Archive for Dezember, 2007

Zugfahrten

Montag, Dezember 31st, 2007

Ein Gedicht …

Kleine Freuden : zum Fest

Sonntag, Dezember 30th, 2007

Im Keller : die Kindheit : morgen

kehrt Vater aus der Dämmerung zurück : vergebliche

Hoffnung : keine Sauna heizt so ein : daß

sein Hirn noch weiter wächst : stecken bleibt der Familien-

friede im schwellenden : rot anlaufenden

Hals : dieser Diktator hat nichts mehr zu sagen : die Kinder

bekommen ihre eigenen Austicker : die Frau weiß sich

zu wehren mit Willkür & Hilflosigkeit : im rechten

Moment : sie bringt das rot anlaufende Hirn

zum Schwellen : die Kindheit heizt uns kräftig

ein : ihm & mir & ihr : im Keller stapeln sich die Dämmerungen

Punkte und Geraden

Montag, Dezember 10th, 2007

Wenn sich Körper entlang einer Geraden

bewegen, wird das Auge zum Degen:

Alle seine Rundungen verlieren sich in

der flachen Unendlichkeit des Raums.

Das Gedächtnis ist ein Blumentopf, in dem

immer wieder die gleichen Blüten erblühen.

Farbe & Form, die Augen einer Mutter, ein-

zig der Geruch des sich süßlich Erfüllenden

Vermag dem empfindsamen Nasentier

eine Lücke ins Gehirn zu setzen,

Darin sich der Geschmack der Leere ent-

rollt, das Knistern einer Blattspitze

Beim Durchbrechen der Stengelhaut,

das unsichtbare Kraut im Innern

Des Samenballes … die Sonne ist

ein Richter ohne Blick hinter die

Kulisse - ihre heiße Nähe zeigt die

Blindheit des Lichts; erst die Ab-An-Ab

Wesenheit fügt den Körpern alle Wunden zu.

Mit Sprache arbeiten

Montag, Dezember 3rd, 2007

Mit Sprache arbeiten heißt
die Ohren abschneiden
und diese um die Nase dessen hauen
der die Augen nicht aufsperrt

Die trefflichen Formulierungen tragen Stringtangas
unter knapppassenden Arschhosen die sich
ins Gesellschaftliche fressen wie berühmte Maden

Im Kohl geht es auch den Fetten leiblich
und gedeiht das Unkraut
so kommt anderes zu einem
Eimer
welcher
ein Loch hat liebe Lotte oder wer

Das bloße Leben II (nach Aldomovar)

Montag, Dezember 3rd, 2007

Das bloße Leben ist dermaßen vital es
ruft sie zurück.
Die Früchte sind einzukochen. Eine Hand liest sie auf.
Eine andere
hebt die Kofferhaube, stellt die Gläser hinein.
Die Nachbarn haben verstanden
bevor ihre Tochter losschreit: Tut sie doch
was sie kann!
Ach, den Toten ist das so wenig.

Das bloße Leben I

Montag, Dezember 3rd, 2007

Ich bin nicht da, sagt sie. Sie nimmt sich nicht aus.
Was sie hat lässt sie arbeiten. Ihre Hände machen es.
Ihrem Kopf nach, bis Samstag. Hinter den Pillen
stößt sie ab, Landung und ich bin nicht da, sagt sie.

Es geht in die Woche. Sie strahlt. Ihr Element
ist der Montag. Das mache ihr einer nach, ohne Lidstrich.
Diese Aufmerksamkeit unter Kollegen. Ich bin
im Krieg, Essen im Kühlschrank, Kuss Mutti. Mit Plong!
aus dem Weltall senken sich e-mails herab und laufen
im Tarnanzug über den Schreibtisch.

Zu Hause in der flexiblen Heimat
hat ein Vöglein für sie gekocht.
Es fliegt weiter.
Während sie hierbleibt geht
ihr Leben einen ferneren Gang.
Sie beobachtet es durch den Spion. Im Fahrstuhl reißt es
den Schnabel auf und schluckt den Bestellzettel hinunter.

