Archive for September, 2007

Sie, in einem gesunden Körper

Sonntag, September 30th, 2007

Lachfalter. Sie blitzen aus Vorblätterhängen. Klappen ihre Flügel zusammen und wieder auseinander. Nachtgespinste. Ich liege auf dem weißbezogenen Bett. Die Knie angewinkelt, bilden ein verkehrtes V auf der Bettdecke, ziehen Faltenstreifen ins Leinen. Der Kopf auf dem gerollten Kissen ein wenig gehoben. Mein Haar, wie es sich schon wieder wellt. Ziehe Strähnen davon als Lichtfilter vor die Augen. Lachfilter. Licht trifft meine Augenwinkel, die violette Iris, im Schattenkreis wiegt die zweite Augenkugel mit der schwarzblauen schwerer, die auf die mein Kissen drückt, das ich mit gebogener Hand knicke und das gegen mein Nasenbein liegt. Die andere Hand langt nach dem auf dem Boden liegenden Röllchen mit der Medizin. Mein Kopf sinkt nach hinten. Aus der Lichtkugel heraus. Hoffe, das Röllchen greifen zu können. Hoffe, sie sendet dabei einen Gruß an mich, sie, die noch immer in feinen, zu langen Flanellhosen hier herkommt, sich aus Prinzip in die angrenzenden Räume setzt und sie beherrscht. Sie ahmt die Vergänglichkeit nach. Einen halben Meter über mir, drei Meter unterhalb der Decke trifft mich ein dunkler ausgefranster Fleck. Feucht setzt sich etwas auf meinem Gesicht ab. Ich hebe den Arm, in dessen Hand das Röllchen liegt, nur liegt, unumklammert. Sie lebt in einem gesunden Körper. Sie hat die Welt der Worte im Planquadrat geschultert, weiße Platten mit Linien, auf die sie täglich treten kann, ganz selbstverständlich. 

Du hast sie nicht zu dir gebeten. Sie hat dich aufgesucht, gelacht, dir ins Gesicht, sie hat sogleich Tee für dich bestellt. Mit Sahne für sich, mit Zitrone für dich, so wie du es gern magst. Es beherrscht sie kein Zwang, dir Kalorien zuführen zu müssen. Wieviel Gramm Eiweiß du täglich zu dir nimmst, bleibt dir überlassen. Sie lebt in einem gesunden Körper.

Ankunft im Blauen

Samstag, September 29th, 2007

Weder Raum noch Zeit ver-

Mögen die Bewegung nun

Anzuhalten, jede

Schwingung ein Schrei auf

Der Bühne der Ereignisse: ich

Bin nicht mehr da

Wo die Atemzüge gezählt werden -

Die Feuerfasern geballt zur

Tanzenden Flamme; du

Bist nun bei mir & die Vögel

Haben ihren Herbst

Hinter sich, hinter sich geworfen.

Du öffnest eine Flasche

Wein & ich flüstere dir zu: sei

Nicht traurig, nicht so traurig -

So traurig bin ich, daß die

Delphine auf ihrem Weg

Durchs Mittelmeer

Abkommen von dem gewohnten

Ein für allemal fest-

Gelegten Kurs gen Ithaka. Die

Vögel sind nun nicht mehr die Vögel,

Die Delphine schwimmen nicht mehr

Durchs Mittelmeer, Grönland

Liegt vereist

Unter der Panzerhaut unserer Lippen.

Synphonie der Dinge beim Gemurmel vor dem großen Fest

Donnerstag, September 27th, 2007

Gene, Genitalien, Autoreifen, auf- : Geblasene Schläuche ob mit Wein : Oder Wasser aus Wolken wie über : Der Wüste, im Vergleich mit dem : Fließen im Innern der Steine nur : Ein Dulden des Ortes in der Zeit, : Gleichzeitige Bekundung des Ab- : Wesenden beim Ableben durch : Den Tod, Beziehungslosigkeit mit : Den Mitteln der Bezüge aus Kassen : So schwarz wie die Löcher im : Gedächtnis, wo es peinlich wird : Trotz der Offenheit des Meeres, wo : Es eingeschlossen bleibt im Eis, : Sommers wie winters ein ewiges : Dulden, der Norden eine Wüste : Im Traum der Sonne von Nacht.

Der Tod in Beziehung zu den Leb- : Enden, mit dem Anfang der Erinnerung : Gemeinsam vor den Karren gespannt, : Aufgehäufte Früchte und Wurzeln, : Zehnfach aus dem Dunkel heraus- : Gezogen, Zähne zum Zermalmen : Der Häute mit den Haaren, da- : Mit es schneller vordringt ins : Herz der pulsierenden Welt, Muskel- : Fasern in Erwartung von Beziehung, : Die es spannend macht mit : Haut und Zähnen, damit es : Den Körpern wirklich unter die Haut geht.

