dre­hen durften. Wie Lustwandler. Spaziergänger in spe. Ich spürte, dass mein Sprechapparat mir nicht gehorchte. Deshalb überließ ich Dr. Malot das Wort und starrte nur unbewegt auf seinen weißen Kittel. Ein Chefarzt in guter Position trifft sich mit einer snobistischen Kranken, die über körperliche Affekte, die ja nun einmal zur Natur des Menschen – besser des Menschentie­res – gehören, so spricht, als seien sie etwas Einzigartiges, nur ihr Gehöri­ges. Komm in den totgesagten Park und schau…“ „Dreimal habe ich im letzten Winter die Grippe gehabt. Mein Freund hat danach immer gleich die Kleider gewechselt und die Bilder signiert, die er von mir malt, auch wenn sie noch feucht waren. Dann hat er sie ins Licht gehängt. Wenn nach mir eine andere Frau oder ein Mann zum Modellstehen kamen, was sich selten ereignete, da niemand bereitwillig – für ‘nen Appel und ‘n Ei, Herr Dr. Malot –  ‘ne Lungen­entzündung riskiert, hat er immer zu mir gesagt ‘Das Licht ist dein’. Pathos war sein – ganz klar…  jedenfalls.. die anderen Bilder hingen danach … auch im Licht, weil der Raum das so vorschreibt, aber nie waren sie – signiert.“ Dr Malot kramte in seinem Kittel. „Hier haben Sie ein wirksames Grippemittel, für den nächsten Winter.“ Ich steckte es ein. Mit einem Mal standen wir in einer Halle, die ich heller in Erinnerung hatte. Vielleicht war es auch nicht dieselbe. Einige Kranke lungerten faul in ihren Sesseln, blätterten in Magazinen und hofften auf Genesung. Als sie Dr. Malot erblickten, grüßten sie verhalten. Der über­triebene Respekt vor Ärzten war ihnen mit der Muttermilch eingeflößt worden. Ich stand vor einer dreiflügligen Glastür, über der das kaum noch lesbare Schild „Liegehalle“ etwas schief in ver­renkten Buchstaben angebracht war Dr. Malot drückte die Klinke. Das Kind mit Zöpfen und rutschenden Söckchen folgte ihm. Die Handschuhe hatte ich mir heruntergezogen. „Wir können nichts mehr für Sie tun.“

Inskriptionen. Die Erste

Montag, März 24th, 2008

Die erste Runde der Inskriptionen nähert sich dem Ende. Bis zum 31. März können noch Texte für die Anthologie Nr. 1 eingeschrieben werden. Die Redaktion liest schon eifrig und wird im April die Auswahl zusammenstellen. Damit geht Inskriptionen ins zweite Jahr und, wenn frei nach Platon Papier so etwas ist, wie der kleine Tod des Wortes, in ein zweites Leben … 

Limerick

Montag, März 24th, 2008

Ein Weiser kam aus fernem Land
erklärte uns den alten Kant
so hell war der Sinn
so groß der Gewinn
dass leuchtend unser Wissen schwand.

W A H R H E I T

Sonntag, März 23rd, 2008

Die ausgesprochene Lüge nennt gern sich Wahrheit
sie ist eine tausendköpfige Hydra
In ihrer Unbezwingbarkeit hadert sie dennoch
mit diesem Geschehnis
Und so sprechen ihre häßlichen Häupter
dass es bereits geschehen ist
Vergessen kann man es – die Bestie sprach es aus
nicht abzuschlagen ist ihre Behauptung
Selbst wenn sie einen Kopf verliert
ist er aufblühender Same zu neuer lächelnder Fratze
Und es tönt aus den geifernden Mäulern:
Es betrifft dich nicht, denn es ist längst passiert
Das angerichtete Blutbad fließt bereits
in den Adern unseres neu geborenen Verstandes
Der sprudelnde Rumpf schloß sich
zu einem neuen verdrehten Hals -
Der Trompete der Atemluft
und dem Kehlkopf mit der triftigen Zunge
Tröstet euch, denn es ist schon vorbei
die Anderen traf es mitten ins Herz
Es ist reine Wahrheit – sie wollten es so
sprach man doch täglich vom Leitsatz des Tages:
SUCHT NICHT – SO WERDET IHR FINDEN
DAS WAS IHR EUCH NIEMALS GEDACHT HABT
Seid getrost und vergesst nicht
die Aufgabe unter dem Leib des Ungeheuers
Seine Schatten werfenden Panzerplatten
sind das Schieferdach unter dem Nachthimmel
Denn die Wahrheit wird euch berichtet
aus verloschenen Sternen
Deren Licht euch noch nicht erreicht hat.