Sprechzimmer

Montag, Dezember 3rd, 2007

Du willst aber du kannst nicht Vertrauen in dich selber finden.
Der Therapeut erscheint dir als eine Gestalt.
Du bist überzeugt von vornherein und erzählst ihm
von deinem schwächsten Punkt. Du weinst wie beim Sex.
Der Therapeut schenkt Sekt aus. Das macht er nicht immer.

Du gehst in ein symbolischer werdendes Haus.
Die Schatten junger Männer fallen
rückwärts aus den Fenstern während deine Brust
ein heller Strahl trifft, am Drehpunkt der skateboard-Sprungschanze.
Die Wohngegend des Therapeuten spricht gleichfalls Bände.
In ihnen liest du auf dem Weg bereits
deine Gesetze. Sie geben die Richtung für dein Leben wieder.

Jetzt hast du die Haare über der Stirn zusammengeschlagen.
Der Therapeut hat dich berührt. Es ist
gegen die Abmachung, bestürzend,
doch im Fallen beruhigst du dich: wie menschlich er ist,
und überwindet die Grenzen.

Du erhältst einen Schlag auf den Kopf.

Hier hast du die erste Demut geübt. Aufwachend siehst du
ein Foto von Frau und Kind.
Vertrauensvoll schmiegst du dich an ihn. Merkwürdig,
dass er hier sogar schläft.
Ein rostiger Garten lockt nicht.
Das Bett ist abschließbar wie eine Schreibtischschublade.
Der Mann zieht sie heraus – Iss mich!
sagst du und wickelst dich in Butterbrotpapier. Er lacht breit,
hebt den Telefonhörer und beißt hinein.
Eine königliche Sitzung war das.