Eine Pause zwischen zwei Lebens- : Hälften, die Hörbarkeit alles anderen : Als der Läufe in Überlagerung, der : Sprünge ins Oben und Unten, weil : Nichts so sehr trennt wie der Tod.

Aber auch Tod wie alles dazwischen : Bleibt draußen, nicht, Fische, Vögel, : Weil das Leben weitergehen will : Im Schwimmen wie im Fliegen, unter : Der Oberfläche mit Zähnen aus : Staub, bis es leergeblutet einen : Neuen Rhythmus zu schlagen bean- : Sprucht, nicht, Maschinenteile aus : Vergessenen Plänen, noch paßgerecht : Mit Grenzen, die ineinander greifen, : Fliegen über Wassern, aus denen : Es aufschnappt und strudelt, die : Bewegungen als Grenze zwischen innen : Und außen, zwischen zwei und allem.

Nicht: eine Pause im Atem, der : Den Worten hinterher weht, Fahne : Ohne Stoff, wie er Kleidern ihre : Sichtbare Fülle gibt und niemandes : Maß mit der selbstbewirkten Bewegung

Versieht oder nicht versieht, genau : Diese Frage zwischen Schläuchen und : Autoreifen, gleichzeitigen Bekundungen : Der Abwesenheit und des allzu neuen : Rhythmus, tausendfach geschlagen : In Adern voller Blut, Genitalien : Und Gene, Gene, die eine Familie : Von Vögeln und Fischen beisammen : Halten, bis es leergeblutet von einem : Tankwagen träumt, allein in der : Wüste, Flußpferd und Zähne mit : Mähne auf dem Wasser, wo alles : Strudelt und wegschnappt, aber : Im Gedächtnis seine Lücken läßt : Als Hinterlassenschaft schweren Atems, : Wo nichts ist als Pause zwischen : Zwei Hälften, zwischen Oben und Mitte : Wie Mitte und Unten, wo hält sich : Eine Mitte an der Oberfläche wie : Im Schnappen nach Wasser aus der Luft!

Nichts, kein nicht und kein wegen, : Allerorten die Zeit mit Lichtstrahlern : In den Raum gerichtet, Namen von : Sonnen im Bauche von Galaxien, : Straßen zwischen Orten, an denen : Viel gerumpelt hat, Flußpferde in : Verblichenen Rhythmen, einzig : Das Herz schlägt weiter wie ein Vogel, : Dessen Lied keine Luft mehr findet : Und Fische in selbstgewirktem Kleid : Kleid, wo läßt sich die Grenze bestimmen : Zwischen Stimme und Stummem, : Aufgeblasene Schläuche und kaputte : Maschinen, mit Teilen zu einem : Ganzen gefügt, das kein dazwischen : Mehr frei fließen läßt, kaum ein nicht : Ohne Schnappen im Strudel zurück- : Hält im Rhythmus der Ruhe, selbst?

Wenneigen

Donnerstag, September 27th, 2007

Wenn die Sonne den Himmel berührt, entstehen Phänomene.

Wenn ein Auto Fahrt aufnimmt, wird die Luft wieder etwas dünner.

Wenn eine Haustür zuschlägt, gehen oft mehrere Zimmertüren auf.

Wenn es Herbst wird, beginnen die Vögel des Nordens sich umzuwenden.

Wenn es dunkel wird, verschwinden viele Photonen gleichzeitig aus den Augen.

Wenn ich den Atem anhalte, erst dann – höre ich es schlagen.

Wenn es aufhört zu kreisen hinter den Gedanken, dann ist es wie

Wenn ein durchsichtiger Stein die Dinge in ein anderes Licht tauchte.

Wenn das Wort Schweigen seinen Klang ausbreitet, dann – aber nicht früher

Beginnen die Wesen ihren ewigen Tanz.

ach, ich ziehe den staub an wie der staub das licht

Mittwoch, September 26th, 2007

1. wäre das hier dort, hätte der ort sein hinten.

2. jenes da fort, sollte im irgend fließen, so es also: einen tag anzeigte, wär’s schon okay.

3. aber: häuslich gesehen, zikade wie horn – nur ein schlitten darauf.

4. jetzt käme es wirklich drauf an-: andichten, andich, andi, an; kein du, a.

5. englische nacktheit, ruhe, ur-uhe – an: na-na.

