Archive for April, 2007

Hadamar

Freitag, April 20th, 2007

Geschlafen habe ich : tief & unruhig
in der Dienststube des Feldwebels : beim Empfang
der grauen Busse : im Steinhaus neben dem ehemaligen
Franziskaner-Kloster : dann Landesheilanstalt : für unbotmäßige
Landeskinder zeitweilig Gasmordanstalt : was ist aus unserem
fremden christlichen Glauben geworden : ihr Deutschen
einem mißratenen Kind mit Chaplin-Bart
habt ihr die Rückkehr zum Ursprung blind an-
vertraut : jetzt sind die Ursprünge versperrt & unser
fremder christlicher Glaube ist wieder der einzige
von Zyankali & Zyklon B spricht keiner mehr : nur
die Psychiaterin ohne Kittel : führt mich in den Keller
der Duschraum ist vorbereitet : gepflegte Keramik
schwarz-gelb kariert : kleinkariert : ich lege die Kleidung ab
falte sie sorgfältig zu einem Päckchen (nie falte ich meine Kleidung)
nestle am Schmuck : den Ohrringen (nie habe ich Ohrringe getragen)
nackt trete ich unter die Dusche : das Jahr 39 holt mich ein
langsam strömt das Gas aus der Leitung : ich habe Hunger
denke ich : ich habe Durst : dann höre ich auf zu denken
höre ich auf zu sprechen : ich bin eine saubere Leiche
totgeduscht : liege ich auf dem sauber gekachelten Boden
im Keller der Psychiatrie : bis ins Jahr 42 : jetzt beginnen
in Auschwitz die Duschen : ihr Gas zu verströmen : wer ist
denn verrückt in diesem Land : ich armer Hund
dessen Hirn als schizophren diagnostiziert wird : ohne Befund
auch nach der Sektion findet kein Zeichen der Doktor
in Feldwebel-Uniform koordiniert er die Ankunft der Busse
Organisation ist alles : ihr armen Deutschen
könnt gut schweigen in den Nestern : in die ihr eure Kliniken
verbannt : dort geben die Enkel von Tätern & Opfern einander
das Ja-Wort : ohne zu wissen von ihren Großmüttern (Verwaltungs-
frau) & Großvätern (Fahrer) : das Schweigen trägt
alle Geheimnisse ins Grab : ich fliehe mit einem silbergrauen PKW

Tiefebene

Freitag, April 20th, 2007

Tiefebene : graugrün : wie deine Augen
ich sehe dich nicht : hinter laubverlorenen Birken
hälst du dich versteckt : während die Felder schon duften
nach aprilfeuchter Erde : was hier grünt
erntet morgen keiner mehr : wir grünen
ins Nichts : nichts gewinnen wir

Gestorbene Gegenstände

Freitag, April 20th, 2007

Das Fotografieren ist ein Faible von Thomas Böhme. Immer ein persönliches Faible, das dann doch nicht privat bleibt. Mit der Publikation „Jungen vor Zweitausend“ präsentierte sich der fotografierende Schriftsteller erstmals der Öffentlichkeit. Nun ist der Band „Widerstehendes“ da. Der ist keine beliebige Fortführung. Die Poesie der Farbfotos, die Philosophie der Texte machen den Bild-Wort-Band zu einem Böhme-Buch der unvergleichbaren Art.

Flüchtig auf- und durchgeblättert, werden die Unachtsamen den Band sofort wieder aus der Hand legen. Ein Aufmerksamer, nämlich der Autor-Fotograf, verlangt die ungeteilte Aufmerksamkeit von den lesenden Betrachtern. Unaufdringlich-drängend erteilt der ambitionierte Böhme mit jedem Bild, mit jedem Wort Lektionen. Jedes Foto ist das Foto eines Menschen, dessen Augensinn ungetrübt ist. Jedes Wort ist das Wort eines Menschen, der keine Vokabel vergeudet. Jedes Foto, jedes Wort ist für Menschen, die, sehend, nicht übersehen, die, lesend, nicht überlesen. Sehen heißt, zu sehen, daß nichts nichtig ist. Kein zerfallendes Wagenrad, kein bröselnder Balken, keine rostzerstörte Leuchte, keine ausgediente Bahnhofsuhr. Lesen heißt, sich beteiligen zu lassen an den Geschichten der „gestorbenen“ Gegenstände, die ein Nach-Leben haben. Ein Nach-Leben, das nur die Seher wahrnehmen. Ein Nach-Leben, an dem nur die phantasievollen Leser teilnehmen.