Süße Provinz

Sonntag, März 23rd, 2008

Süße Provinz +++ nicht hinaus : hinein wollen wir +++ immer tiefer : in die Berge +++ Schluchten hinab : mit gellendem Schrei +++ hinterm Bach liegt die Provinz anderer Zunge +++ ein reißendes Dazwischen : kälter als Eis +++ schreckt niemanden : die beiden Alten +++ sind als Jungen drüber gestiegen : zu einer Zeit +++ in der es noch Eis gab : jetzt sitzen sie +++ im Salonwagen & betäuben ihre Demenz +++ mit süßem Sekt : wozu eigentlich +++ die Kindheit schmeckt schon süß : wir Abenteurer +++ erkunden die Kneipen : mit ihren Wandbildern +++ märchenhaft brave Knappen : auf Wanderschaft +++ den Rucksack voll Wein : wer will weg von hier & nicht hinein

Leipzig nießt

Freitag, März 21st, 2008

Die Messe ist gelesen, ich schlage die Montagszeitung auf und sehe: Nießen. Jetzt muß ich den Namen doch erwähnen. Der Überschrift wegen. Ein fülliger Barde mit rotblondem Haar, rotblondem Bart, schwarzer Brille. Der im Neuen Rathaus die Arme hochreißt wie ein gedopter Radrennfahrer auf der Zielgeraden. Kämpferisch, sportlich, wie der Liebhaber des Pferderennsports, der zwei Tage vorher die Faust hochreckte nach der Siegesmeldung und sich mit Bier besprühte. Wild entschlossen, wie der ehemalige Panzerfahrer, der einst in Klagenfurt seine Faust präsentierte. Nießen hebt beide Arme in die Luft, was auch heißen kann: Ich kapituliere. Aber so ist es nicht gemeint, wirklich nicht. Das Leipziger Lesespektakel – in der Selbstwahrnehmung der Stadt immer ein Superlativ: das größte Literaturfest Europas mit knapp 2000 Veranstaltungen - platzt aus allen Nähten. Das Sympathische an der Zahl ist, daß sich hinter ihr etliche unbekannte Autoren verbergen. Was heißt unbekannt? Außer den Debütanten, die eine Chance verdienen, bleibt in Deutschland eine Großzahl preisgekrönter Dichter anderer Zungen unbekannt – und unbedeutend. Der Filz der Feuilletonredaktionen filtert effektiv und läßt sie nicht an die Oberfläche des öffentlichen Bewußtseins steigen. Da genügt es nicht, den Pulitzer Prize for Poetry zu gewinnen oder den NIN Award of Literature. Manchmal denke ich, da wäre ein neues 68 vonnöten oder eine 89er “Wende” – im Westen. Statt über diese beiden Ereignisse immer wieder nur nostalgisch zu debattieren. Leider hat sich die Zahl der Besucher Leipzigs zur Buchmesse nicht in gleichem Maße vervielfältigt wie die Zahl der Veranstaltungen. Und die in den Hochglanzmagazinen hochgelobte Verflachung des “Formats” Lesung zur “Leseshow”, zum “Event”, multimedial natürlich und massenkompatibel, zieht die Gäste in die Katakomben der Innenstadt. Ernsthafte literarische Programme – im Panometer mit Kurt Steinmann beispielsweise, der zwei Jahre lang jeden Tag 15 Verse der Odyssee neu übersetzte – verwaisen außerhalb des Innenstadtrings. Wen interessieren sie schon? Es wird gefeiert, man feiert sich selbst. Die Auferstehung des Partymenschen, bitte nicht zu früh am Morgen. Mit Literatur hat das nichts zu tun. Und was, bitteschön, ist eigentlich “Literaturvermittlung”? Wenig erfährt der Zeitungsleser am Montag nach der Messe von Alida Bremer, die in unglaublicher Detail- und Kontaktarbeit, kroatische Autoren nach Leipzig vermittelt sowie – noch wichtiger – die Übersetzung und Veröffentlichung ihrer Werke arrangiert hat. Auch ihre Nächte, scheint es, waren länger als der Tag. Die Augenringe nicht weniger dunkel. Was, also, bleibt von der Buchmesse in Leipzig 2008? Der Kater mit Gewißheit nicht, der ist am Montagabend schon verflogen – sondern ein paar neue Bücher, unter anderem aus dem Kroatischen.

Untemperiert

Freitag, März 21st, 2008

Unzensiert. untertemperiert hat sie dich gekannt. genannt. protokollierte das leben, polierte kalte in schale getränkte luft-endendelust. nichtaufdasnicht temperaturen… temperaturen hielten sie fest. die gibt sie nicht auf – auf dem tisch hinter dem flash seit urzeiten unter diesem druck der herunter-hinnieden gestiegenen – aus dem tickticktack – unzensiert nur tintenes ticken – flashback – oberflächenstahlhimmel tragen dieselben – übersteigen ein bild nureinbild einbild wort ist kalk und erstarrt in feinsten streifen aufwärts weiß – alcestis schnelle wände ohne unraum ultraviolett. vanillecreme in streifen. gelb, orange blitzgestrebe fallen. falten. auf licht zu suchen, kein licht an diesen gedanken – diesem gedanken ist kein licht zugefallen kein wort zugefallen.