6. man kann es nicht sehen wie ich dich höre, du.

7. bilder, bild, er-bd, lbd, er allein.

8. so om mächtig: türmt es sich auf.

Im Vektorraum (Schluß)

Mittwoch, September 26th, 2007

Egal wann es passiert – es passiert draußen … Die Tür hinter ihm schlug zu wie Mohammed Ali in seinen besten Zeiten. Der Knall prallte gegen seine Trommelfelle und setzte eine ganze Reihe von weiteren getrommelten Rhythmen in Bewegung. Er war nun ein Dschungel voll unverständlicher Geräusche – ein Dschungel in Aufruhr.

Er rannte die Treppe hinunter und trat durch die Haustür ins Freie. Hinter ihm schlug eine Tür zu. Er zuckte kurz zusammen, dann stand er still auf dem steinernen Gehweg und lauschte. Über ihm rauschten Luftschichten wie vom harten Flügelschlag eines Greifvogels, die Schichten drangen ihm in die Ohren und erzeugten einen Druck gegen die Schallmauer seines reglosen Körpers, daß es zu brausen und zu sausen anfing in der Welt – sein Kopf glich der Krone eines Baumes bei Sturm. Er schwankte.

Er wandte sich nach rechts in die Richtung der Ampel, die er zu überqueren hatte, um an seinen Lieblingsplatz zu gelangen – den Friedhof. Warum er diesen Ort so liebte ist schwer zu sagen. Vielleicht wegen der vielen Seelen, die ihre Namen hinterlassen hatten im Stein auf den Gräbern? Oder wegen der Stille, die jenen Ort einhüllte mit dem phantastischen Seidentuch aller Abwesenheiten, die Namen nur erzeugen können? Wahrscheinlich liebte er den Ort wegen der vielen, vielen Seelen, die sich beruhigt hatten und keinen Krach mehr machten.

Er trat durch das gußeiserne Tor und erschauerte in stiller Freude. Die Unheimlichkeiten dieses Ortes waren fast ein Teil seiner selbst. Das Dunkle und Klingende schien hier von der Heimlichkeit seiner Existenz erlöst zu werden … Hinter ihm schlug eine Autotür zu. Es störte ihn nicht im geringsten. Weiter vorn begann eine Nachtigall zu singen.

Selbst wenn

Donnerstag, September 20th, 2007

Bevor du zu schreiben beginnst, solltest du eines wissen: alle Helligkeit ist nur Täuschung der Atmosphäre, unter der du lebst, und die so comme-il-faut ist, dir Licht zu streuen. Das Universum ist dunkel. Und wenn du ein Stern sein willst, der leuchtet in kalter Elektrizität, so musst du irgendwann verglühen. Denn all das Dunkel um dich herum zu erhellen, hast du zu wenig Energie, selbst wenn du heute der hellste Stern im Universum bist. Du musst schreiben und deinen Heros für ein, zwei Hundertstelsekunden eines Lachens schon eine Seite später mit fünf Stunden Krankheit züchtigen.

Mostar

Donnerstag, September 20th, 2007

Die dünne Haut der Häuser : sprechend
durchlöchert : von Motten zerfressen
ausgehöhlt : ausgebrannt : schreiend
auf dem Berg das Kreuz : stammelnd
im Tal die schlanken Türme der Moscheen
die Geliebte hat einen amerikanischen Paß
fast kein Haar auf dem Kopf : schweigt
das ewige : trostlose Treiben
in den Kafanas : ohne Charme
weder östlichen noch westlichen
Spinnennetze umgarnen die aufgestapelten
Stühle : hier saß schon lange kein
Fremder : noch trägt die Alte
ihren Bauernrock : die junge
Frau trägt schwarz : der Hubschrauber
überm Sieb der Dächer hütet die Farben

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Nachbar

Sonntag, September 16th, 2007

Ein ferner Husten, ein Schluck Wasser

     Ineinander verkrümmt wie Wolken

     Über der Wüste, Traum

     Vom Duschen im Paradies – so

     Träumt der Junge vom Krieger

Der aus der Schlacht heimkehrt

     Mit Krusten Schlamm & Flüchen

     Den wiederkehrenden Detonationen

     Im Ohr das von einer Frauen-

Stimme träumt, Vogelsang

     Über einer Wiege im Garten

     Das ein verfluchtes Teil im Ganzen

     Sein Ich zu nennen die Kraft

Nicht aufbringen kann, unendlicher

     Weg zum Haus nebenan, ganz

     Daneben.