Selbstgespräch nach Kafka

Montag, Dezember 3rd, 2007

These/Anklage/Verdacht: Der Strang, an dem die Handelnde sich aufhängen wird, ist gleichbedeutend mit ihrem Wunsch nach Sicherheit.
Beweis/Führung/Spruch: Die Unabhängigkeit der Gerichte war ihr stets ein letzter Trost gewesen. Sie vertraute darauf, sich vor ihnen auf die Rechtmäßigkeit ihres Handelns berufen zu können.
Aber wie war das möglich? War ihr Handeln denn rechtmäßig, wie sie selbst überzeugt war? Fand es doch in einem ganz und gar anderen, in einem von Grund auf rechtsfreien Raum statt (dem gesellschaftlichen), in den das Gericht zwar einzugreifen versuchte, aber niemals notwendig und von sich aus, sondern stets erst nach einer Anklage, welche aus Kränkung oder niedriger Gesinnung angeregt und von parteilichen Stellvertretern vorgetragen wurde. Konnte so jemals Recht entstehen? Konnte dort Recht werden, Recht gesprochen werden, wo ursprünglich nur Parteilichkeit herrschte?
Die Frage ist falsch gestellt, sagte sie. Recht entsteht nicht, Recht ist, und zwar in Form der unabänderlichen Gesetze.
Aber die Gesetze werden dauernd verändert! Wir geben sie uns selbst, wir oder die anderen, und kennen wir sie denn? Und selbst wenn wir ein Gesetzbuch kaufen, ist sein Drucktermin nicht ein längt verstrichener Zeitpunkt und wird nicht zur gegenwärtigen Stunde schon wieder an der Veränderung, ja Anpassung des Unveränderlichen, schlechthin Unanpassbaren mit allen Finessen gefeilt? Bewegen wir uns nicht im Schwebezustand zwischen zwei Büchern, das eine veraltet, das neue noch unbekannt?
Ja gewiss, sagte sie müde, aber die Gesetze sind doch so viele, sie sind ein harter Brocken, ein großes Gebirge, sich dort durchzugraben oder zu -feilen bedarf wohl tüchtiger Werkzeuge und sollte eigentlich – so ist es vorgesehen – niemals gelingen.
Wie ein Ausbruch aus einem Gefängnis, scherzte die andere.
Etwa so.
Das tröstet mich nicht über ihren Geburtsfehler hinweg. Ich frage mich, sagte sie plötzlich kühn, ob nicht das Gesetz nur eine Metapher ist, ein dürftiges, unsinnliches Bild, womit wir unsere Lebensgeschichte meinen.
Und nicht nur ein Einzelner, eine ganze Nation will mit dieser Lebensgeschichte in Atem gehalten werden! rief sie zurück. Spannend ist das, “Die Gesetze”, – ein Spielfilm! Und die ständige Korrektur zwingt die Geschichte rückwärts auf die Gleise.
Halt! befahl sie sich selbst. Dass das Gesetz für die Ewigkeit bestimmt ist, sieht man schon daran, dass das Gericht in der zeitlichen Ausdehnung des Prozesses nicht auf menschliche Zeit Rücksicht nimmt. So ein Prozess dauert lange, sehr lange.
Ewig! Ewig! unterbrach sie sich.
Und die menschliche Angelegenheit, aus der heraus es zur Anklage kam, stellt sich den Beteiligten während ihres Verlaufs, erst recht an ihrm Ende, möglicherweise völlig verwandelt dar, und dies wäre ganz natürlich, zumal die Parteien unterwegs viel Geld verlieren. Weder der Kläger noch der Angeklagte erkennen sich schließlich in einem so lange dauernden Verfahren, wie bei uns üblich, noch wieder. Sie verarmen, verbittern. Und war für einen Sinn hat es denn dann?
Einen übergeordeneten! Es hat einen Sinn in sich selbst, erschließt sich wahrscheinlich nur den Zuschauern, nicht den Beteiligten selbst!
Für die Zuschauer, die die Kompliziertheit des einzelnen Prozesses gar nicht erfassen können, so eilig gehen sie an der Sache vorbei, für diese Spezies ist das Recht gemacht! So ist es gar nicht für die Menschen gemacht?
Du verwechselst das Gesetz und das Gericht! rief sie, und ich habe den Eindruck, dass du dies mit Absicht tust, um mir die Sicht zu vernebeln! Im Gericht arbeiten natürlich fehlbare Menschen, lediglich das Gesetz ist das Gesetz.
Die andere wiegte bedächtig den Kopf.
Allerdings kann man nicht annehmen, sagte sie gleich darauf ermattet, dass die Fehlbarkeit der Beamten an den Gesetzen spurlos vorübergeht. Ich bin vielmehr der Auffassung, dass die Gebrechlichkeit der Gerichtsbeamten, ihre morscher werden Knochen, das Gesetz gleichfalls brüchig werden lässt.
Hör auf mit diesen Vergleichen! rief die andere. Das Gesetz ist ein Fels, ein Stein! Du kannst darauf verweilen, so lange du lebst!
Aha, sagte sie, diese Bemerkung verrät dich. Denn was du sagst bedeutet, das Recht sichert mein Leben keineswegs. Und so scheint es mir auch: ich kenne nicht ein Gesetz, das im Ernstfall für mich spräche, im Gegenteil. Erstens kenne ich überhaupt kein Gesetz. Zweitens wäre ich im Ernstfall, auf den alleine es ankommt, auf wohlwollende Auslegung angewiesen wie nichts sonst, und da das Gesetz nicht in unsere Körper eingebrannt ist und von selbst statt hat, sondern vor- und zurückdebattiert zu werden pflegt, fängt vor dem Gesetz die Schwierigkeit allen Lebens überhaupt erst an. Nur jemand, der einmal in einem Verfahren stand und sich verteidigen musste, kann überhaupt als ein reifer Mensch angesprochen werden.
Es ist doch zum Haareraufen! rief sie. Dauernd widerspricht du dir! Erst sagt sie das Eine und im selben Atemzug das genaue Gegenteil!
Dies eben entspringt der Unsicherheit, in die jeder verfällt, der vor dem Gesetz steht.
Aber das Gesetz selbst ist unsere Sicherheit!
Mag sein. Doch dann können wir die Sicherheit niemals erfahren. Wir müssten ihm ganz verfallen, und begegneten dem Gesetz erst in den Vorboten, dann in den Vollstreckern des schrecklichen Satzes: Sicher ist nur der Tod.