Wegzensierenweggeweben die impressein-ein-einzigesziel – den sounds – den emotionen bilder und schieben die worte mit bildern zu schänden – wirklicher klickmich -vanillecremefarbe. haare. immer-die-figur in der dieses lebende bildern bebt – sie durch den raum ein fester körper, geformt, energie, materie sex – voll krankheit von vanillcreme. haar.

Dreiecke

Montag, März 17th, 2008

Die Anfrage, obwohl vor einiger Zeit gestellt, hatte noch niemand beantwortet. Auch wir waren nicht zuständig. Sie war nicht korrekt formuliert und bereits zweimal an den Anfragenden zurückgewiesen worden. Ich habe sie übernommen – mit dienlicher Deutung fällt sie in unsere Kompetenzen, zumal nach der Anzahl der Wörter abgerechnet wird.

 

«Was sehen Sie?»

 

Mein Dreieck, diktierte ich, ist das Dreieck der Sprachgestaltung. Wir finden für unsere Auftraggeber, die mit einer bestehenden sprachlichen Konvention nicht einverstanden sind, einen ihren Zwecken entsprechenden Ausdruck. Dank uns wird «Gefahr» zur «Chance», ein vierter Platz zum «Erfolg» und ein «Fehler» zum «Gewinn». Wir haben auch den Namen «Dreieck» gefunden, der die offizielle Formulierung «Zone» ersetzt hat. Unsere Arbeit ist begehrt, die Zahl der Aufträge nimmt seit der Gründung beständig zu. Aus einigen Dreiecken wird uns «Sprachverdrehung» unterstellt. Bei uns würde eine neue Glaubensrichtung zur «Sekte», der «Freiheitskämpfer» zum «Terroristen», der «Giftmüll» zum «Wertstoff» und der «naturnahe, romantische Bach» zum «entwicklungshemmenden Fließgewässer» werden. Ich diktierte weiter, dass wir aus diesen kritischen Dreiecken Aufträge für die Neubenennung von «Bach», «Baum» oder «Friedensmission» erhalten haben, die wir mit «Standortfaktor», «CO2-Reduzent» und «Angriffskrieg» zur Zufriedenheit unserer Kunden erledigten. Wir sind für Bezeichnungen nicht verantwortlich, wir unterbreiten lediglich Vorschläge, deren Etablierung außerhalb unseres Zuständigkeitsbereichs liegt. In Diskussionen wird sich auf Bezeichnungen geeinigt, Formulierungen überzeugen, nicht Argumente.

 

Mein Dreieck, diktierte ich weiter, ist standardmäßig eingerichtet. Exakt in der Mitte des Dreiecks befindet sich eine Kreuzung, von der Transportbahnen strahlenförmig ausgehen und Verbindungen innerhalb des Dreiecks sowie zu den Nachbardreiecken sicherstellen. Die Büros sind im ersten Kreis um die Kreuzung angeordnet, umgeben vom zweiten Kreis, dem Werkring, der wiederum vom dritten Kreis, dem Wohnkreis, umgeben ist. Zwischen jedem Kreis sowie am äußeren Rand des Wohnkreises befinden sind weitere Transportbahnen, ein Drittel der Fläche wird von Transportanlagen eingenommen. Für jeden Kreis gelten ausführliche Rahmenvorschriften für Gestaltung und Nutzung. Der Tagesablauf ist für alle Bewohner gleich, morgens erfolgt die Fahrt in die Büros, abends zurück. Der Werkring wird von Robotern bedient. An Sonntagen verbleibt jeder im Wohnkreis oder begibt sich in den virtuellen Raum. Das Verlassen des Dreiecks ist unzulässig. Lebenspartnerschaften können, wie in den anderen Dreiecken, nur innerhalb eines Dreiecks geschlossen werden. Die Kinder werden von ihren ersten Lebenstagen an auf das Leben im Dreieck vorbereitet. Wurde zu meiner Schulzeit noch in allen Dreiecken nach einem teilweise identischen Stundenplan gelehrt, verzichtet man heute auf die Vermittlung zweckfremden Wissens. Eltern werden noch vor der Geburt des ersten Kindes in korrekter Erziehung geschult. Gelegentlich, wenn auch selten, wird der Wunsch nach einem Dreieckswechsel geäußert. Dies ist grundsätzlich möglich, allerdings nur, wenn der Wechselwillige in zahlreichen Prüfungen nachweisen kann, dass er für das Wunschdreieck besser geeignet ist. Er muss strenge Formalien einhalten, die Verletzung auch nur einer der Regeln, wie wechselweise zwei-, drei- oder viermal zu unterschreiben, führt zur Abweisung des Antrags. Der Antrag kann nur einmal im Leben gestellt werden. Vor seiner endgültigen Entscheidung wird der Wechselwillige darauf hingewiesen, dass mit dem Wechsel jegliche Beziehungen zu seinem alten Dreieck, auch zu seiner Familie, abgebrochen werden.