Der schöne Schein

Sonntag, September 16th, 2007

Meine Worte sind nicht durch Gedankenfäden versponnen. Einzig das Wasser unterhalb dieser Augen birgt eine strömende Richtung. Abgetrennt der Magen vom Erdbeerfeld, abgetrennt auch der Sturm vom Wetter. Der Luftraum voller Windwesen, allein die eigenen – Gestank: Was da fault unter dem Himmel, du kannst es unter Glas setzen. Die unzähligen Dinge wissen nichts von ihrer Zählbarkeit, und das Murmeln hört nimmer auf. Wie es zittert und zuckt in den Teilen, wie es sich stets neu zu verbinden sucht: Wer wirst du sein nach allem? Asche, Wind, ein Ganzes?

Nichts will ich sein, nichts. Aber es wird nichts nützen. Es kommt auf mich allein nicht an – unter einem Himmel, den ich nimmer fassen werde – Feste zwischen irgendwelchen Wassern – die Maschine zu groß und die Sonne verbogen auf ihrem Weg. Ich kann die Augen schließen und dem Schmerz seinen Namen nehmen, kann ihn an Mauern werfen und zusehen, wie etwas von ihm daran kleben bleibt – allein: er ist mehr als ich sehen kann. Und du – ich sehe mich in deinen Worten – aber wo, wo – hast du den Hammer versteckt, der über jedem Herzen hängt? Wer will sich noch den Kopf absicheln lassen nach allem.

Kunst

Samstag, September 15th, 2007

Schnee wird sich dieser Landschaft bemächtigen. Flocken aus Kunststoff, Flocken aus Metallsplittern, die beim Feilen in den Fabriken abgefallen sind – oder irgendeine erfundene Substanz treibt im Glas umher, unter einer gläsernen Kuppel mit blauem Boden. Das Glas verzerrt und bricht die Dinge, denen man es entgegenhält. Die Dinge drinnen sind angeklebt und kennen keinen Auftakt, kein Fortschreiten. Ein Fest für den Schnee, die einzige Witterung dort drinnen. Der Schnee ist eine Attrappe für Kinder. Vergessen ist, das der Winter kalt war und zu lange gedauert hatte. Der dort drinnen bleibt da.

Im Glas

Samstag, September 15th, 2007

Depression gehört zum guten Ton. Ein geschwächter Lebenswille sitzt wie ne Designerbrille. Es glänzt brilliant solange es im Glas sprudelt und auf der dahinteren Wand ein Lichtkreis steht, dieses Kranksein, das wir feiern, dieses verbogene Stück Metall auf einer Frisur. Körperlich Unterwassertiere, Eiklar, Schneegläser, mit Immerwährendkleber befestigte Tränen, Träume aus weißen Flocken, die an die Glasdecke stoßen beim Herumdrehen. Wiegende Nichtigkeiten. Papamobil. Wer steht denn schon freiwilig am Straßenrand und wartet darauf, dass jemand ihm das Evangelium offenbare. Zeremonie, Genreis…

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Green Sleeves

Samstag, September 15th, 2007

Aus Schalen Lack,

schwarzrunde Ovale, Äpfel

Zufällig aneinander

gelehnt. Die Augen schwinden 

in meinen Ärmel

trunken, grün geraucht. 

Tamtam, unter Gänsedaunen

Lillys bustierte Haut.

Himmelsblau

Dienstag, September 11th, 2007

Am Tag des letzten Goldes überm Acker, der alljährlich die Halme auf ihren Weg in den oberen Raum aus Luft & Geduld zu bringen trachtet, purzelte ein winziges Wesen hinab zur staubigen Erde. Es war in einen Mantel aus Wasser gehüllt und trug in seiner Erinnerungstasche aus verflossener Zeit einen fast hohlen Gedanken mit sich herum – die Frage nach dem Inhalt eines Lebens mit Anfang & Ende. Zwischen beiden Polen des kosmischen Kraftfeldes spannt sich das Gedächtnissegel, worin die ausgleichenden Winde dieser Welt gefangen werden. Das Wesen hatte noch keine Geschichte in sich, da hatte es bereits eine Farbe: jenes Blinzeln der Nerven, welches Luft aufhebt; Luft, fft, die Farbe des ewig steigenden Nichts, die tiefer in die Dynamik der Welt hineinreicht als das göttliche Weiß, in dessen Erscheinung die Fülle des lichtbesiedelten Alls noch die Konkretheit aller Einzelfarben im Spektrum des Seienden übersteigt. Doch Luft, luuf, dieses Steigen & Fallen vor dem Hintergrund eines Auges mit Erinnerung, dessen Keime die blühenden Wesen in sich bergen wie das Wort den Gedanken, ist nicht die Erde, worin das Verschiedene seinen Körper auflöst, um ein Neues zu empfangen. Überm Acker bläht sich ein Segel, das mit dem Wind ein winziges Wesen verbirgt, dessen beginnende Geschichte von jener Farbe ist, für die das menschliche Griechenland noch nicht einmal einen Namen zu verschenken hatte.

