Archive for Mai, 2007

Kommentare eines Bürgers beim Ausfüllen der Steuererklärung

Donnerstag, Mai 31st, 2007

Potz Blitz! schon wieder zwanzigtausend

O je, wie schön es war

Und auch das Wetter

NT & hinterm Haus, die

Größten Enttäuschungen so weit

So gut: zehntens Kirchensteuer

Entfällt. Kopie der drei

Belege anbei – ich, ich

Find’ diese Art so unmö-

Glich es nicht, o ja

Dem kleinen Tod aufs Haar?

Im Vektorraum (3)

Freitag, Mai 25th, 2007

Sie rappelte sich auf und äugte zu dem runden Gegenstand hinüber. Der Ball holperte über die Erde und kam zwei Meter weiter zum Stillstand. Zwischen den Sträuchern kam ihre Mutter zum Vorschein und begann mit gedämpfter Stimme auf sie einzureden. Sie brachte ihr die blaue Gummikugel, rund wie die geheime Seele des Universums, und sie drückte den Ball an sich, ließ ihre Zunge darübergleiten und federte mit der Stirn ihres Dickschädels gegen die elastische Oberfläche.

- Was machst du denn da, willst du den Ball aufessen?

- Ach, deine geliebte Himmelskugel!

Sie umfaßte den Gummiball mit beiden Armen, drückte ihn bis zur Schmerzgrenze gegen ihren winzigen Brustkorb und schleuderte ihn mit kehligem Geräusch so weit von sich, daß die Welt kurz erzitterte. Der Ball flog hinüber ans andere Ende der Wiese, holperte kurz und kam dann zum Stillstand.

Im Vektorraum (2)

Donnerstag, Mai 24th, 2007

Sie zuckte und zitterte, dann sank der andere Arm in sich zusammen, ihre Brust nahm Fahrt auf, und sie krachte auf den Boden. Zwar das Blau nun aus ihren Augen verschwunden, wie die Sonne hinter einem Wolkenberg verschwindet, doch leuchteten im Zwischenreich ihres Hirns noch deutliche Fetzen zwischen den Bäumen des Waldes, aus dem ihre Vorfahren einmal gekommen waren.

Im Vektorraum (1)

Donnerstag, Mai 17th, 2007

Egal wo es passiert – es passiert immer wieder. Sie streckte ihre Hand aus nach dem Gegenstand dort drüben und versuchte, die Finger an jene Stelle zu bringen, wo das Blau seine Verlockungen und Verzückungen verströmte, als wäre der strahlende Himmel ein Teil ihrer Netzhaut.

Skandale inflationär

Montag, Mai 14th, 2007

Skandale versucht jeder zu inszenieren, der im Kulturbetrieb tätig ist. Tanz mit einer Klobürste im Haar splitternackt auf der Straße – was früher ein gemeiner Schulwitz war, mit dem man den Nachbarjungen ärgerte (heute heißt es mobbte), gerät zur scheinbar freiwilligen Selbstinszenierung. Das Zauberwort heißt Aufmerksamkeit. Sie verschafft Ruhm & Geld. Indem jeder nach ihr strebt, gibt es nicht mehr von ihr. Ich frage mich, ob es nicht klüger wäre, still zu sein, nur noch zu flüstern statt zu schreien. Schweigen wäre radikal – vielleicht kommt dann wieder jemand, der zuhört.

Außenprüfung

Montag, Mai 14th, 2007

Heute hat mich Franz Kafka besucht : ein Schmalhans
Finanzbeamter : mit wachem Blick inspizierte er
meine Räume : die Küche : zum Schluß
fragte er : wo ich schlafe : es gibt
kein Bett bei mir : nur ein Klappsofa
das schien ihm sympathisch zu sein : ein sparsamer Typ
den er hier überprüfe : sogar mit Raum geize er
keine Chance : daß ich ihn in Gregor Samsa verwandle
im Schlaf : dachte Franz Kafka : als er
den Prüfbericht ausfertigte : er habe einen dubiosen
Dichter durchleuchtet : hoher Weinkonsum
Beruf & Privatleben sind nicht klar zu trennen : wie es
Versicherungsgesetz & Steuerbehörde verlangen : der Proband
arbeitet bis in die Nacht : wann er schläft (& mit wem)
ist nicht zweifelsfrei feststellbar : das Amt sollte
ihn genauer im Blick behalten : natürlich
nicht ihn : nur seinen Geldverkehr : gezeichnet Franz K.

Relativitätstheorie

Freitag, Mai 4th, 2007

Wenn man älter wird : verkürzt sich die Zeit
mit der Familie zugebracht : für einen Jungen
erscheint eine Stunde wie ein Tag : eines Tages
erscheint ein Tag mit der Familie wie eine Stunde
die Eltern sind alt geworden : die Geschwister
verstreut : glücklich : wer noch Eltern & Geschwister hat

Die Dichter äußern sich so erhaben : als hätten sie
keine Familie : als hätten sie nie im Garten
ein Zelt aufgebaut & die Bauanleitung verloren
als hätten sie sich nie wegen der Kürze
einer Geburtstagsfeier nachträglich betrunken : reine
Poesie ist wie reiner Alkohol : für den Genuß

Nicht gedacht : du wirst blind : trinkst du sie
wenn du in deinem Vater siehst : was aus dir
mal werden kann : ein seniler alter
Mann mit dröhnendem Lachen : immerhin
wenn du noch was zu lachen hast : bist du
zu jung : um dir zu wünschen : jung zu sein

Die subtile Abschließung der Hermetik

Dienstag, Mai 1st, 2007

Gegenwartslyrik hat hermetisch zu sein. Man muß nicht Hermine heißen, um als zeitgenössische Lyrikerin zu gelten, aber ein niedlicher Dr. phil. in osteuropäischen Sprachen oder pietistischer Astronomie kann nicht schaden. Hauptsache, unverständlich. Klare Konturen, aber bitte nicht sichtbar. Dabei waren – man erlaube mir den zeitgeschichtlichen Rückblick – hermetische Gedichte stets in Perioden politischer Unterdrückung angesiedelt: Als es galt, den Protest in der Metapher zu verstecken, zwischen den Zeilen den Widerstand anzuheizen. Wer diese Texte las, konnte sie dechiffrieren – und verstand. Die moderne Lyrik überbietet die hermetische Subversion vergangener Diktaturen: Sie läßt sich nicht dechiffrieren, sie will nicht verstanden werden, sie will zeigen, daß der Dichter etwas drauf hat, der sie verfaßt. Und wenn es doch gelingt, sie zu entschlüsseln, so enthüllen sich rein ästhetische Sprachgebilde – welche Desensibilisierung unserer Gegenwartsdichter & -dichterinnen, vor allem der jungen, gegenüber den gegenwärtigen Bestrebungen zur Diktatur. Keine sozialen Avancen, aus Angst vor dem Sozialismus, der ja gescheitert ist (bloß nicht assoziiert werden!). Nicht einmal zwischenmenschliche Töne finden sich in der Gegenwartslyrik, geschweige ein Liebesgedicht.