 

Bedarf es in einem Dreieck Wissen aus einem anderen Dreieck, diktierte ich weiter, wird die konkrete Problemstellung im Rahmen einer Anfrage an das zuständige Dreieck übermittelt. Dort wird sie, wenn keine weiteren Dreiecke befragt werden müssen, bearbeitet. Der Anfragende erhält mehrere Gutachten, die verschiedene Lösungen für das Problem zur Verfügung stellen, zwischen denen mit neuen Gutachten entschieden werden kann. In komplexeren Angelegenheiten haben die Berater zusätzliche Gutachten und Untergutachten aus weiteren Dreiecken anzufragen. Ohne das vorherige Einholen eines Gutachtens werden kaum noch Entscheidungen getroffen. Die Orientierung an Einzelfragen ist erfolgversprechender als das Verfolgen langfristiger Ziele. Eine unmittelbare Kontaktaufnahme mit dem Anfragenden oder eine Inaugenscheinnahme des Situation vor Ort ist überflüssig. Es gibt nichts, dass nicht nach Aktenlage oder per Livekamera und Fernsteuerung erledigt werden könnte. Seit der Gründung sitzt kein Bauer auf einem Traktor, sieht kein Arzt seine Patienten.

 

Waren werden von vollautomatische Transportanlagen zwischen den Dreiecken verbracht. Ein Schinken beispielsweise entsteht, indem im Südosten fruchtbare Mutterschweine Ferkel werfen, die im Nordwesten zu Jungschweinen aufgezogen und schließlich im Südwesten zu Schinkenschweinen gemästet werden. Im Nordosten werden sie geschlachtet und im Westen zu Schinken verarbeitet, der im Ausland verpackt und anschließend auf die Dreiecke verteilt wird. Der neue Namen für «Tiertransporte», «Stallausflüge», wurde in unserem Dreieck geprägt.

 

Was ich diktierte, war allgemein bekannt, und auch der Anfragende musste es wissen, denn das Leben war in allen Dreiecken ähnlich, aber meine Ausführungen waren von der Anfrage gedeckt. Unser Dreieck, setzte ich das Diktat fort, entspricht der Standardgröße. Die Grenze ist vielleicht mit Pfählen markiert, bei der Gründung könnte es Stacheldraht oder eine Mauer gegeben haben. Es gibt kein Verbot, die Grenze zu passieren oder sich ihr zu nähern. Keiner hat den Wunsch, den dritten Kreis nach außen hin zu verlassen, Stadtpläne und Baugestaltung sind in allen Dreiecken identisch.

 

Die Zahl der Bewohner innerhalb der stabilen Dreiecke ist annähernd gleich, natürliche Schwankungen der Geburts- und Sterberate verhindern eine exakte Übereinstimmung. Eine Aufteilung eines Dreiecks erfolgt bei nachhaltigem Bevölkerungsanstieg, gesetzmäßig mit einer zunehmenden Ausdifferenzierung einhergehend. Die zunehmende Divergierung wurde bereits bei der Gründung vorhergesehen und eine ausreichende Anzahl von Dreiecken freigehalten. Jedes neue Dreieck durchlebt im Regelfall vier Phasen, erste Phase, Wachstum, zweite Phase, Abspaltung, gegebenenfalls auch mehrere, dritte Phase Schrumpfung, vierte Phase Stabilität. Gelegentlich kommt es vor, dass die vierte Phase nicht erreicht wird oder nach der vierten Phase eine weitere Schrumpfung folgt. In beiden Fällen wird das Dreieck aufgelöst, und die verbliebenen Bewohner siedeln in ähnliche Dreiecke über. Ebenfalls kann es vorkommen, dass die vierte Phase wieder in die erste Phase übergeht. Die meisten Dreiecke verbleiben jedoch in der stabilen vierten Phase.

