Archive for Juli, 2007

Tanz’, Brüderchen, aber sieh zu, daß du niemandem auf die Füßchen trittst

Samstag, Juli 28th, 2007

WELIMIR CHLEBNIKOW  

Tod der Zukunft

  

I.     Mein Freund, wofür? Verwandter, gewandt! Zurück!

– Den Tempel aus Schüssen in meiner Hand,

Fünf Augen,

Fünf dunkle Flecken.

Ganz in Blut zucken Gimpel röter-röter auf dem Hemd.

Ließen flatternd sich nieder im Gebüsch, meiner Brust.

Ich starb und röchle, wie traurig.

Fünf Löcher in meiner Brust.

  

II.   Stirb nur und röchle.

  

I.     Keine Tat eines Anfängers.

Ich lobe dich, Verbrecher.

Hast mich zum Sieb gemacht.

Und jede Köchin wird dir dafür danken.

Verdammt! so ist es – glücklos.

Dabei wollte ich noch übern Newski schlendern.

Beginnen das Buch der Sonne, ihren Frühling.

Du gestattest die Frage, warum?

Ich werde es gleich erfahren.

Welch großes Buch hier auf dem Tisch.

  

II.   Ich weiß es doch selbst nicht, versteh, o Mensch!

  

I.     Sag, wann wurdest du geboren?

Tag, Jahr, Atemzug, Augenblick?

  

II.   Am sechsten Tag im Spiel der Klüfte,

Ein grüner Stern im Himmel kreuzte

Der Nächte Weg, strahlend wie Gott in der Höhe.

  

I.     Wunderbar, sieh her – Gesetz: jetzt

Öffne ich diese Klammer

Und bringe alles Geteilte nach außen.

Unserer Herkunft

Gemeinsamen Nenner.

  

II.   O nein, nicht so

Hatte der große Alte es verkündet:

Zu kennen Ort und Zeit genügte.

Und auch da müsste es anders sein:

Da stimmen die Potenzen nicht.

Wir vergaßen den Teiler gi-gi.

  

I.     Ha-ha, du kennst die Formel Murmel nicht!

  

II.   Welch schiefer und schwieriger Weg.

Da lob ich mir doch die Methode Wik-Wak-Wok,

Die hilft beim Rechnen.

  

I.     Ha, wundervoller Wahrheit erster Schimmer

Hängt schon überm Feld der Gleichungen.

Ich bin beim Sinn des Ganzen angelangt.

  

II.   Ja-ja, so ist es recht!

Genau das ist der Weg.

Die Klammern müssen verschwinden.

Ganz klar, ich musste töten. Aus diesem Grunde!

Ich danke Euch für die Erleuchtung.

Für des Gedankens präzise Arbeit.

  

I.     Und ich verstehe nicht, von welcher Potenz.

Doch neigen die Ahnen sich mir zu in letzter Wolke.

  

II.   Ich verstehe – und danke dem Getöteten.

  

I.     Ich danke dir, Mörder!

Einen Grund zum Denken gabst du mir.

So drücke ich fest die Hand

Dem grausamen Mörder.

  

(April 1921)  

  

WA SIS TD ASS OZ IALE?

PUNK IM SCHRANK: WIE

EIN GEDANKE DIE WELT

SPALTET IM SICH ANDI R

Chlebnikow

Samstag, Juli 28th, 2007

Als Chlebnikow starb, bezeichnete ein überaus vorsichtiger Kritiker sein ganzes Werk als “unsinnige Versuche, die Sprache und den Vers zu erneuern”, und erklärte im Namen “nicht nur der literarischen Konservativen” sein “unpoetische Poesie” für nutzlos. Alles hängt natürlich davon ab, was der Kritiker unter dem Wort Literatur verstand. Wenn man unter Literatur die Peripherie der literarischen und journalistischen Produktion, die Oberflächlichkeit vorsichtiger Gedanken versteht, dann hat er recht. Aber es gibt eine Literatur in der Tiefe, die erbitterter Kampf um eine neue Sicht ist, mit fruchtlosen Erfolgen, mit notwendigen bewußten “Fehlern”, mit entschlossenen Aufständen, mit Verhandlungen, Gefechten und Toden. Und die Tode pflegten bei diesem Werk echt, nicht metaphorisch zu sein. Tode von Menschen und von Generationen.

(In: Fritz Mierau (Hrsg.): Die Erweckung des Wortes. Essays der russischen Formalen Schule, Leipzig 1987, S. 423)

Königswalde

Mittwoch, Juli 25th, 2007

Die Maus im Stoppelfeld.

Gerade reif die Birnen.

Dank’ Dir, Hegel.

Im Vektorraum (5)

Montag, Juli 23rd, 2007

Dafür tobte in seinem Innern ein Wirbelsturm. Er hätte nicht beschreiben können, an welchem Ort sich die Luftschichten wie wild ineinander schoben, was sie alles mit sich rissen und dem ewigen Kreislauf der Dinge als geschredderte Ursubstanz neu zur Verfügung stellten. Er wußte nicht einmal, ob er es noch war, der dem Toben der Elemente so seelenruhig zusah wie ein Angler den treibenden Blättern im herbstlichen Fluß.