Thomas Böhme ist ein phantasievoller Seher. Er verleitet zum Sehen und Zuhören. Eher zum Sehen. Und das mit Bildern, die scheinbar zufällig Aufgefundenes, Aufgenommenes aufbewahren. 24 Bilder, die bei den Aufmerksamen, bei denen, die für die Aufmerksamkeit gewonnen werden, ohne Ausnahme ankommen. Bilder, die in ihrer Sinnlichkeit alles sind, was ein Bild sein kann, das alle Sinne berührt und bewegt. Bilder, die jedem Betrachter erzählen, was er sich beim Betrachten der Bilder zu erzählen vermag. Bilder, die keinen Text brauchen, die Text genug haben – sofern man möchte. Niemand muß die Texte von Thomas Böhme lesen, mit denen er seine Bilder begleitet. Die Bilder, simpel als „Schnappschüsse“ bezeichnet, stecken bei Böhme in festgezimmerten, schwarzlackierten Text-Rahmen. Will sagen, jene Leichtigkeit, die in den Bildern ist, ist nicht selbstverständlich auch in den Texten. Obwohl, dann und wann, ein kurzer frozzelnd-ironischer Ton kurz zum Klingen kommt. Der aufmerksame Autor Thomas Böhme ist ein Ernsthafter. In seinen Sätzen ist die Stimmung der Melancholie stärker als die des Scherzes. Böhme will sich nicht leichtfertig über alles Vergänglich-Schmerzliche in der wirklichen, der wahrgenommenen Welt hinwegsetzen. Das Weggucken, das Weghören ist es, was der Autor mit seinen fotografischen Fund-Stücken, mit seinen Schrift-Sätzen hintertreiben möchte. Und sei´s mit dem ihm eigenen unvermeidbaren pädagogisch-philosophischen Ernst.

Wer nicht anders kann sieht nur, was an Lehrhaftem, Melancholischem, Absterbendem in den Bildern ist. Wer anders kann sieht das Lebhafte, Frohsinnige, Aufwachende, das in den Bildern ist. In jedem Foto ist auch ein anderes Foto. In jedem Text ist auch ein anderer Text. Der Autor und Fotograf macht das Angebot, alles Gesehene noch einmal anders zu sehen, alles Gesagte noch einmal anders zu sagen. So sieht man „Mit Blicken durch morsches Gitterwerk und Sehnsucht nach dem Unbekannten…“, schreibt Thomas Böhme.

Thomas Böhme: Widerstehendes. Fotografien und Texte. Edition ERATA: Leipzig 2007, Broschur, 17,95 Euro

Neue Literatur abseits vom Mainstream

Freitag, April 13th, 2007

Neue Literatur, zu entdecken was sich außerhalb der ausgetretenen Wege tummelt, wo eine innere Bewegung im Text sichtbar wird, der Widerstand gegen äußeren Zwang und die Ökonomisierung des Alltags aufflackert – dies ist das Thema dieses Blogs. Nichts trefferendes als in diesem Zusammenhang den Roman “Rafael” von Manuel Alegre zu erwähnen, der vor ein paar Tagen in Frankfurt und Leipzig vorgestellt wurde. “Raphael” ist der unbekannte Matrose, der Thomas Moore von jener sagenumwobenen, gerechten Insel erzählt hat, die später den Namen “Utopia” erhielt. In gleicher Weise sieht sich Alegre als ein Rafael der Gegenwart: er statt wahlkämpferischer Parolen bestreitet er Politik mit Gedichtrezitationen – es mag unglaublich klingen, aber es hat sich zugetragen in einem europäischen Land, im Jahr 2006, in Portugal. Dieses Buch kann ich nur jedem ans Herz legen, für den Poesie und Politik keinen Gegensatz bilden.