 

Bereits vor der Gründung besuchten Tänzer ausschließlich Tanzveranstaltungen, Dichter Lesungen, Komponisten Aufführungen neuer Musik, auf Ausstellungseröffnungen waren nur bildende Künstler zu finden. Bei der Gründung blieben die üblichen Proteste der Künstlerklasse aus, kritiklos besiedelten sie ihre Dreiecke. Diese gab es für moderne und klassische Tänze, für Theater- und Opernhäuser, für klassische und moderne Musiker, für Architekten von Brücken, Büro- und Wohngebäuden, Wolken- und Sternenkratzern, für Komponisten von ernster und Unterhaltungsmusik, für Dramatiker, Poeten, Lyriker und Essayisten. Später konnten sie zu einem Kunstdreieck zusammengefasst werden, das mittlerweile aufgelöst wurde. Der Niedergang hatte wirtschaftliche Gründe, da die Nachfrage nach «Offenbarungen von Wahrheiten» rapide zurückging. Das Kunstauktionsdreieck besteht noch immer. Im Zusammenhang der Auflösung hatte auch unser Dreieck ein Gutachten zu verfassen, das von den letzten Schriftstellern in Auftrag gegeben worden war. Wir zogen einen Vergleich zur Geschichte des Römischen Reichs. Hatten die Römer sich zunächst noch an der Hochkultur der Griechen orientiert, zogen sie später blutige Gladiatorenkämpfe den reinigenden Theateraufführungen vor, wurden dann Anhänger eines kannibalischen Kults und tafelten in Gottesdiensten ihren Glaubensstifter auf. Das nachfolgende, pestverseuchte Zeitalter war so bedeutungslos, dass es keines richtigen Namens würdig war. Heute, setzten wir den Vergleich fort, sind wir in der Phase der Gladiatorenkämpfe angelangt, an denen man im virtuellen Raum selbst teilnehmen kann. Das zukünftige Zeitalter, das wir das «Ungezählte Jahrtausend» nannten, malten wir in düsteren Farben, ließen weder Verseuchungen noch Seuchen aus. Für die Gegenseite entwarfen wir ebenfalls ein Gutachten, wo wir den glänzenden Vorschlag entwarfen, dass «der Niedergang der Kunst ihre Rettung sei».

 

Einige Dreiecke können trotz starker Abnahme der Bewohnerzahl nicht zusammengeführt werden, setzte ich meine Ausführungen fort. Gerade die Philosophen können trotz ihrer Beschäftigung mit demselben Gegenstand ihre Unterschiede nicht überwinden. In ihren schon bei der Gründung dünn besiedelten Dreiecken leben schwache, nicht vermehrungsfähige Populationen, die bald erlöschen werden. Ihre Werke bilden für uns eine wahre Fundgrube an gelungenen Formulierungen. Unsere Schüler lernen, wie man für dieselbe Sache verschiedene Bezeichnungen finden kann, oft begreifen sie erst nach der Beschäftigung mit den Philosophen, dass die Etablierung von Wörtern das Ergebnis einer Übereinkunft ist. Praktisch wenden wir die Lehren der bedeutendsten antiken philosophischen Schule an.

 

Religiöse Dreiecke werden auch bei einer starken Bevölkerungsabnahme erhalten, sie unterliegen naturgemäß periodischen Schwankungen. Diese Dreiecke stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die einen warten noch auf den Propheten, für die anderen war er schon da, und wenn, dann hatte er für jede Gruppierung einen anderen Namen. Erbittert wird sich gestritten, ob man echtes Blut tränke oder symbolisches, ob Gott die Befolgung abstrakter Regeln verlange oder ob das Gewissen einzige Instanz sei, ob Gott jeden einzeln richte oder ganze Völker. Man streitet, ob nach dem Tod das Himmlische Reich offen stehe oder das Nichts, ob sich Gott um die Menschen kümmere oder größere Sorgen habe. Auch wir erhalten regelmäßig Aufträge für Begriffe wie «Ketzer», «Häretiker», «Sekte» oder «Fundamentalisten» für die wir gelungene Aktualisierungen gefunden haben.

 

Über die Dreiecke, die bei der Gründung beschlossen hatten, autark zu leben, kann nichts gesagt werden. Niemand weiß, ob sie ihre Lebensweisen wie veganisch oder anarchistisch beibehalten haben. Niemand weiß, ob ihre Dreiecke noch bewohnt sind.

 

Die stabilen Dreiecke sind in der Überzahl, diktierte ich, Wertstoffe werden in einem Dreieck entsorgt, in einem anderen üben die Landstreitkräfte, im Kartoffeldreieck wechselt allenfalls die Kartoffelsorte, und die Verstorbenen werden im Friedhofsdreieck untergebracht. Aus dem Nachrichtendreieck ist bekannt, dass für eine neue Nachricht lediglich alte Nachrichten neu gestaltet werden, und wenn eine Neuformulierung oder eine Bildbearbeitung gut gelungen ist, so wird sie von den Konkurrenten übernommen. Abgeordnete wählen sich seit der Gründung gegenseitig, es scheint exakt so viele Sitze zu geben wie Kandidaten. Sie zählen zu unseren besten Kunden, ihre Anfragen ähneln sich sehr, wir überlassen sie unseren Auszubildenden

 

Jetzt hatte ich die Anfrage «Was sehen Sie?» mit einer ausreichende Zahl von Wörtern bearbeitet. Ich schickte das Gutachten ab, die Rechnung wurde bezahlt, und ich hatte endlich genügend gespart für das beste Schwert des virtuellen Raums, «Gottes Zorn».