Driftend

Sonntag, Juli 22nd, 2007

Die Schiffe treiben im Nebel. Baumspitzen zwischen Felsen steigen und sinken.

Die Münder verschlossene Flaschen im Keller - die größte der Sorgen, daß der Wein nicht nach Kork schmecken möge.

Die Bacchanten sielen sich in ozeanischer Gesundheit. Der Prophet schluckt herunter, was ihm nicht bekommen kann. Alles fließt, kein Sand weit und breit.

Orpheus, Brockhausstraße

Donnerstag, Juli 19th, 2007

Der Wein aus Flaschen.

Worte in der Luft.

Wolken, die am Himmel ziehn.

Leipzig – Orpheus

Sonntag, Juli 15th, 2007

Die tosende Stadt.

Ein Dichter springt hinein.

Oh! Das Geräusch der Worte.

Hauptstraße : Dresden

Sonntag, Juli 15th, 2007

Sitzen & Gehen : Fischgeruch

ohne Meer : das gelbe Haar der Frauen

Brummen der Fahrzeuge im Hintergrund : anorganisches

Hüsteln der Platane : vergeßliche

Aggregatzustände des Sommers : eingewickelt

in Salzteig : schwer verdauliches

Lachen gerissener Dichter : am Erdende

wer viel verkauft : hat schon verloren

Orpheus : im Sommer

Sonntag, Juli 15th, 2007

Wo Orpheus singt : ist Sommer

er hat sich gesammelt : nicht gesungen

ich habe nichts gehört : er hat

seine Verkörperungen versammelt : die Geister

blieben unsichtbar : wir haben

geflüstert : gestammelt

hätte er doch : hätte er doch

uns in Tiere verwandelt : dich

& dich & dich & mich : damit

die Legende lebendig bleibt

Im Vektorraum (4)

Samstag, Juli 14th, 2007

Egal wie es passiert – es passiert immer wieder. Er streckte seine Hand aus nach dem Gegenstand dort vorn, er versuchte den Arm zu bewegen, seine rechte Schulter schob sich um winzige Unendlichkeiten nach vorn, doch die Hand blieb liegen wo sie war. Er ließ sich in seinem Sessel zurückfallen, sein Rücken versank im gepolsterten Hintergrund wie ein kaum zu Ende gedachter Gedanke. Seit er den Arm nicht mehr bewegen konnte, bewegten sich seine Augen um so mehr. Eigentlich waren es gar nicht seine Augen, die sich bewegten. Von Zeit zu Zeit lief ein Zittern durch die Augäpfel, gefolgt von einem Zucken der Wimpern. Die restlichen Teile seines Körpers lagen so still wie die Planken eines Schiffs auf dem Meeresgrund.

Leipzig – Orpheus

Sonntag, Juli 8th, 2007

Wir handelten unsere Worte

wie gestreckten Stoff

in Hinterzimmern nippten

an Kippen trüben Trink

gefäßen & Lippen

unsere Hälse

bogen sich

wie die

der Schwäne auf

den verdreckten Kanälen

Leipzig – Orpheus

Sonntag, Juli 8th, 2007

Ich schließe die Augen & bin

dir unheimlich

nah spür dich direkt

körperlich sagtest du ich

fühlte mich so

angerührt vollkommen

fertig glaub mir

die bezaubernde

falsche

Nähe im Netz

transportierte Streichel

einheiten ich war richtig

high davon

stranguliert

Galerie, Brockhausstraße

Sonntag, Juli 8th, 2007

Wolken aus Wörtern.

Über den Köpfen der Kinder

die losen, ziehenden -

Leipzig, Brockhausstraße

Sonntag, Juli 8th, 2007

Auf den Trafokästen blüht das Bier.

Nichts für ungut, Unsterblichkeit.

Du mußt dir nur Dichter einladen.

Im Krater

Dienstag, Juli 3rd, 2007

Augensternwasser rinnt die Himmelskugel hinab, schlimmer als tausend Sternschnuppen kurz vorm Erkalten. Die Kohle glüht unterm Weltengrill, alle Besen bereit fürs große Fegen. So viel Wolkensalat zwischen Himmel und Erde, immer dunstig. Der Geysir erwartet seine Stunde. Wenn die Raumbezirke aneinander reiben und sich zu durchdringen beginnen, wird die kommende Verdunklung spürbar: eine Nacht, länger als hundert Tage, kriecht aus der Schnecke heraus, die das Raum-Zeitgehäuse der körperlichen Welt bildet. Noch hält ihre Kruste; der Druck aber, drohendes Ungleichgewicht der Kräfte, murmelt ein Gedicht von hier nach dort, dort nach hier.