Additive Abelsche Gruppe

Sonntag, September 9th, 2007

Sie betrat die Kneipe gegen acht. Ihr Freund würde erst in einer halben Stunde hier eintreffen. Bis dahin wäre genügend Zeit, in Ruhe eine Zeitung zu lesen. Ihr Blick schweifte durch den Raum auf der Suche nach einem ruhigen Plätzchen. Die Kneipe war ziemlich voll. Nur dort hinten in der Ecke sah sie einen Tisch mit vier Stühlen, von denen drei leer waren.
Ohne lange zu überlegen ging sie zu dem Tisch am Fenster und fragte den dort Sitzenden:
- Entschuldigung, ist dieser Platz noch frei?
- Bitte.
Eine einladende Geste wies flüchtig auf den Platz zu seiner linken, doch was sie in diesem Augenblick wahrnahm, war etwas ganz anderes: Zwei Mandelaugen mit leicht gegeneinander verschobenen Pupillen erstrahlten in einem seltsamen Blau, das einen leichten Brummton von sich gab, so als würde die Erde vibrieren und mit niedrigfrequenter Schwingung durch sie hindurch klingen.
Sie stand wie erstarrt und lauschte in den Kneipenlärm hinein, indes ihr Gegenüber seinen Schreibblock beiseite rückte und eine halbleere Kaffeetasse behutsam an die rosigen Lippen führte. Sie setzte sich mühsam auf den Stuhl und versuchte sich auf ihre Atmung zu konzentrieren. Sie fixierte aus den Augenwinkeln die gelenkigen Finger, die nun wieder übers Papier zu gleiten begannen, sie atmete unhörbar durch die Haut ihres geschockten Körpers, aus und wieder ein – so leise wie der Schlaf eines Unsichtbaren in seiner tiefsten Phase.

***

Ein Körper ist das höchst komplizierte Ganze einer Gruppe von Körperteilen. Jedes einzelne Teil ist in der Lage sich zu bewegen, vorwärts wie rückwärts, doch nur in jenem Maße, wie der Körper seinen Teilen Bewegungsfreiheit einräumt. Diese Freiheit ist ewiger Teil seiner Konstitution. Insofern ist auch die Freiheit ein Körperteil, wenn auch ein ideales. Sie ist die Null, ohne die kein Körper er selbst sein kann – die eine einzige Eins, ohne die es keine Null gibt, sie ist die Eins in der Null.

Elbsandsteingebirge

Montag, September 3rd, 2007

Zwielicht und Sumpfporst

Hinter der Felsenecke

Der Pfad im Sand.

Fundus

Montag, September 3rd, 2007

Ich schlafe nicht mehr unter
freiem Himmel: das Holz,
Aus dem meine Seele einmal
zusammengezimmert worden,
Umgibt nun meinen Körper; da-
zwischen so viel Luft, daß
Es zum Atmen reicht. Die
Die Luft strömt durch die Haut-
Beutel, in denen ich ganz & gar
gefangen bin, so wie das Erz
Erkaltet, eingeschlossen die Erinnerung
an die Sonne bewahrt. Ich
Höre es rauschen im Innern,
das ist die vergängliche
Wirklichkeit, das Wispern der Ge-
danken, von der ein Weiser
Einstmals sagte – “Alles fließt.”
Stattdessen lebe ich nun
Inmitten alter Kleider, ein Hofstaat
aus Augenfreude und dem
Blinzelnden Blick ein Anlaß zum
Träumen. In mir selbst ist
Es ein anderer, der ich sagt
zur Welt; eine Wolke
Bunter Fetzen, aus denen der
wüste Odem der Jahrhunderte
Hervorkriecht und mit nichts,
ja mit nichts außer der
Leichten Brise unmittelbar vor
Sommergewittern zusammen
Bleibt in Umarmung der Lüfte.
Es staubt, wenn draußen
Die Schneeflocken tanzen. Auf
dem Scheitel dieses Gebäudes,
Knapp neben dem Bild des Polar-
sterns – ein Fenster, das
Immer einmal wieder von wirren
wandernden Gesellen, ruhlosen
Kometen des Kosmos geöffnet wird.