 

Stilles Murmeln

Sonntag, März 16th, 2008

Ein kleiner Junge sitzt auf seinem Bett. Im Kinderzimmer, das ganz im gedämpften Licht des Morgens schwimmt, liegt eine Stille wie von Jahrhunderten. Das Fenster an der Schmalseite des Raums ist mit Vorhängen zugezogen, deren orangebraune Färbung alles Anwesende in eine melancholische Stimmung taucht. Der Junge sitzt auf der Bettkante und betrachtet seine Hände. Da sind Falten und Linien, unerklärliche Muster, Höcker und Vertiefungen, Furchen wie in einem Acker, aufgenommen aus größer Höhe. Wo kommen nur diese Rillen her? geht es staunend durch seinen Kopf. Er wirft einen Blick nach gegenüber, wo vom Gitterbett das sacht zitternde Geräusch eines atmenden Babys herüberweht. Du also bist mein Brüderchen, mein kleines feines Brüderchen. Und du warst es, der Mamas Bauch fast zum Platzen gebracht hätte. Arme Mama, sie konnte sich kaum noch bewegen. Ob sie noch schläft? Sicher schläft sie noch. Ich soll sie nicht stören so früh am Morgen, ja, es muß noch sehr früh am Morgen sein. Und das Brüderchen dampft in seinen Kissen, als sei die Erde aufgebrochen, als zöge dichter Nebel durch die Gitterstäbe hindurch, ganz so, als sei er das Kind einer Nixe, die ihn auf einem Stein neben der Quelle – ihrer Wohnung – abgelegt hat, um sich im klaren morgendlichen Wasser des Bachs Gesicht und Arme zu waschen. Und über der Quelle putzt sich in den Zweigen der Eberesche ein Vöglein das Gefieder.

Alte Sünden (4): Schwermut

Donnerstag, März 13th, 2008

Quantentränen in Kadmiumträumen ohne Erinnern woran und wozu. Beschleunigung auf annähernd Sinnlosigkeit. Mit der Lichtgeschwindigkeit einer welken Tomate allein im großen Garten, wo die Wüstennacht endet. Neue Messungen. Black Box im Geschenkartikelformat. Unter Lampenschirmen erhellt, im Oberlicht schwimmend. Wenn die Temperaturen aus den Dünsten der Meßfühler steigen, ganz als sei alles Maß und Zahl. Alles träumt. Sinnlosigkeit. In den Tränen eingeschlossen die Worte. Insektenbeine, Mäusekrallen und das vollständige Sortiment der magischen Insignien. Unter Flutlichttürmen erklingt wieder ein großes Krabbeln. Meine Kunstwelt, mein Fensterglas – alles das. Nur der Schnee gibt noch Nachricht vom Vergessen. Eine Straßenbahn rattert durch die Wüste und quietscht vor jeder Wanderdüne den Mond an. Und der Chor der bellenden Hunde, die das Kraftwerk bewachen. Das ist mein Reaktor, gebaut aus dem Teer meiner grübelnden Form. In den Lampen brodelt der Tod. Zutaten aus Hoffnung und Wahnsinn. Kein Papier, nur das Flackern der Leuchtdioden. Und die Lämmer blöken wie eh und je. Hinter den Mauern der Meldestelle feiern Trinker ihr Fest. Erst wenn die Worte versiegen, senkt sich der Schlaf auf die Wüste. Mein Polarfuchs, mein Liebling, mein Herz – Faulenzer von Gottes Gnaden. Hinter der Umzäunung hängt der Fahrplan. Flackerndes Zwielicht. Neue Messungen. Sinnlosigkeit. Datenströme zur Meldestelle. Eine Straße, da die Wüste axialsymmetrisch aus sich herausquillt. Harakiri vor neuen Ufern, geronnen zu Bernstein. Und Quantentränen in Kadmiumträumen unter gigantischen Flutlichttürmen. Das ist ein Reaktor, ich will mit ihm die Meere befahren auf dem Teer meiner grübelnden Form.

Alte Sünden (3): Sängerei

Mittwoch, März 12th, 2008

„Aber die Mona Lisa verfaulte von innen, so wie sich Augustäpfel schweren Herzens ihrer eigenen Süße übergeben, nicht sehr weit vor den Toren des Winters, dessen Salz unerreichbar bliebe“ zwischen Wodka und sauren Gurken. Ich zitiere: Es erschöpft sich nicht in der bloßen Beschreibung. Ein Blatt Papier oder die Welt, wie die Texte neuerdings genannt werden wollen -: IST NOCH IMMER NICHT MEHR ALS GENUG DIESES ZUCKENS. Zitternde Seelen. Vorsicht! Übergebe mich jetzt. Ohne zu zucken an wen auch immer. Denn die Wimpern bleiben im Dorf, wo der Wetterhahn stets neu sein Fähnchen nach dem Wind hängt. O Vollmatrose aller seicht gezuckerten Meere, Atom in der Luftwelt des öffentlichen Raums, Schädelstätte der Kultur, o kultische. Ich beneide dich um dein dickes Fell. Qualle des Nordens, Floh im Ohr einer Spezie, die ihresgleichen sucht in den fernen Ländern der Dummheit! Sieh wie ich mich ohrfeige, mich – selbst – übergebe. Ich kann mich nur wundern über die knackigen Läuse rings um den Lorbeerkranz. Juckt dich das nicht? Mir erscheint es als wesentlich sinnvoller, den Bittergeschmack auf der Zunge zergehen zu lassen wie Butter in der Pfanne. Hitze! Ist es doch heute wirklich nicht neu, von allen Dächern gepfiffen: Dichter als diejenigen Artgenossen, die nicht anders können als ihr ganz privates Golgatha zur wortreichen Goldmine zu machen. Dann doch lieber diese Bohnen mit Speck, ein hitziges Lagerfeuer und die klaren geistigen Getränke, die hierzulande traditionell als billige Arbeitsbeschaffung für die schmachtenden menschlichen Lebern mißbraucht werden. O ihr Adler des Kaukasus. Lieber barfuß mit salzigen Lippen, aber eingesperrt in ein Lied, dessen Rhythmus jede Stahltür aus den blasierten Angeln hebelt. Lieber Hunger und ewiger Knast als dieser ewige Knast ohne Hunger. Es erschöpft sich nicht in der bloßen Beschreibung – es erschöpft sich.

Alte Sünden (2): Raserei

Dienstag, März 11th, 2008

Den teuren Toten. Im leisen Nachhall der Luft, aus den straffen Zügeln einer Verbeugung, bin ich emporgewachsen, bin ich im Innern des pelzigen Zeichens dreifingerdick zusammengepreßt. Ohne alle Rücksicht rase ich vorwärts, durchquere gigantische Weiten mit kosmischer Geschwindigkeit, passiere Salzsterne und Neutronenhäuser, nehme drei Umläufe gratis bei Jupiter in der Hoffnung auf Blitze, wie sie funkelnd aus Plutos Haar purzeln am Fuße der Wadenwickel, postolympisch überhöht im Fieberglanz des Krankenbettes. Die Sonne einer Pupille winkt mit verzerrender Geste, Sonne bei Nacht, wenn das ganze Universum im Innern eines salzigen Wassertropfens Platz findet, wenn die Augen feucht und geschlossen sind, wenn die übermäßige Fußsohle des Tiefschlafs mit feurigem Schweigen über mich hinwegschreitet.

Auf dem Friedhof ist es dunkel. Nachtvögel zwitschern in Zweigen, als sei gerade ein neuer Tag angebrochen, als habe der hochgradige Schwerkraftverstärker des Abends seine Vakuumlungen vollgesogen mit dem süßsauren Frühlingsextrakt verblühender Weiden im Herbst, verglühenden Grases am Koppelzaun. Da zwitschern sie zwischen den Sternen, werfen das schwarze Wollknäuel der Zuwendung hin und her, hin und her – machen den Himmel dicht und noch dichter, als er seit Menschengedenken ohnehin ist. Nachtvögel gebrauchen das dunkle Feuer ihrer Lungen nicht für Gesang, der Erleichterung bringt: nicht für die zarte Berührung erlöschender Sehnsucht im Wendepunkt des Vergessens. Nachtvögel verschwenden die Kraft ihres Schweigens für den kurzen, für den einmaligen Blick, mit dem eine Schlange ihr Opfer fesselt, wenn die Bewegung der Augenmuskeln im Rattern des Herzschlags erstickt, wenn der Klang sich auflöst im grimmigen Lächeln der Trommelfelle, wenn er unmißverständlich signalisiert, daß ich gefangen bin im Innern einer Glocke von der Größe dieses Planeten.

Die Erschütterung an den Schuhen ist nur Echo des wankenden Körpers: Schwarze Krumen zerbrechender Planken gleiten oben und unten vorbei; Ströme blendender Nachtmilch rinnen durch meine Kehle. Im Strudel der Erscheinungen bin ich selbst nur Erscheinung. Meine Augen durchzogen von Blattgerippen, grüne Luft auf den Deckeln der Kübel. Kisten vernagelt und Kisten zerbrochen, bin ich selbst aus Holz wie die Bäume. Meine Äste durchziehen das Erdreich, meine Wurzeln durchziehen das Luftreich; auf dem Rücken einer Fontäne reite ich weit hinunter bis an die Wasser aus Erdöl. Bin ich erschöpft, schmiere ich Asche in mein Kohlegesicht. Bekomme ich keine Luft mehr, wird die Beklemmung bestürzend – gebäre ich Knallgas, um frei zu sein.

Wieder stehengeblieben, wieder und wieder. Flutwellen sterbenden Lebens
quellen aus diesem Boden hervor, fluten die Wiesen, feuchten die Augen. Wo Blumengebinde den Händen entgleiten als über und überventilierte Räume des Erinnerns – von Reif überzogen – sind mir die Hände gebunden. Jedes Noch-Nicht ein Nicht-Mehr, jedes Bild des Gewesenen ein Blitz in der Hirnhaut. Die Erschütterungen des Planeten auf seiner langgestreckten, auf seiner gebogenen Umlaufbahn fahlgrau kondensiert in den blutroten Krampf eines Muskelzuckens, nicht jetzt und nicht hier.

Alte Sünden (1): Trägheit

Dienstag, März 11th, 2008

Das Auge des Fernsehers schwarz
Der Klavierdeckel festgeklebt
Der Videorecorder kaputt
Der Teppich mit Staub überzogen
Das Kinderzimmer leer
Die Puppen liegen verstreut
Dem Schaukelpferd fehlt ein Steigbügel
Ein Mottenflügel zerbröselt
Die Fliege noch unversehrt
So wie ich auf meiner Couch

Pardon, kennen Sie Z-Bosonen?

Freitag, März 7th, 2008

Unvollendete Freya-Variation aus dem Nachlass.

SoKo-Kila war verliebt in Quaakie-Z. Unsterblich verliebt. Aber Quaakie verband sich fest mit Elektrouny. Das ist das ganze Drama. Am Anfang war noch Hoffnung, die sie trug. Die Normierungsoperationen im Eichfeld waren, obwohl als unterirdische Konstellation vollzogen – oh Loki, Loki mit den schnellen Augen, alte Schmalzlocke aus Capri-O – für den uneingeweihten Beobachter noch unsichtbar. Das Schöne am Drama: Eigentlich müssten alle wissen, was läuft. Aber wird es dieses Mal nicht ein wenig anders sein? Deshalb sind wir ja hier. Der Mann hinter den Kulissen lässt sich nicht in die Karten schauen. Er ist frei.

Oh Kila, Kila, was waren wir für ein schönes Paar, wir wanderten gemeinsam durch Wälder, Feld und Park. Ja Quaakie, mein Quaakie, so ging es lange, lange schon, es wollte und es sollte einfach nie zu Ende gehen. Aber dann kam sie, diese Ekeltusse mit dem Schokoschnörkel überm Knie … die schwache und die starke Kraft.

Das ist das ganze Drama. Die Zuschauer sind ein Fachpublikum. Sie verstehen die kleinste Regung der Körpergesichter zu deuten. Sie nehmen Anteil, Anteil, jeder will sich seinen Anteil nehmen am Tod des Organismus. Die Zuschauer erschaffen das Schicksal ihrer Helden. Das ist der Anteil der Beutel an der Teewerdung des Krauts. Und die Zeigefinger des Waldes dorren im Sturm zwischen den Masten. Oh Kila, Kila, Quaakie-Elektrouny ist gefangen in der starken Kraft, Lilo, was Kila nicht hat sollen oder wollen gedurft, Andorra und Kila, Kila und Tequila, mit Lilo wär das nicht passiert, ja, Oki-lo, aber obs dann wirklich besser ausgegangen wär?

SoKo-Kila war verliebt in Quaakie-Z. Tödlich verliebt. Aber Quaakie verband sich fest mit Elektrouny. Das ist das ganze Drama. Am Anfang war noch Hoffnung, die sie trug. Die Normierungsoperationen im Eichfeld waren, obwohl als unterirdische Konstellation vollzogen, für den uneingeweihten Beobachter noch unsichtbar. Die Chromodynamik war noch nicht erfunden, Gluonen galten als Ausdruck eines Eindrucks, und alle sahen, dass es gut war.

Radikalität

Sonntag, März 2nd, 2008

Sie ist einfach, jeder versteht sie.

Sie kommt aus dem Bauch eines Kindes.

Sie mag Honig und hat Angst vor Wespen.

Sie erschuf die Welt, den Gott wie auch das Paradies.

Sie erfand das Bienenwachs und machte aus Federn Flügel.

Sie dultet keinen Herrn neben sich, über sich oder unter sich.

Ihre blonde Seele steckt im Körper Schwarzafrikas.

Sie formte aus Ton Gesetzestafeln und zerbrach sie.

Mit dem Lächeln eines Buddha steckte sie Autos in Brand und zerschlug Schaufensterscheiben.

Sie liebt den Geruch der Ferne.

Sie ist gespalten wie die Welt, Axt und Richtblock in einem.

Doch ihr Blut versickert in der Erde, sobald sie die Augen aufschlägt.